Ausgabe 
5.3.1904 Erstes Blatt
 
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Nr. 55.

Erstes Blatt.

onnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., Saus gebracht 60 Bfg., durch die Poft bezogen viertel­fährlich Mr. 1.50.

Cattebetlagen: Oberheffifche Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Samstag, den 5. März 1904.

Gießener

13. Jahrgang.

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz C hefsen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonft 16 Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungslifte No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg Fernsprechanschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weßlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

www.

Der Raffenkrieg.

[ Politische Wochenschau.]

Im preußischen Herrenhause, das als der Versammlungs. ort der hohen und höchsten Herrschaften, wie die offizielle An­rede lautet, in der Regel die Stätte der abgeklärten Verkehrs­formen ist, wurde vorgestern zum ersten Male in gellendem Tone das Wort Rassenkrieg" in das Haus geworfen. Es handelte sich hierbei um die Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Gründung neuer Ansiedelungen, der ausge­sprochenermaßen den Zweck der Germanisation befolgt. Daß die Polen die gesamte Abwehrbewegung des Deutschtums mit anderen Augen ansehen, als die Deutschen selbst, ist nur natürlich. Man hat die Grenzen ihres Vaterlandes verwischt, aber in ihrem Herzen ist dessen Bild und in ihrem Geiste dessen Geschichte noch nicht erloschen. Eine Sprache und ein gemeinsames Staatsideal bildet den zerrissenen Landesteilen ein festes Band, und sobald der Traum von der Wieder­erweckung des alten Reiches beginnt, sich in Taten zu äußern, ist er eine Gefahr für den inneren Frieden derjenigen Staaten, denen die Polen jetzt als Untertanen angehören. Es ist aber unverkennbar, daß die polnische Bewegung tatsächlich die Initiative in diesem Rassengegensatz darstellt, der in seinem lezten Ende nichts anderes ist, als eine Kulturfrage, wie denn überhaupt die Zertrümmerung des polnischen Reiches ebenfalls eine Kulturnotwendigkeit gewesen ist. Dem slavi­schen Volfselement wohnt eben in einem weit geringeren Maße als dem germanischen die staatenbildende Kraft inne.

Hier giebt es nur zwei Kategorien von Bürgern, von denen die eine die Rolle des Reiters und die andere die Nolle des Pferdes spielt.

Von diesem Gesichtspunkte aus muß man auch die so­genannte fonstitutionelle Bewegung in Rußland betrachten. Die mit der westlichen Kultur in Berührung gekommenen Elemente haben die größere persönliche Freiheit kennen und schätzen gelernt, sie übersehen aber dabei, daß das Slaven­tum und speziell das Russentum noch lange nicht für jene innere geistige Freiheit reif ist, auf welcher eine konstitutio­nelle Verfassung sich aufbaut. Würde Rußland tatsächlich den Absolutismus aufheben, dann würden mit der Zeit ähnliche Verhältnisse entstehen, wie in Desterreich- Ungarn. So lange das Russentum noch den Kampf für seine äußere Macht­stellung zu führen hat, kann es sich den Lurus innerer Nationalitätskämpfe, bei denen das Polentum als das vom Westen aus am meisten befruchtete Element zweifellos die maßgebende Rolle spielen würde, noch nicht leisten. Damit sollen selbstverständnlich nicht die russischen Maßnahmen gegen die Finländer und die Deutschen entschuldigt oder gar gerechtfertigt werden. Die letzteren sind zweifellos das überlegenere Kulturelement, und ihre Unterdrückung fann Rußland überhaupt nicht zum Segen gereichen. Die so­genannte Valtenpolitik, die von einer Wiedervereinigung der Stammesgenossen träumt, ist eine reine Literatenpolitik. Die deutsche Diplomatie hat kein Verlangen nach dem Be­sig jenes Teiles der Ostsee, weil dadurch sofort der Rassen­trieg mit dem Hinterlande hervorgerufen würde. Dagegen erleichtert sich der Handelsverkehr zwischen dem Nord- und Olgesinde der Ostsee, wenn die Stammverwandtschaft und die Spracheinheit eine Verbindungsfette darstellt. Außerdem waren seither die Balten das unerschöpfliche Reservoir, aus dem Rußland hervorragende Kräfte für die Diploniatie und die Wissenschaft gewonnen hat. Wenn es die Deutschen po­litisch entmannt, dann gewinnt es keine treueren Unter­tanen, es zerstört aber die Brücke zwischen Ost und West. Die Deutschen in den Ostseeprovinzen nehmen ungefähr Rußland gegenüber die gleiche Stellung ein, wie Rußland sie für sein Verhältnis zu Ostasien beansprucht und durch die Waffen zu erzwingen sucht.

