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28.11.1903 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

Mbonnementpreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50- fs., ten's Saus gebracht 60 fg., burch die Poft bezogen viertels fährlich Mr. 1.50.

attabellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, bft- und attenban, sowie Sie Gießener Geifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erichetat an allen Werktagen nagmitag6.

Samstag, den 28. November 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionspret: Die einfpaltige Petitgeile für Siehen wie ganz Oberheffen, die Kreise Weglar und Warburg 10 Pfa. jonit 15 Big.; Seltamien Ste Petitgeile 30 xếp. 40 Địa

Postzeitungsliste No. 3969.

Redaktion und Expedition: Gießen Nenenweg 28. Fernsprechanfint ne, 362.

Neueste Nachrichten

( Steßener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sichener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Advent.

[ Politische Wochenschan.]

Bon fernher läuten schon die Glocken herüber vom schönsten Feste der Christenheit. Wir bereiten uns, die Zeit zu begehen, welcher die herrlichste Botschaft kam, die je göttlicher Mund r Erde verkündet hat. Wir rüsten uns in Ändacht für das Seit des Friedens, das den Menschen ein Wohlgefallen bringen elte, und fühlen tief in unserer Seele Saiten erklingen von

weltfremder Weihe.

Friede auf Erden! Zerklüftet in Parteien und Parteichen, in Fraktionen und Fraktiönchen ist unser Vaterland. Die große Einigung, die auf den Schlachtfeldern von Frank­reich mit teurem Blute erkauft wurde, besteht zwar noch, aber die Eintracht war nicht in ihrem Gefolge. Otto v. Bis­mard hat sich nichr als einmal darüber beklagt, daß die Deutschen die großen gemeinsamen Interessen hinter Sonder interessen stellen und daß sie ihre Kraft verzetteln an wert­ojem inneren Hader, der immer aufs neue von Fanatikern fünstlich geschürt wird. Es ist heute vielleicht noch schlimmer, als zu den Zeiten des großen Kanzlers, und mehr denn je cheint der Kampf entbrannt um materielle Dinge, die so sehr alles Sinnen und Denken beeinflussen, daß für große natio­male Fragen nur wenig Spielraum übrig bleibt. Das be­Harf der Aenderung. Wir müssen alles daran setzen, diese:: inneren Frieden wieder zu erlangen, weil nur er es uns ermöglicht, unsere Interessen im Wettkampfe der Völker wirksam zu vertreten. Die große Botschaft, auf die uns die Adventszeit vorbereitet, gilt also auch unserem Volke, das solcher Lehre dringlich bedarf.

Friede auf Erden! Wie lange ist es her, daß von der Newer gar seltsame Kunde fam, und der Kaiser des gewaltigen rusischen Reiches den Delzweig statt des Schwertes erhob, um in fegnend über Europas Völker zu halten! Und heute? It die Haager Konferenz nicht zur Farce herabgesunken? Droht nicht im Osten von Asien der russische Bär, weite Län­der zu verschlucken? Kreuzen seine erzgepanzerten Schiffe nicht an den Küsten von China, bereit, den Willen des weißen Baren gegen eine Welt zu verteidigen? Und auf dem Balfan? Man predigt zwar den Frieden und zwingt den unchristlichen Sultan feuchend unters Joch, aber in Wahr­heit wartet man sprungbereit wie eine Banterfaße nur auf en günstigen Augenblick, um die Standarte des Zaren auf den Türmen des Yildiz Kiosk zu hissen. Friede auf Erden: Felt sam, daß solche Kunde in jüngster Zeit gerade vom Peter­hoj kam, wo schlechte Praris auch die Theorie diskredi­fiert hat.

In Ungarn tobt noch immer der Kampf der Parteien und vergeblich müht sich Tisza, die Macht des Parlaments seinen Plänen dienstbar zu machen. Man fragt sich, wie es noch werden wird. Bisher war es der ehrwürdigen Greisen­gestalt des Kaisers noch immer möglich, im Augenblicke höchster Not durch den Appell an sein Volk den Frieden wenigstens für eine Weile wieder herzustellen. Wenn nun aber der Kaiser die Augen einmal geschlossen hat er iſt alt genug, und lange wird er faum mehr leben was foll dann aus diesem Staatengebilde werden, das nur äußer­liche Fäden noch zusammenhalten? Die Zukunft Dester­reich- Ungarns liegt grau in grau, und der Optimismus müßte start sein, der die Botschaft der Weihenacht aufpflanzen wollte als Hoffnung auf dieser Stätte der Trümmer.

