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Neu erbautes

Nr. 199.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­heffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg. Redaktion u. Hauptecpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Freitag, den 25. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfa. in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blait erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Abermals vertagt.

Die Entscheidung, ob denn nun nach Beendigung der Beratungen in Portsmouth Krieg oder Friede zwischen Ruß­land und Japan sein soll, bleibt noch in der Schwebe. Die beiderseitigen Delegierten unterzeichneten zwar in ihrer Mittwochs- Sigung protokollarisch einen Teil der besproche­nen Punkte, vertagten dann aber die weiteren Verhand­lungen auf den 26. August, nachmittags 4 Uhr.

Es ist zwar sehr fraglich, ob dann ein bestimmter Ab­schluß zustande kommt. Die Differenzen sind anscheinend noch ziemlich wesentlich, obwohl die Japaner neue Vorschläge gemacht haben sollen, bei denen wesentliches Entgegen­kommen nicht zu verkennen sei. Minister Witte erklärte nach der letten Sigung, bisher sei nichts erreicht worden, doch will man namentlich in Amerika die Friedenshoffnungen nicht aufgeben. Man will den Grund dazu nicht allein in den fortgesetzten Bemühungen des Präsidenten Roosevelt finden, sondern auch in der Tatsache, daß der Zar den amerikanischen Botschafter in längerer Audienz empfangen hat. Die Newyorker Staats­zeitung" will sogar wissen, die russische Regierung habe be­reits Kontrakte für den Transport von Truppen aus Ost­asien nach der Heimat mit mehreren Dampfergesellschaften abgeschlossen. Hochgestellte Persönlichkeiten in Petersburg sollen sich sehr optimistisch ausgesprochen haben, die Audienz des amerikanischen Botschafters beim Kaiser habe großen Erfolg gehabt. Ein großes südamerikanisches Blatt be­hauptet sogar, der Friedeseiim Prinzip bereits abgeschlossen. Das dürfte aber wie so viele Nach­richten der letzten Zeit nur eine Kombination sein, der erst die Verwirklichung folgen muß. Nach Mitteilungen des Korrespondenten des Pariser Blattes Matin" soll Japan für den Rückfauf eines Teiles von Sachalin mehr wie 2,5 Milliarden France gefordert haben. Die Kriegsentschädi­gung soll dann fortfallen. Nach anderen aber ebenso unbe­stimmten Quellen verlangt Japan eine Million Pfund Sterling und außerdem für die Hälfte Sachalins 1200 Mil­lionen Mark. Bei allen vorsichtigen Politikern glaubt men mit Recht den verschiedenen Kombinationen nicht, obwohl man das Steigen der Kurse an der Börse in Tofio als ein gutes Zeichen für den Frieden ansieht.

Andererseits traut man Japan nach seinen großen Er­folgen zuviel Selbstbewußtsein und Energie zu, um cs fähig zu halten, lediglich um der schönen Augen des Prä­sidenten Roosevelt oder wegen des unhaltbaren Starrsinns der Petersburger Kriegspartei willen die errungenen Vor­teile aus der Hand zu geben. Selbst die angebliche Pression durch einige andere, vorsichtigerweise nicht genannte Groß­mächte hält man für nicht maßgebend genug, um eine Wie­derholung des Tages von Schimonosefi herbeizuführen.

Diese Anschauung wird augenscheinlich bestärkt durch die gerade jetzt in die Presse lancierte Meldung von der Er­neuerung des japanisch englischen Bündnis­bertrages, die noch vor der Vertagung des englischen Parlaments geschehen sein soll. Das kann natürlich die Po­sition Japans nur verbessern und England hat nach seiner bisherigen Politik das allergeringste Interesse daran, dem niedergeworfenen russischen Bären auf die Beine zu helfen. Hat Japan wirklich ernstliche Konzessionen gemacht, so wird man schließlich in Petersburg gezwungen sein, nicht nach der Manier des bekannten unterweltlichen Herrn zu han deln, der nach dem Finger die ganze Hand verlangt. Troz aller Anerkennung für den General Linewitsch, der die letzte russische Feldarmee in der Mandschurei befehligt, ist diese Armee doch immerhin eine geschlagene und dürfte bei aller Tapferkeit dem Ansturm der siegreichen japanischen Heer­säulen kaum dauernden Widerstand leisten können. Und will man nach einer verlorenen Schlacht neue Friedensver­handlungen anknüpfen? Die Bedingungen würden dann härtere wie heute sein.