Dieses Waffenspiel auf der Kriegsbühne im fernen Osten hat nicht bloß bei den beiden gegnerischen Parteien den Charakter des Rassenkrieges angenommen; auch im Barket der zuschauenden Nationen zeigen sich die ersten Symptome für den Aufmarsch der Rassen. England und Amerika rücken enger aneinander an. Beide befestigen ihre Stellung im Stillen Ozean, um im Bunde miteinander die Vorherr­schaft einer der beiden Kriegsparteien zu verhüten. Gerade dieser Rassenkrieg gibt dem ostasiatischen Kampfe das inter­essante Gepräge. Wenn Japan siegte, dann würde es keinen grimmigeren Feind haben, als England und Amerika. Der jetzige Bundesgenosse insbesondere würde bald seine Krallen zeigen. Sollte sich allerdings im letzten Akt des Dramas de Gunst des Kriegsgottes auf die russische Seite neigen, dann darf Japan darauf rechnen, daß ihm bei einem etwaigen Friedensschlusse die Diplomatie der Angelsachsen zur Seite steht. Die Ziele derselben sind sehr leicht zu erkennen. Eng. land will seine Position in Ostindien behaupten, und Amerika, das in den Philippinen einen starken Stüßpunkt für seine Macht gewonnen hat, beansprucht, wie Präsident Roosevelt bor längerer Zeit ausdrücklich betont hat, die Vormacht­stellung im Stillen Ozean.

Hinter diesem großen Völkerringen treten allerdings die nationalen Gegensäge in der alten Welt weit zurück. Die Germanen, die Romanen und die Slaven sind schließlich doch, wie der Anthropologe Chamberlain die ethnologische Gruppie­rung auch tatsächlich auffaßt, die Teile eines gemeinsamen

Sulturzentrums, die mit der zeu, namentlich wenn das Schicksal und die Stellung eines Volkes mehr als bisher von dem Einfluß in der großen Welt abhängig wird, ein­ander in ihren interessen immer näher treten werden. So wird der Rassenkrieg im großen Stil schließlich den Rassen­frieg im kleinen beseitigen.

Der Krieg in Oftalien.

Wie Londoner Blätter wissen wollen, stehen in aller­nächster Zeit große Ereignisse bevor. Sie schließen das auch aus der Tatsache, daß die Schar der in Tokio zurückgehaltenen Kriegskorrespondenten endlich vom Kriegsamt die Erlaubnis erhalten hat, sich den vorrückenden japanischen Truppen anzuschließen.

Erfreulich wäre es, wenn die japanische Heeresleitung endlich einmal den fremden Korrespondenten gestattet, sich aus eigener Anschauung über die Vorgänge auf dem Kriegsschau­plaz zu informieren, damit man zuverlässige Nachrichten schnell und sicher erhalten kann. Allerdings befinden sich unter den 53 Berichterstattern nur 2 Deutsche, während allein 29 Engländer den japanischen Truppen folgen werden. Vor­läufig müssen wir uns allerdings weiter mit unkontrollier­baren Nachrichten begnügen.

Der Mittelpunkt der koreanischen Operationen scheint vorläufig Phongjang und dessen Umgegend zu sein, wo die Japaner sich festgesetzt haben und von wo sie ständige telephonische Verbindung mit der Hauptstadt Söul unter­halten. Phongjang liegt etwa auf halbem Wege zwischen Söul und dem die Nordgrenze des Reiches gegen die Man­dschurei bildenden Jaluflusse, kaum 50 Kilometer von der westlichen Meeresfüste der Halbinsel.

Die Russen richten sich inzwischen nördlich von der japa­nische Stellung häuslich ein. Aus Söul wird gemeldet:

Die Russen haben den Vizepräfekten von Andschu fest genommen und nötigen die Koreaner, ihnen Reis, Futter und Brennmaterial zu liefern; sie stellen eiligst in Antung Befestigungen und ausgedehnte Erdwerke mit der offen: baren Absicht her, den Japanern den Uebergang über den Yalu streitig zu machen.

Die Haltung der Koreaner.