Friede auf Erden! Drüben in der neuen Welt, wo der republikanische Gedanke von Anbeginn die Staatswesen be gründet und ihre Politik bestimmt hat, wo also der Völker­friede für alle Ewigkeit die Regel sein müßte, da schlagen ie mit Schießprügeln auf einander los und schwören sich Jehde. Fast gleichzeitig mit der Lossprengung Panamas von Kolumbien brach in San Domingo jene Revolution aus, die, von Washington aus geschürt, zur Vertreibung der Re­gierung führte. Deutsche Dampfer liegen auf der Reede der Hauptstadt, unsere Interessen zu schützen. Die Union aber läßt eine ganze Kriegsflotte vor San Domingo kreuzen, um ja im geeigneten Augenblicke den Gedanken der Monroe­Doktrin in die Tat umzuseken.

Friede auf Erden! Die Botschaft ewigen Heiles, die armen Hirten auf dem Felde zuerst die Kunde brachte, daß der Dulder von Nazareth in einer Krippe geboren, wird heute noch verkündet von allen Kanzeln der Christenheit, von allen Türmen der Kirchen. Eine ernste Mahnung für die Menschen als solche und für die Völker in ihrer Gesamtheit! Ein Blick in den Spiegel der Welt lehrt, daß es mit der aufrichtigen Achtung für diese Botschaft und mit ihrer Erfüllung recht schlecht bestellt ist auf Erden. Der Geist der Selbſtſucht ist eingerissen und beherrscht die Gemüter. Da soll mun diese Zeit der Vorbereitung den Samen streuen, auf daß er üppig gedeihe in diesen Tagen, auf daß der Friede endlich einziehe in allen Landen.. den der Heiland verkündet, und jene opfer­pipe he allen teilhaftig werde, für die er sein

Beben gab auf Golgatha.

Neuerungen im Postverkehr.

Im Reichspostamt fand dieser Tage eine Besprechung zwischen den leitenden Beamten der Reichspost und etwa drreißig Vertretern von Handel und Gewerbe statt, die sich

mit verschiedenen, von der Postverwaltung geplanten Neuerungen im postalischen Verkehr befaßte. Bei der Wichtigkeit einiger dieser Neuerungen für die Handels­und Gewerbkreise wie für das große Publikum teilen wir die wesentlichsten Ergebnisse der Konferenz mit:

Zunächst wurde beschlossen, daß Eilsendungen fünftig nur noch auf ausdrückliches Verlangen des Absenders zur Nachtzeit also von 10 Uhr abends bis 6 Uhr mor­gens bestellt werden sollen.

Mit besonderer Befriedigung wird es namentlich von den Geschäftsleuten aufgenommen werden, daß die Postverwaltung zur Erleichterung der Aushändigung von Postanweisungen, Wert- und Einschreibesendungen an Reisende Post aus meistarten einführen will. Diese Karten sollen die mit eigenhändiger Unterschrift versehene Photographie und das Signalement des Inhabers enthalten. Die Postausweiskarte soll von dem Postamte desjenigen Bezirkes, in welchem der Besteller wohnt, gegen eine Jahresgebühr von 50 Pfennig ausgestellt werden. Die Konferenz sprach ihre lebhafte zu stimmung zu dem Plane aus, der danach binnen kurzem ver­wirklicht werden dürfte.

Weiter ist von besonderem Interesse der Plan der Post­verwaltung, besondere Briefkästen für sogen. Spätlings briefe aufzustellen, die kurze Zeit vor Abgang der wich­tigsten Züge geleert werden sollen. An den Kästen soll die Nichtung der Züge angegeben werden. Die Spätlingsbrieje sollen um 10 Pfennig höher als nach dem gewöhnlichen Portosat frantiert werden. Die Kästen sollen nach Bedürf­nis in verschiedenen Stadtteilen aufgestellt werden. Die Poſt­verwaltung erhofft von dieser Neueinrichtung eine Entlastung der Bahnpostämter, die im übrigen bestehen bleiben sollen.

Die Absicht der Post. Po it farten mit Nachnahme an Sonntagen nur auf ausdrückliches Verlangen des Ab­sonders zu bestellen, fand die Billigung der Konferenz. Da gegen sprach sie sich gegen eine von der Post in Erwägung gezogene Herabsetzung der Postversicherungs gebühr für Wertsendungen aus; infolgedessen wird eine Aenderung dieser Säße nicht eintreten. Ebenso nahm die Konferenz gegen eine etwaige Einführung von Fern­gesprächen mit bezahlter Antwort Stellung; über eine Einführung der Vorbestellung von Ferngesprächen ( von bestimmten Personen zu bestimmten Zeiten gegen be sondere Gebühren) gingen die Ansichten sehr auseinander.

