Ausgabe 
8.6.1905 Erstes Blatt
 
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1905.

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Jean Arnold,

Schiptapak, Gießen.

132

Mittwoch en 7 Juni

195.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

30- C

Gießener Neueste Nachrichten.

Bab Bastag bar Cheer Berlagsbruderet, vorm. Bil, Reller'sche Buchbenderet( gegs. 1789); verantwortlich: Ibin Rlets,

( 23. Fortseßung.)

Aus Leidenschaft

Kriminal- Roman von Reinhold Ortmann

Margarete, die sich nicht frei von Selbstvorwürfen fühlte, war von diesem Brief sehr schmerzlich berührt; ihre Schwe­ster aber hatte ihn mit lebhafter Freude gelesen, denn erst jezt war sie wirklich ihrer Stetten ledig und brauchte sich nicht mehr vor einer erzwungenen Rückkehr in die alte, verhaßte Knechtschaft zu fürchten. Ihre Befriedigung wurde vollends zu lautem Jubel, als Frau von Gilsa, die ja über alle Ein­zelheiten ihres vergangenen Lebens genau unterrichtet war, ihr eines Tages eröffnete, daß Professor Bertolini, der beste und gesuchteste Gesanglehrer Münchens, sich bereit erklärt habe, sie unter seine Schülerinnen aufzunehmen, wenn ihre Stimme wie ihre sonstigen musikalischen Anlagen einen gün­stigen Erfolg versprächen. Das Ergebnis der Prüfung war dann troß der erklärlichen Beklommenheit des junen Mäd­chens ein über Erwarten günstiges gewesen, und nun war sie schon seit einer Woche mitten im eifrigsten Studium, das sie trog der langweiligen Einförmigkeit der von ihrem strengen Lehrer verlangten Uebungen über die Maßen froh und glück­lich machte. Davon, daß Signor Bertolini gewohnt war, für seinen Unterricht wahrhaft fürstliche Honorare zu for­dern, und daß er der reichen Frau von Gilsa gegenüber von dieser Gewohnheit sicherlich nicht abgewichen war, ahnte sie zwar in ihrer halb kindlichen Unerfahrenheit nichts; aber die Ta. barkeit und beinahe abgöttische Verehrung, mit der fie an der gütigen Matrone hing, hätte schwerlich größer sein können, wenn sie es gewußt hätte. So rührend waren in ihrer naiven Aufrichtigkeit die Kundgebungen ihrer Liebe für die Mutter des unglücklichen Malers, daß die alte Dame sich in der Tat reich belohnt fühlen mußte für das bei ihrer Vermögenslage immerhin nur geringfügige Opfer.

In Herberts Atelier hatte Jenny seit jenem ersten Be­such keinen weiteren Blick werfen dürfen. Es blieb ver­schlossen wie zuvor, und sie hatte von außen gesehen, daß die breiten Fenster wieder dicht verhängt waren. Ihre lebhaffe Einbildungskraft erfüllte diesen verbotenen Teil des Hauses jetzt mit allerlei phantastischen Vorstellungen, und seitdem August Henning das versperrte Atelier ein Sterbezimmer

Katta

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Str. 133.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­hessen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

( Nachdruck verboten.)

dir einen Grund dafür angebe; denn denn ich wüße nicht, ihn dir zu nennen!"

Zärtlich und gleichsam um Verzeihung bittend, legte Frau von Gilsa die Hand auf die seine.

" 1

Du weißt, mein lieber Sohn, daß du nach meinem Willen nur das tun sollst, was dir selbst erwünscht und an genehm ist. Wir werden also von deiner Abreise erst wieder reden, wenn dir der rechte Zeitpunkt dazu gekommen scheint."

Ehrerbietig und dankbar führte er ihre Hand an seine Lippen; aber er erwiderte nichts, und seine Schweigsamkeil lag bedrückend wie zuvor auf der kleinen Tafelrunde. Da trat eines der Mädchen in das Speisezimmer und überreicht Herrn von Gilsa ein eben eingelaufenes Telegramm. Her bert erbrach es unter dem besorgt auf ihn gerichteten Blic der Mutter, und seine Augen öffneten sich weit, während er las. Er überhörte die Frage nach dem Inhalt der De. pesche, die Frau von Gilsa an ihn richtete, aber nachdem er ein paar Sekunden lang wie in völliger Erstarrung dage sessen, kam ein Schluchzen aus seiner Kehle, seine Schultern bebten, und es war ein so unsäglich schmerzlicher Ausdrud auf seinem Gesicht, daß Jenny bestürzt vor sich hin auf den Teller blickte, während Margarete weiß wurde wie das Damasttuch auf dem Tisch.