Eine weitere Meldung besagt, daß 1500 Russen den Tumanfluß bei Horyong überschritten und von den Amts­bureaus des Bezirks Besiz ergriffen haben. Sie verwenden naturalisierte Koreaner als Spione. Ueberhaupt scheint man im russischen Hauptquartier stark auf einen Umschlag in der Stimmung der Koreaner zu rechnen. Aus Port Arthur ver­lautet darüber:

Ein Kenner Koreas spricht im ,, Nowy Krai" die Ansicht aus, daß die Koreaner, die zur Zeit gegenüber Japanern und Russen das gleiche Verhalten zeigten, bei der geringsten Niederlage der Japaner ihrem alten Haß gegen ihre Be­drücker Ausdruck geben und den Japanern in den Rücken fallen würden, nicht offen, als. Verbündete Rußlands, sondern auf eigene Faust.

Diese Auffassung der Russen scheint ihre Bestätigung in der Nachricht von einem

Bombenattentat in Söul

zu finden, das seinen Grund in der Unzufriedenheit der Be­bölkerung mit dem japanisch- koreanischen Vertrag haben soll. Aus Soul wird dazu gemeldet:

Nachts wurden in die Wohnungen des Ministers des Auswärtigen und seines Sekretärs Bomben geworfen. Beide entkamen ohne Verlegung. Die japanische Polizei verhaftete fünf Händler, die verdächtig erschienen, ließ sie aber hernach frei. Die wirklichen Täter sind bisher nicht ergriffen. Man glaubt, der Widerstand gegen den Ver­trag sei jetzt unterdrückt. Der japanische Gesandte ist bei Wiederherstellung der Ordnung behilflich.

Die Lage in Port Arthur

wird in Petersburg als verzweifelt angesehen. Sollen doch ruffische Strategen von der Bedeutung eines Dragomirow die Räumung Port Arthurs durch Heer und Flotte als un­bedingt notwendig erklärt haben, wenn ein ferneres großes Unheil vermieden werden solle. Einem Angriff der Japaner von der Landseite aus soll Admiral Makarow entgegen. treten, der in Port Arthur angekommen ist. Dazu wird gemeldet:

General Makarom hat die Aufgabe, gegen die von den Japanern geplante gleichzeitige Landung im Golf von Liaotung und an der North- Saddlebay Maßnahmen zu treffen. Sechs japanische Kreuzer und zehn Transport­schiffe sollen schon in der Richtung auf den Golf gesichtet worden sein.

Ein großes Hindernis für den von den Russen beabsich­tigten a perkrieg ist die Sperrung des Suezkanals für von den Russen genommene Prisen. Bei dem großen Umweg um das Kap wird es sich für sie nicht lohnen, weitere Jagd zu halten.

Die Politik.

* Wie aus Christiania gemeldet, beabsichtigt die norwegische Regierung, über den Abschluß eines neuen deutsch- norwegischen Handelsvertrages mit Deutschland in Berbindung zu treten.

In der Frage der Kaufmannsgerichte erklärten die Vertreter von Bayern, Württemberg, Sachsen und Baden in der zuständigen Reichstagskommission, daß der Entwurf mit dem neu beschlossenen aktiven Frauenstimmrecht für ihre Regierungen unannehmbar sei. Die Kommission blieb trotzdem bei ihrem Beschluß.

Belgien.

Was König Leopold selbst nicht zu empfinden scheint, das empfinden seine Untertanen doppelt: Daß er sich durch den Prozeß mit seinen Töchtern wegen des Nachlasses der verstorbenen Königin große Blößen gibt, die die ohnehin nicht sehr beträchtlichen Sympathien des Volkes für ihn noch mehr verringern müssen. Viele politische Persönlichkeiten unternehmen Anstrengungen, um den Erbschaftspro­zeß durch einen Vergleich zu beenden. Man besorgt in den monarchistischen Kreisen von den fortgesetzten Angriffen auf ben König eine Rückwirkung auf die republikanische Pro­paganda. Ob ein solcher Vergleich jedoch bei dem Charakter des Königs möglich ist, wird bezweifelt. Man nennt den König nicht umsonst den gekrönten Geschäftsmanr".

Oefterreich- Ungarn.

Die Angelegenheit des Erzbischofs von Olmütz, Kohn, ist noch immer nicht völlig geregelt. Die eigentliche Anklage gegen Kohn hat sich ja bereits als gegenstandslos erwiesen, trotzdem aber dürfte der Erzbischof noch längere Zeit in Rom festgehalten werden. Es sollen nämlich auch noch die un­zähligen gegen ihn eingelaufenen Beschwerden geprüft wer­den. Wahrscheinlich wird ihre Prüfung dasselbe Ergebnis haben, wie die der Hauptanklage.

