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Tel. 83.

Pilsener­

Nr. 41.

Sufertionspreis: Die einfpaltige Betitzeile für ganz Ober­Wen, die Krete Behlar amb Marburg 10fg. fonft 15 fg. Reklamen ble Betitzeile 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haaptexpedition: Gießen, Selters weg 88. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Freitag, den 17. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

bonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Grattebeilagen: Oberheffische Familienzeitung( tg) unb bie Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Ein englifcher friedensprediger. Sir Thomas Barklay hat bei dem Festbankett des Deut­schen Handelstages seine Friedens- und Freundschafts- Agi= tation begonnen, die auf Herstellung guter Verständigung zwischen den Völkern, zunächst Englands und Deutschlands, gerichtet ist. Schwerlich ist irgend jemand imstande, zu gunsten internationaler Verträglichkeit etwas neues zu sagen. Was zu diesem Thema beigebracht werden kann, ist schon un­zählige Male vorgetragen worden und ist überdies von so zwingender Ueberzeugungskraft, daß ein Einspruch gar nicht aufzukommen vermag. Niemand wird sich herausnehmen, behaupten zu wollen: es sei nicht gut, daß die Völker einander fennen lernen; es sei nicht wünschenswert, daß Frieden und Berträglichkeit herrschen; es sei nicht gut, wenn Völker einander zu fördern und im Vorteil Fremder den eigenen Vorteil zu finden wissen. Niemand endlich wird sich zu der Ansicht bekennen, daß der Krieg etwa ein wünschenswerter Zustand sei, daß der Krieg nicht Werte zerstöre, materielle und ideelle, und daß er nicht den Sieger selbst empfindlich schädige.

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alle Preise.

7.

Originalität.

Das alles sind selbstverständliche Dinge, die sich dem Verständnis jedes Einzelnen aufdrängen, es sind Binsen­wahrheiten", die man eigentlich zu wiederholen nicht nötig haben sollte. Und doch müssen sie wiederholt werden, immer und immer wieder denn die erkannte Wahrheit ist nicht immer auch eine geübte Wahrheit, und auf dem in Rede stehenden Gebiet ist sie es noch lange nicht. Leicht bei­einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen". Wir sehen ein, daß Frieden und Freund­schaft zwischen den Völkern Segen bringen, daß Zwietracht und Mißgunst unter ihnen Schaden stiften und doch lehrt die tägliche Praxis, lehrt ein Blick in die Zeitungen, hört man aus jedem politischen Gespräch, daß die Neigung zum Infrieden vorhanden und darum nicht weniger stark iſt, weil man die Schuld unter allen Umständen dem andern Teil beimißt.

Kein Mensch leugnet, daß der Wettbewerb die Quelle wirtschaftlichen Gedeihens und technischen Fortschritts ist. Aber den eigenen Konkurrenten wäre jeder gern los, den im eigenen Lande ebenso wie den im Auslande. Mit jenem muß man sich wohl oder übel vertragen, man muß mit ihm auszukommen wissen; aber diesen nennt man ganz ungeniert einen Feind, gegen den Machtmittel des Staates aufzurufen man gar keinen Anstand nimmt. Es gehört schon eine höher organisierte Natur dazu, das gleiche Recht des fremdländi­schen Bewerbers ohne Vorbehalt gelten zu lassen.

Freilich ist gerade der Gewerbetreibende in erster Reihe berufen, die Tugend der Billigkeit zu üben. Denn gerade der Gewerbetreibende kommit am ersten in die Lage, die Uebung solcher Tugend sich selbst gegenüber zu verlangen; er ist darauf unbedingt angewiesen. Sein Auge ist ins Weite ge­richtet, in aller Herren Länder trägt er sein Interesse, das nicht anders als durch Billigkeit geschützt werden kann. Der Handel ist national, im besten Sinne national, da er hei­mische Kräfte beschäftigt, der heimischen Wohlfahrt dient, den Nationalwohlstand erhöht. Der Handel ist aber zugleic international, im besten Sinne international, indem er die wirtschaftlichen Kräfte verschiedener Völker im allgemeinen Interesse zum Austausch bringt, und die Gaben, die Natur und Kunst irgendwo in der Welt darbieten, für die ganze Welt zugängig und nutzbar macht. Für sein Geschäft will der Kaufmann Frieden, sogar der Lieferant von Kriegsbedarf jeder Art. Er selbst muß Frieden haben, sonst steht es um seine Lieferungsfähigkeit schlimm.

