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schlich sich wieder hinaus. Da war weder jenes Wehklagen und Jammern, noch jener laute Lärm, den man sonst so häufig bei Aufbahrungen unter den irländischen Bauern findet denn draußen in der Küche saßen zwei bewaffnete Gensdarmen, und ein furchtbares Verbrechen hatte in das Trauerhaus seine Schatten geworfen.
Zweimal in den drei Tagen, während deren die Leiche aufbewahrt war, ging ich hinüber, und jedesmal traf ich Kathleen ganz allein, zwar sehr angegriffen, aber doch vollkommen gefaßt. Sie hatte außergewöhnliche Sorgfalt auf ihre kleidung verwendet und ihren Sonntagsstaat angelegt, doch ihr schönes Haar war ganz von einer weißen Haube bedeckt. Bei meinem ersten Besuche drückte ich ihr nur mit ein paar alltäglichen Worten mein Beileid aus, das zweitemal sette ich mich zu ihr heran und redete offen mit ihr. Meine Anteilnahme schien ihr wohlzutun, sie zeigte es aber nicht.
In diesem Augenblicke ging die Türe auf und ein alter Mann, derselbe, den ich hier einmal in heſtigem Wortwechſel mit Kathleen getroffen hatte, schlich in das Zimmer und trai ans Bett. Ohne einen Laut zu äußern, sah er auf den Toten, befreuzigte sich dann und stieß einen schweren Seufzer aus. Dann ging er, immer noch ohne zu sprechen, an den Tisch und schenkte sich ein Glas Schnaps ein. Kathleen sah ihm ruhig zu, wie er den Schnaps trank und sich mit dem Aermel seines zerrissenen Rockes den Mund wischte.
,, Er ist nun tot und für immer fort," sagte der alte Mann und richtete dabei seine glänzenden Augen auf Kathleen. ,, Leider ja," bestätigte sie.
,, Dann kann er mir auch nicht mehr die drei Pfund zurückzahlen, die er von meinem guten Gelde behalten hat, als er meinen Gaul in Kilsyth verkaufen sollte. Ein Jammer, ein Jammer!"
Sprich leise!" raunte ihm Kathleen zu, auf deren Gesicht eine Wolfe aufstieg.
Ich sage die Wahrheit," jammerte der Alte. „ Er hat die drei Pfund behalten und vertrunken, und auf dieser Welt werde ich sie nicht mehr wiedersehen."
Mit zitternder Hand goß er sich noch ein Glas Schnaps ein und trank es aus. Kathleen sah ihm zu und ihr Gesicht verfinsterte sich.
„ Hör” mal, Anton Linney," ſagte sie in ruhigem Tone zu ihm.„ Mein Bruder war ein ehrlicher Mann, und noch vor ſeinem Tode hat er mich beauftragt, seine Schulden zu bezahlen. Komm' nach der Beerdigung zu mir, und dann wirſt du dein Geld kriegen."
Ist das dein Ernst?" rief der Alte, sie scharf ansehend. ,, Drei Pfund und keinen Shilling weniger?"
Kathleen nickte zuſtimmend und freudig lächelnd entfernte sich der Alte. Ich stand auf und streckte ihr die Hand entgegen.
Ich wünschte, ich könnte Ihnen irgendwie von Nußen sein," sagte ich zu ihr.„ Es ist mir garnicht recht, daß Sie hier bleiben und über die Vergangenheit grübeln.
„ Euer Gnaden iſt ja ſehr gütig," erwiderte sie,„ aber mir kann niemand helfen, und ich beklage mich ja nicht."
Ich entfernte mich und sie blieb allein im Zimmer in Gesellschaft des Toten, auf den sie unablässig ihre tränenlosen Augen gerichtet hatte. Als ich durch die Küche ging, grüßten mich die beiden Gensdarmen militärisch.
Den Abend verbrachte ich auf dem Schloſſe, und auch dort herrschten düstere Schatten. Obwohl sie jetzt um ihren Geliebten keine Angst mehr zu haben brauchte, blieb Ellen doch niedergeschlagen und schweigsam. Ihre großen geistigen Qualen und alles, was sie in der letzten Zeit durchgemacht hatte, hatten ihre Kräfte überschritten und ich konnte mich ernsten Besorgnissen um ihre Gesundheit nicht verschließen.
,, Wenn Sie meinem Rate folgen wollen", sagte ich zu Ellen ,,, dann reisen Sie so bald wie möglich fort und bleiben eine Zeit lang weg. Erinnern Sie sich, daß ich Ihr Arzt bin und sehr böse werden kann, wenn man meine Vorschriften nicht befolgt."
