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auf Reisen und nahm den einzigen wahren Freund mit mir;

diesen hier!"

Der Hund winselte schwach.

Hier sah ich Sie!"

Ein schwärmerischer Glanz trat in seine Augen, er ver­suchte sich ein wenig höher aufzurichten, wobei sie ihm vor­sichtig half. Sie wendete den Blick suchend nach ihrem Gatten.

,, Er wird einen Arzt holen, in den ersten Häusern unten am Delberg wohnt er."

" Ja, einen Arzt," fiel sie fast freudig ein, eine Erklä­zu haben. rung für das plötzliche Verschwinden ihres Gatten gefunden

" In zehn Minuten wird er zurück sein," murmelte der Kranke, und ich werde den Arzt vielleicht nicht mehr nötig haben.

" Ich danke Ihnen, daß Sie mich jetzt wieder freund­licher anblicken," fuhr der Leidende fort. Sie errötete beschämt.

,, Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche Mühe mache, aber wenn Ihnen das etwas gilt, so kann ich Ihnen sagen, daß Sie durch Ihre Güte einem Menschen, der sein ganzes Leben nur Enttäuschungen erfahren, die letzten Minuten leicht ge­macht haben. Wenn Ihr Mann mit dem Arzte kommt, werde ich nicht mehr sein, ich fühle es. Verzeihen Sie mir meine Belästigungen, aber glauben Sie mir, es zog mich wie ein Magnet immer wieder zu der Stelle, wo ich Sie zuerst gesehen."

In kurzen Absätzen hatte er bis hierher gesprochen, jetzt schlossen sich seine Augen, er flüsterte kaum hörbar weiter:

,, Und so will ich sterben, in dem Gedanken, an Sie: Mar­garethe! Gönnen Sie mir diesen friedlichen Gedanken?" Aus den Augen der jungen Frau fiel eine Träne als Antwort.

Er lächelte glücklich.

So drücken Sie mir die Augen zu" ein flehender Blick traf sie: sie nickte gewährend.

Leise rauschten die Bäume, der Hund richtete sich auf, undruhig drängte er sich näher an seinen Herrn-

Mühsam legte derselbe seine abgezehrte Rechte auf den Kopf des Tieres.

,, Darf er als mein Vermächtnis-?" Sie verstand. ,, Sie sollen ihn in feinen sorgsameren Händen zurück­lassen," sagte Gertrud feierlich.

Ich danke Ihnen. Brunno; hier- ist- Deine Herrin.

"

Das Tier sah verständnisvoll zu ihm auf, es leckte die streichelnde Hand der jungen Frau.

In diesem Augenblick huschte der letzte Schein der Abend­röte über des Leidenden Antlig, seine Augen wurden größer, freudiger:

,, Sonnenuntergang!"

Als in eiligem Schritt der Arzt und Gertruds Gatte näher famen, wies der erstere stumm auf die Gruppe, wo eben die junge Frau mit linder Hand ein paar gebrochene Augen zudrückte.

Es ist der junge Fürst Urbino, er war in meiner Be­handlung, schwer brustleidend. Ich habe schon lange ein schnelles Ende befürchtet, ich freue mich, daß eine milde Hand ihm die Augen zugedrückt hat, denn er war ein edler Mensch und hatte im Leben wenig Frohes erfahren. Ich werde den Transport selbst begleiten und für das nötige forgen."

Als die Träger sich mit dem stillen Manne entfernt, und auch der Doktor sich verabschiedet hatte, fiel die junge Frau ihrem Mann weinend um den Hals.

Man vernahm nichts, als das heimliche Gurgeln der Quelle, die verhallenden Schritte der Männer, und das wim­mernde Geheul des Hundes, der nicht von der Leiche seines Herrn zu entfernen gewesen und jetzt neben der Bahre her­lief. Dann sagte sie ernst:

Sind wir nicht ein kleinliches Geschlecht mit unseren Bedenken und Erwägungen, und wie schnell erlischt alles in dem großen Gedanken des Todes!"

3

Der

Hausdoctor

Aberglauben in der Apotheke.