,, Herbert um Gottes willen, was ist's was steht in diesem Telegramm?" rief die alte Dame, die Anwesenheit der beiden Fremden völlig vergessend, in höchster Angst. Der Maler aber fuhr mit einem kurzen, schneidenden Auf­lachen, das unheimlich Klang wie das Lachen eines Wahn­sinnigen, von seinem Stuhl empor und schleuderte das Blatt auf den Tisch.

Lies selbst, Mutter! Aber nicht draußen bin. Und wenn du mich lieb he Laß mich nur jetzt nur jetzt allein mit dies große, unerwartete Glück!"

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Er stürzte hinaus, und es machte in einen Versuch, ihm zu folgen. Frau von& ternder Hand nach dem Telegramm, aber ihr von T fchleierter Prick fuchte umionit. die Buchstaben zu

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Donnerstag, den 8. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

rets: abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50.

: Oberhessische Familienzeitung( täglich) ießener Seifenblasen( wöchentlich).

fcheint an allen Werktagen nachmittags.

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Beifung)

ßen und Umgebung.

Oberhessen.

3 zweifelhaft. Vor Taaz sollen übrigens 1 italienische Kriegsschiffe liegen, deren 3 der dringenden Aufforderungen der ziehen, sich weigern, dies zu tun, ehe tuung für die kürzlich in Jemen erfolgte alienischen Untertanen erhalten hätten. diese Genugtuumg bei ihrer jetzigen nicht geben, und so befürchtet man in lich, daß die Italiener den Hafen von tieren werden.

Rufsland.

htbares Attentat gegen einen Polizei. iem Orte bei Riga verübt. Ein Poli­ährend des Gottesdienstes in der Kirche nit Revolverschüssen niedergemacht. Die

und Gefellschaft.

r besichtigte in Begleitung der Mitglie Sondermission und einer großen Anzahl tsfestlichkeiten hier anwesenden fremd­auf dem Truppenübungsplaße Döberik de- Ulanen- Regiment. An die Besichti­e Gefechtsübung, an der auch ein Ba­de- Grenadier- Regiments und Artillerie meisten fürstlichen Hochzeitsgäste sind oßherzog von Mecklenburg- Schwerin n Michael von Rußland hat der Kaiser euz des Königlichen Hausordens von

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unmehr die Festlichkeiten am Berliner Denkt man dort an die alljährlich vom ehmende Sommerreise. Wie es heißt,

14. Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weßlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Beratung der Geschworenen, die sich um 6 Uhr zurückgezogen hatten, dauerte knapp eine Stunde. Der von dem Obmann Bächter Weiß- Hof Graß, unter atemloser Spannung, berkündete Spruch der Geschworenen

lautete:

Der Angeklagte Oscar Hudde ist schuldig des Nanbmordes sowie des Einbruchsdieb stahls in fünf Fällen. Der Angeklagte Otto Walter des Einbruchsdiebstahls in zwei Fällen unter Versagung mildernder m stände.

Extra- Blatt.

Das Publikum, das Kopf an Kopf den Zuhörer­raum füllt, nahm den Wahrspruch auf Raubmord mit stürmischen Bravorufen auf. Der Vorsitzende rügte das scharf und ließ die Angeklagten hineinführen. Beide waren scharf in Ketten geschlossen. Hudde zeigte auch jeßt seine Staltblütigkeit, und verfolgte starren Blickes die Verlesung des Urteils, als er aber den Schuldspruch vernahm, wurde er ersichtlich bleich und atmete tief auf, zuckte aber mit feiner Wimper.

Gießen, 8. Juni, 8 Uhr abends.

Ober- Staatsanwalt Theobald beantragte gegen Hudde Todesstrafe und Aberkennung der Ehrenrechte und für die Diebstähle 15 Jahre Zuchthaus.

Gegen Walter unter Einrechnung der bereits gegen ihn erkannten Strafen eine Gesamtzuchthausstrafe von 8 Jahren, sowie 10 Jahre Ehrverlust und Zuläffig­keit der Polizeiaufsicht.

Die Geschworenen bejahten betr. Huddes sämtliche Schuldfragen. Das Gericht verurteilte Hudde wegen Raubmordes und schwerer Einbruchsdiebstähle zum Tode, 12 Jahren Zuchthaus, dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und Zulässigkeit der Stellung unter Polizei­aufsicht.

Keller'sche Druckerei, Gießen.