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N. 166.

Jufertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­ben, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg. Reklamen bie Betitzeile 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpebttion: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanfchluk Nr. 862.

Dienstag, den 18. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Vfa., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen bierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle omtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberbessen.

Die fommenden Landtagswahlen im Großherzogtum Hessen.

Man schreibt uns Folgendes:

Die Ergänzungswahlen zum nächsten 33. Landtag werden voraussichtlich noch einmal nach dem alten System der Wahlmännerwahlen vorgenommen, nachdem durch die Initiativanträge der Ersten Kammer das mit vieler Mühe zuftande gekommene Wahlgefeß jeßt als gescheitert betrachtet werden darf. Der Wahlkampf wird in den meisten Be­zirken fein allzugroßer werden, selbst da nicht, wo der Ab­geordnete den politischen Verhältnissen nach der richtige Vertreter des Bezirks nicht ist. Denn er ist nach dem alten Shstem gewählt und dagegen agitatorisch anzufämpfen ist schwer, weil die Kandidaten erst an zweiter Stelle, an erster Stelle aber die Wahlmänner der Gemeinde stehen.

In Oberhessen wird sich nur in den Kreisen Gießen Land( seitheriger Vertreter Abg. Leun) und Vilbel( seitheriger Vertreter Abg. Ullmann) eine starke Wahlbewegung geltend machen. Im erftgenannten Kreis geben sich die Sozialdemokraten sehr viele Mühe. Im ersten Wahlkreis( Vilbel) werden die Sozialdemokraten auch auftreten, doch haben die Nationalliberalen dort größere Aussichten auf Erfolg.

In Startenburg wird sich zunächst um den Wahl­freis Darmstadt- 8wingenberg- Gernsheim ein heftiger Kampf zwischen Nationalliberalen und Sozialdemokraten entbrennen ( feitheriger Abg. Präsident Haas), in welchem, wie heute schon feststeht, Haas sicher unterliegen wird. Um Haas aber doch wieder einen Siz in der Kammer zu sichern, trägt man sich schon mit dem Gedanken ihn in einen anderen Wahlfreis, wo die Verhältnisse günstiger liegen, auf­zustellen. Hierbei fämen Beerfelden Hirschhorn( Abg. Breuner) un Fürth- Reinheim( Abg. Ripper) in Betracht. Die ge­nannten zwei Abgeordneten sind amtsmüde. Breuer wird wohl bei ernstlichen Vorstellungen sein Mandat wieder über. nehmen, auch Lang nicht unerbitterlich sein, da man für Haas im südlichen Odenwald tein allzugroßes Interesse hat, fönnte es sich nur noch um das Mandat Rippers handeln, das die Bauernbündler sicher nicht ohne weiteres aufgeben werden. Man sieht hieraus, daß die Aussichten des Bräsidenten bei der Wahl ziemlich schlecht sind. Hat man fich doch in parlamentarischen Kreisen schon mit der Mög­lichkeit einer neuen Präsidentenwahl beschäftigt. Auch in Lampertheim fann sich ein Wahlkampf zwischen National­liberalen und Sozialisten entwickeln, auch das Zentrum hat dort ein gewrichtiges Wort mitzusprechen. In Darmstadt­Land wird wohl der Abg. Noack( wild), wenn er sich wieder aufstellen läßt, sicher gewählt. In Langen Offenbach wollen die Sozialdemokraten für den zurücktretenden Abg. Kramer den Rechsanwalt Fulda- Darmstadt aufstellen, der aber gegen­über dem von nationalliberaler Seite aufzustellenden Abg. Dr. Beder Sprenglingen zum mindesten einen sehr schweren Stand haben dürfte.