Ich gehorche Ihnen, Herr Doktor", antwortete sie, ohne ihren Ernst abzulegen. Ja will eine befreundete Familie in Dublin besuchen." Und zu mir aufsehend, fuhr sie fort: ,, Michael geht auch weg. Erst wenn der Winter vorbei ist, wollen wir uns wieder treffen."
,, Und dann?"
,, Und dann? Das weiß ich nicht. Bisweilen ist es mir so, als wäre es unrecht von mir, daß ich mich so sehr um
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Sie hielt inne und wandte sich ab, um ihre Tränen nicht sehen zu lassen.
,, Liebes Fräulein Craig," sagte ich darauf zu ihr ,,, wenr Ihr Herr Vater noch lebte, würde er jetzt wahrscheinlich anders gedacht haben, und Ihr eigenes Glück und das Michaels kommen auch in Betracht, vernichten Sie es nicht; das ist mein Rat. Offen gestanden hätte ich gar nicht geglaubt, daß Sie den Rat brauchen würden."
,, Freilich habe ich ihm mein Wort gegeben und halte es auch. Aber jetzt noch nicht, jezt noch nicht!“
Ein Jahr war vergangen und ich saß eines Tages in meinem Studierzimmer in der Wigmorestraße, als der Diener mir eine Karte überbrachte. Achtlos warf ich einen Blid darauf, und zu meinem Erstaunen las ich:
Pater Johannes Melvin.
Noch ehe ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, hielt ich eine fette, kleine Hand in der meinen, und vor mir stand mit ſeinem wetterharten Gesicht der bekannte Pfarrer von Mylrea.
" Ich habe einmal England besucht, Herr Doktor," begrüßte er mich, indem er den Kopf zur Seite neigte, das eine Auge schloß und mich mit dem anderen eifrig be trachtete ,,, und da ich nach London gekommen bin, glaubte ich auch bei Ihnen vorsprechen zu sollen. Ich bin noch nie hier gewesen. Es ist eine mächtig große Stadt, dieses Lon don, viel größer als Kilsyth, ja sogar noch größer als Dublin. Und nun, mein lieber Doktor, zu Ihnen! Wie geht es Ihnen? Noch immer Junggeselle? Ich möchte wetten, Sie sind jetzt verheiratet?"
Ich versicherte ihm, daß er sich darin irre und ich noch nicht in der Liebe Fesseln geschlagen sei. Es bedurfte dann einiger Mühe, ihn zu veranlaſſen, bei mir zu ſpeiſen, denn er schien zu glauben, daß ich zu sehr beschäftigt und ein zu großer Mann ſei, als daß ich meine Zeit Besuchern widmen fönnte. Es gelang mir indessen, seine Einwürfe zu wider legen, und wir verbrachten einen recht vergnügten Abend zuſammen. Ich erkundigte mich nach allen meinen Freunden in Irland, und Pater Johannes kargte nicht mit den Auskünften, die er in ſeiner derben, ehrlichen Art erteilte.
" Im Herbste wollen sie Hochzeit machen," bemerkte Pater Johannes, als er von Ellen und Michael sprach,„ und Sie können es mir glauben, Doktor: ein schönes Paar machen die Beiden. Ich ſoll unserem Fräulein von Ihnen, lieber Doktor, das Versprechen mitbringen, daß Sie aus ihrer Hochzeit tanzen werden."
Lachend versprach ich ihm, zu kommen, wenn es mir irgend möglich sein sollte, obwohl nicht ausgeschlossen war, daß Berufspflichten mich noch im legten Augenblicke in London zurückhalten könnten.
Bisher hatte der Pfarrer noch mit keiner Silbe seines Kaplans erwähnt. Neugierig und auch einigermaßen besorgt, ob meine schlimmen Befürchtungen eingetroffen wären, fragte ich Pater Johannes nach ihm. Sofort zog ein Schatten über sein Gesicht, und mit einem tiefen Seufzer antwortete er:
,, Die Qualen des armen Mannes sind nun vorüber. Vor vier Wochen haben wir ihn begraben."
Dann mit der Hand sich die Tränen aus den Augen wischend, fuhr er fort:
„ Den ganzen Winter hindurch hat er sich tapfer aufrecht gehalten und mit leuchtendem Gesicht wandelte er unter uns, so daß wohl niemand glauben nochte, daß schon der Tod Hand auf ihn gelegt hatte. Als der Sommer kam, wurde sein Gesicht noch röter, seine Wangen glühten und seine Augen strahlten von neuem Feuer. Und die ganze Zeit über welfte er dahin, und nur einer wußte es: sein treuer Freund und Bruder Johann! Ja, Herr Doktor, id) sah es kommen, und mein Herz blutete, und ich suchte ihn zu trösten, denn ich habe ihn geliebt wie sonst niemand auf der Welt."
