Ausgabe 
27.6.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 148. Zweites Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ta's Saus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertels fährlich Mr. 1.50.

Beatisbellagen: Oberhefftsche Familienzeitung( täglich) Oberbeffifche Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gastenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nadwitego.

Samstag den 27. Juni 1903.

Gießener

12. Jahrgang

Jusertionspreid Die einfpaltige Besitzelle fr Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wehlar und Marburg 10 kg. fonft 15 Bfg.; Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 g.

Bostzeltungsliste No. 3200.

Rebattion und Expedition: Gießen Regenweg 28. Fernsprechanfchlaf An, SeB.

Nenelle Nachrichten

( Sichener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Der bl. Bureaukratius in Amerika.

Wir Europäer stellen uns gewöhnlich vor, daß in Amerika, dem Lande der Freiheit und des gewaltigen Fortschritts, man alle jene Unzuträglichkeiten nicht kennt, die in unseren alten Staatswesen sich unter dem Schutz und Schirm des heiligen Bureaukratius eingenistet haben. Aber wir irren uns in dieser Beziehung gründlich. Ein genauer Kenner amerikanischer Verhältnisse spottet in einer Newyorker Zeitung gehörig über den Zopf, der in allen Kreisen der amerikanischen Verwaltung herrscht.

Seinen größten Triumph feiert der Bureaukratismus im Schazamt. Wenn in den übrigen Departements solche andale, wie sie jetzt im Generalpostamt zutage treten, t zu verzeichnen sind, so liegt dies entweder daran, 3 die Beamten von musterhafter Ehrlichkeit sind oder ch cben bis jetzt noch keine solche Untersuchung stattge­nden hat, wie sie heute das Generalpoſtamt nach allen chtungen aufzählt. Eekretär Shaw soll jüngst scherzend zählt haben, daß ihm eines Tages achthundert Dokumente zur Unterzeichnung vorgelegt wurden und daß er inner­halb einer Stunde die Unterschriften produziert habe. Ein­mal habe er einen Augenblick pausiert, weil etwas darunter war, was ihm nicht in Ordnung zu sein schien, aber der Neger, der den Botendienst versah, ein langjähriger An­gestellter, habe ernsthaft bemerkt: Verstehen Sie nicht, Herr Sekretär? Da( mit dem Finger auf die betreffende Stelle hinweisend) müssen Sie Ihre Unterschrift hinseßen." Und der Sekretär unterzeichnete lachend. Er verließ sich eben auf die Gründlichkeit seiner Unterbeamten, und wenn er es nicht täte, sondern selbst alles untersuchen wollte, würden die Geschäfte des Echazamtes eben ſtill ſtehen. Aber, schließlich, wozu nüßt denn da eigentlich die Unter­schrift des Departementschefs?

Daß derartige Methoden nicht vor gesalzenen Frr­tümern schüßen, weil eben die ,, Unfehlbaren", die mit ihren gewichtigen Initialen die Bundeskasse vor ungehörigem Hineingreifen schüßen sollen, manchmal nicht bei der Sache sind resp. sich auf die anderen" verlassen, kann durch ein gelungenes Beispiel aus der jüngsten Zeit illustriert wer­den. Eine Firma in Baltimore hatte dem Departement des Innern Schreibmaterialien geliefert und die Rechnung war an das Schazzamt zur Bezahlung geschickt worden. Mehrere Wochen vergingen, und die Zahlungsanweisung war noch nicht an ihren Bestimmungsort gelangt. Die Firma brauchte aber das Geld und sandte deshalb einen ihrer Angestellten nach Washington, damit er die Anwei­sung über den 848 Dollars lautenden Betrag hole und

einkaſſiere. Der Mann begab sich ins Schaßamt auf die

Euche nach der Anweisung und machte sie nach langem Hin- und Herirren in einem der Bureaus ausfindig. ,, Können Sie die Angelegenheit nicht sofort erledigen, so daß ich die Anweisung noch heute, ehe ich nach Baltimore zurückkehre, einkassieren kann?" fragte der Abgesandte naiv. Der Beamte schaut ihn halb erstaunt an, als wenn er es mit einem Verrückten zu tun hätte ,, Wa- a- a- 3?" fragte er gedehnt. ,, Wie können Sie auch nur daran denken, die Anweisung heute einfassieren zu wollen?"