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Woher nehmen?

Ein Wink an den russischen Finanzmister. Mütterchen Moskau. Was ist Moskaus Charakteristikum Die Gala- Equipage der Heiligen. Die Einkünfte eines Heiligenbildes. Die Schen vor dem Kirchengut.- Ein Wink an den Finanzminister.

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( Eig. Bericht.) Moskan, im August. Mütterchen Moskau bleibt doch die Hauptstadt des heili gen Rußland- St. Petersburg mag noch so sehr durch be queme und moderne Bauten und städtische Veranstaltungen den Vorrang zu gewinnen trachten. Petersburg war von Peter dem Großen als ein nach Europa gerichtetes Fenster gedacht, und zur eigentlichen Hauptstadt Rußlands sollte es werden, nachdem Rußland sich in einen europäischen Staat umgewandelt haben würde. Vollständig jedenfalls ist diese Voraussetzung bis zur Stunde nicht erfüllt, und deshalb ist Mütterchen Moskau das Herz und die Seele des heiligen Rußland geblieben, das ein asiatisches Rußland ist.

Wer fremd hierher kommt, dem fällt natürlich zunächst der Kreml ins Auge, mit seinen ungeheuren Mauern, die in den Zeiten ihrer Erbauung wohl eine unübersteigliche Festung darstellten. Heute sind sie nur noch ein Symbo! der Abgeschlossenheit des alten Zarensizes, des Kremls, mi seinen endlosen Palästen und seinen zahllosen Kirchen, dere.. Erbauer eine später nie wieder von anderen erreichte Phan­tasie entwickelt haben. Doch das Uebermaß an Bauten für Herrendienst und Gottesdienst ist nichts spezifisch Mosko­witisches. Aehnliches findet sich überall, wo der Wille eines einzelnen ein ganzes Land dem eigenen Wünschen und Be­

Der Eselsmüller und die Falschmünzer. es gelang mir aber nicht. Ich ließ meine Frau daselbst

24)

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

( Nachdruck verboten.)

Der alte Stuhlmann fuhr mit der Erzählung seiner Erlebnisse in Amerika fort: ,, Der Vater meiner Frau war doch etwas enttäuscht. Ste hatten in ihrer Heimat bon sogenannten Amerika- Agenten die tröstlichen Ver­sprechungen erhalten, große Farmen für wenig Geld zu bekommen, dann noch Wald und Weideland in Hunderten von hessischen Morgen von der amerikanischen Regierung umsonst. Alles nur deshalb, um deutsche Ansiedler in die neue Welt zu bringen. Der Vater fand, daß alles Lug und Trug war. Der Kummer darüber getäuscht zu sein, nagte an ihrem Leben.

Als mein erstes und einziges Söhnlein geboren war, starben beide kurz nach einander. Auch unser Kindlein folgte bald den Toten nach. Es kamen Miß­ernten, Viehseuchen und anderes. Aber doch wäre ich zu einer wirklichen Farm gekommen, wenn nicht ein Indianerstamm, dem uns befreundeten feindlich, sich auf den Kriegspfad begaben und in unsere Nähe ge­tommen wäre. Unsere uns befreundeten Indianer warnten uns noch rechtzeitig. Sie selbst wurden fast ausgerottet, nur wenige entfamen, mit ihnen auch wir. Aber nichts hatten wir gerettet, als das Leben. Als die Feinde abgezogen waren, tamen wir zurück, fanden aber von unserem Blockhause und Vieh­

und verdingte mich als Matrose und war zuletzt Steuermann. Nach langen bangen Monaten kam ich heim. Geld hatte ich gespart, aber meine Elisabeth litt an Heimweh. Heim, weiter wußte sie nichts. Ihr Zustand war mir bedenklich. Ich beschloß deshalb, in unsere Heimat zurückzureisen mit der Hoffnung, der alte Gott lebt auch dort noch.

