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Freitag, den 11. August 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
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Der Kaifer an die Oftmark.
Die Rede, die Kaiser Wilhelm am Mittwoch in Gnesen gehalten hat, ist eine Kundgebung von hoher Bedeutung. Sie begann mit einem Dank an die Bewohner der Stadt und der ganzen Provinz, die ihre freudige Liebe zum Herrscherhaus so spontan und in so erquicklicher Weise befundet haben. Schon in diesen einleitenden Worten wurde mit besonderer Hervorhebung der Ansiedler gedacht, durch deren Arbeit sich in der Ostmark deutsche Kultur so brav und mutig, wenn auch schwer und langsam Bahn bricht".
Hatte der Kaiser mit ermunternden Worten der AnsicdTer gedacht, die aus landschaftlich und wirtschaftlich bevorzugteren Provinzen nach dem Osten gekommen, um dort dem Deutschtum neue Kraft zuzuführen, so war die natürliche und notwendige Ergänzung die dringende Mahnung an die im Osten ansässigen Deutschen, das Verbleiben und Ausharren an dem Ort ihrer Ansässigkeit als eine nationale Pflicht zu betrachten.„ Wer als Deutscher ohne Grund seinen Besiz im Osten veräußert, der versündigt sich an seinem Vaterland; welch Standes und welch Alters er auch sei, er muß hier aushalten!" Der Kaiser hat volles Verständnis für die natürliche Neigung, erworbenen Vermögens in schönem Lande genießend sich zu erfreuen. Doch die Pflicht gegenüber dem Vaterland und dem Deutschtum muß auch berech= tigter Neigung vorangehen. Der Deutsche in der Ostmark gleicht einem Posten, der auf Wache steht: er darf den Posten nicht verlassen.
Unmöglich für den Kaiser, der Deutschen in der Ostmark, der längst Ansässigen und der neu zugezogenen, zu gedenken, ohne ein Wort auch für seine Untertanen polnischer Zunge zu haben. Es war ein freundliches, herzlich mahnendes Wort, das selbst ein starres Herz bewegen mag. Gleichsam entschuldigend und jedenfalls nur mit sanftem Tadel erwähnte der Kaiser, daß manche seiner polnischen Untertanen noch immer nicht im klaren darüber seien, ob sie Schutz und Recht unter dem Hohenzollern- Banner finden. Der Kaiser ließ gelten, daß eine leicht angeregte Phantasie im Verein mit der Pflege geschichtlicher Erinnerungen ein begeistertes Gemüt zu falschen Schlüssen führen könne. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, hob dem gegenüber der Kaiser hervor: es solle ein jeder katholische Pole wissen, daß seine Religion vom Kaiser geehrt, daß kein katholischer Pole bei der Ausübung seiner Religion in irgend einer Weise gestört wird, und daß alle Teile Ehrfurcht und Achtung vor den anderen Konfessionen zu bewahren haben.
Allen Katholiken, den polnischen wie den deutschen, machte der Kaiser eine Eröffnung, die großen und nachhaltigen Eindruck nicht verfehlen wird. Er erzählte von seinem legten Besuch bei dem greifen Papst Leo XIII., wie der Papst ihm den Segen erteilte, des Kaisers beide Hände faßte und das Versprechen gab:
sch gelobe und verspreche Guerer Majestät im Namen aller Katholiken, die Ihre Untertanen sind, sämtlicher Stämme und jedes Standes, daß sie stets treue Untertanen des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen sein werden."
D: Kaiser wandte sich speziell an die Herren vom Domfapitel, um ihnen die Pflicht zu Gemüte zu führen,„ das hohe Wort des großen priesterlichen Greises zur Wirklichkeit zu machen, auf daß dieser nicht dereinst noch nach dem Tode wortbrüchig werde dem Deutschen Kaiser gegenüber".
Die Rede des Kaisers schloß mit den Worten:„ Deutschtum heißt Kultur, Freiheit für jeden, in Religion sowohl als auch in Gesinnung und Betätigung."
Das sind goldene Sprüche. Polen wie Deutsche sollten sie sich tief einprägen und im Herzen tragen, um immer und überall danach zu handeln. Dann wird Frieden sein im ganzen Reich und Eintracht in den Ostmarken, und in jeder Zunge wird der Preis des Kaisers erklingen, dessen Herz mit gleicher Liebe alle seine Untertanen umfaßt, und nur eine Gerechtigkeit kennt für alle Bürger seines Landes.
