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Nr. 127.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 1 50.

Gratisbellagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Donnerstag, den 5. Juni 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einfpaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pf., sonft 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Deutsches Reich.

Die Zolltarif- Kommission des Reichs tages genehmigte am Mittwoch die Positionen 314 und 315 nach der Regierungs- Vorlage. Bei Position 316, beantragte der Abg. Beumer Cochenille- Karmin als besondere Pofition 316 a mit einem Zollsaße von 200 Mt. einzustellen. Nach kurzer Debatte wurde der Antrag abgelehnt und die Position genehmigt, ebenso die Positionen 317 bis 324. Bei Position 325 schlug Abg. Hoch Zollfreiheit vor, Abg. Spahn dagegen be­antragte einen Zoll von 10 Mt. Letzterer Antrag wird angenommen.

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Die Zuder Kommission beriet gestern über einen Antrag Müller- Fulda auf Aufhebung des§ 81 des jeßigen Steuergeseßes. Der Antrag wurde an­genominen. Der Abg. Strzoda begründete einen Antrag für eine neue Contingentirung unter Berücksichtigung der kleinen Fabriken und führte aus, daß dies nament­lich im Interesse der schlesischen Rübenbauer liege., Abg. Müller- Fulda befürwortete einen Antrag auf Contingentirung der Produktion für die nächsten 5 Jahre. Die Regierungsvertreter waren gegen den Antrag.

Kleine politische Artikel.

Berlin, 4. Juni. Wie die Staatsbürger- 8tg." mitteilt, befindet sich Graf Püdler- klein Tschirne, der sich bekanntlich längere Zeit im Auslande auf­gehalten hat, wieder in Berlin und beabsichtigt am Freitag Abend in einer öffentlichen Versammlung des Antisemiten- Bundes zu sprechen. Graf Pückler habe eine Kaution hinterlegt, wodurch der seiner Zeit er­lassene Steckbrief außer Wirkung gesezt worden sei.

* Dresden, 2. Juni. Der Landesverein der frei sinnigen Volkspartei im Königreich Sachsen hielt gestern hier seine Generalversammlung ab. Es wurden Resolutionen angenommen, die sich gegen die agrarischen Zollforderungen und für langfristige Handels­berträge, sowie gegen das sächsische Dreiklaffen- Landtags­wahlrecht und für die Einführung des Reitstags­wahlrechts auch bei den Landtagswahlen erfiären. Eine weitere Resolution erklärt den Beschluß des sächsischen Landtags, bei der Vermögenssteuer das land­wirtschaftliche Betriebskapital steuerfrei zu lassen, als eine schwere Verlegung des gleichen Rechtes für alle Staatsbürger.

Bibi Colo.

Skizze aus dem Cirkusleben

von

Henri Conti.

( Nachdruck verboten.)

" Treten Sie näher meine Damen und Herren! Schauen Sie sich an, was in Gottes weiter Welt Ueber­raschendes, Verblüffendes, Großartiges zu sehen möglich ist! Bei Bibi Lolo giebt's keine Kniffe, feinen Charla­tanismus! tein Phänomen mit zwei Köpfen, von denen einer aus Fleisch und Blut, der andere aus Pappe ist! feine Riesenfrauen, die auf einen Tisch gestellt sind, keine Zwerge, die zusammengeschnürt wurden, keine durch Ralf gebleichte Albinos, feine mit Stiefelwichse her­gestellte Wilde!... Hier, meine Herren und Damen, ist Alles echt! Alles wahre Natur! Bibi Lolo in eigenster Person und seine Truppe arbeiten mit den Geschöpfen, wie Gott sie geschaffen hat!... Die Kunst hat damit Nichts zu thun!... durch Kraft, Geschicklichkeit, Leichtig­feit, Gewandtheit, Geduld haben wir unsern Weltruf erworben!... Aber warten Sie, meine Herren und Damen, ich will Ihre Neugierde nicht länger auf die Folter spannen und will Ihnen presto, fubito, mit einer Geschwindigkeit von Null Komma Null, eine kleine Probe meiner Talente geben:

Tiüi,... Tiüi,... üi,... üi,... Tiüi..." Können die Kanarienvögel, die Sie zu Hause haben, besser singen? Jetzt bitte ich die Herrschaften, die die ländliche Schönheit lieben, der Lerche zuzuhören: Tirili,... li, li,... Tirili... li li,"

Wenn Jemand von den geehrten Herrschaften auf dem Lande lebt und keinen Hund zum Bewachen hat, will ich gern zeigen, wie man sich billig eine Dogge verschaffen fonn.