Im Hafen fragte ich nach Schiffen die nach Bremen fuhren. Es war nur ein einziges in einigen Tagen feetlar. Dieses war unter Leitung desselben Kapitäns, welcher bet der Herfahrt mein Beiniger gewesen war. Ob er mich erkannt hat, ich glaube nicht. Es war ein neuer Dreimaster. Ich zahlte mein Fahrgeld zu zwei Drittellen und dann ging es nach einigen Tagen in See.

Nach manchen Stürmen und Lavieren kamen wir in Bremen an. Vor dort ging es langsam bis hierher. Ein Glück für mich, daß ein Urenkel der seinerzeit be­fannten Zur Mühlen" gerade aus diesem Zollhause beraus zur letzten Ruhe getragen wurde. Ein neuer Zollbeamte war nicht da, ich erbot mich sofort zur einst­weiligen Stellvertretung. Der Magistrat nahm mich an und später wurde ich durch das Landratsamt be­stätigt. Co hatten wir bis jetzt unser täglich Brot ge­habt. Der Dienst ist mir oft zu schwer, aber was soll ich machen? Vermögen habe ih nicht. Ein Ruhegehalt erhalte ich nicht. Ein alter Bettler möchte ich auch nicht werden, aber eine Hoffnung habe ich noch:" Unser Herrgott ich

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Neue Scharen aus der alten Heimat kamen an. Einzelne verirrten sich auch bis zu uns. Ihr Anführer war Doktors Sohn aus S.... burg, derselbe, den ich schon am Anfang erwähnte. Er war ein rubeloser Geift. Unser Platz gefiel ihm, wir wurden handels­einig und am anderen Tage reisten wir ab.

Nach langer, langer Wanderung erreichten wir New- York. Dort suchte ich ein Geschäft zu gründen,

soll in meinen alten Tagen, wird er ein Einsehen haben und mich und meine alte Elisabeth zu sich nehmen."

Es entstand eine lange Pause. Wohl jeder schien seinen Lebenslauf noch einmal zu durchlaufen. Dann stand der Eselsmüller auf und sprach:" Habt Dank alter Stuhlmann für Eure Erzählung. Betteln sollt Ihr nicht, dafür sorgt der Eselsmüller. Doch jetzt muß ich fort. Morgen sollt Ihr mehr von mir hören".

gehren untertan machen konnte, wo der Fleiß einer Provinz gerade gut genug war, auf Erfüllung einer architektonischen Laune bergeudet zu werden. Der Fremde braucht wenige Tage hier gewesen zu sein, um etwas ganz anderes als ein Charakteriſtikum Mostaus zu empfinden: Nicht die unzähligen Andachtshäuser, bald Kirchen von unendlicher Pracht, bald reichgeschmückte Kapellen, bald einfachere Ge­betsgelegenheiten, auch nicht die Heiligenbilder, die an jeder Straßenecke, an jeder Passage und sonst noch an jedem zweiten Haus zur Verehrung einladen, sondern die Gala­Equipage der heiligen iberischen Gottesmutter. Dieser gold­strogenden Equipage begegnet man Tag für Tag und bei­nahe überall. Das Bild der Heiligen, in goldenen Rahmen gefaßt, lehnt gegen den Fond, ihr gegenüber sißen die brokat­umhüllten Priester mit feierlichen assyrisch- ernsten Mienen. Den Wagen lenkt ein barhäuptiger, goldtressiger Kutscher, hintenauf steht, ebenfalls barhäuptig, in fardinalsroter Tracht ein Bedienter. Die Heilige hat unendlichen Zuspruch und unendlich viel zu tun. Sie wird fortwährend verlangt, hier als Trost, dort als Beistand. Zu den Sterbenden wird sie gerufen und zu den Genesenden, zu den Gebärenden und zu denen, die von irgend einer Not heimgesucht sind und sich den Lurus gestatten dürfen, das Bild der Heiligen zu sich einzuladen. Billig ist ein solcher Besuch nicht. Es gibt feinen festen Tarif, der geschrieben wäre; aber ein unge­schriebener Tarif ist vorhanden, der die gläubigen Gemüter zwingt, nach dem Maß ihrer Kräfte recht tief in den Beutel zu greifen. Deffentlich wird über die Einkünfte des Bildes nicht Rechnung gelegt, denn das widerspräche dem Landes­brauch, der die Kontrolle nicht liebt. Aber die Trinkgelder des Kutschers und des hintenauf stehenden Bedienten geben einen Maßstab. Die beiden haben von den Trinkgeldern ein hübsches, rundes Vermögen angesammelt, dessen Nuznießun­gen sie über die Erfältungen tröstet, die sie in Winterszeit als Folge ihrer Barhäuptigkeit davontragen.