-* SE
Reisefreunde sind fast immer
In der Heimat nicht zu brauchen Dieser Tabak ist im Zimmer, Jener in der Luft zu rauchen.
Die Schwägerin.
Von Elisabeth Kyllenstjerna.
( Nachdruck verboten.) Wenn Olga Schmidt je ein starkes und echt weibliches Gefühl ihr eigen nannte, so war es die Liebe, die sie für ihren jüngeren Bruder hegte. Trotzdem hatte dieses Gefühl einen harten Stoß bekommen, als Gustav sich verheiratete, denn selbstverständlich stand er nun auf eigenen Füßen, während sie so viele Jahre behaglich und gemütlich zusammengelebt hatten. Nach dem Tode der Eltern hatten die beiden Geschwister sich nämlich eng aneinander geschlossen; Gustavs weiche, schmiegsame Natur ordnete sich dem harten, despotischen Charakter Olgas unter, und so hatte sie eigentlich von den beiden den größeren Geschäftssinn und verstand es, die Finanzen des kleinen Haushalts so zu leiten, daß Debet und Kredit gerade aufgingen.
Als Signe Holters bei Doktor Schmidt Privatstunden zu nehmen begann, war es mit der Harmonie im Heim der Geschwister auf einmal vorbei. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, wenn Olga es nur verſtanden hätte, die erwachenden Gefühle ihres Bruders mit etwas anderen Augen zu betrachten. Doch sie ahnte ja kaum, was Liebe war, und betrachtete sie fast wie eine erotische Blume, deren Duft betäubend und giftig wirkte.
Während Signes und Gustavs Verlobung hielt sie sich meist von ihnen fern und störte sie so wenig wie möglich; doch sie brauchte nur in die Stube zu kommen, und sofort durchschauerte es Signe wie ein eiskalter Hauch. Sie nannte Olga nie anders wie, die Schwägerin" und sehnte ängstlich die Zeit herbei, wo sie sich ihrem Bereich entziehen und die Füße unter den eigenen Tisch stecken konnte.
Gustav hatte keine großen Einnahmen- er unterrichtete wohl an einigen Schulen, hatte aber noch keine feste Anstellung und besaß kein Kapital aber mit Klugheit und Verstand glaubten sie doch, ein kleines Heim gründen zu können. Aber besaß Signe auch diese Eigenschaften? Nun, diese Fragen beantworten sich ja alle Liebenden in derselben Weise: Für den, den ich lieb habe, kann ich alles tun!" Das klingt so schön in der Theorie; nur schade, daß man auf soviel Schwierigkeiten stößt, wenn man es in die Praxis übertragen will.
Daran dachten aber weder Gustav noch Signe. Als zwei Jahre vergangen waren, glaubten sie, sie hätten schon eine ganze Ewigkeit gewartet, berheirateten sich und zogen in eine kleine elegante, ziemlich teure Wohnung.
Olga kaufte sich Möbel und Hausgerät, mietete sich ein einzelnes Zimmer und ſpeiſte im Wirtshaus. Durch Bekannte bekam sie eine Stellung in einem Geschäft, und da sie zu jenen starken, tiefen Naturen gehörte, die ohne ein ernstes Lebensinteresse nicht leben können, so übertrug sie
nachdem der Bruder sie betrogen hatte, wie sie es nannte all' ihre Gedanken auf das einzige Ziel, das ihr seit ihrer frühesten Kindheit vor Augen gestanden hatte: eine Reiſe nach Aegypten. Sie versagte sich gern das Aller. notwendigste und sparte wie ein Geizhals, um nur in Gedanken an diese Reise schwelgen zu können. Da wollte sie sich losreißen, da wollte sie leben und sich fortflüchten von dem Alltagsdasein und den nichtigen kleinen Sorgen. In Olgas dunklen Augen lag etwas von den kranken, unruhigen Blicken eines gefangenen Königsadlers, und dieser Ausdruck nahm mit den Jahren zu, anstatt sich wie bei den meiſten Frauen in stille Entsagung aufzulösen. Eine beständige Angst schien sie zu quälen; sie glaubte, das Land ihrer Träume nie zu erreichen, und diese Furcht spornte sie stets zu neuen Anstrengungen an. Was fragte sie danach, daß sie mager und häßlich wurde, daß dunkle Schatten sich unter die Augen legten und ein harter berechnender Zug sich fast immer um den geschlossenen Mund lagerte? Nur wenig bekümmerte sie sich darum, daß ihre Kleider komisch
und unmodern waren und sie sich in der simpelsten, tro lichsten Weise nährte.