In Rheinhessen wird es voraussichtlich in vier Kreisen einen nennenswerten Wahlkampf geben. Zunächſt in Nierstein- Nieberolm, wo der seitherige Abg. Molthan nur durch das Verhalten seines Vorgängers Wernher- Nier­stein in der Weinsteuerfrage in den Landtag kam. In diesem Kreise sind Nationalliberale und Zentrum gleich start, erstere anscheinend etwas überlegen. Die Nationalliberalen tonnten seiner Zeit nur fiegen, weil einige Wahlmänner aus Zentrumsorten bei der Hauptwahl nationalliberal wählten. Den Ausschlag gibt die Gemeinde Nierstein. Im Kreise Wöllstein wurde der nationalliberale Abg. Pitthan zum Teil von freifinnigen Wahlmännern gewählt( 1899). Seit der Reichstagswahl von 1903 ist das Berhältnis etwas gespannter. Auch ist die Stimmung in der mit wöllstein rivalisierenden Gemeinde Sprendlingen nicht sehr stark für Bitthan. Daher dürfte hier ein Wahltampf stattfinden, bessen Ausgang sehr zweifelhaft erscheint. Am lebhaftesten dürfte es im Kreise Wörrstadt zugehen( seitheriger Vertreter Abg. Wolf). Wenn auch der Abg. Wolf sich nicht als

doch zugestanden werden, daß er der einzige Abgeordnete ift, der feine Sigung versäumt hat. Er gehört teiner politischen Partei an, obwohl er in bäuerlichen Dingen mit den Bauernbündlern Hand in Hand geht. In Rheinhessen ift er bei der Masse der Bevölkerung beliebt und der Um­stand, daß sein freisinniger jugendlicher Gegner nicht nur ihn, sondern auch Nationalliberale und Zentrum bekämpft,

sichert dem Abg. Wolf den Kreis, wenn er sich einiger­maßen bemüht. Der Wahlkreis Gaualgesheim sendet wieder den Abg. v. Brentano, der diesmal zu erftenmal eine An­zahl evangelischer Stimmen erhalten dürfte. In Mainz­Land ist die Wiederwahl von Dr. Schmitt sehr gefährdet, zuwachs erhalten haben. da die Sozialdemokraten dort ganz bedeutenden Stimmen­Die anderen Kreise, die der nationallib. Partei gehören, werden ihre Abgeordneten ohne Kampf wieder senden. So wird die nächste Ergänzung der kammer keine großen Parteiverschiebungen bringen.

Die Eisenbahnen Deutschlands.

sonentarifreform hat dem Eisenbahnwesen neuer­Die in der Schwebe befindliche Eisenbahn- Per­dings gesteigerte Aufmerksamkeit zugewendet. Das recht. fertigt wohl einige nähere Angaben über Umfang und Wert der Eisenbahnen Deutschlands. Ihre Gesamtlänge betrug Ende des vorigen Jahres 51 539 Kilometer, ihr Anlage. fapital 13 212 Millionen Mark oder 256 350 Mark durch­schnittlich für den Kilometer. Auf Preußen allein entfallen 33 952 Kilometer Bahn mit einem Anlagekapital von 8380 Millionen, so daß sich hier das Kilometer im Durchschnitt auf 246 820 Mark stellt. Die 6168 Kilometer Eisenbahn Bayerns haben ein Anlagekapital von 1455 Millionen oder 235 895 Mark für den Kilometer erfordert. Nicht unwesent­lich teurer waren die Bahnanlagen in Sachsen, wo 1000 kilo­meter ein Kapital von 3162,5 Millionen Mark oder 316 205 Mark für den Kilometer beanspruchten. Noch etwas teurer hat Württemberg gebaut, dessen 1925 Kilometer Eisenbahn 615 Millionen Mark oder 319 480 Mart für den Kilometer beanspruchten. Eine weitere Steigerung der Kostspieligkeit zeigt sich in Baden, wo 1621 Kilometer Eisenbahn eine Kapi­talanlage von 624 Millionen Mark oder 384 948 Mark für den Kilometer notwendig machten. Das Großherzogtum Hessen wiederum hat billiger gebaut, es hat mit 298 Mill. Mark Anlagekapital 1122 Kilometer Eisenbahn hergestellt, den Kilometer also mit 265 597 Mark. Mecklenburg- Schwe­rin hat 1122 Kilometer Eisenbahn mit einem Aufwand von 127 Millionen gebaut, für den Kilometer somit nur 113 190 Mark ausgegeben. Die größere Billigkeit erklärt sich daraus, daß die mecklenburg- schwerinschen Bahnen zumeist keine Hauptbahnen sind. Die reichsländischen Eisenbahnen, die dem Reich gehören, haben eine Länge von 1674,5 Kilometer, die mit einem Aufwand von 638 Millionen hergestellt sind, so daß der Kilometer Bahn im Durchschnitt eine Anlage von 381 010 Mark erfordert, um ein Geringes weniger als im Königreich Sachsen. Hinter dem Reichsdurchschnitt an An­Tagekosten für den Kilometer bleiben Preußen, Bayern und Mecklenburg- Schwerin zurück, Sachsen, Elsaß- Lothringen. Württemberg, Baden, Hessen überbieten ihn. Von den übri­gen Einzelstaaten haben nur Oldenburg, Sachsen- Weimar, Sachsen- Meiningen, Hamburg und Bremen eigenen Eisen­bahnbesitz von insgesamt 792 Kilometer Länge, meist Bahnen niederer Ordnung, die eine Anlage von 75 Millionen Mart oder 94 696 Mark für den Kilometer erfordert haben.

