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an die größe Glocke zu hängen. Man wird ja bald sehen, was an der Sache ist.

Rußland.

* Zar Nicolaus, der alle Tage irgend eine neue Idee hat, scheint sich neuerdings den Namen des Städte­gründers" erwerben zu wollen. Er hat die Gründung einer neuen Stadt in Ost- Sibirien beschlossen. Aus der Ansiede­luna Vodaibosche Residenz" im Gouvernement Irkutsk sol eine Stadt Bodaibo gegründet und zu diesem Zwecke 2000 Deßjätinen Kronlandes hergegeben werden. Sollte es in Rußland nicht andere Dinge geben, die der Aufmerkſam­keit ,, Väterchens" mehr bedürfen?

Balkan- Staaten.

Zu all dem Kriegszunder, der auf der Balkanhalbinsel aufgehäuft liegt, kommt jetzt allem Anschein auch noch eine serbisch- bulgarische Spannung. Nach einer Meldung aus Belgrad werden die Beziehungen Serbiens zu Bulgarien täglich schlimmer. Die Organe der beiden Regierungen greifen sich gegenseitig heftig an. Die serbischen offiziellen Blätter halten es offen mit der Opposition in Bulgarien, andererseits greifen die offiziellen bulgarischen Blätter direkt den König Peter an. Diese Mißstimmung ermutigt die Pforte, Versuche zu machen, sich die Neutralität Ser­biens im Falle eines Krieges der Türkei mit Bulgarien im Frühjahre zu sichern. Die serbische Regierung scheint indessen nicht geneigt, mit der Türkei zu paktieren. Diese Heinen Radau- und Raubstaaten am Balkan werden nach­gerade eine lästige Plage für Europa.

Asien.

In der Nordmandschurei nehmen neuerdings die Ueber­fälle der Chunchusen gegen die Russen zu. In der Süd­mandschurei sollen sie sogar, im Einverständnis der chinesischen Behörden, gemeinsam mit chinesischen Soldaten marodieren und rauben. Die Russen werden ihnen wohl bald das Hand­werk gründlich legen.

England.

+ Herr Balfour, der britische Premierminister, hat in London eine in mancher Hinsicht interessante Rede über das fünftige Wehrpflichtsystem Großbritanniens gehalten. Die Rede des Ministerpräsidenten gipfelte in zwei Sägen: Er erklärte, er glaube, die Gelegenheit werde kommen, wo jeder Erwachsene seine Dienste der Verteidigung seines Vaterlandes zu widmen haben werde". Dann aber fügte er hinzu: Wir werden niemals in der Lage sein, eine allgemeine Wehrpflicht zu besitzen, eine zwangsweise Aushebung en masse, um Befizungen weit jenseits des Meeres in entfernten tropischen Himmelsstrichen zu verteidigen. Wir müssen uns auf den freien Willen eines freien Volkes stüßen." Das scheint ein Widerspruch, ist aber bei näherem Zusehen keiner. Balfour fündigt in der Tat die allgemeine Wehrpflicht an. Aber diese Wehrpflicht wird die Ausgehobenen nur zur Verteidigung Englands und für den Seefrieg anhalten. Zur Verteidi­gung der englischen Kolonien zu Lande sollen die im Mutter­lande Wehrpflichtigen nicht gezwungen sein. Offenbar hofft Balfour aber, daß sie freiwillig dazu bereit sein würden. Immerhin bleibt eine solche Reform des englischen Heer­wesens eine Halbheit.

Afrika.

A Der Aufstand der Bondelzwarts ist als beendigt an­zusehen. In Kapstadt sind Nachrichten eingelaufen, daß ihre endgültige Ergebung jeden Augenblick zu erwarten steht. Ein deutscher Offizier machte einem Orangeflußfarmer die Mit­teilung, daß das Land der Bondelzwarts von den Deutschen anneftiert und ihr Stamm nicht mehr als Volk anerkannt werden würde. Das wäre nur recht und billig.

merika.

Die Yankees haben nun glücklich den casus belli fonstruiert, um die Republik Santo Domingo in die Tasche stecken zu können. Eine amerikanische Firma hat an die Re­gierung von Santo Domingo eine Forderung von 5 Millionen Dollars, die sie schon unter der bisherigen Regierung ange­meldet hatte. Jetzt weigert sich die neue, von den siegreichen Aufständischen gebildete Regierung, diese 5 Millionen zu zahlen. Infolgedessen hat Amerika es abgelehnt, die Re­bellenregierung anzuerkennen. Frankreich und Belgien haben aus ähnlichen Gründen Protestnoten an die neue Re­gierung gesandt. Das Ende vom Liede ist selbstverständlich, daß die Amerikander die Republik unter ihr. Protektorat stellen, d. h. sie den Vereinigten Staaten einverleiben.

