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Insertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernſprechauschluß Nr. 362.

Mittwoch, den 20. September 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes

Ein Empfehlungsbureau. Geschäftsmäßiger Vertrieb von Referenzen.

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( te allen denen Dant, die sich um den diesjährigen Kon­greß verdient gemacht hätten, und gedachte einer Anzahl Don Mitarbeitern an der sozialen Aufgabe des Kongresses, die an der diesjährigen Tagung nicht teilzunehmen ver­1..chten. Der Redner schloß seine Ansprache mit dem Hin­weise darauf, daß es nötig sei, unermüdlich zu verbessern und zu vervollkommnen.

Der Minister des Innern Graf von Bylandt- Rheydt be­grüßte im Namen der Regierung den Kongreß. Der Mi­nister betonte: Daß der Ausbau des sozialen Versicherungs. w.jens ein unabweisliches Postulat ist, steht für sich fest. Den Geboten der Sittlichkeit zur Geltung zu verhelfen, bleibt immer der höchste Zweck jeder staatlichen Betätigung. Einer si.tlichen Forderung aber entspricht es. denjenigen, die auf den Ertrag ihrer Hände anaeweien sind, eine menschen. n ürdige Lebensführung zu sichern. Vorwärts schreitend:- fen wir den Blick nicht abwenden von diesem hohen Ziele, das der Staatskunst künftiger Generationen gesteckt ist, der Verwirklichung des Rechtes auf die Existenz. Indessen müssen wir uns jedoch bescheiden, des Tages Arbeit auf das­jenige zu richten, was unter den gegenwärtigen Verhält­nissen zunächst für jene geleistet werden kann, die durch ihr Alter oder durch widriges Geschick ihrer Arbeitsfähigkeit beraubt sind. Bürgermeister Lueger begrüßte den Kon­greß im Namen der Stadt Wien und verwies darauf, daß nicht nur Arbeiter, sondern auch der Kleinbürger und der Bauernstand des Schutes für das Alter bedürfen. Im Namen der deutschen Delegierten dankte Oberregierungsrat Werner: Der Herrscher Desterreichs und sein treuer Bundesgenosse, unser Kaiser, fühlen sich eins in dem Gedanken, daß den Arbeiterstand heben nichts anderes heißt, als die Wohlfahrt des Landes steigern. Der ehemalige französische Minister Millerand sprach den Dank der Franzosen für den Empfang aus. Millerand gab eine Darstellung der Ziele des Kon­gresses, welcher dazu führen müsse, die Menschheit vorwärts zu bringen auf dem Wege der Humanität und Gerechtigkeit.