Es ist nicht leicht, sich eine zutreffende Vorstellung von einer Milliarde zu machen. Man muß Hilfsmittel gebrau­chen, um zu verstehen, was tausend Millionen bedeuten. Schon die Million ist schwer zu fassen, wenn auch die Naivetät ausgestorben sein mag, die einen leidlich vermöglichen Mann einen Millionär nannte, einen Millionär von mindestens 10 000 Gulden". Die amerikanischen Milliarden- Vermögen sind meist nur in den übertreibenden Phantasien vorhanden. Auch hat man sich allmählich gewöhnt, statt von Milliardären bon Multi- Millionären zu sprechen. d. i. von vielfachen Milli­nären, deren wir in Europa auch haben und die in Amerika so wenig wie in der Alten Welt sehr dicht gefät sind. Will man ungefähr begreifen, was eine Milliarde ist, so denke man daran, daß das gesamte Kapitalvermögen der Bevölke­rung des Königreichs Preußen sich auf ungefähr 70 Milliar­den beläuft, wobei allerdings die Vermögen unter 6000 Mr. nicht mitgerechnet sind. Der Besitzer einer Milliarde Mark würde danach so viel Vermögen sein eigen nennen, als die Bvohner zweier Regierungsbezirke zusammengenommen, die dort ansässigen Millionäre und Multimillionäre einge­rechnet. Beträgt das in Preußen angesammelte Kapitalver­mögen 70 Milliarden, so darf das in Deutschland vorhandene Kapitalvermögen auf 112 Milliarden Mark geschätzt werden. Die in den deutschen Eisenbahnen steckende Kapitalanlage bon 13,2 Milliarden macht somit 11,8 Prozent des gesamten deutschen Kapitalvermögens aus, die preußischen Eisen­bahnen mit ihren 8,38 Milliarden Kapitalanlage bilden 11,97 Prozent des gesamten in Preußen vorhandenen Ka­bitulvermögens.

Der deutsche Eisenbahnbesitz ist nicht bloß an sich überaus stattlich, er ist es auch im Vergleich zu dem Eisenbahnbesitz anderer Reiche. Die Vereinigten Staaten von Amerika baben die größte Eisenbahn- Kilometerzahl, über 320 000 Kilometer, mehr denn sechsmal so viel als Deutschland. Die Amerikaner verfehlen auch nicht, darauf aufmerksam zu machen, daß bei ihnen 41,1 Kilometer Eisenbahn auf 10 000

Einwohner kommen, bei uns nur 9,4 Kilometer. Das klingt cie amerikanische Ueberlegenheit, schreibt sich aber einzig aus dem falschen Vergleichsmaßstab her, der nicht aus der Bevölkerungszahl, sondern aus der Ausdehnung des Landes 31 entnehmen ist. Sonst würde eine Eisenbahn, durch die Wüste Sahara gelegt, die Sahara zum eisenbahnreichsten Lande der Welt machen, weil in der Wüste nur ganz verein­zelt Menschen zu finden sind. Legt man den richtigen Maß­stab an, so entfallen auf 100 Quadratkilometer Landes in Amerika 4,1, in Deutschland 9,7 Kilometer Eisenbahn. Hiernach erscheint Deutschland mehr denn doppelt so eisen. bahnreich als Amerika.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

Nach Spanien hat sich auch England entschlossen, an der Marokkokonferenz teilzunehmen. Von beiden Ländern wird vorausgesetzt, daß ihnen das Programm der Konferenz vor. her mitgeteilt werde.