Man gibt überall in den Apotheken, wenn Hirschtalg verlangt foird, Rindertalg oder Hammeltalg, der nach der Meinung der Apotheker( auch nach Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis) dieselben Dienste tut und leichter zu beschaffen ist. Damit der Käufer aber keinen Zweifel in die Echtheit des Erhaltenen setzt, gibt man ihm für zehn Pfennig nur ein kleines Täfelchen!

Wir wollen die Sache aber einmal von einer ernsteren Seite betrachten. Denn der Hirschtalg ist nicht der einzige Stoff, für den in den Apotheken dem Käufer etwas anderes gegeben, substituiert" wird. Das Substituieren" ist eben eine schwache Seite der Apo­theker, wie jüngst ein Apothekenbefizer in der Apothekerzeitung" bekannte.

Als rote Krebsbutter" erhält man da allgemein mit Alfanna rotgefärbtes Schweineschmalz. Dieses wird überhaupt statt der verschiedensten Fettarten gegeben, die von ununterrichteten Leuten noch vielfach in den Apotheken gegen alle möglichen Leiden zum äußerlichen oder innerlichen Gebrauch verlangt werden, als da sind: Menschenfett, Bärenfett, Löwenfett, Wolfsbett, Dachsfett, Fuchsfett, Murmeltierfett, Biberfett, Storchfett, Reiherfett, Schlan­genfett, Aeschenfett, Schneckenfett u. s. w., aber für 10 Pfennig gibt's immer nur 10 bis 20 Gramm. Auch wenn jemand am 1. April nach der Apotheke geschickt wird, um für zehn Pfennig ,, Mückenfett" zu holen, erhält er dort meist ebenfalls ein paar Gramm Schweinefett dafür, und wenn er es, nachdem er für seine Leichtgläubigkeit zu Hause ausgelacht worden ist, zurückbringt, ver­weigert man meist die Rücknahme.

Jeder Apotheker hat wohl schon als Apothekerlehrling täglich vielemal Schweinefett oder Rindertalg für alles Mögliche gegeben und dabei ein recht ernsthaftes Gesicht machen müssen, damit das Publikum keinen Zweifel in die Echtheit des Erhaltenen setze, denn es kommen viele Landleute in die Apotheke, und bei denen stehen die verschiedensten Fette und ähnliches Zeug noch in hohem An­sehen. Dabei sagte man ihm: Das ist ja alles gleich, aber die Leute sind einmal so dumm, darum brauchen wir jedoch nicht auch so dumm zu sein."

Und nicht nur bei den Fetten machen die Apotheker ihre Sub­stitionen. Da wird statt Fuchslungensaft Süßholzsyrup gegeben ( nach Hager), statt Rettigsaft Zuckersyrup, dem eine Spur Senf­spiritus zugesetzt ist, statt Veilchensaft mit Altanna rotgefärbter Buckersaft, statt Altheesalbe ein mit Kurkuma gefärbtes Fett­gemisch( alles nach Hager), statt grüner Kräutersalbe ein mit Kurkuma und Indigo grüngefärbtes Fettgemisch, das keine grünen Kräuter gesehen hat.

Professor Dr. Bock in Leipzig hat in den siebziger Jahren in der Gartenlaube" viele dieser Substitionen in seinen Blau­dereien aus der Apotheke" mitgeteilt; auch Rosegger schildert in seinem Buch Als ich jung war" sehr drastisch, wie er um Hasenöl in die Apotheke geschickt wurde. All der Unfug geht immer noch in gleicher Weise fort. Jeder Apotheker sagt sich, weise ich die Leute ab, so gehen sie zu meinem Konkurrenten, und der gibt ihnen alles, und der Konkurrent denkt ebenso. Daher geben beide immer etwas, wenn auch das unsinnigste Zeug verlangt wird. Selten findet sich ein weißer Rabe, der keinen Konkurrenten hat und den Leuten sagt: das ist ja Unsinn, was Sie da wollen."