Wenn der Mensch zu einem bestimmten Zwecke des em­pfehlenden Wortes eines angesehenen Mannes bedarf und dieser angesehene Mann mit dem guten Willen ist für den Suchenden nicht zu haben, so gerät er gar leicht in eine üble Lage. Dem ehrlichen Gesicht glaubt man wenig in dieser Welt des Scheines und des Betruges. Um dem oft em­pfundenen Mangel der Referenzenlosigkeit abzuhelfen, hat ein findiger Engländer nun einfach den Weg der geschäft­lichen Organisation eingeschlagen. Eine englische Zeit­schrift erzählt von einem Herrn in London, der aus vor­nehmer Familie stammt und Marineoffizier a. D. ist, der sich ein schönes Stück Geld damit verdient, daß er Empfeh­lungen gibt. Wenn jemand in fremde Länder reisen und Empfehlungen haben möchte, um sich in der Fremde bald heimisch fühlen zu können, so wendet er sich an diesen Herrn, der ihn gegen ein angemessenes Honorar mit den besten Em­pfehlungen versieht, so daß er überall in der Welt Freunde und Gastfreundschaft findet. Ehe er aber als Kunde an­genommen wird, muß er selbst gesellschaftliche und geschäst­liche Referenzen aufgeben, und erst wenn diese befriedigen, wird der freundliche Herr seinen Wünschen nachkommen. Der ehemalige Marineoffizier mußte den Dienſt aufgeben, nachdem er bei einem Angriff auf ein arabisches Sklaven­schiff eine schwere Wunde davongetragen hatte. Da er außer seiner kleinen Bension nur geringe Mittel hatte, versuchte er, zunächst ohne Erfolg, auf verschiedene Weise einen fleinen Zuschuß zu verdienen. Eines Tages bat ihn ein Freund, der nach Labrador zur Karibu Jagd ging, um Em­pfehlungen an Leute in jener Gegend, da er wußte, daß der Offizier mehrere Jahre dort zugebracht hatte. Dieser kam gern der Bitte nach. Bei näherem Ueberlegen fam er nun auf den Gedanken, daß er während seiner Dienstzeit mit ,, den besten Leuten" in allen Teilen der Welt in Berührung gekommen wäre und sich diese Beziehungen doch nutzbar machen könnte. Er unternahm zunächst noch eine Reise um die Welt, um die Zahl seiner Bekannten zu vergrößern, und nach seiner Rückkehr ließ er sich in einem vornehmen Westend­Viertel zur Ausübung seines eigenartigen Berufes nieder. Ueber seine Erfahrungen erzählt er selbst: Ich verschicke nie Zirkulare und suche nie jemand anzulocken, und doch habe ich reichliche Gelegenheit, solche Empfehlungen mitzugeben. Die meisten Leute, die da draußen in den Kolonien festsigen, heißen sehr gern neue Bekannte willkommen, wenn sie nur angenehme Leute sind. Oft genug schreiben mir meine Freunde in der Fremde, ich möchte ihnen doch wieder Be­fannte empfehlen, aber ich bin auch sehr sorgfältig bei der Aufnahme meiner Kunden und empfehle sie nur, wenn ich sicher bin, daß sie bei meinen Freunden in Melbourne oder Montreal willkommen sind. Ich achte auch darauf, nicht etwa Leute mit entgegengesetztem Temperament und Ge­schmack zusammenzubringen. Ich beschränke mich jedoch nicht auf eine Gesellschaftsklasse. Kommt ein Geschäftsmann zu mir, so empfehle ich ihn an Geschäftsleute, Sportsleute, die jagen wollen, weise ich an cifrige Jäger, ja, durch meine Empfehlungen sind auch bereits mehrere glückliche Ehen zu­stande gekommen. Manchmal gerate ich etwas in Verlegen­heit, und einmal ist mir ein schlimmer Fehler passiert, der schwere Unannehmlichkeiten zur Folge hatte. Ein Anwalt fam zu mir und bat mich um passende Einführungen an Leute der Gesellschaft in Auckland und Dunedin, da er über­arbeitet wäre und zu seiner Erholung eine Fahrt nach Neu­Seeland machen wollte. Ich tat es, aber nach einiger Zeit erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß er wegen Unterschlagung verfolgt wurde. Ich kabelte sofort an meine Freunde, aber es war schon zu spät, der Mann hatte bereits auf Grund meiner Empfehlungen von drei Leuten, an die ich ihn ge­wiesen hatte, 14 000 Marf geborgt. Natürlich zahlte ich das Geld zurück, da der Betrüger durch meinen. Irrtumi Zutritt zu ihnen erlangt hatte. Sonst aber haben mir meine Kunden immer nur Ehre gemacht. Mein Honorar richtet fich natürlich nach der gesellschaftlichen Stellung meiner Kunden und nach ihren finanziellen Verhältnissen. Aber ich fann sagen, daß mein Jahreseinkommen au diesem Beruj schon seit längerer Zeit über 40 000 Mark beträgt." Man sieht, daß ein derartiges Empfehlungsbureau seinen Mann nährt. Der neue Berufszweig hat außerdem jedenfalls Anspruch auf Originalität.

Arbeiterverficherungs- Kongrefs.

( Eig. Bericht.)

Wien, 19. September. Zu dem 7. internationalen Songreß für Arbeiterver­sicherung haben sich ungefähr 1500 Teilnehmer aus allen Ländern eingefunden. An dem Kongreß nehmen auch teil der deutsche und der italienische Botschafter, die österreichi­schen Minister Graf Bylandt- Rheydt und v. Randa, Ver­treter staatlicher und städtischer Behörden, sowie Reichsrats­und Landtags- Abgeordnete. Die Begrüßungsansprache hielt der frühere Ministerpräsident Dr. von Koerber. Der Ehren­täsident des Komitees. Geheimrat Dr. Bödiker- Berlin,

Eine neue Friedenskomödie.

