Nr. 130.
Erstes Blatt.
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Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Montag, den 9. Juni 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pf., sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Kleine politische Nachrichten.
Die Nachricht, daß Kaiser Wilhelm mit der Königin Wilhelmina in Wesel zusammentreffen wird, ist unbegründet. Sachsen. Der Kaiser soll beabsichtigen, dem Prinzen Friedrich August von Sachsen ein Armeekorps- Kommando zu übertragen.
wurde der sächsische Bandtag geschlossen. Der Befehl Dresden, 7. Juni. Heute Nachmittag 3 Uhr trug die Unterschrift: Albert, Sybillenort 7. Juni 1902. Zum Befinden des sächsischen Königs wird aus Sibyllenort am Samstag gemeldet: Der König hat den Tag über gut geschlafen, doch war die Ruhe durch Atemnot öfter unterbrochen. Gine Besserung im Befinden des Kranken ist nach feiner Richtung hin eingetreten.
Das sächsische Staatsministerium hat sich infolge der Krisis im Befinden des Königs Samstag früh in Permanenz erklärt.
Der Straßenbahnstreik in Stuttgart
ist am Samstag beigelegt worden. Die Streifenden haben in einer vorher stattgefundenen Versammlung folgende Resolution einstimmig angenommen: Nachdem alle seitens der Streifenden versuchten Mittel, eine Beilegung des Ausstandes herbeizuführen ergebnislos geblieben sind, desgleichen auch die vom Ministerium des Innern mehrfach versuchten Vermittelungsvorschläge bon der Direktion abgelehnt worden sind, sieht die Versammlung keine Möglichkeit, mit Aussicht auf Erfolg den Kampf fortseßen zu können, umsoweniger als auch der Antrag des Gemeinderats auf Uebertragung des Betriebes an die Stadt heute vom Amtsgericht abgelehnt worden ist. Die Versammlung beschloß sodann noch sofort eine Deputation an die Direktion zu entsenden, um von derselben eine Liste derjenigen Angestellten zu erlangen, die die Direktion wieder einstellen fann oder will.
* Das deutsche Volk am Rande des Grabes. Graf Pückler- Klein- Tschirne hat über dieses Thema am Freitag in Berlin gesprochen. Im Laufe seiner Rede erzählte er, in der Schweiz sei ein Giftmord- Versuch gegen ihn verübt worden, indem man ihm in einer Dorfwirtschaft einen Teller mit vergifteter Suppe vorgesetzt habe. Er sei in der Schweiz beständig in Todesgefahr gewesen und von gedungenen Mördern verfolgt worden. Im llebrigen war die Rede sehr ruhig, weshalb auch die Versammlung der Auflösung entging.
Geerteerd.
Novelle von E. Vely.
( Nachdrud yerboten.)
Sie zupft wieder an dem Hafer und läßt dann den Sand durch die Finger laufen. Wer hierher kommt, thut gut, sich nach dem zu richten, was unsere Art ist. Wir rufen keinen Fremden.
Aber man schickt uns, sagt der Leuchtturmwächter mit einem leisen Seufzer, und da giebt's teine Widerrede. Bin nun schon drei Monate hier es ist hier einsamer, wie auf einem Feuerschiff.
Das Mädchen giebt keine Antwort, aber der Fremde muß auch schon ihre Art kennen und fährt fort: Heute habe ich einen freien Tag. Ist nun freilich auch nicht viel damit anzufangen. Die Kurgäste sind fort unter denen gab's noch ab und an einen barmherzigen Menschen, der ein Wort redete und von dem ich meinen Namen hörte. Hatte es schier vergessen, daß der Frizz West ist.
Sie fommen ja auch hinauf nach der Laterne, sagt Geerteerd.
Das ist noch das Beste. Da bleibt hie und da Einer ein Stündchen bei mir sitzen und guckt durch den Kiefer auf's Meer. Das macht ihnen Spaß, weil es neu ist für sie.
Alle fremden Menschen sind neugierig, bemerkt das Mädchen. Der Wächter fühlt sich nicht davon betroffen. Er wirft seine Müße auf den Boden und glättet sein dunkles Haar. Er liebt es, zu gefallen, und meint, er kann den Kampf mit den Schiffern aufnehmen. Bist Du nie von der Insel gekommen, Geerteerd? fragt er. Was sollt' ich wo anders?
Ei nun, die Welt ist weit, meint er gutmüthig. Sie wirft den Kopf zurück. So weit, wie unsere Mannsleute tommen, kann ich nicht gehn
Desterreich.
Ein früherer österreichischer Gendarm, dessen Namen von den Behörden streng geheim gehalten wird, wurde wegen Spionage, die er für Rußland betrieben, berhaftet.
Frankreich.
Paris. Bei dem gestrigen Empfang der Mitglieder unterbreitete der Ministerpräsident dem Präsidenten des neuen Kabinets durch den Präsidenten Loubet Loubet das neue Programm. Dienstag Morgen findet der erste Ministerrat unter dem Vorsize Loubrts statt. Nußland.