Die höchfte Bahn der Erde.

Um die reichen Erzgruben der argentinischen Republik in den Kordilleren besser ausbeuten zu fönnen, wird jetzt von dem Bergwerksdistrikt La Mericana nach der Eisenbahnstation Chilecito eine Drahtseilbahn gebaut, die in zweifacher Hin­sicht merkwürdig ist: Es ist die längste Drahtseilbahn und gleichzeitig die höchste Bahn und Maschinenanlage der Erde. Sie erhält eine Länge von 35 Kilometer und hat darauf nicht weniger als 3536 Meter Gefälle zu überwinden. Die untere Station der Bahn liegt 1049, die Endstation 4585 Meter über dem Meere, 400 Meter höher als die Jungfrau. Für­wahr ein kühnes Werk, das deutscher Gewerbefleiß, die Leip­ziger Firma Bleichert u. Co., dort zur Ausführung bringt.

worden sind, erforderte außerdem der Seetransport besondere Sorgfalt, denn es wurden nicht weniger als 16 000 einzelne Kolli, Kisten und Ballen im Gesamtgewichte von annähernd zwei Millionen Kilogramm( 2000 Tonnen) über Antwerpen nach dem Hafen von Rosario verschifft, darunter allein 140 Kilometer Drahtseil, das einer Strecke von Berlin nach Magdeburg entspricht.

Das wilde, zerrissene Hochgebirge schien jedes Eindringen des Menschen in diese Bergregionen zu verbieten. In der Tat sind die Schwierigkeiten des Baues ganz ungeheure. An einzelnen Stellen muß man die Drahtseile, an denen die Transportwagen laufen, bis zu 850 Meter weit frei­hängend spannen, wobei deren tiefster Punkt etwa 200 Meter über der Talsohle liegt, dann wieder sind Türme, nur aus Eisen konstruiert, bis zu 40 Meter Höhe notwendig, um die Seile genügend zu stützen. Um den Bau zu erleichtern, hat man die Bahn durch sieben Zwischenstationen in acht Teilstrecken geteilt.

Die erste Teilstrecke wird in kürzester Zeit dem Betriebe übergeben. Die Leistungsfähigkeit der Bahn ist enorm. Sie wird in der Stunde 40 Tonnen( 40 000 Kilogramm) Erz mit einer Geschwindigkeit von 25 Meter in der Sekunde befördern, wobei alle 45 Sekunden ein Wagen von 500 Kilogramm Inhalt an der Endstation zur Entleerung kommt.

Nab und Fern.

Der letzte Vertreter der freien Stadt" Frankfurt, Senator Dr. b. Oven ist im 87. Lebensjahre gestorben. Er war 1864 erster Bürgermeister Frankfurts.

Um den Ausbau zu erleichtern, begann man bei der unteren Station zu bauen. Ist eine Teilstrede fertig, wird sie sofort in Betrieb genommen zum Aufwärtstransport der Materialien für die nächste Strecke. Denn der Transport ist hier eine der wichtigsten Fragen. Alle Konstruktionsstücke, die eisernen Pfeiler, die riesenhaften Drahtseile, die Dampf­maschine, kurzum die gesamte Bahnanlage muß auf Maul­tieren an Ort und Stelle gebracht werden. Infolge dessen durfte feiner der Teile ein bestimmtes Marimalgewicht überschreiten, daher wurden die schweren Maschinen­teile, Dampfmaschinen, Seilscheiben, Pfeiler, alle in fleine Stücke zerlegt. Keines dieser Stücke über­schreitet die Tragfähigkeit eines Lasttieres. Da sämt­liche Teile der Bahnanlage in Deutschland heraestellt

Fünf deutsche Fischfutter verschollen. Die deutsche Fischereislotte ist von einem harten Schlage getroffen wor­den. Eine aus fünf Fahrzeugen bestehende Flottille mit 15 Mann Besatzung aus Finkenwärder a. d. Elbe wird seit mehreren Tagen vermißt. Es ist zweifellos, daß die Kutter mit Mann und Maus untergegangen sind.