gezogen haben werden und der Friede sich über den Feldern der Mandschurei lagert, ist es doch nur ein Friede des Kirch­hefs, der eine nur zu beredte Sprache spricht... Die zweite Haager Konferenz mag kommen, und die Delegierten der Mächte mögen fluge Worte tauschen, den ewigen Völker­frieden wird man nicht im Haag und nicht in Petersburg de­fretieren. Und darum wird auch diese vom Zaren und Roosevelt so start propagierte Konferenz nur eine Komödie sein, die man als solche betrachten muß.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

Aus Deutsch- Südwestafrika meldet Generalleutnant von Trotha über das siegreiche Gefecht vom 13. September noch, daß der Feind etwa 300 Köpfe stark war, darunter 200 Mann mit Gewehren, Hottentotten und auch Hereros unter Andreas. Der siegreiche Ausgang des Gefechts in der völlig unbekannten Gegend wurde nur durch die von langer Hand berbereiteten persönlichen Erkundungen des Majors Maercer ermöglicht. Der Feind floh unter Zurücklassung bon 60 Toten und 50 gesattelten Pferden in kleinen Trupps in nordöstlicher Richtung. Die unmittelbare Verfolgung wird durch Major Meister fortgesetzt. Der Korrespondent der Times" in Johannesburg erklärt in Widerlegung der Behauptungen wegen der auf britisches Gebiet geflüchteten Hereros und des Waffenhandels, daß der einzige Trupp bon Flüchtlingen, der sich im Betschuana- Protektorat bc­findet, aus 840 Hereros, Männern, Frauen und Kinderir bestehe, die entwaffnet und in beträchtlicher Entfernung von der Grenze in der Niederlassung Batowana untergebracht worden seien. Die Befürchtungen, daß große Mengen Flüch­tiger sich des Protektorats bedienen, um den Aufständischen zu helfen, seien unbegründet.

Der Zar und Präsident Roosevelt sollen sich lebhaft für die Einberufung einer neuen Friedenskonferenz nach dem Haag interessieren. Beide streiten natürlich friedlich­über die Priorität dieser gesegneten dee; es heißt aber neuerdings, daß Roosevelt zugunsten Nikolaus' II. von der Initiative zurückgetreten wäre... Eine abermalige Frie­denskomödie im gegenwärtigen Augenblick wäre weder tra­gisch, noch komisch; sie wäre vielmehr tragikomisch. Der weiße Zar, der der Welt den Frieden verheißen und das neuc Evangelium der Völkereintracht weihevoll verkündet hat, fann mit seiner Idee nicht gerade glücklich genannt werden. Noch hatte er seinerzeit die Pose des Heilsverkünders nicht wieder abgelegt, da begann, zweifellos doch durch die Mit­schuld von Petersburg, das männermordende Ringen im fernen Osten, und seitdem ist kein Tag vergangen, der nicht bon neuen Kämpfen, neuen blutigen Greueln Kunde brachte. Die Wigblätter Europas hatten Verständnis für den ebenso unfreiwilligen, wie grandiosen Treppenwit, den hier der seltsame Widerspruch zwischen Taten und Worten bot, und etwas wie Weltenhumor stieg lächelnd herauf. Und nun soll diese Komödie ihre Wiederholung finden, soll abermals das Unzulängliche menschlichen Könnens seinen deutlichen Ausdruck finden. Schaden kann ja eine zweite Friedens­fonferenz gewiß nichts; aber nüßen fann sie ebensowenig. So lange der Wettkampf der Völker in wirtschaftlicher Be­ziehung besteht, so lange werden wahrscheinlich auch die letzten Konsequenzen mit dem Schwert in der Hand gezogen, und noch immer sprechen die Kanonen das letzte Wort.

Man sagt, durch das starke Interesse Roosevelts an dem Zustandekommen der neuen Konferenz sei einigermaßen die Gewähr geboten, daß Positives geleistet werden würde. Man hält also den ehemaligen Nauhreiter im Augenblick für einen der stärksten Realpolitiker der Welt und meint, schon seine Teilnahme verbürge unbedingten Erfolg. Solange man sich im Haag nur mit einer Revision der Genfer Konvention beschäftigt, mag das zutreffen; an diesen Bestimmungen läßt sich noch manches ändern, und gewiß werden die Lehren des ostasiatischen Krieges besonders in bezug auf den See­kampf auch in den internationalen Artikeln ihren Aus­druck finden müssen, die bestimmt sind, die Barbarei aus dem Kriege zu bannen. Der Krieg selbst aber läßt sich weder aus der Welt reden, noch aus der Welt schreiben. Daran haben Bertha von Suttner und der weiße Zar nichts ändern können, wie der letztere ja am eigenen Leibe erfahren mußte