Dann fand noch die Einführung einer erweiterten Vor­bereitung von Einschreibbriefen für die Post­beförderung durch die Absender und einer dadurch verein­fachten Einlieferung der Sendungen die Zustimmung der Konferenz. Schließlich wurde mitgeteilt, daß die Postver­waltung mit den meisten Staaten des Weltpoſtvereins eine Vereinbarung dahin getroffen habe, daß die 3ollge= bühren für unbestellbare, zurückgehende Post­pakete niedergeschlagen werden; das gleiche für größere Sendungen zu erreichen, welche der Vermittelung des Spe= diteurs bedürfen, ist noch nicht gelungen.

Rufslands Mitfchuld am Königsmord!

Man kann es dem Fürsten Ferdinand von Bulgarien nicht verübeln, wenn er sich's angelegen sein läßt, den Russen, die gegen ihn konspiriert haben, Verlegenheiten zu bereiten. Wie wir neulich mitteilten, sind, offenbar nicht ohne Zutun Ferdinands, in Sofia Enthüllungen über einen hochverräte­rischen Anschlag des früheren bulgarischen Kabinetts Danew gegen den Fürsten gemacht worden, in den auch die russische Regierung verwickelt war. Graf Lambsdorff hat das be­siritten, die Antwort Ferdinands ist, daß er den Nachweis sührt: Auch bei der Belgrader Tragödie hat Rußland die Hand im Spiel gehabt. Dieser Nachweis wird weiter viel­leicht feine Folgen haben, als daß er den Sturz des Grafen Lambsdorff, dessen Stellung schon durch die ersten Sofioter Enthüllungen erschüttert war, vollends besiegelt.

Als Mittelsmann Rußlands erscheint bei den neuesten Enthüllungen wie bei den früheren der Chef der russischen Geheinipolizei, Adolf Weißmann. Er ist, nachdem sich herausgestellt hat, daß er der Vermittler zwischen dem Hoch­und Landesverräter Danew und dem Grafen Lambsdorff war, aus Bulgarien ausgewiesen worden. Das Sofioter Leiborgan des Fürsten Ferdinand teilt jetzt über seine Be­teiligung an dem Belgrader Königsmorde mit: Weißmann habe um die Verschwörung gegen Alexander und Draga ge­wußt und habe die Verschworenen zu ihrem Vorgehen auch seinerseits ermuntert, indem er ihnen am Tage vor der Tragödie im Konaf zu Belgrad erklärte: Für die Nacht zum 11. Juni, in der Alerander fiel, sei auch die Ermor dung des Fürsten Ferdinand in Sofia vorbereitet. Taß das den Tatsachen entsprach, ist aus den früheren Ent­hüllungen des Sofioter Blattes über das Komplott Danews befannt.

Selbstverständlich kommt diese neue sensationelle Ent­hüllung den russischen Machthabern um so ungelegener, als sie sie in den Augen des Baren unmöglich macht. Man er­

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mnere 11a), ver zar uver oie veigrader Desturzt Schreckenskunde war, welchen Abschen vor der Tat er an den Tag legte, wie er ängstlich um seine eigene Sicherheit be­sorgt war. Graf Lambsdorff sucht infolgedessen sich zu sal­vieren, indem er alles ableugnet und auch sein Werkzeug, Weißmann, diese Enthüllungen dementieren läßt.

Das ist nun freilich nicht so einfach, weil das Sofioter Blatt beweist, daß es die Wahrheit sagt. Daß Herr Weiß­mann um die Verschwörung gegen Alerander gewußt hat, fann er, so gern er wohl möchte, nicht in Abrede stellen. So versucht er denn, der Welt ein Märchen aufzubinden, indem er sagt: Gewußt habe er allerdings um die Verschwörung. Aber er habe von dieser Wissenschaft den loyalsten Gebrauch gemacht: Er habe Alexander ausdrücklich gewarnt, ihm die Namen der Verschworenen genannt und ihn beschworen, sie verhaften zu lassen. Daraufhin habe der König von seinem Ministerpräsidenten, General Zinzar Markowitsch, die Fest­nahme dieser Offiziere verlangt, Markowitsch aber habe sich dessen geweigert. Das sei am Abend vor der Mordnacht geschehen.

