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Nr. 97.

Jufertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­Beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 fg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Mittwoch, den 26. April 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes

Der Krieg in Oftalien.

Der Kanonendonner, den man in der Nähe der Kam­ranh- Bucht gehört haben wollte, hat sich als leerer Schull erwiesen. Roschdjestwensky ist bisher auf seiner Weiterfahrt aus den indochinesischen Gewässern nicht von den Japanern angegriffen worden. Wie bisher, erwartet man in London die entscheidende Schlacht zwischen ihm und Togo erst ,, in den nächsten drei oder vier Tagen. Dann aber sicher!" In Wirklichkeit weiß man sehr wenig über

die Position der gegnerischen Flotten, alles, was berichtet wird, ist lediglich Kombination. G3 heißt, daß der Hafen Mai- Chau an der Südküste von Hainan, gegenüber der Kamranh- Bucht und 400 Meilen von ihr ent­fernt, zum Sammelplatz der russischen Gesamtflotte bestimmt sei. Die Vereinigung mit dem dritten bal­tischen Geschwader unter Admiral Nebogatom sei dort bereits erfolgt oder stände unmittelbar bevor. Die ja= panische Flotte befände sich bei Formosa, so daß nur noch venige hundert Seemeilen die Gegner von einander trennten.

Auf der befestigten Insel Pulo Brani bei Singapore wurde ein russischer Spion verhaftet, der sich Wladi­mir Antonitsch Arwitsch nennt und einen falschen Paß bei fich hatte.

In Nordkorea beginnt eine neue russische Offensive. 8000 Russen sollen den Tumenfluß überschritten haben.

Die Politik.

O Die Reichssteuerreform beabsichtigt der Reichsschaß­sekretär Freiherr v. Stengel dadurch zu fördern, daß er während seines Osterurlaubs in München Rücksprache mit den ihm aus seiner früheren Amtswaltung als bayerischer Bundesbevollmächtigter bekannten maßgebenden Persönlich­feiten pflegt. Das Einvernehmen Bayerns als des zweit­größten deutschen Bundesstaates ist jedenfalls von großer Bedeutung für die Reform.

Im kommenden Monat Mai wird der Deutsche Han­delstag" in Berlin über einen Vertrag für Getreide- Ab­Ladungen von der Ostsee beraten. Der Vertrag soll sich an die deutsch- niederländischen Abmachungen von 1904 über Teilladungen vom Schwarzen Meer, vom Asowschen Meer und der Donau anlehnen.

*

Die Bestimmungen über die Sonntagsruhe sollen im allgemeinen umgeändert werden. Im Reichsamt des Innern finden eingehende Beratungen über diese Materie statt, zu denen der Bundesrat sväter Stellung nehmen wird. Ein gesetgeberisches Vorgehen ist nicht beabsichtigt, dagegen sollen die Ausnahmebeſtimmungen für die verschiedenen Ge­werbe, die der Bundesrat erlassen hat, revidiert werden. Die bundesrätlichen Ausnahmevorschriften sollen möglichst beseitigt werden, da man sie in der Hauptsache als Ueber­gangsbestimmungen auffaßt. Hoffentlich werden dabei die verschiedenartigen Interessen der einzelnen Handelszweige aweckdienlich berücksichtigt.

Englische Blätter halten es für ihre patriotische und- Geschäftspflicht, von Zeit zu Zeit auf Deutschland als all­gemeinen Störenfried hinzuweisen. Jüngst haben sie be­hauptet, daß Deutschland in Shantung Expansionspolitik treibe und die Interessen anderer Staaten in China beein= trächtige. Demgegenüber ist folgendes festzustellen: In Wahrheit hat Deutschland in seinem Vertrag mit China fich einzig Gleichberechtigung, kein Vorrecht ausbedungen. Es ist stipuliert worden, daß bei chinesischen Lieferungs- und Konzessionsvergebungen die deutschen Offerten nicht grund­fäßlich übergangen, sondern zum Wettbewerb zugelassen werden sollten. Das ist geschehen. Die Chinesen haben den Vertrag forreft beobachtet, und Deutschland hat sich korrekt in den Schranken des Vertrages gehalten. Wer etwas an= deres behauptet, entfernt sich von der Warheit und wird nicht in der Lage sein, auch nur den Schein eines Be­meises beizubringen.

