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Stadt- Deat
Giessen.
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Volksvorstell
Die Herr
Söhne
Bolfeftüd in 3 after Walther und Ele
Nr. 283.
Erstes Blatt.
Zafertioneprete: Die einspaltige Betitzeile für ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Bfg.
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Samstag den 2. Dezember 1905
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Pelizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Kulturaufgaben.
[ Politische Wochenschau.]
Wer seit einer Reihe von Jahrzehnten das politische Leben in Deutschland mit Aufmerksamkeit verfolgt, erinnert fich wohl noch der Zeiten, in denen es gewissermaßen zum guten Ton gehörte, seufzend die Unerschwinglichkeit der Heerausgaben und den Druck der Militärlast zu beklagen. Man seufzte aus aufrichtigem Herzen und glaubte allen Ernstes, daß der Druck überschwer sei und beispielsweise die Ursache für die starke Auswanderung bilde. Der Wunsch nach der Errichtung des Reichs fand damals eine Unterstüßung in der Vorstellung, daß die Militärlast, auf mehr Schultern verteilt, fich leichter werde tragen lassen. Heute belächelt man eine solche Anschauung. Die Zerrissenheit des Reichs, das damit teilweise im Zusammenhang stehende Fehlen einer Industrie, die mangelnde Möglichkeit für das Land, seine Kinder zu er= nähren, trieb die Auswanderer in die Fremde. Seitdem ist die wirtschaftliche Kraft mächtig gewachsen, sodaß es den gesteigerten Anforderungen an feine Wehrhaftigkeit immer leichter genügen fonnte. Die Auswanderung aber hat nach= gelassen und fast völlig aufgehört ein Beweis dafür, daß nicht die Militärpflicht die frühere Vaterlandsflucht veranlaßt hatte. Auch sonst haben die Aufwendungen des Reiches und der Staaten nicht nachgelassen. Sie sind im Gegenteil mächtig gestiegen. Und niemand mehr ist so furzsichtig, sich darüber zu beklagen.
Selbstverständlich ist die Erfüllung neuer Aufgaben mit neuen Aufwendungen verbunden. Die soziale Fürsorge erfordert fortgesetzt hunderte von Millionen. Wenn Straßen und Wege in bessere Pflege genommen worden sind, wenn man der Beamtenschaft und ihren Hinterbliebenen ausfömmlichere Zuwendungen gemacht, Wissenschaften und Künste mit reichlicheren Dotationen bedacht hat, so hat das natürlich Geld und immer wieder Geld gefostet, und nicht in jedem Falle war nachzuweisen, daß die Ausgaben sich unmittelbar bezahlt machten. Das verlangte man auch garnicht, denn man war zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Staat um so reicher wird, je größere Lasten er sich für Kulturaufgaben auferlegt. Und ganz gewiß nicht die letzte Kulturaufgabe ist es, die eigene Kultur zu schüßen.
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Der Reichsetat mit allem Zubehör Flottengesetznovelle und Reichsfinanzreform= Vorlage der jetzt den Reichstag beschäftigen soll, ist eine Illustration dafür, wie die Kulturaufgaben des Reiches gewachsen sind. Die Erhöhung der Sicherheitsprämie, die in dem Militär- und Marinebudget liegt, deutet auf den gesteigerten Wert des Versicherungsobjekta. Daß die Prämie aber feine Luxusausgabe, daß sie eine Notwendigkeit ist, hat die Thronrede in ernsten Worten dargetan.
Die Beendigung des Textilarbeitrstreits in Thüringen ist insofern ein erfreuliches Ereignis, als damit einem auf die Dauer unerträglichen Zustond ein Ende be= reitet worden ist. Jeder Tag, der dem wirtschaftlichen Frieden gewonnen wird, ist dem Elend von Tausenden abgerungen. Man braucht fein grundsäßlicher Gegner der Streifs zu sein, man fann in dem Ausstand ein legales und loyales Mittel zur Durchsetzung berechtigter oder für berechtigt gehaltener Forderungen anerkennen, und doch den dringenden Wunsch hegen, daß zu diesem äußersten Mittel nur in äußerster Not gegriffen werde, nicht ohne vorgängige Erschöpfung aller Versuche einer gütlichen Erledigung. Es wäre eine überaus
lohnende Kulturaufgabe, Vorkehrungen zu treffen, die Ausstände verhüten, indem sie Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern schiedsgerichtlich schlichten. Nicht der staatliche Zwang fann hier helfen, nur die freiwillige Selbstzucht, die am legten Ende die Stala aller sozialen Friedensarbeit ist.
