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Nr. 105.

Jnfertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­heffen, die Kreise Weßlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Rebattion u. Hauptexpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Freitag, den 5. Mai 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbellager: Oberbeffishe Familienzeitung( täglich) und die Gießener Grifenblasen( wöchentlich). Das Flatt eria cint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes

Bekanntmachung.

Die hiesige Volfsschule veranstaltet Sonntag, den 7. Mai, nachmittags 4 Uhr

in der Turnhalle des Turnvereins an der Nord­anlage eine

Schillerfeier.

Wegen Raummangel fönnen zu dieser Feier nur solche Personen zugelassen werden, welche eine besondere Einladungskarte erhalten haben.

Gießen, den 5. Mai 1905.

Mecum,

Der Schulvorstand:

Oberbürgermeister.

Hahn, Rektor.

Ein Hrbeiterfchutzkongrefs.

In kommender Woche tagt in Bern ein internationaler Arbeiterschußkongreß. Die Aufgaben, die er sich gestellt hat, werden vielleicht nicht sofortige Lösung finden; die Beratun gen aber werden deswegen gleichwohl nicht unfruchtbar sein. Auch das langsam fortschreitende Werk kommt zum gesegneten Ende.

Der erste internationale Arbeiterschußkongreß hat vor fünfzehn Jahren in Berlin stattgefunden. Das war auf besonderen Wunsch Kaiser Wilhelms geschehen. Aus De­ferenz für Kaiser Wilhelm hatte der schweizer Bundesrat, von dem bereits Einladungen zum Kongreß ergangen waren; auf den Vortritt zugunsten Deutschlands verzichtet. Hierin lag eine besondere Respektbezeigung für den jungen deutschen Kaiser und zugleich eine Huldigung für den alten deutschen Raiser, den damals erst seit zwei Jahren die Erde deckte und zu dessen schönsten Verdiensten die bahnbrechende Tätig­feit auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung gehörte. Wil­helm den Großen hat der pietätvolle Enkel den ersten deut­schen Kaiser genannt, nicht bloß um seiner kriegerischen Lorbeeren willen, nicht allein wegen des Siegerglanzes, der das ehrfurchtgebietende greise Haupt umschimmerte, sondern in dem gleichen Maße dafür, daß ihm vergönnt gewesen, nach seinem herrlichen Wort allezeit ein Mehrer des Reichs zu sein an Gaben des Friedens und der Gesittung". War der Krieg mit seinem Ruhm eine unentbehrliche Voraus­sepung für die Schaffung des Reichs, so bildet die Sozial­gesetzgebung ein vornehmstes Ruhmesblatt Kaiser Wilhelmis des Großen. Nicht die harte Notwendigkeit hat ihn geleitet, sondern das edle Herz, mitfühlende Gemüt und die weise Erkenntnis, die neue Wege zu finden wußte, auf denen es möglich war, altes Leid zu besiegen.

Es kann nichts Bezeichnenderes für den Enkel Kaiser Wilhelms des Großen geben, als daß er unmittelbar nach der pflichtmäßigen Erledigung seiner gewissermaßen per­sönlichen Einrichtungsarbeiten auf dem Thron, der Vor­stellung an den benachbarten und befreundeten Höfen, es sein erstes sein ließ, einen internationalen Arbeiterschußkongreß tach Berlin zu berufen. Und die Berufung war ihm nicht leicht gemacht worden. Fürst Bismarck hatte ihr nur ungern zugestimmt und auch dem Programm sich lebhaft widersetzt. Der Altreichskanzler wollte auf dem Gebiet der Sozialges/ 3= gebung nur in langsamstem Tempo weitergehen, erwartete bon internationalen Vereinbarungen fein Heil. Aus diesem Widerstreit der Meinungen, der ein Widerstreit der Weltan­schauungen war und nicht bloß an einem einzelnen Gegen­stand haftete, ist vielleicht der Konflikt hervorgegangen, der zur Verabschiedung des Fürsten Bismarck führte. Daß diese Konsequenz mit in den Kauf genommen wurde, läßt deut­lich erkennen, wie tief und innig unser Kaiser von der Not­wendigkeit einer Ausgestaltung der Sozialgesetzgebung aus breitester, internationaler Grundlage durchdrungen war.