Sir Thomas Barklay hat somit den Platz seines ersten Auftretens in Deutschland ausgezeichnet gewählt. Er konnte nirgend besser debutieren, als auf dem Deutschen Handels­tag, der eben den Beweis gegeben hatte, wie hoch er Frieden und Verträglichkeit einschätzt. Die Vertreter der Industrie find mit Recht oder Unrecht der Meinung, daß die Kosten der Handelsverträge ihnen aufgebürdet worden sind. Trotzdem empfehlen sie diese Handelsverträge der Annahme, denn der wirtschaftliche Frieden, der ohne Völkerfrieden nicht bestehen kann, ist ihr oberster Wunsch. Natürlich kann es sich dabei nur um einen ehrenvollen Frieden handeln, da der nicht ehrenvolle in der Schädigung des nationalen Han­dels unbedingt den nächsten Ausdruck finden würde. Handel und Gewerbe sind eben auf Gedeih und Verderb" mit dem Bande verbunden, unlöslich mit ihm verknüpft.

Auch Handelsminister Möller, der nach Sir Thomas Barklay sprach, betonte den national- internationalen Cha­rafter des Handels, betonte besonders, daß der heimische Handel nur in guter Weltwirtschaftspolitik Gedeihen finden fönne, die freundschaftliche Verständigung zur unerläßlichen Boraussetzung habe.

Der Krieg in Oftalien.

Alles scheint darauf hinzudeuten, daß man in affer nächster Zeit von wichtigen Ereignissen zur See hören wird. Die Japaner entwickeln im Geheimen ungemeine Rührigkei und die Russen geben ihnen nichts nach.

Die Ausfahrt des dritten russischen Geschwaders

bat früher, als man gedacht, stattgefunden. Vor seinem Aus.

laufen aus dem Hafen von Libau wurde die gesamte Flotte noch vom Großfürsten Alexis und dem Verweser des Marine­ministeriums Admiral Birilew besichtigt. Der Kreuzer Wladimir Monomach" verließ zuerst mittags den Hafen, abends war die Ausfahrt des ganzen Geschwaders beendet. Der Eisbrecher Jermaf" hielt den Weg durch das Eis offen. Zwei dänische Torpedoboote erwarten das Geschwader bei Gjedser und begleiten es durch die dänischen Gewässer.

Bei den Hauptarmeen am Schaho hat eine neue Offensive der russischen Kavallerie eingesetzt. Das Ziel der Bewegung richtet sich anscheinend wieder auf die Umgebung des japanischen linken Flügels. Man schätzt die russischen Truppenmassen auf 9000 Reiter mit Geschützen. Sie standen am 14. Februar etwa dreißig Meilen westlich von Liaojang. Die Bewegung begann west­lich von Tschitaitsu. Eine Kavallerieabteilung rückte nach Laohunschi vor; gleichzeitig näherte sich eine andere Abtei­lung Tacha, das dreizehn Meilen südwestlich von Tschitaitsu und siebenundzwanzig Meilen westlich von Liaojang gelegen ist. Später rückte die gesamte Streitmacht mit Artillerie eine Meile unterhalb Tacha an den Fluß heran und suchte um 6 Uhr abends diesen zu überschreiten. Die Errichtung von Verteidigungswerken bei Heifoutai schreitet fort. Die Russen beschießen noch das Zentrum von Marschall Oyamas Stellung.

Russische Anschuldigungen gegen Japan.

Die russische Regierung hat wieder einmal einen Protest gegen das Verhalten der Japaner eingelegt. Der russische Gesandte in Peking Lessar telegraphierte nämlich am 11. Je­bruar, die Japaner versuchten durch Verfolgungen Privat­leute in Port Arthur zum Verlassen der Stadt zu zwingen, um das Eigentum derselben in Besitz nehmen zu können. Auch über die Behandlung der Verwundeten und Kranken durch die Japaner flagen die Russen. Der russische Konsul in Tschifu, dem die Absicht der Japaner befannt wurde, über 2500 in Genesung begriffene Verwundete und Kranke von Port Arthur nach Tschifu transportieren zu lassen, hat Schritte getan, um dieser Absicht entgegenzutreten, weil in Tschifu alles für Kranke Notwendige gänzlich fehlt, und hat darauf hingewiesen, daß die Kranken vielmehr sofort auf eigens zu diesem Zweck eingerichteten Dampfern nach Ruß­land gebracht werden müßten.