Die freiwillige Unterwerfung des Sohnes Hendrik Witboois bringt hoffentlich den Herero- Aufstand in DeutschSüdwest afrifa zu schnellem Abschluß. Der neue Gouverneur v. Lindequist tritt sein Amt unter glücklichen Zeichen an. Ihm ist vergönnt, sofort mit Friedensarbeiten, mit dem Wiederaufbau zu beginnen, Kulturaufgaben im eigentlichsten Sinne des Worts in Angriff zu nehmen. Auch für die Tätigkeit des fommenden Kolonial Sekretärs Erbprinzen v. Hohenlohe- Langenburg tut sich freie Bahn auf, da der Aufstand in Ostafrika den älteren und gefährlicheren faum überdauern wird.
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In Rußland hindert das erneute Auflammen von Unruhen und militärischen Revolten den Grafen Witte, die Kulturaufgabe, der er sich gewidmet hat und die in der Herstellung verfassungsmäßiger Zustände besteht, in schnellerem Tempo ihrer Lösung entgegenzuführen. Daß in Sebastopol förm= liche Schlachten zwischen Menterern und fahnentreuen Mannschaften geschlagen werden mußten, läßt die Tiefe der Zerrüttung erkennen, in die Rußland durch das vorige Regime geraten ist. Der Streit der Telegraphenbeamten, der die Verbindung des Auslandes mit der russistpen Hauptstadt verlangsamt, die Verbindung mit dem Innern des Landes völlig unterbricht, erhöht die ängstliche Sorge, bereitet unheimliches Dunkel über das große Reich.
In Deserreich- Ungarn dauert zu beiden Seiten der Leitha die Aera der Radau- und Krawallpolitik an. In Cisleithanien schreit alles nach dem allgemeinen Wahlrecht, und hat dabei doch das stille Gefühl der Unsicherheit, was
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für Ueberraschungen daraus für die einzelnen nationalen Interessengruppen entspringen möchten. In Ungarn will man durch obstruierende Verweigerung aller bürgerlichen Leistungen die Regierung zur Abdanfung zwingen. Baron Fejervary droht mit einem Nachfolger, der energischer sein werde er und nicht vor der Einführung militärischen Regiments zurückschrecken werde. Die Opposition erklärt, daß der ungarische Reichstag, der am 19. Dezember zusammentritt, einer Auflösung trotzen, Baron Fejervary, daß er den troßenden mit Gewalt vertreiben werde. Unter solchen Umständen ist die Staatsmaschine dem Versagen nahe, jedenfalls find für die Erfüllung von Kulturaufgaben feine Kräfte mehr frei.
König Haakon ist in Christiania eingezogen, Hoffnungsvoll begrüßt von dem Volk, das ihn zum König gewählt hat, herzlich beglückwünscht von den Monarchen, deren Sympathien ihn bei der Uebernahme der neuen Würde begleitet boben. Seine umschriebenen Macht befugnisse sind gering. Aber eines Königs Einfluß überragt auch ohne Gefeßesnerlegur tatsächuh die gesetzlichen Grenzen. König Hanfon wird deshalb en voller Anteil an dem Verdienst ge= bühren, wenn das alleinstehende Norwegen zu Kulturtaten ich aufrant
König Alfons ist unbeweibt und unverlobt in sein Heimatland zurückgekehrt, gerade zur rechten Zeit, um die fatalonischen Trennungsbestrebungen in gefährlicher Weise ausflammen zu sehen. Der Ausnahmezustand ist über die Provinz verhängt. Ob das heroische Mittel die beabsichtigte niederschlagende Wirkung haben, ob es nicht die Empörung in weitere Kreise tragen wird, steht dahin. Im äußersten Westen Europas ist wie im äußersten Osten unseres Erdteils der Boden stark durchwühlt. In Spanien hat man die Lösung von Kulturaufgaben allzu lange vernachlässigt. Die Folge davon ist, daß sich die breiten Bevölkerungsmassen von der oberen Schicht vollständig losgelöst haben.