Nichts Schönd es kann man sich denken, als daß die höchste kirchliche Autorität des katholischen Teiles der Bebölkerung sich als Bürgen und Gewährsmann anbietet für die Untertanentreue der seiner glaubenshirtlichen Leitung unterstehenden Gemeinschaft gegenüber dem protestantischgläubigen Kaiser.
Die Friedensverhandlungen.
An den Verhandlungen nehmen nach der in der ersten Sigung geschehenen Vereinbarung teil: Witte und Rosen, Nomura und Takahira, ferne: Plankon, Nobofhoff, Korostubes, Sato, Ptchiai und Deitchi, also je fünf Russen und Japaner. Dem Portsmouther Korrespondenten des„ Matin" er
Doepfer ift bom 11. bi lärte der japanische Deputierte Matsumoto, daß Komura b in dieser Zeit von dem nicht weniger als 2½ Milliarden Kriegskosten fordern werde;
n Beter vertreten.
1905.
Herei Gießen.
ohnehin habe Komura heftig gegen die öffentliche Meinung in Japan anzufämpfen, welche das Doppelte verlange; sollten die 2½ Milliarden nicht bewilligt und die bedingungslose Abtretung der Insel Sachalin verweigert werden, so würde die Konferenz als beendigt anzusehen sein und Marschall Oyama aufs neue die Offensive beginnen. Im Ver
Taufe verschiedener Privatgespräche soll Witte geäußert haben, daß er der Zahlung einer Kriegsentschädigung energischen Widerstand entgegensetze. Berichte aus japanischen Kreisen besagen aber, daß auch die mildesten Bedingungen eine Entschädigung für die ungefähren Kriegskosten Japans enthielten, welche auf 600 bis 800 Millionen Dollars geschätzt werden.
Der eigentliche Besitzer der Mandschurei, China, will jedenfalls bei den Verhandlungen nicht vergessen werden. Die Konferenzen, welche Präsident Roosevelt mit Pierpont Morgan und dem chinesischen Gesandten abhält, betreffen die Hankow- Bahn. China will die Konzession für diese Rinie zurückkaufen und bietet sechs Millionen. Morgan ist gegen den Rückauf, Roosevelt soll ihn jedoch befürworten, um durch dieses Entgegenkommen die Aufhebung des chinesischen Boykotts gegen amerikanische Waren zu erreichent.
Ob und inwieweit auch direkte Wünsche Chinas an den Friedenskongreß gelangt sind, ist nicht bekannt. Jedenfalls macht man sich in Amerika mit einer längeren Dauer der Verhandlungen vertraut.
*
Die Japaner haben den russischen Kreuzer, Warjag", der oor Tschemulpo gesunken war, flott gemacht. Laut Mitteilung des Marinedepartements in Tokio ist der Kreuzer Warjag" am Dienstag nachmittaa achoben worden. Die Mitteilung wurde in Japan angesichts der Schwierigkeit der Flottmachung mit großer Freude aufgenommen. Vizeadmiral Kataoka meldet, doß er ein Geschwader nach Kamschatfa und ein anderes nach Ochotsk aesandt habe. Beide Geschwader seien jetzt mit der Ausführung ihrer Operationen beschäftigt.
Politifche Rundschau.
Deutfches Reich.
* Die Abfahrt der deutschen Reichstagsabgeordneten nach Kamerun ist nunmehr auf dem Dampfer„ Eleonore Wörmann" von Hamburg aus erfolgt. An Bord befinden sic) die Reichstagsabgeordneten Frhr. v. Richthofen, v. Böhlendorff, Arendt, Hagemann, Günter, Fries, Semler, Goller und Storz. Anßerdem macht der Eisenbahnbau- Unternehmer Geheimrat Leng die Fahrt nach Togo und Kamerun mit. Vor der Abfahrt fand an Bord ein Festmahl statt, zu dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, Präsident des deutschen Kolonialvereins, Bürgermeister Burghard, Dr. Scharlach und andere Kolonialfreunde erschienen waren. Redakteur Koehn von den„ Hamburger Nachrichten" macht die Fahrt ebenfalls mit.