Ein eigenartiger Briefwechsel

hat zwischen den kriegführenden Parteien stattgefunden. Die Petersburger Telegr.- Agentur meldet aus Huanichan: Wäh­rend der drei letzten Wochen warfen die Japaner Briefe in unsere Stellungen, in denen sie unter großen Uebertrei­bungen Mitteilung von den Vorgängen im Innern Ruß­lands machten, die Zustände in Japan priesen und die Sol­daten aufforderten, sich zu ergeben. Auch wurden Ansichts­farten aus Japan beigefügt, auf denen die Lage der russi­schen Kriegsgefangenen anschaulich gemacht wird. Um dem Einhalt zu gebieten, wurden russischerseits an die Japaner Briefe geschickt, in denen es heißt: Wir sind erstaunt, daß Ihr unmilitärische Mittel anwendet, wir kennen nur ein Mittel, den Kampf. Was die Gefangenen anlangt, so könnt Ihr beruhigt sein. Sie sind gut aufgehoben, und denken nicht daran, zu Euch zurückzukommen und gehen lieber nach Rußland, während die in Euren Händen befindlichen Ge­fangenen nicht einen Augenblick zögern würden, nach Ruß­land zurückzugehen. Wir wollen uns nicht in politische An­gelegenheiten mischen, wir haben nur eine Pflicht gegenüber unserm Kaiser und Vaterland zu erfüllen.

General Stössel

und 537 russische Offiziere und Mannschaften der Besatzung von Port Arthur sind von Port Said an Bord des Dampfers St. Nikolaus" nach Odessa abgereist.

Prinz Friedrich Leopold von Preußen

hat sich gestern nach Petersburg begeben, nachdem er vorher bom Kaiser empfangen worden war, und wird nach einer Audienz beim Zaren über Berlin- Genua die Ausreise zur See nach dem fernen Osten antreten. Zunächst begibt sich der Prinz nach Tientsin, macht dann einen Besuch am Hofe zu Pefing und wird dann zum mandschurischen Kriegsschau­plaz abgehen.

Die Politik.

und bis auf weiteres mit der Fortführung der Geschäfte be­traut worden ist. Der schwierigere Teil, die Ernennung eines neuen Ministeriums, steht noch aus. Kaiser Franz Jo­sef empfängt fast täglich andere Staatsmänner, die ihm Be­richt über die Lage erstatten und ihre Meinung über die ein­zuschlagenden Schritte vortragen sollen.

Dem Reichstag ist eine Petition des Verbandes deutscher Schuhwarenhändler zugegangen, die um Abänderung des Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs bittet. Das Ersuchen geht auf Verbot eines Ausverkaufs, wenn der Geschäftsinhaber nicht mindestens ein Jahr lang Gewerbe­steuer gezahlt hat, auf Verbot des Warennachschubs bei Aus­berfäufen, auf Aufnahme eines genauen Verzeichnisses der auszuverkaufenden Waren, auf Zulassung von Konkurs­massenausverkäufen nur durch den Verwalter der Konkurs­masse, auf Festlegung der Höchstdauer des Ausverkaufs und af strafrechtliche Verfolgung der Scheinausverkäufe.

Oefterreich- Ungarn.

Die ungarische Minstierkrisis ist zu einem ersten, vor­läufigen Abschluß gekommen: Das Amtsblatt in Budapest aibt bekannt, daß das Kabinett Tisza seines Amtes enthoben

frankreich.

* Der französische Kolonialbeamte, von dessen in Paris erfolgter Verhaftung wegen im Tropenkoller" begangener Verbrechen wir Meldung gemacht haben, muß ein recht selt­samer Kulturträger" gewesen sein und gleichwertige Ge­nossen unter seinen Amtskollegen gehabt haben. Nach der Feier des Nationalfestes am 14. Juli v. J. soll er im Verein mit anderen Beamten in der Nähe von Brazzaville in Fran­zösisch- Kongo einem gefesselten Eingeborenen eine Dynamit­patrone in den Mund gesteckt und die Patrone zur Explosion gebracht haben. Ferner wird Toquet, so heißt der barbarische Held, beschuldigt, einen Neger enthauptet, aus dessen Kopf eine Suppe gekocht und diese den Angehörigen des Getöteten borgesezt zu haben. Die Untersuchung ist gegen Toquet und drei Mitschuldige eingeleitet.

Amerika.