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Eine Mobilmachung aller staatserhaltenden Kräfte war der Berliner internationale Arbeiterschußkongreß von 1890. Als er auseinandergegangen war, ohne Beschlüsse von so­fortiger Wirkung zu fassen, fehlte es nicht an Kritikern, die das ganze Beginnen als verfehlt tadelten. Sie fonnten das um so zuversichtlicher tun, da man ihnen nicht verwehren durfte, sich mit der Autorität des Fürsten Bismarck zu decken, der die Berufung des Kongresses nur ungern gesehen hatte. - Die Kritiker sind voreilig gewesen. Sie wollten die Ernte unmittelbar nach der Aussaat sehen, und sprachen von ver: geblicher Mühe, weil die Ernte sich nicht sofort zeigte. Und doch war die Aussaat nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Sie feimte und gedieh. Die deutsche Sozialgesetzgebung ist für die meisten Staaten vorbildlich geworden. Ueberall er­fannte man allmählich, daß sie der höheren Gerechtigkeit, d. i. der Billigkeit entsprach, daß ihre Grundlage die Sitt­lichkeit ist und die Menschenliebe, und daß in ihrer Folge wirtschaftliches Gedeihen einhergeht. Gegner der Sozial­gesetzgebung hatten vorausgesagt, daß die mit ihr verknüpfte schwere Belastung den deutschen Industriellen zum Wettbe­werb auf dem Weltmarkt unfäbia machen würde. Der

deutsche Industrielle hat durch die Tat das Gegenteil be­wiesen. Er trug die große Last, ohne an Kraft einzubüßen, ja seine Kraft erstarfte immer mehr. Jeßt erinnerten sich die Staaten der Lehren und Anregungen, die sie auf dem Ber­liner internationalen Arbeiterschußkongreß im Jahre 1890 erhalten hatten, und schufen bei sich Einrichtungen nach deut. schem Muster.

Das war ein Friedenssieg von weltenweiter Bedeutung. Der nächstwöchige internationale Arbeiterschußkongreß in Bern wird zur Fortführung des großen Werkes die weitere Anregung geben.

Der Krieg in Oftalien.

Zwar weiß man noch immer nicht, wo Roschdjestwensft sich aufhält, aber man glaubt, gute Gründe dafür zu haben daß er seine Vereinigung mit dem dritten baltischen Ge schwader unter Admiral Nebogatow bereits vollzogen hat.

Man schließt dies aus dem Umstand, daß Roschdjest wensky jetzt in Petersbung als Oberbefehlshaber der pazi sischen Flotte tituliert wird. Ob diese Folgerung gerecht. fertigt ist, muß sich erst zeigen.

Die letzten Nachrichten von Roschdjestwensky stammen vom Dienstag. Damals soll sich seine Flotte bei Port Deit, nördlich der Honkohebucht an der Ostküste von Anam befunden haben. Roschdjestwensky suchte dort einen exterritorialen Ankerplatz. Die Dampfer Eva", Dagmar" und Bourbon" waren dort ständig zwischen Saigon und den russischen Schiffen unterwegs, die sie mit Vorräten aller Art versorgten, so daß die russischen Schiffsdecke selbst mit Die an­Mehl, Reis, Speck und Gemüse beladen waren. fänglich ebenfalls sehr rege Lieferung von Wein und Schnaps hörte später plötzlich auf.

Vom Landkriegsschauplak

wird berichtet, daß die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten in baldiger Aussicht steht. Oyama habe alle Ursache, Wladi­mostok unverzüglich zu belagern. Er verfüge jetzt über 625 000 Mann, mobon 100 000 über Sorea auf Wladiwostok marschieren, 150 000 die japanischen Verbindungen hüten und 375 000 Linewitsch gegenüberstehen.

Die ruff.fchen flottenbauten.