* Ausländische Blätter versuchen gegenwärtig wieder einmal, Unzufriedenheit mit der Angabe zu erwecken, der Sultan von Marokko habe in Deutschland eine Anleihe aufgenommen und zwar in Höhe von 21 Millionen Mark. In Berliner Finanzkreisen wollte man wissen, der sich in Geldverlegenheiten befindende Sultan habe bei deutschen Banfen ein Darlehen von 10 Millionen Mark gesucht und erhalten. Die deutsche Regierung habe die französische sofort über den Charakter dieses Darlehens aufgeklärt und mitgeteilt, daß dafür feinerlei politische oder wirtschaftliche Vorteile ausbedungen sind. Es haften für das Darlehen Grundstücke, die der Sultan verpfändet hat. Dagegen wurde im Pariser Ministerium des Aeußeren erklärt, daß nichts welchen von einem Zehn- Millionen- Vorschuß bekannt ist, deutsche Banken auf dem Maghzen gehörige Grundstücke geleistet haben sollen. Die französische Regierung wisse, daß die deutsche Regierung seit Beginn der Verhandlungen über die Marokko- Konferenz feinen Schritt unternahm oder begünstigte, welcher als politischer oder finanzieller Vorteil ge deutet werden könnte. Die Beziehungen zwischen der deutschen und französischen Regierung sind andauernd ange= nehme.
* Der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag wurde gestern in Köln unter Anwesenheit von Vertretern des Reichs und der Bundesstaaten eröffnet. Die Eröffnung nahm der Vorsitzende der Handwerkskammer in Hannover, Plate, vor Besonderes Interesse werden die Beschlüsse über den Befähigungsnachweis beanspruchen.
*
Die Unruhen, die sich unter den Eingeborenen von Deutsch- Ostafrifa zeigten, haben Veranlassung zur Absendung des Tampfers Bussard" von Daressalaam nach Lindi und Kilwa gegeben. Beide Höhen liegen im Küstengebiet der Matumbiberge. Nach einem Telegramm des kaiserlichen Gouverneurs von Deutsch- Ostafrika hat Major Johannes, der inzwischen in den Matumbibergen eingetroffen ist, gemeldet, daß keinerlei Grund zu Besorgnissen wegen Ausbreitung der Unruhen vorhanden sei. Zwei Rädelsführer sind ohne Verluste gefangen genommen worden. Ee scheint also, daß die anfängliche Erregung über den unver= muteten Ausbruch einer Eingeborenenbewegung in den bisher friedlichen Gebieten von Deutsch- Ostafrika ruhigen Erwägungen Platz machen darf.
* Die Nachweisung über den Stand der Invalidenrenten, die das Reichsversicherungsamt veröffentlicht, läßt durchaus günstige Schlüsse zu. Die Zahl der im zweiten Vierteljahr anerkannten Rentenansprüche ist höher als für Januar bis März dieses Jahres nämlich 33 033 gegen 32 554. Die
neuen Renten, deren Zahl im Jahre 1900 unter der Wirkung der am 1. Januar in Kraft getretenen Novelle von 96 665, einschließlich der bis dahin noch nicht besonders aufgeführten Kranfenrenten in Fällen vorübergehender Erwerbslosig feit, auf 125 739 emporgeschnellt war und dann weiter auf 130 480 im Jahr 1901, 142 780 im Jahr 1902 und 152 871 im Jahr 1903 stieg, waren im folgenden Jahr um 8% Prozent auf 140 122 und damit unter die Ziffer des Jahres 1902 gejunken. Der Markenerlös der Invalidenversicherung in den Monaten April bis Juni d. Is. hat eine sich ziemlich gleichmäßig über das ganze Reich erstreckende verstärkte Zunahme gezeigt., Diese Erhöhung der Einnahmen ist auch deshalb erfreulich, da sie auf eine bessere Gestaltung des Arbeitsmarktes hinweist.
Schweden.
** Ministerpräsident Lundeberg erklärte in einer Unterredung über den Unionsstreit, die Einberufung eines außer= ordentlichen Reichstages hänge davon ab, ob von Norwegen nach der Volksabstimmung das Verlangen nach Verhandlungen gestellt wird und diese Verhandlungen zu einem befriedigenden Ergebnis führen. Der Reichstag habe sein Programm aufgestellt, das nichts anderes als billige Bedingungen für die Auflösung enthalte, und die schwedische Regierung werde ihre Aufgabe im Sinne des Reichstages aus. führen. Falls die Norweger Entgegenkommen zeigter. werde die Lösung der schwebenden Fragen in günstigeur Sinne vor sich gehen.