Der Präsident Castro von Venezuela zeigt sich den Ver­einigten Staaten gegenüber jetzt genau so widerspenstig, wie früher gegen europäische Mächte. Er hat das Gericht dazu gedrängt, die unbeweglichen Güter der amerikanischen As­phaltgesellschaft unter Sequester zu stellen. Die amerika­nische Kolonie in Caracas ist darüber in begreiflicher Er­regung.

Zu den bestfundierten und mächtigsten Trusts Ameri­tas gehört die Standard Oil- Company, die fast die gesamte Petroleumproduktion der Neuen Welt kontrolliert". In Kansas hat man den Versuch gemacht, durch Errichtung der staatlichen Betroleumraffinerie in Peru das tatsächliche Monopol der Standard Oil- Company zu brechen. Das Re­präsentantenhaus von Kansas hat nun beschlossen, und der Gouverneur ist dem Beschluß beigetreten, den Betrieb der staatlichen Raffinerie durch Sträflingsarbeit zu gestatten.

Hof und Gesellschaft.

Der Kronprinz des Deutschen Reichs genießt, bont Wetter freilich noch nicht sonderlich begünstigt, die Lage des Zusammenseins mit seiner Braut, der Herzogin Cecilie von Mecklenburg, auf das angenehmste und glück­lichste. Nur selten bisher vom Publikum erkannt, bewegt sich das junge fürstliche Baar mit seinem wenig zahlreichen Gefolge ungeniert und nicht durch müßige Neugier behelligt burch die Straßen von Florenz und ist, wenn die Sonne es er­laubt, auch hin und wieder auf einer Spazierfahrt im offenen Wagen in den Cascinen zu erblicken. Das Frühstück wird meist im Grand Hotel, wo die Herzogin Cecilie mit ihrer Ehrendame, Frau von der Schulenburg, und ihrer Gesell­schafterin Miß King wohnt, eingenommen, und die Abend­stunden werden oft durch gemeinschaftliches Musizieren aus­gefüllt, indem der Kronprinz die Geige spielt und seine junge Braut ihn am Klavier begleitet. Die Mutter der Herzogin Cecilie wird in den nächsten Tagen aus Cannes erwartet.

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*** Die Verlobung des jungen Herzogs von Sachsen- Koburg und Gotha wird amtlich bekannt gegeben. Die Braut ist Prinzessin Viktoria Adelheid, die älteste Tochter des Herzogs Friedrich Ferdinand zu Schles­wig- Holstein- Sonderburg- Glücksburg.

Der fürstliche Verlobte ist erst 20 Jahre alt. Er wurde am 19. Juli 1884 als Sohn des am 28. März 1884 ver­storbenen Herzogs von Albany, des jüngeren Bruders des Königs von England, und der Prinzessin Helene zu Waldeck und Pyrmont geboren. Infolge des Todes seines Oheims, des Herzogs Alfred von Sachsen- Koburg und Gotha, ehe­maligen Herzogs von Edinburg, gelangte er zur Thronfolge. Am 19. Juli d. J., dem Tage seiner Volljährigkeit, wird der junge Herzog die Regierung seines angestammten Herzog­Dims, dessen Regentschaft bis dahin der Erbprinz von Hohen­lohe Langenburg führt, übernehmen. Der junge Herzog hat eine deutsche Erziehung genossen. Zusammen mit dem Prin­sen Eitel Friedrich von Preußen hat er die Bonner Univer­sität besucht und war dort, wie der Kaisersohn, ebenfalls ein flotter Korpsstudent. Noch dieser Tage nahm er an studentisch in Karnevalsatifzügen in seiner alten alma mater teil.

Tie Braut des Herzogs, Prinzessin Viktoria Adelheid von Schleswig- Holstein- Sonderburg- Glücksburg, wurde am 31. Dezember 1885 als Tochter des Herzogs Friedrich Ferdi­nand und der Prinzessin Karoline zu Schleswig- Holstein auf Schloß Glücksburg geboren. Herzog Friedrich Ferdinand ist der ersie Anwärter auf den oldenburgischen Thron, nachdem de Kaiser von Rußland zu seinen gunsten auf die russischen Ansprüche auf den Thron verzichtet hat. Der Oldenburger Landtag hat trotz des Protestes des Herzogs Ernst Günther Schleswig- Holstein- Sonderburg- Augustenburg die Thron­folgefrage zu gunsten des Herzogs Friedrich Ferdinand ent­schieden.