Es ist deshalb die Pflicht der Presse, immer wieder auf diesen alten Unfug, der infolge des unausrottbaren Aberglaubens im Volke sich auch in unserer aufgeklärten Zeit immer noch breit macht, aufmerksam zu machen und mit Nachdruck vor ihm zu warnen.

*

Gegen das Jucken bei Nesselsucht wird jetzt vielfach ein einfaches Verfahren angewandt. Man befeuchtet die erkrankten Stellen mit kaltem Wasser und frottiert sie hierauf 10 bis 15 Minuten lang mit einigen Körnchen Kochsalz, die man mit der vorher befeuchteten. Fingerfuppe aufgenommen hat. Der Kranke spürt sehr bald ein leichtes Brennen, was aber kurz darnach durch das Gefühl einer angenehmen Kälte und die be= trächtliche Verminderung oder das gänzliche Aufhören des Juckens ersetzt wird. Gleichzeitig pflegen dann die Quaddeln zu ver= schwinden. Man bestreicht die so behandelten Stellen dann mit Zinksalbe oder bestreut sie mit Reismehl.

Nr. 110

Mittwoch, d. 18 Mai

1904.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

det

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

( Schluß.)

Iwan der

der Schreckliche.

Original- Roman von Hans Hoffmann.

Aber," fuhr Bodungen fort, wäre die Möglichkeit ausge­schlossen, daß Sie sich in einem Irrtum befänden? Oder wie wollen Sie es erklären, daß man in oder hinter dem Hause, in welchem nur Frau Rechnungsrätin Gehrke und Herr Doktor Belling wohnen, häufige Detonationen ver­nominen haben will von sehr erheblicher Schallſtärke? Hat der Herr etwa statt auf Pistolen sich lieber auf Kanonen ein­geschossen?"

Helene errötete ſtark und suchte verlegen nach Worten. ,, Und wenn jener nun seinerseits mich auf Kanonen fordert," fuhr Herr von Bodungen übermütig fort, dann bin ich der Geflatschte oder werden Sie dann auch zu meinen Gunsten die Vermittlerin spielen und seine Ritter­lichkeit anrufen? Sie dürfen ihm in der Tat mit gutem Gewissen sagen, ich habe noch nie eine Kanone in der Hand gehabt!"

..Ach Gott," stotterte Helene, wissen Sie, das Knallen, das war eine Kinderei von mir, ich wollte die Leute in ihrem dummen Glauben an Herrn Bellings fürchterliche Schießwut beſtärken aus reinem Uebermut, müssen Sie wissen und da machte ich immer den Lärm mit dem Ausgußdeckel- Bodungen lachte laut auf. Helene aber ließ hastig ihren Schleier fallen, grüßte mit einer flüchtigen Verbeu­gung und schlüpfte hinaus.

Einige Stunden später schritt über den dunklen Hof­raum der Frau Rechnungsrätin Gehrke eine schwarze Ge­ſtalt, eine brennende Laterne und mehrere Gegenstände tragend.

Herr des Himmels," rief erschrocken die Rätin, welche zufällig aus dem Küchenfenster sah, Helene, wer schleicht da bei Nacht und Nebel über unsern Hof? Das ist mir doch sehr ängstlich. Ueberhaupt ist heute ein so unheimlicher Tag, ich weiß gar nicht, wie mir ist, und du bist auch so sonderbar, Lenchen, und machst ein Gesicht, als wenn die Kaze donnern hört, und bei Herrn Belling ist auch etwas nicht in Ordnung; er framt und wirtschaftet so wunderlich herum, und dann hat er einen Besuch, der wie ein Leutnant schnarrte, und dann ist's ganz still bei ihm und auch kein Licht, und zu Hause ist er doch, denn ich hab' ihn mehrmals laut stöhnen oder seufzen hören, wenn ich das Ohr an die Zwischentür legte, und es soll ihm in der Schule etwas passiert sein, und so unheimlich! Und nun dieser Mensch mit der Blendlaterne sehen lassen tut er sich gar nicht. Das ist alles so unheimlich, liches, wahrhaftig, o mein Gott, Helene, es sah aus wie er trug etwas auf dem Arm, weißt du, etwas Unheim­eine Kinderleiche! Wenn er die in unserem Garten ver­scharren will und nachher- die Polizei o Kind, Kind, fühle nur, wie ich zittere! Aber Herr Doktor Belling muß uns zu Hilfe kommen, er muß, er ist ein Mann, wenn auch nur ein Mathematiker, und wir zwei wehrlose Weiber!"