Rufeland.
** Die Unruhen im Polenischen nehmen wieder in starkem Maße zu. Anläßlich der Hinrichtung eines Rebolutionärs fam es in Warschau zu großen Unruhen, beson ders im Judenviertel. Die Polizei entdeckte eine Waffenniederlage und nahm viele Verhaftungen vor. Ein Kellner in einem Restaurant, der als Spigel gilt, wurde durch Revolverschüsse schwer verwundet, ebenso drei Polizisten. In den Provinzstädten wurden Raubanfälle auf die Kreis. fassen berübt; dabei wurden auch Bomben geworfen. In Opatow wurden 20 000 Rubel geraubt, auf seiten der Wächter gab es Tote und Verwundete. In der Kreis. stadt Riola ist eine große Feuersbrunst ausgebrochen.
Alien.
** Neue fremdenfeindliche Kundgebungen in China haben stattgefunden. Aus Kaifengfu in der Provinz Honan wird berichtet, daß die dort stehenden kaiserlich chinesischen Truppen gemeutert und sich dem christenfeindlichen Pöbel angeschlossen haben. Die Meuterer, deren Zahl auf 2000 geschätzt wird, haben Suitschianghsien genommen. Die Regierung in Peking sendet Truppen gegen sie aus.
Hof und Gefellschaft.
** Der Kaiser wurde bei seiner Ankunft auf dem Bahnhofe Wilhelmshöhe von der Kaiserin und der Prinzessin Victoria Luise empfangen und begab sich unter den begeisterten Ovationen der zahlreichen Menschenmenge nach dem Schlosse. Der Kaiser hat sich in Bosen zum Chef des Regiments Jäger zu Pferde Nr. 1 ernannt und dem Regiment seinen Namenszug verliehen.
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Der Besuch des Königs Alfons von Spanien in Berlin ist bis zum November verschoben.
Soziales Leben.
Drohender Streit der Berliner Gasarbeiter. In der legten Generalversammlung des Verbandes der städtischen Arbeiter in Berlin wurde mit aller Bestimmtheit erklärt, daß ein Massenstreik der Gasarbeiter der Stadt Berlin in Aussicht stehe, wenn die Direktion de Gaswerke nicht bald den Achtstundentag, der bereits in einer Reihe deutscher Städte eingeführt sei, bewilligen werde. Die Vorbereitungen dazu seien in vollem Gange.
Lohnstreitigkeiten in der englischen Baumwollindustrie. In Heywood, Grafschaft Lancaster, kündigten 2000 Baumwollarbeiter an, sie würden am 16. August in den Ausstand treten, falls sie nicht eine fünfprozentige Lohn erhöhung erhielten. Der Arbeitgeberverband verhält sich ablehnend. Man befürchtet den allgemeinen Ausstand.
Beendete Lohnbewegung in Solingen. Für den ganzen Kreis Solingen ist die Lohnbeweoung im Baugewerbe durch Abschluß eines Tarifvertrages beendet worden. Die Bauarbeiter forderten eine Lohnerhöhung von 5 Pfg. pro Stunde. Nach dem Tarifvertrage erhalten die Maurer nun vom 18. August ab eine Lohnerhöhung von 50 Pfg. auf 52 Pfg. und vem 1. April 1906 ab 54 Pfg., die Handlanger vom 18. August ab statt 42 Pfg. 44 Pfg. und zum 1. April 1906 46 fg. Stundenlohn.
Günstige Zeichen im sächsisch- thüringischen Textilgewerbe. In Glauchau haben Einigungsverhandlungen zwischen den Vertretern von sieben Fabrikbetrieben und 15 Vertretern der Arbeiter unter dem Vorsitz der Bürgermeister von Glauchau und Meerane stattgefunden. Das Er. gebnis berechtigt zu der Hoffnung auf sofortigen Frieden, da die Arbeitervertreter ihren Auftraggebern Vergleichsvorschläge zur Annahme empfehlen wollen. Die Firma