Der Zar begiebt sich Anfang August nach Reval um am 4. August dort mit dem deutschen Kaiser_zusammenzutreffen. Die Zarin sieht im Herbst ihrer Niederkunft entgegen.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 7. Juni. Am Bundesratstische Reichskanzler Graf Bülow, Staatssekretär Graf Posadowsky, Staatssekretär Köller.
deshalb des Diftatur- Paragraphen bedurft. Von der großen Machtvollkommenheit, welche derselbe in die Hände der Zivilbehörden legte, hätten die Behörden nur sehr selten und nur in sehr bestimmten Richtungen Gebrauch gemacht, seit 17 Jahren überhaupt nur noch zwei oder dreimal. Möchten die Elsaß- Lothringer die Aufhebung des Diktaturfie gewährt werde, nämlich mit deutscher Treue. Paragraphen mit derselben Gesinnung aufnehmen, mit der der Elsaß- Lothringer nach wie vor eine forrefte und loyale Abg. Röllinger( Elsäßer) versichert, daß die Haltung sie gewährt werde, nämlich mit deutscher Treue.( Beifall).
sein werde.
Abg. Höffel( Reichsp.) begrüßt die Vorlage ebenfalls mit Freuden.
Abg. Preiß( Elfäßer) meint, die Elsaß- Lothringer hätten hier nur bekommen, was ihnen schon vor 30 Jahren hätte gegeben werden müssen und was man ihnen zu Unrecht vorenthalten habe.
Abg. Bebel( Soz.) führt aus, die Sozialdemokraten hätten ja stets die Aufhebung der Diftatur- Paragraphen verlangt, aber die verbündeten Regierungen hätten dies bisher stets verweigert. Die beiden Fälle, in denen seit 17 Jahren von dem Diktatur- Paragraphen Gebrauch gemacht worden sei, seien geradezu standalös gewesen.( Präs. Tagesordnung: Dritte Lesung der internationalen Graf Ballestrem bemerkt: Handlungen einer Regierung Vogelschuß- Convention. dürften nicht als standalös bezeichnet werden.) Bebel fortAbg. von Malzan( tons.) bemängelt, daß in das Verfahrend geht auf den Erlaß des Kaisers von der Hohkönigszeichnis der Convention der Storch als nüßlicher Vogel burg näher ein. In dem Erlaß werde von dem Wohlaufgenommen sei. Grade der Storch sei eines der schäd- wollen des Kaisers gesprochen. Die Bevölkerung verlange lichsten Tiere. aber kein Wohlwollen, sie verlange ihr Recht. Man solle nun aber nicht glauben, daß die Elsaß- Lothringer jeßt sehr glücklich seien. Dazu bedürfe es noch ganz anderer Dinge, ein anderes Wahlrecht zum Landes- Ausschuß und dann müßten auch die Vereins- und versammlungsrechtlichen Verhältnisse ganz anders werden.
Das Haus stimmt sodann der Convention definitiv zu. Alsdann werden einige Rechnungssachen erledigt und hierauf folgt die erste Lesung der Vorlage wegen Aufhebung des Diktatur- Paragraphen in Elsaß Lothringen.
Abg. Riff( freis. Ver.) heißt die Vorlage willkommen. Sämtliche elfaß- lothringischen Abgeordneten empfänden die lebhafteste Genugthuung darüber, daß auch die Regierung sich jetzt endlich die Gründe, welche für die Aufhebung der Dittatur gesprochen, angeeignet habe.
Reichskanzler Graf Bülow dankt dem Vorredner, dem Vertreter der Stadt Straßburg, für die entgegenkommende Art, wie er sich über die Vorlage ausgesprochen hat. Hoffentlich werde dieselbe vom Hause ebenso wohlwollend beurteilt, wie vom Bundesrat. Als Deutschland vor 30 Jahren das verlorene Gut wieder gewann, fonnte sich die Bevölkerung noch nicht gleich darein finden. Erst nach und nach sei dort das Vertrauen in die Neuordnung der Dinge und die Zuneigung zu Kaiser und Reich gewachsen. Um aber die Neuordnung der Dinge zu sichern, hätte es
Ja, Eure Theerjacken! lacht er, die sehen freilich die halbe Erde. Aber auf dem Festlande giebt's schöne Städte. Ich mag nur sein, wo ich das Meer hören und sehen kann. Ist ja freilich auch schön, giebt er zu, um ihren Zorn nicht zu erregen, denn es flimmert eigen in ihren Augen. Wenn sie heftig ist, geht ein Schein davon aus, der Friz West an's Meerleuchten gemahnt. Er hat es einmal gesehen- und gerade ihre spröde Art ist's, die ihn reizt. Verlangt Dich's nie, was anderes zu sehen.
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Unsere Mannsleute erzählen genug. Er guckt sie erstaunt an ihm sind nie solch schweigsame Gesellen und so unlustige Mädchen begegnet, wie hier auf der gelben Scholle. Sie müssen das Stummisein den Fischen abge= guckt haben, meint er. Und in Geerteerd's Augen sind das noch redselige Erzähler.