" Ja, ja, Mutter," rief Helene kurz, ich rufe ihn schon!" Und sie warf ein Tuch um und eilte hinaus über den Hof dem nächtlichen Wanderer nach.

Im Garten erreichte sie ihn. Er hatte die Laterne an

( Nachdruck verboten.)] einen Baum gehängt und hielt einen Spaten in der Hand. Das grelle Licht fiel mit seltsamem Schein in sein finsteres Gesicht.

Was treiben Sie hier, Herr Doktor," fragte sie schüch­tern, in dunkler Nacht? Mutter hat sich so erschreckt! Kann ich Ihnen nicht helfen? Und warum sind Sie heute noch nicht bei uns gewesen, gerade heute nicht?"

" Sch will meinen Hund begraben!" erwiderte Gott­hold kurz.

Also ist er wirklich tot?" sagte sie. Ich hörte schon, daß Herr von Bodungen ihn erschossen hat. Es tut mir auf­richtig leid; man gewöhnt sich an so ein Tier, und ich hatte es wirklich gern, es war treu und anhänglich trotz all seiner Ungeberdigkeit; ein guter Kerl war's! Und Ihnen muß es noch schmerzlicher sein. Es war eine Roheit von dem Offizier!"

Er war durchaus in seinem Recht," versezte Gotthold düster, nur hätte er ihn gleich zu Tode schießen müssen. Es war gräßlich, wie das Tier mich noch ansah. Herr von Bodungen konnte nicht wissen, daß er meinen letzten Freund erschoß.

hren letten?" fragte Helene leise. Wirklich Ihren

letzten?"

Er warf einen hastigen Blick auf ihr hell beschienenes Gesicht; sie war ihm noch nie so hübsch vorgekommen, rosig und reizend blickte es aus dem dunklen Tuch hervor, das sie über den Kopf geschlagen hatte. Von einem Heiligenschein war nichts zu bemerken wenn der nicht unter dem Tuch verborgen war er sah nur freundliche Teilnahme und einen flüchtig aufblizenden Funken kluger Schalkheit.

Er seufzte leise und fing dann kräftig an zu graben. Die hartgefrorene Erde machte ihm die Arbeit schwer genug.

Ich wollte Ihnen helfen," sagte sie, nachdem sie eine kurze Weile zugesehen hatte, wir haben noch einen Spaten dort in dem Verschlag, ich hole ihn."

Bitte, nein," sagte er, es ist zu anstrengend für Sie; ich bin auch bald fertig."

" Oho," rief sie, zu anstrengend? Da sollen Sie mich kennen lernen!"

Und sie lief und kam mit einem tüchtigen Spaten zurück. " Ich habe auch ein Recht darauf, an dem kleinen Grabe mitzuarbeiten," sagte sie, der Hund betrachtete mich als seine zweite Herrin, er war mir fast gehorsamer als Ihnen selbst. Gestern freilich war er ganz außer Stand und Band und gar nicht zu halten. Es war ordentlich, als wenn er ein Unglück für Sie fürchtete, so unruhig war er; ich begreife nur nicht, wie er Sie auf dem Eise hat finden können."

Vielleicht," sagte Gotthold trübe, vielleicht hat er auch ein Unglück von mir abgewandt, es ist möglich; doch ich ver­ſtehe mich selbst noch nicht. Jedenfalls hat er mir zunächſt ein anderes Unglück dafür gebracht."

Er schwang und schaufelte gewaltig weiter. Auch Helene machte sich ans Werk, und so gruben sie tapfer miteinander. Zuweilen blickte Gotthold schüchtern auf, und dann sah er mit frohem Erstaunen die Anmut ihrer gelenfigen Kraft und die Schlankheit ihrer Glieder.

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