Der neueste Eheskandal. Kaum haben die Dresdener Blätter sich über die Theirrung" im Hause Schönburg- Wal­denburg beruhigt, fommt schon wieder von dort die Nach­richt von einem sensationellen Cheskandal. Der bekannte Schriftsteller v. Ompteda hat gegen seine Gattin die Ehe­scheidungsklage wegen böswilliger Verlassung angestrengt. Sie hat Dresden in Begleitung eines Rittmeisters verlassen. Der Freifrau v. D., einer äußerst lebenslustigen, pikanten Dame, behagte das ruhige, behagliche Leben an der Seite ihres emsig schaffenden Gatten nicht mehr.

Eine folgenschwere Benzinexplosion ereignete sich an Bord des Schiffes Caledonia" im Hafen von Rotterdam. Drei Matrosen wurden dabei getötet, vier tödlich verlegt. Das Schiff erlitt erhebliche Havarien infolge Explosion und Feuersbrunst.

Kampf zwischen Wilderern und Förstern. Im Schleiß­heimer Revier bei München griffen zwei Gendarmen zivei Wilderer auf. Der eine der Wilderer, der auf einen Gen­darmen angelegt hatte, wurde von diesem durch einen Schuß in den Kopf sehr schwer verletzt; der zweite wurde festgenom­men und in die Fronfeste nach München eingeliefert.

Die Humbertaffäre wird wohl so bald nicht zur Ruhe fonimen. Die zur Prüfung des berüchtigten geheinen Dessoirs betraute parlamentarische Kommission ist an ihre Arbeit gegangen. Da die Pakete nicht weniger als 40 000 Nummern enthalten, wird diese ziemlich lange währen Im ersten Paket sind Momentphotographien, die die Humberts, ,, für alle Fälle", unbemerkt von ihren Gästen aufgenommen hatien: Darunter 15 Bilder, die den Kammerpräsidenten Deschanel in idyllischen Situationen zeigen, wie er mit Eva Sumbert Tennis spielt, wie er hinter ihr durch den Vart lauft u. s. w. Außerdem finden sich Liebesbriefe und schwär­merische Gedichte dieses Herrn an Eva Humbert vor. Des­chanel leugnet die Verfasserschaft.

Bunte Chronik. Kaiser Wilhelm hat zur Linderung der Not der mazedonischen Flüchtlinge 2000 Francs gespendet.

An der atlantischen Küste Frankreichs herrschte ein furchtbarer Orfan. In La Rochelle und Umgegend sind mehrere Fischerbarken untergegangen.

Josef und Pharov in moderner Neuauflage. In Petersburg geht die öffentliche Meinung 3. 31. offen und verstohlen mit dem Finanzsystem des bisherigen Ministers Witte streng ins Gericht. Es ist die allgemeine Ansicht, daß Witte das Volf ausgepreßt hat. Um seine Tätigkeit zu charakterisieren, dient die folgende boshafte Erzählung: Der Zar hatte einen seltsamen Traum: er sah drei Kühe vor sich, eine fette, eine magere und eine blinde. Am nächsten Mor­gen schickte er nach dem Metropoliten Palladius und bat ihn, diesen Traum zu erklären. Der Metropolit lehnte es ab. Darauf schickte der Kaiser nach dem Vater Johann von Kron­stadt und wandte sich an ihn mit der Bitte um Deutung dieses Traumes. Der Vater Johann strich mit der Hand durch sein lauges, lockiges Haar und räusperte sich: Majestät, ich ver­stehe Ihren Traum folgendermaßen: Die fette Kuh ist der Herr Finanzminister, die magere Kuh das russische Volf... und die blinde Kuh..." Zürchte dich nicht, fahre fort," sagte der Kaiser. Die blinde Kuh- das ist Eure Majestät."

§ Ein junger Dippold. In Liegnik wurde der Kaufmanns. lehrling Hütter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er kleine Knaben durch Stockhiebe mißhandelt hatte. Das eine seiner Opfer hatte eine ganze Woche krank gelegen. Das Urteil führte aus, der Angeklagte sei Sadist; er habe aus reiner Bollust schwächliche Kinder brutal gepeinigt. Hitter habe ähnliche Anlagen wie Dippold.

O Hofrat Parisianu ermordet. Der Hauptangeklagte im großen Bufareſter Rentenbetrugsprozeß, Hofrat Parisianu, der bekanntlich spurlos verschwunden war, ist jetzt in einer öden Gebirgsgegend ermordet aufgefunden worden.

Aus dem Gerichtsfaal.