Wir sind weit davon entfernt, Spott äußern oder auch nur im Herzen hegen zu wollen gegen naive Gläubigkeit, selbst wenn sie mit so geringer Bildung verknüpft ist, daß sie in dem Bildnis nicht das Symbol zu erblicken und hinter ihm nicht das unbildliche Wesen zu erschauen vermag. Nicht um Scherze zu machen, erwähnen wir die Spazierfahrten des heiligen Bildes, seiner priesterlichen und Laienbeglei­tung. Wir wollen nur eine Tatsache feststellen, daß nämlich die populärste und meistgesehene Figur in Moskau die in ihrer Galaequipage herumfahrende iberische Gottesmutter ist, die von Kranken und Trostbedürftigen, von Leidenden und Verzagenden, von Hoffenden und Frommen reichsten Tribut fortwährend bezieht. Nach Millionen zählen die regelmäßigen Einnahmen aus den Besuchen, nach sehr vie­len Millionen die Legate, die ihr jahraus, jahrein zufallen, und ihr Vermögen ist nach Milliarden zu beziffern. Und die iberische Gottesmutter ist wohl die berühmteste, die an­gesehenste, die reichste, aber feineswegs die einzige in ihrer

Was soll das heißen"? frug der alte Zollhaus­

wächter.

Nichts soll es heißen alter Freund", erwiderte der Eselsmüller. Ihr seid ein glücklicher Mensch, tausende gebe ich darum, noch einmal glücklich zu sein. Na", so sprach er zu sich, ich fann und will noch viele glücklich machen, dann wird mir vielleicht auch noch einmal dieses Blümlein zu teil". Er eilte in den Stall, band seine Esel los und wollte fort.

,, Wollt Ihr Kernein nicht abwarten", fragte der Zollhauswächter.

,, Nein, ich eile heim, habe noch viel Arbeit heute zu tun. Adieu Stuhlmann", so rief er noch zurück, als er schon mit seinen Eseln forttrabte. Beim ,, Teufels­feller angekommen, überlegte er, sollte er die neue Straße oder über den ,, Teufelskeller" zum Walde reiten. kaum war er auf dem höchsten Punkte des Teufels­feller" angekommen, als ihm der Sohn des findischge­wordenen Köhlers Weishaupt begegnete. ,, Wo willst Du, mein Junge, noch so spät hin? Der Frankenburger Markt ist vorbei", so sprach der Eselsmüller.

"

Mensch.

Wetter, zu Euch will ich", erwiderte der junge ,, Was ist los"? fragte fast erschrocken der Esels. müller.

,, Gi, heute fomme ich vom Kohl, ich gedachte ihn nächste Woche in Brand zu stecken. Es fehlten mir aber noch vier Klafter Holz. Bei Euch gedachte ich eine Anleihe dazu zu machen, fand Euch aber nicht daheim. Dagegen die Medebacher, Winterberger und Sassen­burger Wachtmeister, dieselben fragten mich, ob ich wisse, wo Ihr seid. Ich wußte es nicht. Sie sind dann fort­gegangen, Euch zu suchen. Der Peter deutete mir an, wo Ihr hingeritten sein könntet. Deshalb eilte ich hierher, dieses Euch zu sagen. Nun haben die Wacht­meister auch wohl gedacht, Ihr wäret nach Frankenberg, ich sah sie vorher bei dem Puzmüller stehen." ( Fortsetzung folgt.)