So Herr Weißmann. Wer wird ihm glauben? Das fer­bische Königspaar ist tot, Zinzar Markowitsch auch, sie können nicht mehr gegen Herrn Weißmann zeugen. Aber auch nie­mand kann für ihn zeugen. Und nicht nur der Schein, son­dern auch strikte Beweise sprechen gegen ihn und seine Be­hauptungen. Er sowohl wie sein spiritus rector, Graf Lambsdorff, werden daran glauben müssen. Sie fallen in die Grube, die sie anderen gegraben hatten. Mitunter gibt es eben auch in der Geschichte noch etwas wie Gerechtigkeit!

Die Politik.

* Offenbar von dem Grundsatz ausgehend, daß wir noch nicht genug Fraktionen und Fraktionchen haben, wird sich demnächst auch eine Fraktion der Lothringer im Reichstag fonstituieren. Dieser werden die vier Abgeordneten Jaunez, Labroise, Menot und Baron de Schmid angehören. Bisher wurden die in den Reichslanden gewählten Protestler im Parlamentsalmanach insgesamt als Elsässer" aufge­führt. Die sich abzweigende neue Gruppe der Lothringer" stellt sich als eine Vertretung der Notablenpolitik dar.

A Unsere südwestafrikanische Kolonie verspricht auch als Marmorlieferant Deutschlands eine Zukunft zu haben. Nach dem Urteil der föniglichen Bergakademie in Berlin, des Pro­fessors Weinschenk in München und einiger bekannter Bild­hauer sind die vom kaiserlichen Gouverneur nach Berlin über­sandten Marmorblöcke aus Etusis rein und ohne Flecken, von lebhafter Farbe und schönem Korn. Allerdings enthalten sie zahlreiche Schichten von Tremolit, die der Verarbeitung hinderlich sind. Die Versuche sollen indessen mit Blöcken aus anderen Lagen fortgesezt werden.

Eine Anzahl englischer Parlamentarier hat jetzt ihren französischen Kollegen, die vor kurzem zu einer Verbrü­derungsvisite in London waren, den schuldigen Gegenbesuch gemacht. Selbstverständlich kam es dabei zu einer erneuten englisch- französischen Verbrüderungs- Kundgebung. Herr Combes, der französische Ministerpräsident, hielt eine schwung­volle Rede über den Wert der internationalen Schiedsgerichts­verträge im allgemeinen und über den französisch- englischen im besonderen. Er feierte die Idee eines allgemeinen inter­nationalen Schiedsgerichts für alle Mächte, die ,, internatio nale Versöhnung", in tönenden Worten. Noch einige Ver­brüderungsreden wurden geschwungen, ein Telegramm an den König von England abgesandt, und was dergleichen ideo­logischer Zauber mehr ist. Der großen europäischen Allianz", als deren Vorläufer ein französischer Redner diesen Besuchsaustausch der englischen und französischen Depu tierten ausgab, werden uns solche Vergnügungsreisen wichtig tuender Volksvertreter um keinen Zoll näher bringen.

Der Gesundheitszustand König Peters soll nach neueren Meldungen aus Belgrad erschüttert sein. Der König leidet. so heißt es, an hochgradiger Nervosität und Schlaflosigkeit, er verbringe ganze Nächte im Lehnstuhl. Die Aerzte raten dringend den baldigsten Gebrauch einer Kur in Karlsbad an. Ein Wunder ist's allerdings nicht, wenn die Gesundheit des Königs bei dem Drunter und Drüber in Serbien in die Brüche geht.

Zu großen Skandalszenen tam es wieder im ungarischen Abgeordnetenhause. Die Erbitterung der Oppe ſitionellen über die Sachlichkeit des Präsidenten Berczel ging so weit, daß sie mit geballten Fäusten gegen die Präsidenten tribüne stürmten, so daß andere Abgeordnete den gefährdeten Präsidenten in die Mitte nehmen und aus dem Saal geleiten mußten. Trottel, Schurfe, Schwein", das ist so eine Aus lese aus den Titulaturen, mit denen er bedacht wurde. Aud an Drohungen, man werde ihn niederschießen oder erschlagen, fehlte es nicht. Den Ministerpräsidenten Tisza betitelie ein Abgeordneter Bandit". Wahrhaftig, den Ungarn täte eine Uebersetzung des Knigge" ins Magharische sehr not.. Beinahe noch rüder ist der Ton im österreichischen Abgeordnetenhause: Dort verprügelten eine An­zahl tschechischer Abgeordneter den Journalisten Mandl in rohester Weise, weil er dem Abg. Fresl nachgewiesen hatte, daß er im Belgrader Konak nach der Mordnacht Spitzbübereien verübt habe. Magyaren und Tschechen gleiche Brüder, gleiche Kappen!