Die Flottendemonstration der Mächte gegen die Türkei hat sich programmgemäß und in aller Friedlichkeit vollzogen. Auch die Balkanstaaten haben keinen Versuch gemacht, den unregelmäßigen Zustand zu einem Vorstoß zu benutzen. Freilich sind sie eindringlich vermahnt worden. Immerhin bleibt zu wünschen, daß die gespannten Verhältnisse sich bald schlichteten, damit nicht, trotz aller Mahnung und Vorsicht, uner= wartete Zwischenfälle eintreten. So langsam der Schritt der Pforte ist, wenn es sich um Lösung von Kulturaufgaben handelt ein kriegerisches Eingreifer der Ballanstaasten würde jeden Fortschritt hemmen.
Die ruffifche Tragödie.
Allen Ernstes ist von einer finanziellen Operation die Rede, die nichts Geringeres als den Anfang vom russischen Staatsbankerott bedeuten würde. Zwar wird die Be= hauptung, daß die russische Regierung bereits ein Moratorium nachgesucht habe, noch in Abrede gestellt; allein gewisse finanzielle Abmachungen deuten auf eine herannahende Katastrophe hin. Wie sehr die ganze russische Freiheits- Politik durch die Rücksicht auf die Geldbeschaffung diftiert worden, ist bekannt. Jetzt scheint aber auch hier der Zeitpunkt verpaßt zu sein.
Als symptomatisch für die Zustände im Zarenreich können die neuesten unerhörten Vorgänge in Sebastopoí gelten.
Bericht des Admirals Tschuknin.
Vom Marineministerium in Petersburg wird jetzt veröffentlicht, was der Admiral Tschuknin, der die treugebliebenen Jm Truppen fommandierte, über den Kampf meldet. großen und ganzen wird die erste Meldung über die Schlacht bestätigt. Ueber interessante Einzelheiten aus dem Bericht wird aus Petersburg gemeldet:
Die Aufforderung zur Ergebung beantworteten die Meuterer, die über vier Torpedoboote und das Panzerschiff ,, Otschakow" verfügten, mit dem Hissen der roten Flagge und dem Signal: Schmidt befehligt die Flotte!" Die Meuterer nahmen die abgerüstet im Hafen liegende Flotte und setzten die Offiziere als Geiseln auf dem„ Otschakow" gefangen. Schmidt drohte, die Offiziere hängen zu lassen, wenn etwas gegen ihn unternommen würde. Troßdem begann das Feuer von den Batterien und den Panzerschiffen. Die Torpedo boote wurden fampfunfähig gemacht, der Dtschafow" geriet in Brand und zog die weiße Flagge auf. Schmidt wurde festgenommen, als er in Matrosenkleidung zu entkommen suchte. Das Regiment Brest, das von den Meuterern abgefallen war, erstürmte die Kasernen, in denen jene saßen. Zweitausend mußten sich ergeben.
Nach anderen Meldungen sind weitere zweitausend Meuterer mit Maschinen- Gewehren in das Innere des Landes geflüchtet. Auch an anderen Stellen der Schwarzen MeerKüste haben Menterer ihr Unwesen getrieben. So haben sie in Batum cin österreichisches Schiff fortgenommen und ver langen Lösegeld. Die Annahme, daß es sich um einen öster= reichischen Lloyddampfer handele, wird aus Triest für un richtig erklärt.
Streifende Soldaten und Arbeiter.
Es gibt nicht nur meuternde Soldaten, sondern auch. richtige Streits fommen im Heere vor. So wird aus Petersburg gemeldet:
In der Garnison von Grodno erklärten die Artilleristen, sie würden die Dienstpflicht verweigern, bis ihre Forderungen, die besonders hohen Lohn betreffen, erfüllt seien. Sie verweisen auf die Tausende, die von feigen Generälen, wie Kuropatkin, eingesteckt würden.
Während der Streif der Telegraphisten anhält, beginnt auch in anderen Branchen das Streiffieber wieder zu erwachen, und auch in polnischen Industriebezirken gährt es unter den Arbeitern. Ueberall fommt es zu Zusammenstößen. Der Präfeft in Moskau droht den Mitgliedern der Streiffomitees. mit Ausweisung. Die Lage spißt sich mehr und mehr zu. Das gesamte Telegraphenpersonal in Finnland ist ebenfalls in den Ausstand getreten.
Deutscher Reichstag.