In Deutsch- Oftafrika greift der Aufstand weiter um sich. Stabsarzt Zupiga berichtet aus Iringa, daß das ganze Mahenge- Gebiet bis auf den Bereich des Sultans von Ki­wanga aufständisch ist. Die Verbindung zwischen Wied­hafen am Nyassa- See und Siongea ist abgeschnitten. Den Missionaren der Benediktiner- Mission Kigonsera im Bezirk Ssongea gelungen, sich nach Wiedhafen zu retten. Der Stamm der Wahehe sowie der Sultan Kiwanga im Bezirk Mahenge sind treu geblieben. Die Mohammedaner halten überall zu der deutschen Herrschaft.

daran wird auch der brave Theddy nichts ändern, so friedfert ein Wille sein mag. Die augenblickliche Kon­stellati er europäischen Mächte ist nichts weniger als garantiebietend für die Zukunft. Der neue Zweibund, der im Westen sein Haupt erhob, zeigt Frankreich und England in Fechterstellung. Oben in Skandinavien rüsten zwei Brudervölker unaufhörlich, um durch Waffengerassel ihrer Stimme mehr Nachdruck zu verleihen. In Afrika aber fämpfen weiße Männer gegen treulose Eingeborenenstämme, und Ströme deutschen Blutes färben die öde Wüstenei. Selbst wenn Rußland und sapan ihre Heerhaufen zurück­

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Ueber die Ergebnisse der parlamentarischen Studien­fahrt nach Afrika äußerte sich der wegen Erkrankung vor­zeitig in Hamburg wieder eingetrofiene Abgeordnete Günter sehr befriedigt. Die Besichtigung der Station Lome machte einen vorzüglichen Eindruck. Breite, saubere Straßen durchziehen den Ort, die Baulichkeiten haben ein harmonisches Gepräge, und auch die sanitären Einrich tungen ließen eine umsichtige Verwaltung erkennen. Nach den Eindrücken, die Lome auf die Parlamentarier machte, kann dieser Ort den Vergleich mit den vorher angelaufenen englischen Stationen an der Westküste unbedingt aushalten. Auch Dr. Arendt war erfranft, er hatte sich aber, als man in Lome ankam, wieder erholt, so daß er an der Weiterfahrt. teilnehmen konnte. Abg. Günter ist übrigens wieder voll­ständig hergestellt.

* Der in Paris weilende deutsche Gesandte Dr. Rosen hatte bisher keine neue Besprechung in der Marokko­Angelegenheit mit dem französischen Vertreter Revoil, sollte aber gestern mit ihm zusammenkommen. Trotzdem in den letten Tagen eine Stockung in den Verhandlungen einge­treten ist, bleibt man in den diplomatischen Kreisen sehr hoffnungsvoll und hofft auf baldige Erledigung aller Ein­zelheiten.

Anläßlich eines Festmahles zu Ehren des von Berlin nach Paris berufenen amerikanischen Generalkonsuls Mason wurden auch die Handelsbeziehungen zwischen Amerika und Deutschland erwähnt. Generalkonsul Mason betonte die Schwierinfeiten, welche sich der Erhaltung harmonischer Han­delsbeziehungen zwischen Amerika und Deutschland entgegen. stellen, wodurch ein Problem geschaffen werde, dessen Lösung beiderseitige Konzessionen verlange. Man hoffe aber drüben wie hier, daß es zu zufriedenstellenden Vereinbarungen fem­men werde, da zwischen zwei Nationen, deren Berührungs­punkte sich stetig vermehren, gespannte handelspolitische Be­ziehungen undenkbar seien.

* Die Lübecker Bürgerschaft faßte zur Bekämpfung der Fleischteuerung einen Beschluß, nach dem der Senat der Stadt im Bundesrat für Deffnung der Grenzen und für die Vieheinfuhr eintreten soll. Die Handelskammer zu G[ ber­feld äußerte sich in ähnlichem Sinne. Die angebliche Deff­nung der russischen Grenze für die Einfuhr des erhöhten Schweinefontingents ist nicht zutreffend. Das Gerücht ist darauf zurückzuführen, daß ein Beamter des preußischen Landwirtschafts- Ministeriums in den letzten Tagen auf den russischen Viehmärkten weilte.

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