O Herr Delcaffé hat sich entschlossen, seine schätzbare Kraft der auswärtigen Politik Frankreichs einstweilen zu erhalten. Ein Teil der französischen Presse will hierin eine Art Niederlage für Deutschland erblicken. Das ist, wie un­ser Berliner C. B.- Mitarbeiter auf Grund zuverlässiger In­formationen mitteilen kann, eine sehr irrige Auffassung. Deutschland legt wohl Wert darauf, daß der französische Mi­mister des Auswärtigen ein zur Verträglichkeit geneigter und zuverlässiger Mann sei, doch im übrigen kommt seine Per­sönlichkeit gar nicht in Frage. Für die Marokko- Angelegen­heit ist es vollends gleichgültig, wer an der Spitze der aus­wärtigen Geschäfte Frankreichs steht. Es ist jetzt ganz offen­bar geworden, daß Frankreich ein Protektoratsverhältnis über Marokko unmittelbar anstrebt. Ebenso ist sicher, daß Deutschland ein felbständiges Marokko will, mit offener Tür" und ohne Vorrechte für irgend einen Staat. Das ist die ganz unzweideutige und unverwischliche Sachlage. Wer

auf französischer Seite hierin ronung bringt, ist irrele= vant; einzig darauf kommt es an, daß es geschieht.

Oefterreich- Ungarn.

Der Minister des Acußeren Goluchowsky wird Ende des Monats in Venedig eine politische Zusammenkunft mit dem italienischen Minister des Innern Tittoni haben. Nach den Aeußerungen in der Presse beider Länder soll das unge­trübte Einvernehmen beider Länder und der vorhandene Willen, die beide Reiche berührenden Fragen im Einklang zu erledigen, aufs neue durch die Entrevue bekräftigt werden. Wahrscheinlich werden die Orientfragen und die Lage in Al­banien und Mazedonien zur Sprache kommen. Frankreich.

In Bordeau ist ein Standbild für Gambetta in An­mesenheit des Präsidenten Loubet unter großen Feierlich­feiten enthüllt worden. Mehrere Minister und hervor­ragende Politiker hielten Ansprachen. Am Vorabend hatte Präsident Loubet bei der Vorstellung der fremden Konjuln auf die Bande der Eintracht und Freundschaft hingewiesen, die Frankreich mit allen Nationen verbinde.

England.

Nach Beendigung des Burenkrieges wurde Lord Kitche ner Oberkommandierender des indischen Heeres und damit Nachfolger von Lord Roberts. In dieser Stellung fühlt er sich aber jetzt unzufrieden. Er hat der Regierung angedeu­tet, er werde sein Amt als Oberkommandierender nicht mehr heibehalten können, wenn die Befugnisse des militärischen Mitgliedes des indischen Rates, Generalmajor Sir Edmond Eller, nicht eingeschränkt würden. Die Spannung zwischen den beiden Herren soll sehr groß sein und plötzliche Er­eignisse in nahe Aussicht stellen.

Rufsland.

Irgend eine Klärung der inneren Lage will sich noch immer nicht anbahnen. Im Gegenteil scheinen die Verhält­nisse stets verworrener zu werden. In Moskau ist ein Streif im Bäckergewerbe zum Ausbruch gekommen. Ueber 20 000 Bädergesellen befinden sich im Ausstand. Die Brot­preise sind enorm in die Höhe gegangen, das Pfund Schwarz­brot kostet gegenwärtig 7 Ropeken, während der normale Preis sich auf Sopeken stellt. Die vor kurzem um­laufenden Gerüchte über den Rücktritt des im Gegensatz zu dem mächtigen Generalprokureur Pobjedonoszew verhältnis­mäßig reformfreundlichen Präsidenten des Ministerrates Witte werden durch eine von Witte selbst herrührende ein­wandsfreie Erklärung als völlig unbegründet bezeichnet. In den letzten zwei Wochen wurden in Petersburg mehr als 150 000 Pässe ausgegeben. In der Bevölkerung herrscht offenbar Furcht vor dem 1. Mai. Ein englisches Blatt weiß zu melden, der Zar beabsichtige in dieser Woche eine neue Proklamation mit der Ankündigung bedeutender politischer Reformen zu erlassen. Ob der Herrscher aller Reußen oder vielmehr seine Ratgeber nicht einsehen, daß sie das Land mit all den papiernen Versprechungen und Tiraden nicht mehr beruhigen können, wenn den schönen Worten nicht endlich einmal eine Tat folgt?