Berlin, 4. Wi

Die russische Regierung scheint gewillt, in dem Kriege mit Japan die gleiche Ausdauer zu bewähren, die England im Transvaalfrieg gezeigt hat, ein zweites und selbst ein drittes Jahr die Opfer zu bringen, die ein Feldzug auf fernen: Ge biet erfordert. Man kann das aus der Aufmerksamkeit schließen, die von der leitenden Stelle mehr als je zuvor der russischen Flotte und ihrer Erneuerung zugewendet wird. Denn durch die Flotte allein kann Rußland zum Siege fom men. So lange Japan das Meer beherrscht, so lange ist e auch zu Lande im Vorteil, weil es jederzeit schnell und siche jeden erforderlichen Nachschub an Mannschaften und Muni tion heranholen kann, während Rußland auf das einzige Geleise der sibirischen Bahn angewiesen ist. Ist aber eine russische Flotte vorhanden, die mit Wladiwostok als Ctüß. punkt die Verbindung der Japaner mit der Heimatinsel be droht, so sind die Dinge völlig zu Rußlands Gunsten ver schoben. Daraus erklärt sich, daß man in Rußland inmei neue Schiffe baut und weitere Flottenbauprojekte hegt.

Freilich arbeitet auf diesem Gebiet die Phantasie schneller und eine Phantasteflotte ist es, von deren Schaffung neuer dings die Rede gewesen ist. Nicht weniger als 8 Linienschiff der Slawa"-Klasse, 8 der neuen Imperator Paul I.". Klasse, 6 Panzerfreuzer, 6 geschüßte Kreuzer, 250 Tor, edo: boote, 10 Streuminendampfer und 4 Werkstattschiffe sollten in Angriff genommen werden. Die Wirklichkeit ist viel be: scheidener, aber immerhin verdient die Rührigkeit der russi­schen Admiralität Anerkennung. Tatsächlich sind 3 Panzer. freuzer, 4 Kanonenboote, 10 Flußkanonenboote, je 2 Tor. pedobootszerstörer von 580 und 300 Tonnen, 29 Torpedo. bootszerstörer von 350 Tonnen, 1 Minenschiff von 300 Tonnen und 10 Wachtboote von 35 Tonnen auf Staatskosten im Bau. Dazu kommen 18 Torpedobootszerstörer von 500 bis 825 Tonnen, die für freiwillig gespendete Gelder im Bau sind. Bei diesen Bauten allen handelt es sich zumeist um den Ersatz solcher Schiffe, die bisher im ostasiatischen Kriege verloren gegangen sind. Der Ueberschuß liegt allein in der großen Zahl der Torpedobootszerstörer, die meist schon längere Zeit in Arbeit sind und deren Fertigstellung dadurch beschleunigt wird, daß man in einer die Neutrali­tätsvorschriften nicht verlegenden Form ganze Teile vom Ausland bezieht. Demnach ist zu erwarten, daß in sehr furzer Zeit eine neue und sehr stattliche russische Torpedo­bootflottille bereit sein wird.

Das Linienschiff Imperator Paul I.", das man irriger weise zu dem pazifischen Geschwader gerechnet hat, das sich zur Abfahrt aus der Ostsee nach Ostasien rüstet, ist mit seinem Schwesterschiff Andrei Perwoswanni" noch im Bau. Bei­des werden Schlachtschiffe von 17 000 Tonnen mit je 4 Stüd 30,5 Zentimeter-, 12 Stück 20,3 Zentimeter-, 20 Stüc 7,5 Zentimeter- und 26 Stück Maschinenkanonen kleineren

Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Kalibers und mit starker Panzerung. Damit werden sie den japanischen Linienschiffen überlegen, die nur je 4 Stück 30,5 Zentimeter-, 14 Stück 15 Zentimeter- und 20 Stück 7,6 Zentimeter- Kanonen haben.

Die Politik.

A Ueber die handelspolitischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reiche einerseits, den Vereinigten Staaten von Amerika und Spanien andererseits, berieten die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft. Den baldigen Abschluß eines Handelsvertrages mit Spanien hielt man für wünschens vert, während die Versammlung von einer Stellungnahme hinsichtlich der Vereinigten Staaten vorläufig absah. Die Newyorker Produktenbörse hat das Staatsdepartement er sucht, wegen des neuen deutschen Zolltarifs vorstellig zu werden.