,, Warum

nicht," ertviderte jener ,,, dte Sache ist doch in Orönung? Die Schreibmaterialien sind längst abgeliefert, das De= partement des Innern hat die Richtigkeit der Rechnung bezeugt, die Anweisung liegt fertig bei Ihnen hier auf dem Pult warum kann ich also das Geld heute nicht bekommen?"

Der Beamte zuckte mitleidig die Achseln, als ob die Ignoranz des Fragestellers ihm wirklich leid täte, und sagte: Die Anweisung hat ja erst vier Unterschriften und muß noch sieben andere erhalten, was mindestens noch drei Tage in Anspruch nimmt. Kommen Sie in der näch­ſten Woche wieder." Damit mußte der Kaufmann sich be­gnügen. Der Sicherheit halber wartete er nun noch einige Tage länger, als er warten sollte. Kurz darauf wurde die Anweisung der Firma nach Baltimore geschickt, aber sie lautete nicht auf 848, sondern auf 8480 Dollars, den zehnfachen Betrag. Die elf ,, Unfehlbaren", denen es oblag, die Richtigkeit der Anweisung durch ihre Unterschriften und durch Eintragungen in diverse Bücher zu bekräftigen, hat­ten in dem Schneckengange ihrer offiziellen Tätigkeit doch übersehen, daß der Klerk, der ursprünglich die Anweisung ausgefertigt, aus Versehen eine Null an die Ziffer ange­hängt hatte. Die Firma sandte ihren Angestellten sofort mit der Anweisung nach Washington zurück, um die Be­amten auf ihren Irrtum aufmerksam zu machen. Heil­lose Bestürzung der elf Unfehlbaren! Die richtige Anwei­sung auf 848 Dollars ward mit affenartiger Geschwindig= feit innerhalb eines einzigen Arbeitstages hergestellt und dem Manne von Baltimore vor Schluß der Amtsstunden eingehändigt!

Dieser unerhörten Geschwindigkeitsleistung steht, wie die Traditionen des Schazamtes besagen, nur ein ein­ziges ähnliches Beispiel zur Seite: Wie man sich unter den ältesten Beamten des Departements erzählt, soll vor ungefähr dreißig Jahren ein mächtiger Bundesſenator, dessen Name als Amtsgeheimnis heilig gehalten wird, es fertig gebracht haben, eine Zahlungsanweisung in einem Tage durch die Cerberusse des Schazamts hindurchzufuhr­werken und seinem Klienten die Auszahlung zu sichern. Aber auch er brachte das nur fertig, indem er die Anwei­sung keinen Augenblick aus den Augen ließ und sie persön­lich von einem unterschreibenden Beamten zum andern be­gleitete. So besagt die ehrfurchtsvollſt von den Vor­fahren der jetzigen Beamtengeneration überlieferte Tradi­dion, die aber im Lichte sonstiger Erfahrungen doch wohl als eine Legende gelten muß.

Vermischtes.

[ Bismarck im Schlittengeschirr".] In einem Wiener Blatt schildert ein früherer Photograph, der sich jetzt wunder­barerweise in einen erfolgreichen Geographen und Forschungsreisenden verwandelt hat, wie er s. 3t. im Auf­trage der Brüder Hanfstängel für ein Album berühmter Zeitgenossen den Fürsten Bismarck in den verschiedensten Stellungen bildlich aufnehmen mußte. Unter anderem so erzählt er mußte auf besonderen Befehl des Kaisers ein lebensgroßes Brustbild vom Fürsten gemacht werden, wovon ich den Fürsten in Kenntnis fette." a", erwiderte er,