*

Flottenvorlage in Sicht. Eine Neueinrichtung der| Flotten- Stationsgebiete ist erfolgt. Mit Ausnahme der westafrikanischen, der amerikanischen und der australischen haben sämmtliche Stationen eine Erweiterung erfahren. Das Schwarze Meer und der Suez- Kanal das Rote Meer und der Persische Golf, sowie die Südküste Asiens, werden in Zukunft ständig von deutschen Kriegsschiffen durchkreuzt werden. Die In­diensthaltung einer größeren Anzahl von Kreuzern ist danach unumgänglich, und die Einbringung, einer Vorlage über die Vermehrung der Aus landsschiffe wohl eine Frage furze Zeit.

Ausland.

* Wien, 4. Juni. Im Reichsrat inscenirten die Sozialdemofraten gestern wegen der sie nicht befriedis genden Erklärung des Ministerpräsidenten Körber über die Lemberger Vorgänge große Lärmscenen.

Konsularberichten nach ist in Marrokko die Situation sehr ernst, man befürchtet ein allgemeines Fremden­Massacre.

Wien, 4. Juni. An der technischen Hochschule fanden heute Vormittag wiederum Demonstrationen gegen den Professor Schmid statt. Der Rektor fiftierte deshalb bis auf weiteres die Vorlesungen.

Deutscher Reichstag.

( Sigung vom 4. Juni.)

Die dritte Beratung der Novelle zum Brand weinsteuer- Gesetz wird fortgesetzt bei§ 41 der von der Maischraum- Steuer handelt, deren Erhöhung nur in den landwirtschaftlichen Brennnereien erfolgt, die aber dafür von den Zuschlägen zur Verbrauchs- resp. zur Brennsteuer befreit sind. Die Kommission hat bei dem bestehenden Gesetz einen neuen Absatz 3 hinzugefügt des Inhalts: Brennereien, welche nach dem 1. Juni 1902 betriebsfähig werden, gelten nur dann als landwirt­schaftliche Brennereien, wenn die Rohstoffe an Kartoffeln und Getreide mit Ausnahme von Roggen, Weizen, Hafer und Gerste in der Hauptsache von den Befißern der Brennereien selbst gewonnen werden. Bei Genossen­schafts- Brennereien müssen die so gewonnenen Rohstoffe in der Hauptsache von den einzelnen Genossenschaften noch Verhältnis ihrer Beteiligung an der Brenneret ge= liefert und außerdem die sämtlichen Brennerei- Rück­stände von den Teilnehmern in gleichem Verhältnis ver­

Hau!... Hau!... Hau- au- au...!" Wollen die Damen und Herren vielleicht das Brüllen der Kuh, das Zischen der Schlange, das Heulen des Wolfes, das Schreien des Hirsches, das Gurren der Tauben, das Quaken des Frosches, das Blöken des Schafes, das Glukken des Huhns, das Kikiriki des Hahns, das Wiehern des Pferdes, das Grunzen des Schweines, das Miau der Kaze, das Brüllen des Löwen, das Blöken des Kalbes, den Schrei der Eule?"

Nur Muth! Immer näher, meine Herren und Damen; geben Sie mir freundlichst an, welches Thier Sie zu hören wünschen: Aus den Tropen, aus der alten oder der neuen Welt, ein Haus- oder wildes Thier! Bibi Lolo wird es so gut nachahmen, daß er sich selbst damit täuschen kann... er wird Sie sofort dahin ver­setzen, wo er an Ort und Stelle seine Studien gemacht hat: In die Pampas von Amerika! in die Savannen Brasilien's! die Steppen Tartarien's! die Urwälder der ganzen Welt, sowie in den ländlichen Hühnerhof! Parcle d' honneur, meine Damen und Herren, Bibi Lolo steht ganz zu Ihrer Verfügung!... Niemand meldet sich!... Alle sind stumm wie die Fische und verdrießlich wie die Nachtwächter!... Wollen Sie ein bischen Musik, um lustig zu werden?... Ich bitte Einen aus der verehrten Versammlung, mir selbst sein Lieblingsstück zu nennen: Opern, Arie, Gassenhauer, Solo, nur Muth, immer Vertrauen, ich, Bibi Lolo bin das Orchester und Ihr ganz ergebener Diener. Hier­Fräulein Irma Bilboquette, die den ersten Preis für die große Pauke bekommen hat, unterstützt mich.. Wollen Sie nicht Ihre Verbeugung machen, Fräulein Bilboquette, wenn Ihnen die Ehre zu Theil wird, den Herrschaften vorgestellt zu werden?..." Meister Griguar hilft mir auch noch; er hat nicht seinesgleichen für das Flötenblafen. Meister Griguar, grüßen Sie die Versammlung... Wirklich meine Damen und Herren,

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futtert werden. Der Bundesrat ist ermächtigt, im Falle von Mißernten Ausnahmen zu geftatten."