Die in Freiburg i. B. gepflogenen Verhandlungen über die Betriebsmittelgemeinschaft der deutschen Eisenbahnen haben den günstigsten Verlauf genommen. In den wich. tigsten Fragen erzielte man Uebereinstimmung. Die Re jultate sollen der zu Ende dieses Monats abzuhaltenden Konferenz sämtlicher Regierungsvertreter zu weiterer Be catung und Beschlußfassung vorgelegt werden.

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Die Regelung der Berggesetzgebung auf reichsgesetz lichem Wege will das Zentrum verlangen. So erklärte der Abgeordnete Bachem auf dem Parteitag der rheinischen Zentrumspartei in Düsseldorf, da die jetzt vorliegende Kom missionsfassung der Berggeseẞnovelle ungenügend sei,

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Als neuer Reichsgerichtspräsident ist Freiherr Rudols oon Seckendorff zum Nachfolger des jüngst verstorbenen Reichsgerichtspräsidenten Dr. Gutbrodt ausersehen. Die amtliche Ernennung soll in den nächsten Tagen erfolgen.

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In dem in einigen Tagen zusammentretenden preußi schen Landtag sind gegenwärtig fünf Mandate erledigt. Es handelt sich um die Wahlkreise Westhavelland- Brandenburg, Prenzlau- Tangermünde, Hannover- Stadt, Angerburg- Lözzen und Glogau- Lüben.

Eine deutsche Note in der Marokkofrage soll an sämt liche Mächte außer Frankreich, England und Spanien er gangen sein. Die drei ausgeschlossenen Staaten besigen eigene Verträge mit Marokko. Die benachrichtigten Mächte sollen ohne Ausnahme zustimmende Antworten gegeben haben.

+ Die Behauptung, Deutschland habe den portugiesischen Teil der Insel Timor angekauft, wurde von dem englischen Minister Lord Lansdowne als erfunden bezeichnet, da man in Portugal nichts davon wisse.

Oefterreich- Ungarn.

+ Nach einer über Paris gehenden Meldung soll Kaiser Franz Josef dem König Viktor Emanuel in Rom einen Be­such abstatten. Am letzten Tage seines Aufenthaltes werde der Kaiser den Quirinal verlassen und sich nach der öster= reichischen Botschaft begeben, um von dort aus dem Vatikan einen Besuch abzustatten. Die ohne Zweifel aus der Zut­sammenkunft der Minister Goluchowski und Tittoni in Be­nedig kombinierte Mitteilung verdient wenig Glauben. Es ist nicht anzunehmen, daß Kaiser Franz Josef jetzt im hohen Alter den seither in bezug auf Rombesuche eingenommenen Standpunkt verlassen wird.

Italien.

In der Tripolisaffäre wird von neuem behauptet, ein englischer Spekulant habe die Hafenverpachtung an franzö­sische Kapitalisten vermittelt. Die Türkei habe nur aus Furcht vor Komplikationen vorläufig den Abschluß ver­zögert.

In.

Rufstand.

Die durch die Warschauer Vorkommnisse wieder ver­stärkten inneren Unruhen nehmen eine bedrohliche Gestalt Mittwochabend proklamierten das sozialdemokratische Komitee und das Komitee der Handelsgehilfen Polens und Litauens in massenhaft verbreiteten Schriften den allgemei nen Streif für Donnerstag, als den Tag des Begräbnisses der Opfer in Warschau, von denen noch mehrere in den Spi tälern ihren Verletzungen erlegen sind. In Warschau streifen bereits alle Fabrifarbeiter. Der Revieraufseher Alerejew, der in Moskau von einer Volksmenge ange griffen wurde, welche bei seiner Verfolgung ein Restaurant schwer beschädigte, hat sich erschossen. In Kalisch wurden drei Leyte verhaftet, bei denen Proklamationen, Schuß waffen, Patronen und rote Fahnen gefunden wurden. Die Stadttore sind geschlossen, nach den Patrouillen, welche die Stadt durzchiehen, wird mit Steinen geworfen. In Lodz stimmte Mittwochabend eine Wolksmenge während des Mai­gottesdienstes patriotische Lieder Kosaken drangen gegen die Menge vor und feuerten eine Salve ab. Die Ku

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