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So so! sagt er. Auf seiner Leuchtthurmhöhe ist er au's Denken gewöhnt worden es kommt ihm wie ein sonderbarer Contrast vor, die Menschen hier abgeschlossen von Allem und ihre Phantasie doch belebt mit den Bildern ferner, bunter Länder, welche die Schiffer sehen und von denen sie bunte Dinge, das seltsam geformte Porzellan mit den wunderlichen Drachengestalten und grellschimmernde Seidenstoffe und Kasten mit bezopsten japanischen Gestalten bemalt, mitbringen.
Dein Vater ist weit herum gewesen, Geerteerd? Ist kein Ort, wohin ein Schiff kann, den er nicht gesehen hat.
Da weiß er freilich mehr von der Welt als ich. Sie blickt träumerisch vor sich hin.
Er hat in Spanien dabei gestanden, wie ein Mädchen den Burschen, der ihm untreu geworden ist, mitten in's Herz gestochen hat.
Hu! macht er und schüttelt sich leicht. So wild geht's bei uns nicht zu-
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Das rothe Blut, sagt Geerteerd, ist meinem Vater über die Hand gesprißt.
Reichskanzler Graf Bülow wendet sich gegen den Abgeordneten Bebel, der mehr Protestler sei, als die Herren Protestler.( Heiterkeit).
Elsässischer Staatssekretär Köller bestreitet, daß in Elsaß- Lothringen eine unerhörte Bedrückung der Bevölkerung stattfinde. Daß Herr Bebel heute der einzige Störenfried in der Debatte sei, liege wohl in dessen Aerger, daß er in Straßburg und ein sozialdemokratischer Vertreter in Mühlhausen durch die Anstrengungen aller vereinten bürgerlichen Parteien beseitigt worden sei.( Gelächter links). Was das elsaß- lothringische Vereinsrecht anlange, so gehe dies Herrn Bebel garnichts an, das sei doch Landessache.( Beifall rechts.)
Abg. Schlummberger( natl.) giebt seiner Freue Ausdruck über die zur Beratung stehende Vorlage. Die reichs. ländische Bevölkerung werde diesen Beweis des Wohl
Nein, so wild sind unsere Mädchen nicht, wiederholt Friz West, und hier auf der Insel giebt's erst recht solche nicht. was? Und das ist gut, Geerteerd
Ihre Augen leuchten, es fliegt ein Lächeln um ihren Mund, und wie für sich allein spricht sie:
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Weil er untreu gewesen ist und eine Andere genommen hat.
Frizz West schaut nach einer Möve und mißt, durch die hohle Hand blickend, ob sie schußgerecht kommt.
Er giebt es auf, das Thema länger zu verfolgen, weiß er doch, daß der Insulaner nichts so sehr liebt, als den schmalen, gelben Sandstreifen, daß er's oft ein, armes Eiland" nennt, nur in der Absicht, damit ihm widersprochen wird. Wie die Männer, sind die Weiber. Die letzteren bilden die Mehrzahl, dasselbe Meer, ohne dessen Anblick sie nicht leben zu können vermeinen, macht sie früh zu Wittwen und Waisen das mit großer Gelassenheit, als unabänderlich.
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sie nehmen
An einem Tage, wie heute, fährt der stattliche junge Mann fort, weißt Du, was ich da thue?
Sie schüttelt den Kopf mit einer Miene, aus der er lesen kann, daß ihr Alles, was er beginnt, gleichgültig ist. Aber seine Selbstgefälligkeit täuscht ihn und läßt ihm auch das Nein, welches sie hinzu setzt, nicht so hart in die Ohren flingen. Er beugt sich ein wenig herüber. Da suche ich so lange, bis ich die Geerteerd finde. Ist oft nicht leicht, und so muß ich den Maniel mit einer Frage behelligen. Gut, daß der immer bei seiner hölzernen Liebsten zu finden ist komme eben auch daher.
Heut hat der Alte seine gute Laune gehabt und mich gleich zurecht gewiesen sonst knurrt er: Such sie! Er läßt sich dabei an des Mädchens Seite nieder und guckt vergnügt in ihr Gesicht.
Sie spricht, auf's Meer blickend: Da droben sigen mit dem Kiefer( Fernrohr) und immer Acht geben, ob ein Schiff geht oder tommt, und Frag' und Antwort geben es muß sonderbar sein. Wenn Sturm ist, schwankt der Thurm.( Fortsetzung folgt.)
Falfuer umflammerte den Arm " Leider, Herr Faltuer es ist tot."
Der Arzt ergriff teilnehmend feine Hand.
Liesmal. Und nach einigen Wochen erklärte der Arzt ihre Ge
sundheit für wiederhergestellt.
Von jenem Tage an, wo fie den
und
auch noch Liebe.
vielleicht fich stärker wie er. bift, wirst Du bereuen, meid geworden zu fein." Fallner sentte schweigend das Haupt. Sie sprach die Wahrheit. Denu er wußte jg jent Aber jobalb Du wieder rubig
Rudes
bedurfte, um fie auseinanderzureißen.
Und dennoch tam
Faltuer mechanisch war all sein Thun, all fein Arbeiten. er noch nicht voll zum Bewußtsein seiner Lage
A13
Bebantenlos.
das Haus verlassen batte. ftand Helma