Ein Antrag Pachnicke( freis. Ver.) will diesen ganzen neuen 3. Absatz streichen. Ein Antrag Müller­Sagan( freis. Volksp.) läuft auf dasselbe hinaus. Eventuell sollen die Genossenschafts- Brennereien jeden­falls dann als landwirtschaftlich steuerlich angesehen werden, wenn sie Roggen, Weizen, Gerste und Hafer brennen.

Abg. Fisch bed( freis. Volksp.) befürwortet den Antrag Müller. Des Weiteren bekämpft er die ge plante nachteiligere Behandlung der erst nach dem 1. Juli 1902 betriebsfähigen Brennereien.

Abg. Augst( südd. Bolksp.) plädiert ebenfalls für Streichung des ganzen neuen Absatzes 3.

Württembergischer Ministerialdirektor v. Schneider protestiert im Interesse der zahllosen fleinen landwirt­schaftlichen Genossenschaft- Brennereien in Württemberg ebenfalls gegen den Kommissionsbeschluß.

Badischer Ministerialdirektor Scherer erklärt sich gleichfalls gegen den Absatz 3. Die badische Regierung würde es sehr bedauern müssen, wenn eine solche Be­ftimmung in das Gesetz hineingebracht würde.

Die Abgg. Hiber( natl.) und 3 ehnter( Centrum) äußern sich in ähnlichem Sinne wie die beiden Bundes rats- Bevollmächtigten. Letzterer erklärt, eventuell für für den Eventual- Antrag Fischbeck zu stimmen.

Abg. Pachnicke( freis. Ver.) erklärt die ganze Maischbottich- Besteuerung für eine schwere Belästigung auf der einen Seite, zugleich aber für einen den land. wirtschaftlichen Brennereien zugewendeten Sonderborteil. Redner kommt dann auf die gestrige Rede des Finanz ministers von Rheinbaben zurück. Dieser habe gestern wohl nur die Bille versüßen wollen, die der Reichs­kanzler Tags zuvor im Abgeordnetenhause den Agrariern verabreicht habe. Er befürwortete die Streichung des ganzen Absages 3 und beantrage namentliche Ab­ftimmung über denselben.

Abg. Speck( Centrum) beantragt eine Abänderung des Absages 3 dahin, daß die Bestimmungen für Brennereien, die erst nach dem 1. September 1902 ( statt 1. Juli) betriebsfähig werden, gelten sollen. Nach weiterer furzer Debatte werden die Anträge Müller­Sagan abgelehnt und das Amendement Spec ange­nommen. Mit dieser Abänderung gelangt sodann der Absatz 3 mit 201 gegen 71 Stimmen zur Annahme.

§ 43 handelt von der Brennsteuer. Dieselben sollen die Brennereien mit mehr als 200 Heftoliter Jahres produktion unterliegen und zwar in Abstufungen mit 2

es handelt sich jetzt nicht darum, das Geld aus dem Portemonnaie zu holen, nennen Sie mir nur irgend eine Melodie... He! Sie da, Sie Herr Soldat, Sie sehen doch forsch genug aus... He, wie sagten Sie? Aus der Tochter des Regiments" Schön! also die Tochter des Regiments" das Rataplan, Rataplan" nicht wahr? Aufgepaßt, Griguar! hübsch im Taft!... Eins! zwei!... drei!...

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Und mit den Lippen, Fingern, Füßen machte er Clarinette, Violine, Discant und Baß nach, es war ein ganzes Orchester, bei dem doch nur die große Paute von Fräulein Bilboquette und die Flöte von Herrn Griguar halfen.

Die Menge flatschte Bravo, rief da capo und Klatschte wieder. Gleich danach drängten die ersten Zuschauer die Stufen hinauf, um in das Zelt zu gehen.

Das war das Zeichen zum Erfolg. Wie eine Schaf­heerde folgten die Säumigen den Ersten, während der Taschentünstler und Seiltänzer immer lebhafter und lebhafter sprach, rief, scherzte und lachte und während Fräulein Bilboquette und Meister Griguar einen phan­tastischen Tanz aufführten und dabei Gesichter schnitten.

Als Bibi Lolo fah, daß die Menge genügend an gelockt war und immer neue Zuschauer hinzu tamen, hörte er mit dem Unfinnmachen auf und näherte sich dem Clown, um ihm in's Ohr zu flüstern:

Nun weiter, nun weiter!.. Ich sehe mich' mal nach dem Kleinen um.

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Er machte einen Luftsprung, fiel auf die Füße, schnitt eine Grimasse, lachte eine Tonleiter und ver schwand in den Kulissen.

Mit wenigen Schritten war er bei dem vierräderigen, langen Wagen, den er mit seiner Familie bewohnte, angelangt, sprang die Stufen der kleinen Treppe hinauf, öffnete die kleine Thür und mit ernster Stimme und plöglich ängstlichem Gesichtsausdruck sagte er zu einer