Amerika.

Die Revolution in Uruguay scheint sich ihrem Ende zu nähern. Die Regierungstruppen haben das Heer der Aufständischen nach sechsstündigem Kampfe gänzlich ge­schlagen. Es fragt sich nur, ob die Meldung, die von der Regierung von Uruguay verbreitet wird, wahr ist, Deutfcher Reichstag.

CB. Berlin, 4. März.

( 49. Situmg.) ... Mars regiert die Stunde..." Heute beginnt die Beratung des Hauptstücks des deutschen Reichsbudgets, des Militäretats.

Die Kommission hat darin ordentlich herumgestrichen; im ganzen beziffern sich die von ihr vorgenommenen Ab­striche auf 4 Millionen. Gestrichen ist u. a. die von der Regierung verlangte Vermehrung der Unteroffiziersstellen. Der Referent der Budgetkommission, Abg. Müller­Fulda( Str.) kündigt für nächsten Winter eine neue Mi­litär- Präsenz- Vorlage an und hofft, daß nicht eine lang­fristige Präsenzbewilligung verlangt werden wird. So viel Vertrauen, meinte er, sollte doch die Regierung zum Reichs­tage haben, daß dieser jederzeit alles wirklich Erforderliche bewilligen werde.

Dann spricht Abg. Bebel. Er beginnt mit dem Thema Soldatenmißhandlungen und wendet sich dann den Kritiken inaktiver Offiziere über Heereseinrichtungen u. s. w. zu. Warum soll gerade die Armee gegen solche Kritiken ge­schützt werden? Sie seien heute umsomehr am Blaze, als sich die Armee heute nicht mehr wie vor 30 Jahren vor­wiegend aus landwirtschaftlichen, also inferioren Elementen ( Lachen rechts) zusammensetze. Die Sozialdemokraten seien, wie schon Caprivi anerkannt habe, gute Soldaten, denn um Sozialdemokrat zu sein, müsse man schon eine höhere Intel­ligenz besitzen. Dieser klassische Ausspruch rust stürmische Heiterkeit hervor. Dann wendet sich der Redner gegen das Verlangen nach Kadavergehorsam und unter Berufung auf Auslassungen des Generals v. Meerscheidt- Hüllessem gegen die erstarrte Ausbildungsmethode". Er zitiert die Erst­klassigen Menschen" des Grafen Baudissin. Wäre nicht wahr, was dieser Mann geschrieben( Zuruf: Ein Lump!) ch fonstatiere, daß Sie einen Mann aus einem der ältesten Adelsgeschlechter einen Lumpen nennen! Wäre nicht wahr, was derselbe über Zustände in Offiziersfreisen schrieb, müßte doch der Kriegsminister sofort eine Anflage herbeiführen ( Ruf: Ist nicht Militär!). Weiter verbreitet sich Redner über Lurus in der Armec, Schulden, Uniformänderungen, Kummerfalte, elektrische Helmspize", Manöver u. s. w., um schließlich das Milizsystem zu empfehlen.

In seiner Erwiderung betoni Kriegsminister v. Einem, der Vorredner habe olle Samellen vorgebracht. Niemand hat mehr Interesse daran, den Mißhandlungen abzuhelfen, als Die Heeresverwaltung selbst. Andererseits hat keine Partei weniger Interesse daran, im Heere bessere Zustände zu schaf­fen, als die sozialdemokratische Partei( Widerspruch links).

Die hierauf folgende Debatte konnte sich naturgemäß ent. weder an die Rede Bebels oder an die Erwiderung des Kriegs. ministers anlehnen. Sie bot darum nur wenig Bemerkens. mertes.

nicht noch einen Saken hätte.

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Gewölf der Sorge, Wärme des Gemüts, Kälte des Herzens, turm der Gefühle und Frieden im Leben aus ebenso vielen kaun burch Beständigkeit, Wechsel, Sonnenschein der Liebe, rlds; das Klima des Hauses, die erste Welt des Menschen, ble gemischten Keime des findlichen Herzens fördert oder

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Blüten treibt, und

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die Glöckchen am stummet langen hell burd) die unbewegta

Luft.

crichmunden war Darja stand aufrecht im Wagen. noch immer rückwärts, obwohl die Heimat schon lange in Eine Hand auf Schukows Schulter geftüßt, schaute ste

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