Marokkc.

+ Erhebliche Unruhen sind wieder, namentlich im Süden des Sultanats, ausgebrochen. Mehrere Stämme in der Nähe von Mogador befinden sich in vollem Aufstande, einige haben ihre Scheichs getötet und die Karawane des Reisenden Segonzac soll angegriffen und eingeschlossen wor den sein. Die Lage im Süden wird als sehr ernst geschildert. Die Verlegenheiten des zwischen der europäischen Scylla und der Charybdis der inneren Unsicherheit stehenden Sultans werden dadurch nicht vermindert.

Türkei.

Die Wirren in Kreta haben bereits zu diplomatischen Verhandlungen der europäischen Schußmächte geführt. Die Botschafter Englands, Frankreichs und Rußlands sind in Rom als Vertreter der Schutzmächte Kretas zu einer Be­ratung zusammengetreten. Das Resultat der Besprechung wird vorläufig geheim gehalten.

Amerika.

A Der russisch- japanische Krieg hat in der Union ein leb­haftes Interesse für Japan wachgerufen. Die Arbeiter­Unionen wollen vom Kongreß Gesetzesvorlagen gegen die japanische Einwanderung verlangen und Generalmajor Wilson hat den Verkauf der Philippinen an Japan in Vor­fchlag gebracht. Dieser Vorschlag dürfte allerdings wenig Aussicht auf Berwirklichung haben, während strengere Hand­habung der Einwanderungspolizei nicht ausgeschlossen ist.

Hof und Gesellschaft.

*** Der Kaiser ist mit der Kaiserin und den Prinzen an Bord der Hohenzollern" in Begleitung des Panzers Friedrich Karl" und des Torpedobootes Sleipner" von Messina nach Palermo gedampft, wo das Kaiserpaar unter den stürmischen Huldigungen der Bevölkerung, die in Boo­ten die deutschen Schiffe umschwärmte, anlangte. Das Oster­

Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

fest war im Hafen von Messina gefeiert. Die Kaiserjacht war herrlich mit Grün geschmückt. Marineoberpfarrer Göns predigte, der Kaiser hielt die Liturgie. Der Herzog von Sachsen- Koburg- Gotha ist mit einem italienischen Dampser abgereist. Die Prinzen Eitel Friedrich, Adalbert und Oskar nahmen in Palermo an einem Ball beim Großkaufmann Witacker teil. Bei dem dort herrschenden schönen Wetter wurden von der kaiserlichen Familie Ausflüge an Land un­ternommen.

Heer und flotte.

Eine neue Vorschrift über die Ergänzung des Offizier­forps ist bekannt gemacht worden. Die Verordnung vom Jahre 1880 über die gleiche Materie ist dadurch völlig auf­gehoben resp. umgeändert worden. Nach den bisherigen Be­stimmungen konnte jeder Soldat nach dem vollendeten 17. und vor vollendetem 23. Lebensjahre. bei Befähigung und borgeschriebenem wissenschaftlichen Bildungsgrad zum Fähnrich vorgeschlagen werden. Die neuen Vorschriften sind enger und einschränkender gefaßt. Die Ergänzung des Offizierkorps duch Fahnenjunker und Zöglinge des Kadetten­forps soll die Regel bilden. Es ist nur noch die Rede von Fahnenjunkern, nicht mehr, wie in der alten Verordnung, von allen Soldaten. Für die Fahnenjunker wird körperliche Brauchbarkeit zur Bedingung gemacht, ferner müssen sie ledig und schuldenfrei sein und sollen außerdem noch Er­ziehung, Gesinnung und Herkunft Gewähr bieten, daß sie würdige Angehörige des Offizierkorps zu werden verspre­chen. Die Entscheidung steht den Regiments- oder bei Bataillonsverbänden den Bataillonskommandeuren 31. Das Reifezeugnis zum Fähnrich kann erst nach sechsmona­tiger Dienstzeit beantragt werden. Bis jetzt genügten fünf Monate. Für Ausnahmefälle ist die kaiserliche Genehmi­gung vorbehalten.