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§ Ein Polizeikommissar unter schwerem Verdacht. Von dem Schwurgericht in Braunsberg begann eine Verhandlung gegen den früheren Polizeikommissarius Johannes Riedz­kowski von dort. Der Angeklagte ist beschuldigt, in dre Fällen einen wissentlichen Meineid geleistet, ferner in zwei Fällen eine Verleitung zum Meineide unternommen und schließlich einen einfachen Diebstahl ausgeführt zu haben. Die Verhandlung, zu der etwa vierzig Zeugen geladen find, wird voraussichtlich mehrere Tage in Anspruch nehmen, feld neben seiner Berliner Wohnung auch in Rostock etme Wohnung gemietet, und er war infolgedessen sowohl in Berlin als auch in Rostock in die Wählerlisten eingetragen worden. Bei der Hauptwahl am 18. Juni hat Dr. Herzfeld in Rostock, wo er selbst zur Wahl stand, seinen Stimmzettel abgegeben. Hier war eine Stichwahl nicht erforderlich, dagegen fand in dem ersten Berliner Reichstagswahlkreis, in dem Dr. Herz­feld seinen eigentlichen Wohnsitz hat, eine Stichwahl zwischen dem Kandidaten der freisinnigen Volkspartei, Stadtältesten Kämpf, und dem Parteigenossen des Angeklagten, dem Privatdozenten a. D. Dr. Leo Arons, statt, und der in­zwischen wieder nach Berlin zurückgekehrte Dr. Herzfeld hat mun am 25. Juni in der Stichwahl auch in Berlin wählt. Dr. Herzfeld ist eventuell von einer Gefängnisstrafe bis zwei Jahren und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bedroht. Im letzteren Fall würde der Angeklagte auch sein Mandates verlustig gehen. Er bestreitet jede Schuld und be hauptet, daß es sich um zwei vollständig getrennte Wahlhand. lungen handle. Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen ihn bedeute einen Versuch der Wahlent rechtung.

85 000 Francs im Sattel. Aus Orlan an der belgischen Grenze fommt die Nachricht von einem seltsamen Fund. Dort starb vor furzem der Mezger Adolphe Bidaine. In seinem Nachlaß befanden sich zwei Sattelzeuge, die Bidaine im deutsch- französischen Kriege erworben hatte. Da die Gegen­stände einen historischen Wert zu haben schienen, wurden sie dem Direktor des Provinzialmuseums zur Prüfung über­geben. Dieser entdeckte im Futter eines der Sättel eine zu­genähte Tasche. Bet der Vernung jano jaj var ein unver bon 85 guterhaltenen, gültigen 1000- Francs- Scheinen vor. Die Freude der Witwe Bidaine kann man sich denken.

* Die Leiche im Koffer. Wie aus Krestnowodsk( Südruß­land) gemeldet wird, fand man dort auf der Station in einem mit der Bezeichnung Frisches Wild" signierten Koffer die bereits in Verweſung übergegangene Leiche einer älteren Frau, welche, wie die sofort angestellte Untersuchung ergab, ermordet worden war. Der Koffer enthielt außer dem ent­seelten Körper noch verschiedene Kleidungsstücke, sowie ein Kästchen mit Patronen.

Bunte Chronik. Der vor kurzem erst aus der Haft ent­Tassen Pastor Jakobsen in Scherrebek ist mit mehreren Mit­schuldigen verhaftet worden.

Das große Loos der preußischen Selassenlotterie im Betrage von einer halben Million Mark fiel auf Nr. 135 927.

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§ Der Nacheschwur des Verurteilter. Eine aufregende Szene spielte sich vor dem Schwurgericht zu Würzburg ab Wegen Sittlichkeitsverbrechen wurde gegen den ledigen Lage löhner Val. Völker verhandelt. Als der Staatsanwalt auf Verneinung der mildernden Umstände plaidierte, sprang der Angeklagte auf, schlug mit der Faust auf die Barriere und schrie: Wenn Sie mich durchaus zum Verbrecher machen wollen, dann tun Sie es und geben Sie mir die höchste Strafe; aber ich schwöre, so wahr ich Völker heiße, ich bin unschuldig; sobald ich herauskomme, stirbt die Weber( die Hauptbelastungszeugin) von meiner Hand!" Die Geschwore nen verneinten die mildernden Umstände. Das Urteil lau­tete auf zwei Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust.