Signe machte mehrere Versuche, die Schwägerin für sich zu gewinnen, doch Olga merkte, daß ihre Freundlichkeit nicht echt, sondern nur das natürliche Pflichtgefühl eines rechtschaffenen Menschen war, und deshalb machte sie von den häufigen Einladungen ihres Bruders nur selten Gebrauch. Indessen kam ihr kleines Mädchen häufig zur Tante, doch Olga verstand sich nicht auf Kinder, und die Kleine sagte immer, wenn sie nach Hause kam,„ es friere sie so bei der Tante".
Zu ihren nächsten Verwandten sprach Olga nie ein Wort von ihrer Reise. Sie hatte wohl Lust gehabt, sich Gustav anzuvertrauen, doch ihre Interessen waren nicht mehr die ſeinigen, er ſtand ihr meilenweit fern, wie sie sich selbst sagte.
Endlich endlich, nach achtjähriger harter Arbeit stand sie am Ziel, zum Frühjahr wollte sie reisen. Ihr ganze: Tisch in dem kleinen Dachstübchen, das sie bewohnte, war besäet mit Reisebeschreibungen, Berechnungen, Landkarten und Handbüchern, und jeden Abend reiste sie bereits it Gedanken Stück für Stück und schwelgte systematisch in Genüssen bei jeder neuen Strecke, die sie sich im Land ihrer Träume gleichsam eroberte. Das Nildelta wurde für sie die Stätte, wo sich alle ihre Luftschlösser erhoben, und sie konnte bis spät in die Nacht aussigen, um zu studieren, um sich in alle Eigentümlichkeiten dieses mächtigen Flusses zu vertiefen.
Zu dieser Zeit kam sie noch weniger als sonst zum Bruder und wurde auch übrigens nicht mehr so oft eingeladen, denn die kleine Else hatte den ganzen Herbst und den ersten Teil des Winters an einem Lungenleiden krank gelegen. Jegt war sie wieder auf, doch es stand noch immer recht schlecht mit ihr. Die Eltern, die das Kind vergötterten, litten darunter, als sie sahen, wie gleichgiltig Olga das alles aufnahm, und Guſtav, der wohl wußte, wie gut und herzlich die Schwester sein konnte, empfand diesen Mangel an Teilnahme für ſeinen kleinen Schak ganz besonders schwer.
Eines Tages trafen sich die beiden Geschwister auf der Straße. Gustav sah bleich und bekümmert aus, und sein Blick zeigte jenen hoffnungslosen Ausdruck, der uns bei denen, die wir lieb haben, so wehe tut.
„ Guten Tag, Gustav, Du siehst so betrübt aus; ſteht es mit Else wieder schlimmer?"
Olga reichte ihm die Hand und schritt mit ihm die Straße hinunter.
" Ja", versette er und machte eine verzweifelte Bewegung mit dem Kopfe, um das in ihm aufsteigende Schluchzen zu unterdrücken.„ Der Doktor sagt, wir hätten keine Hoffnung, sie am Leben zu erhalten, wenn sie nicht möglichst schnell nach dem Süden kommt. Hier würde sie nicht das Frühjahr
überleben."
Olga hätte gern etwas Freundliches und Tröstendes gesagt, doch sie wußte nicht, was. Die egoistische Einsamkeit der letzten Jahre hatte sie hart gemacht. Besonders gegen den Bruder, der einstmals ihr alles gewesen war. Deshalb kam es jetzt auch ſo geſchäftsmäßig trocken und verlegend von ihren Lippen: Und du kannst das Geld nicht schaffen?"
Er wandte ihr sein bleiches, übernächtiges Antlig zu. ,, Nein, es ist nicht möglich; ich habe es versucht, doch wer leiht einem armen Teufel etwas?" ,, Aber Signes Familie?"
,, Liebe Olga, du weißt nicht, was es heißt, ein Kind zu haben, ſonſt würdest du nicht solche Fragen stellen, sondern begreifen, daß wir nichts unversucht gelaſſen haben."
,, Nun, vielleicht findet sich doch noch Rat," sagte sie leise, und ihr Herz zog sich bei seinem Anblick schmerzlich zusammen.
Sie kannte Gustav und fühlte, daß er darüber nie hinwegkommen konnte.
Am Abend wollten ihre Reisepläne nicht recht in Zug konimen; nicht den breiten, fruchtbaren Nil suchte sie auf der Karte, sondern die leidenden vergrämten Züge des Bruders. Und als sie sich erhob und ruhelos im Zimmer auf- und abwandelte, de sie fortwährend von seinen Worten verfolgt:„ Es ist nicht möglich!" Wie kleine Armesünderglöckchen klangen ihr diese Worte in den Ohren.
Am folgenden Tage hatte Olga um vier Monate Urlaub bitten wollen, sie wußte, sie würde ihn, Dank ihrer Ver
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