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,, Dann muß ich mich ins Schlittengeschirr stecken." Mater haft, wie mir der Ausdruck war, mochte ich wohl etwas ver­dukt dreingeschaut haben, denn sogleich fuhr er fort: Na, das werden Sie gleich kennen lernen, Sie müssen mir ja auch dabei ein wenig helfen." Sagt's und zog aus einem bereit­stehenden Korbe den Paraderock hervor und schüttelte ihn. Jezt begriff ich: die vielen Orden und Kreuze klingelten in der Tat wie ein Schlittengeschirr. Auch Moltke mußte dem Künstler ſizen. Im Empfangssaale- schreibt dieser- er wartete man jeden Moment den Lift, der den Marschall bringen sollte. Nun tritt ein alter Offizier ins Atelier, den ich seinem unscheinbaren Aeußeren nach für einen pensio­nierten Hauptmann halte, dem seine Bezüge feine fetten Bissen erlauben, denn die trockene, lange Gestalt mit dem tief­ernsten, fast traurigen Gesicht, bekleidet mit einem ab­getragenen schlichten Rock ohne Rangzeichen kennzeichnete ihn als solchen. Er wünschte photographiert zu werden. Ich bedauere, Herr, es ist heute unmöglich."" Ja, warun denn?" fragt er verwundert. ,, Wir erwarten soeben Seine Excellenz den Feldmarschall Grafen Moltke!" gebe ich daraus zurück. Nun, der bin ich ja!" erwiderte er. Tableau! Er war, statt mit dem Lift in den Empfangssaal zu fahren, die bier Treppen bis ins Atelier hinaufgeklettert. Der unten in höchster Gala auf ihn wartende Portier hatte ihn eben auch nicht erkannt und die befrackten Herren im Empfangs­salon vergebens ihn erwartet.

[ Warum er nicht wählen wollte.] Kurz vor dem Wahltermin, so erzählt ein süddeutsches Blatt, war in einem fleinen schwäbischen Dorfe ein Reisender mit einem Bäuerlein ins Gesprächt gekommen, das sich schließlich auch um die Wahl drehte. Auf die Frage, wer sein Kandidat sei, ant­wortet das Bäuerlein: wähl net!" Darüber drückt der Reisende seine Verwunderung aus; indes erfolgt auf seine Frage nach dem Grunde nur die Antwort: I wähl net!" In der sicheren Erwartung, vielleicht bei einem Glase Bier den Wahleifer des Bäuerleins etwas anzuspornen, lädt ihn der Reisende ins Wirtshaus ein, wo er ihm die Pflichten eines jeden Staatsbürgers, zu wählen, klar zu machen sucht. Das Bäuerlein trinkt ein Glas Bier nach dem andern, die Zeche ist bereits eine ganz namhafte, und der Reisende agi­tiert immer noch erfolglos, denn das Bäuerlein antwortet stereotyp: wähl net!" Endlich reißt dem Reisenden die Geduld; er springt auf, zahlt und will gehen, da ruft ihm das Bäuerlein nach:" Ha, i wähl net, weil i fünf Jahr Ehr­berlufchit hab'!"

Das Beste aus den Witblättern. Enfant terrible. Der kleine Willi( als sich die Familie, welche den Erbonfel zu Tische geladen, eben niedergelassen hat): Du, Papa, da fehlen noch zwei Gedecke für den Onkel!" Papa: Ja, wieso denn?" Willi: Du hast doch heute früh zur Mama gesagt: Wenn der Onfel zum Mittagessen kommt, dann frißt und ſauft er gewiß wieder für Drei!"

Aus dem Gerichtssaal. Richter: Wie kamen Sie denn dazu, Ihrem Manne bei dem Einbruche be­hilflich zu sein?"--Angeklagte( fleinlaut): Er brachte mir immer Sachen mit, die nicht mehr modern waren!"

Hyperbel. Haben Sie das Entresol gemietet?" - ,, Nein. Es ist so niedrig, daß man im Speisezimmer nur Seezungen und Flundern servieren kann!"( Fl. Bl.)

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