§ Einen dämonischen Einfluß muß der Tagelöhner Karl Kanamüller zu München auf seinen Freund", den früheren Postgehilfen und späteren Musiker Karl Neumann besessen haben, wegen dessen Tötung durch Beilhiebe er vom Schwur gericht zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Neumann lebte mit seiner Frau, der Tochter eines Oberförsters, in glücklichster Ehe, bis der Angeklagte Kanamüller in der Fa milie auftauchte. Er zog im Oktober 1900 als möblierter Herr" bei Neumanns ein. Wenige Tage nach seinem Gr scheinen begann Neumann seine bis dahin vergötterte Frau zu schlagen und überhaupt in einer Weise zu behandeln, daß diese mit der Zeit tiefsinnig wurde. Im Sommer 1900 fam es zur Ehescheidung. Nunmehr war Neumann vollständig dem unheilvollen Einfluß des Angeklagten preisgegeben. Dieser schleppte ihn von Kneipe zu Kneipe. Unter diesen Umständen wurde Neumann schließlich auch von der Post behörde entlassen. Als Neumann infolge von Krankheit und Trunkenheit allmählich arbeitsunfähig wurde, nahm ihn der Angeklagte bei sich auf, und nun hausten beide in vollständi­gem Kommunismus miteinandner. Kanamüller zwang den Neumann, sich seinen Lebensunterhalt durch Musizieren in Münchener Bierlokalen zu verdienen, und da Neumann beim Militär als Hautboist tätig gewesen war, so verdiente er auch täglich 7 bis 9 Mart, die er jedoch jedesmal dem An­geklagten abtreten mußte. Dabei war im übrigen das Ver­hältnis das denkbar schlechteste, denn der Angeklagte miß handelte den Neumann fortgesezt in der rohesten Weise. Als das unglückliche Opfer sich schließlich gegen die Tyrannei seines bösen Dämons auflehnte, mußte es den Versuch mit dem Leben bezahlen.

Lokales.

Gießen, 30. November 1903.

Wir erhalten über die Jahresversammlung des land wirtschaftl. Provinzialvereins noch folgenden Be richt. In Steins Saalbau dahier fand am 26. dz. Mts. unter sehr zahlreicher Beteiligung die Jahresversamm lung des landw. Vereins für die Provinz Obeth ssen statt. Neben Vertretern der Regierung wurde besonders Herr Ge heime Regierungsrat Haas aus Tarmstadt, der Anwalt des Reichsverbandes der Deutschen landw. Genossenschaften, be merft. Der Präsident des Vereins, Herr Dekonomierat Schlenke gab zunächst eine Uebersicht über die Tätigkeit des Vereins im Jahre 1902/3. Wir erwähnen hieraus unter anderem folgendes: Dem Vereine gehören über 2500 Mit­gliedern an. Er gliedert sich in 6 Bezirksvereine, 7 Be­zirkszuchtvereine mit 93 Lofalvereinen, 7 Schweinezuchtvereine 9 Biegenzuchtvereine, 1 Provinzialobstbauverein mit 6 Sef tionen und einer großen Anzahl von Ortsvereinen. Die Einnahmen und Ausgaben des Vereins stellen sich auf etwa 200 000 Mart. Der Bericht des Präsidenten erstreckt sich auf die einzelnen Zweige des landw. Betriebes und die Arbeiten des Provinzialvereins zur Förderung derselben. Neu hinzugekommen sind in dieser Beziehung die zum ersten mal in diesem Jahre unternommenen Düngungsversuche, die sich auf 14 Versuchsflächen in den verschiedenen Teilen der Provinz erstrecken. Ebenfalls neu aufgenommen wurden Sortenanbauversuche an der landw. Winterschule Alsfeld. Die Tätigkeit auf dem Gebiete der Rindviehzucht ist nach dem im Jahre 1897 aufgestellten Plane fortgesetzt worden. In die Herdbücher wurden neu aufgenommen: 1354 Simmen taler und 426 Vogelsberger Tiere. Es bestehen 15 Bullenstationen. An Schauen wurden 7 Ortsschauen und 16 Stallschauen abgehalten. Für Vogelsberger Vieh bestehen 4 Zuchthöfe. Bur Debung der Simmentaler Zucht wurden 15 Bullen und 12 Rinder, zur Hebung der Bregen zucht: 30 Böcke und 25 Saanter Biegen eingeführt. Unterstüßungen an Gemeinden mit Vogelsberger Zuchtrichtung in Höhe von 20% des Antaufspreises zur Beschaffung von Gemeindebullen erhielten 29 Gemeinden. Die 4 vom Ver eine unterhaltenen Jungviehweiden und 1 Fohlenweide waren

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