* Eine ganze Anzahl gesetzgeberischer Arbeiten harren des Bundesrates, wenn er im Herbst wieder zusammentritt. Zu­nächst wird er die Entwürfe über den privaten Versicherungs. bertrag und über den Schutz von Werken der bildenden Künste und der Photographie zu erledigen haben. Als ziemlich sicher kann man es ferner betrachten, daß der Bun­desrat sich im Herbst mit dem Entwurf über Versicherung der Forderungen der Bauhandwerker beschäftigen wird, ebenso mit den Entwürfen über die Ausgabe kleiner Bank­noten und über die Maß- und Gewichtsordnung. Dann schließen sich die Beratungen über bis dahin noch abge schlossenen neuen Handelsverträge an.

Für die Zulassung der Realgymnasial- Abiturienten zum juristischen Studium stimmte die Lübecker Bürgerschaft in Gemäßheit eines Senatsantrages.

* Die gestern stattgefundenen Landtags- Stichwahlen in Bayern haben keine wesentlichen Verschiebungen gegenüber dem nach den Urwahlen vermuteten Resultat gezeitigt. Der Zuwachs der Zentrumspartei auf Kosten der Liberalen bleibt beſtehen.

* Die Reichstags- Ersakwahl im Wahlkreise Oberbarnim ergab das Resultat, daß eine Stichwahl zwischen dem Kandi­daten der Sozialdemokraten Bruns und demjenigen der deutschen Reichspartei Professor Pauli stattzufinden hat.

Vermehrte Zulassung der Angehörigen des Arbeiter­standes und der verwandten Klassen zum Schöffen- und Ge­schworenenamt fordert eine Eingabe des nationalsozialen Vereins in Dresden an den sächsischen Justizminister. Mit der Zulassung müsse die gleichmäßige Gewährung von Tage­geldern an Schöffen und Geschworene verbunden sein. Als Zweck wird die Beseitigung der vom Justizminister selbst zugegebenen Entfremdung zwischen Volk und Justiz ange: geben. Infolge der einseitigen Zusammensetzung des Rich­tertums aus den Kreisen des gesicherten Besites oder höherer sozialer Stellung werde den Interessen der aufstrebenden Volksschichten nicht genügend Rechnung getragen.

Spanien.

Der bedeutende Dramatiker José Echegaray ist zum Finanzminister an Stelle des zurückgetretenen bisherigen Jubabers des Amtes ernannt worden. Von den Werken des Dichterministers ist Galeoto" in Deutschland besonders be fannt geworden. In den siebziger Jahren war Echergaran bereits einmal Handels- und Unterrichtsminister.

Rufsland,

** Die Nachrichten über Mentereien im Heer nehmen kein Ende. In Ledz wurde die Mannschaft eines Infanterie­Regiments gegen die eigenen Offiziere aufsässig und konnte erst nach einem blutigen Zusammenstoß überwältigt werden. In Fecdosia am Schwarzen Meer schoß ein Trommelschläger bei einer Revue auf den Regimentskommandeur, erschos Aus einen Unteroffizier und verwundete einen Leutnant. dringliche Forderung der Beamten der Warschau- Wiener Eisenbahn hat deren Verwaltungsrat angeordnet, daß die polnische und die russische Sprache nebeneinander Dienst­sprache werden.

Türkei.

** Die Unruhen in Kreta haben die Vertreter der euro­päischen Mächte abermals zu einer diplomatischen Aktion beranlaßt. Die Konsuln der Schußmächte hatten in der Nähe von Kanea eine Zusammenkunft mit den Führern der Aufständischen und teilten ihnen eine Proklamation mit, in der die Mächte einstimmig erklären, daß es unmöglich sei, den politischen Status der Insel zu ändern. Die Mächte innere Reformen erklären sich aber wiederholt bereit, einzuführen. In der Proklamation wird den Aufständischen dann eine Frist von 15 Tagen festgesetzt zur Nieder legung der Waffen. Allen, welche innerhalb dieser Frist sich unterwerfen, wird Amnestie zugesagt, ausgenommen Wenn Verbrechern und Deserteuren der Gendarmerie.