( 4. Sizung). CB. Berlin, 1. Dezember. Die gestrige Debatte über die Fleischteuerung wurde heute fortgesetzt. Sigungssaal und Tribünen waren heute schwächer besucht, als gestern. Die Debatte nahm den= selben ruhigen Verlauf. Den Reigen der Redner eröffnete der Abg. Dore von der freisinnigen Vereinigung, der unter Seitenhieben gegen den Minister von Podbielski in gemäßig= ter Form die Oeffnung der Grenzen verlangt. Den entgegenge= setzten Standpunkt vertrat mit gleicher Mäßigung der Abg. Stubbendorff von der Reichspartei, der bei dieser Gelegenheit seine Jungfernrede hielt. Einen lebhafteren Ton schlug der national= liberale Abg. Dr. Paasche an, der sich namens seiner Fraktion mit der Haltung der Regierung einverstanden er= flärte, aber sein Bedauern über die bekannten scherzhaften Aeußerungen aussprach, die der Minister, wenn auch in vertrautem Kreise, getan habe. Aehnlich äußerte sich in seiner Polemit gegen die Linke in scharf pointierter Weise Abgeordneter Graf Reventlom. Der Pole von Star= czynski trat anscheinend für die Deffnung der Grenze im Interesse der polnischen Arbeiter зи ver= stehen war von ihm infolge der im Hause herrschenden Unruhe nur wenig. Dann machte sich der sozialdemokratische Abg. Molkenbuhr an die Widerlegung der gegnerischen Auslassungen. Beschlüsse werden ja bei Interpellationen nicht gefaßt, aber der Verlauf zeigte doch, daß die Regierung bei der Aufrechterhaltung der Grenzsperren dieselbe starte Mehrheit für sich hat, wie bei der Feststellung des neuen Zolltarifs.
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Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
Eine Neuregelung des Unterstügungswohnfiges be= zweckt ein dem Reichstage zugegangener Gesezentwurf. Nach dem Entwurf soll die Altersgrenze für den Erwerb eines neuen Unterstüßungswohnsizes vom vollendeten 18. auf das vollendete 16. Lebensjahr herabgesetzt werden. Zugleich mit der Herabsetzung der Altersgrenze wird auf die Frist, deren Ablauf den Verlust des bisherigen Unterstüßungswohnsizes be= dingt, von zwei Jahren auf ein Jahr abgekürzt. Die Fürsorgepflicht der Heimatgemeinden für die im Alter von 16 Jahren oder früher abgewanderten Arbeiter würde als= dann bereits mit dem vollendeten 17. Lebensjahre, mithin drei Jahre früher als gegenwärtig ihr Ende erreichen.
* Nach ziemlich glaubwürdigen Nachrichten aus DeutschSüdwestafrika sind Friedensverhandlungen zwischen den deutschen Behörden und den noch im Aufstand befindlichen Eingeborenen eröffnet worden. Die Meldung flingt nach der Unterwerfung Samuel Jsaats nicht unwahrscheinlich, doch liegen amtliche Aeußerungen noch nicht vor.
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* Gegen die erhöhte Velastung der Gesellschaften mit beschränkter Haftung, welche die geplante Reform des preuBischen Einkommensteuergesetzes bringen soll, wendet sich eine verschiedenen derartigen Gesellschaften ausgearbeitete Denkschrift. Die Denfschrift bekämpft die Idee der Besteue= rung und schließt mit den Worten:„ Wenn die preußische Regierung ihr Ziel der Besteuerung der G. m. b. H. erreicht, so wird sie vielleicht mit Genugtuung auf eine neue Steuerquelle blicken, aber sie wird die Gewerbetätigkeit nach den Staaten hinleiten, wo solche Belastung nicht besteht und wo man die Aufgabe einer weisen Steuerpolitik darin erblickt, die Entstehung neuer gewerblicher Unternehmungen nicht zu hemmen, sondern zu fördern und damit die gesamte Steuertraft des Landes zu heben."
* Eine Petition an die sächsische Staatsregierung und den Bundesrat gegen die geplante Erhöhung der Tabaksteuer beschloß das Stadtverordneten follegium in Dresden. Bei den Ersagwahlen für die Dresdener Stadtverordneten wurden im ganzen 22 bürgerliche und 6 sozialdemokratische Abgeordnete gewählt, die bisherigen 8 Vertreter der antisemitischen Reformpartei wurden nicht wiedergewählt.