Nab und fern.

Des Kaisers Töchterlein. Daß Prinzessin Viktoria Luise von Preußen ein gutes, warm fühlendes Herz ihr eigen nennt, wird durch einen neuen, rührenden Zug erhärtet, den man sich in der Hofgesellschaft erzählt. Die Kaiserin besuchte mit ihrer dreizehnjährigen Tochter eine Berliner Erziehungs­anstalt für junge verwaiste Mädchen der höheren Stände. Bei einer dieser jungen Damen, die besonders abgehärte Züge hatte, verweilte die Kaiserin länger und ließ sich ihre Lebensgeschichte erzählen, die so recht eigentlich eine Leidens­geschichte war. Da brach die jugendliche Prinzessin in Tränen aus und rief: Wir nehmen die Arme zu uns, liebe gute Mama, und sind immer recht lieb zu ihr!" Tränen traten auch der Kaiserin in die Augen, und sie sagte ihrem Töchterchen: Gott erhalte dir stets diesen Sinn, mein liebes Kind!" Am nächsten Tage aber schon wurde das junge Mäd­chen in das Berliner Schloß bestellt und dort durch den Be­scheid hoch beglückt, daß sie auf der Stelle dem Hofstaate der Prinzessin Viktoria Luise angehöre.

* Wieder einmal Fritz Friedmanu. Der bekannte, einst so berühmte Berliner Verteidiger, Dr. Fritz Friedmann, macht wieder von sich reden. Er hatte sich in Paris dem Variété zugewandt, wo er als Conferencier" eine Rolle spielte. Jetzt ist der veränderliche Herr wieder zu seinem ursprünglichen Berufe zurückgekehrt und hat sich am Boulevard Mont­martre ein Bureau als internationaler Anwalt" einge­richtet, wo er am Vormittag Sprechstunden abhält. An seine Berliner Freunde ist Dr. Friedmann übrigens auch wieder mit der Bitte um Unterſtügung herangetreten, da er völlig mittellos dastehe und in Gefahr stehe, auf die Straße gesetzt zu werden.

A Gin furchtbares Familiendrama spielte sich in Berlin ab. Die Frau des Portiers Kaufmann vergiftete sich und ihre beiden Kinder, ein Mädchen von neun und einem Ana­ben von sechs Jahren, mit Lysol. Die Beweggründe der Tat sind in zerrütteten Familienverhältnissen zu suchen. Der tleine Snabe ist bereits dem Gift erlegen, seine Schwester schwebt in äußerster Lebensgefahr. Dagegen besteht Aus­sicht, die Mutter am Leben zu erhalten. Diese hatte die beiden Kleinen in ihre furchtbare Absicht eingeweiht, deren Einverständnis und Versprechen, zu schweigen, erhalten.

A Geständiger Mörder. Der Kellner Ramm, der bei einem Einbruch in die Wirtschaft des Schanfwirts Grabow in der Schönhauser Allee in Berlin dessen elfjährigen Sohn erstach, während die Tochter durch Messerstiche schwer verletzt wurde, hat ein Gestandnis abgelegt. Bei ihm wurde das Porte­monnaie der Frau Grabom und eine Gedichtsammlung der Kinder gefunden. Da meinte er, er ärgere sich, daß er diese Sachen nicht beseitigt habe, aber angesichts der Beweisstücke hätte man ihm nichts anhaben können.

Ehrungen Morgans in Nom. Der amerikanische Mil liar där Morgan ist in Rom Gegenstand außergewöhnlicher Ehrungen gewesen. Er wurde vom König von Italien und später vom Papst empfangen. Morgan hat der Kirche von Ascoli Piceno ein kostbares Meßgewand zurückerstattet, das dort gestohlen worden und durch Kauf in die Hände des