Ausgabe 
26.6.1903 Erstes Blatt
 
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£ Folgenschwerer Uebermut. Ein unüberlegter frivoler Scherz hat in Stöpen( Ostpreußen) drei Menschenleben vernichtet. Zwei junge Mädchen im Alter von 17 und 18 Jahren badeten in der Gilge. Plößlich kam ein Ar­beiter M. Hinzu und wollte die Mädchen ängstigen. Diese gingen nun weiter in den Fluß hinein, den M. bittend, sie doch in Ruhe zu lassen. M. achtete jedoch nicht darauf, sondern folgte den Mädchen immer weiter. Plötzlich_ge­rieten beide Mädchen in eine tiefe Stelle und versanken. M., der nun sah, was sein Leichtsinn angerichtet hatte, versuchte die Mädchen zu retten, wurde jedoch von ihnen mit in die Tiefe gezogen. Alle drei ertranken. M. war berheiratet und Familienvater.

$ Aus Furcht vor Tollwut erschossen hat sich der Gast­wirt W....... zu Altenbochum. W. war vor mehreren Wochen von einem tollwütigen Hunde gebissen worden und hatte sich in der Berliner Tollwutstation der Schußimpfung unterzogen, und wurde von dort vor etwa 14 Tagen als geheilt entlassen. Der Gedanke indessen, daß die furchtbare Krankheit doch noch einmal bei ihm ausbrechen könne, versetzte ihn in solche Aufregung, daß er zum Revolver griff und durch einen Schuß in die Brust seinem Leben ein Ende machte.

Der gepfändete Tenorist. Großes Aufsehen erregt in Krakau das plötzliche Verschwinden des Operntenoristen Myszuga. In der Hotelwohnung Myszugas erschien eine Pfändungskommission, um den Opernsänger wegen Alimen tationsraten in der Höhe von 8000 Kronen, die er seiner geschiedenen Frau schuldete, zu pfänden. Hierbei wurde im Koffer ein mit Banknoten gefülltes Portefeuille gefunden. Myszuga zog einen Revolver hervor und bedrohte die Pfän dungskommission, welcher es jedoch gelang, dem Sänger die Mordwaffe zu entwinden. Hierbei verschwand unbemerkter­weise das Portefeuille. Myszuga reiste mit dem nächsten Zuge ab. Der rabiate Sänger wird gerichtlich verfolgt.

Kannibalismus in China. Die furchtbare Hungers­not, die in der chinesischen Provinz Kwangsi wütet und biele hunderttausende von Menschen hinrafft, hat nach einem Bericht des Gouverneurs von Hongkong zu furcht­baren Greuelszenen geführt. In Kweiping wurden über 1500 Gefangene, die todeswürdige Verbrechen begangen hatten, in Abteilungen von 10 bis 100 täglich hingerichtet, und mit ihrem Fleisch die leichteren Verbrecher gespeist. Wenn genügend von dieser scheußlichen Nahrung vorhan­ben war, so eröffnete der Henter einen schwunghaften Handel mit Menschenfleisch in der Stadt und Umgebung.

Der Noman des Fremdenlegionärs. Auf dem Bure meisteramt zu Deutsch- Dth meldete sich dieser Tage ein herunter gekommen aussehender Mann, der nach seine Angabe vor kurzem aus der französischen Fremdenlegion entlassen worden ist. Er trägt einen bekannten deutschen Adelsnamen, den der im Waldeckschen ansässigen Frei herren D., und stand früher als ffizier in der deutschen Armee. Nachdem er wegen Unterschlagungen den Abschie erhalten, habe er sich so erzählte er vor lange Jahren für die Fremdenlegion anverben lassen, mehrere Jahre in Madagaskar gedient und sei ezt infolge einer Krankheit entlassen worden. Tie französischen Behörden schafften ihn zunächst nach Longvh und schoben ihn von bort ohne jegliche Baarmittel über die Grenze ab. Der unglückliche Mann ſoll den Eindruck gemacht haben, al ob er in physischer und moralischer Hinsicht vollständig gebrochen sei.

Santos Dumonts lenkbares Luftschiff hat einen neuen gelungenen Aufstieg beendet, der am so interessanter war, als der Erfinder auf einem Teil der Fahrt von einem fühnen amerikanischen Knaben begleitet wurde, der seine Mutter so lange mit Bitten bestürmte, bis sie ihn mit­jahren ließ. Dumont lieferte den Kleinen an derselben Stelle ab, wo er ihn in die Gondel aufgenommen. Zwei andere Kinder baten dann, auch mit ihnen eine kleine Fahrt zu machen, die eben so günstig verlief.

Bunte Chronik. Das Lager des Konsumvereins Leip­zig- Plagwiß, des größten derartigen Unternehmens Deutschlands, ist durch Feuer gänzlich zerstört worden.

Nach Verbüßung einer 26jährigen Zuchthaushaft wurde der ursprünglich zum Tode verurteilte, dann zu le­benslänglichem Zuchthaus begnadigte frühere Dekonom Thias aus Nolle, der am 4. September 1876 den Hand­lungsgehilfen Scholz ermordete, jeẞt vom Kaiser völlig be­gnadigt.

- In Karlsbad schoß der württembergische Leutnant d. Res. Hoffmann auf seine Braut Frl. Künlin aus Stutt. gart, verlegte sie schwer und tötete sich darauf selbst.

Ergebnis der Stichwablen.

=

=

K Konservativ, Rp= Reichspartei, B= Bund der Landwirte, BB= Bauernbund, Fr Vp= Freis. Volk­Freis. Volf partei, Fr Ver Freis. Vereinigung, DV= Deutsche Volkspartei, N= Nationalliberal, 8= 8entrum, NS= Nationalsozial, Sozialdemokrat, A= Antisemit, w= S Welfe, Pole, Elsaß- Lothringer.

1

B

E

Die Namen der wiedergewählten Abgeordneten sind mit einem bezeichnet. Heffen.

( bis. U.)

Wahlkreis Alsfeld- Lauterbach- Schotten Wallau( N) 8065, Bindewald( A) 6860 Stimmen. Wallau ( N) gewählt.

Friedberg( Hessen). Wahlkreis Friedberg- Büdingen ( bisher N1) Graf Driola( 1) mit 4000 Stimmen Mehrheit gewählt.

Mainz( bish. 8) Dr. David( S) 15,479, Dr. König ( 8) 12,629 Stimmen. Dr. David( S) gewählt.

Offenbach a. M. Dr. Becker( Ni) mit 1600 Stimmen Mehrheit gegen Ulrich*( S) gewählt.

Worms( bish. Nl.) Frhr. v. Heyl*( N) 16,000, Blum( 3) 7800 Stimmen. v. Hey!( N) gewählt.

Alzey Bingen( bish. Fr. Bp.) Schmidt( Fr.) Bp.) 10 410, v. Brentano( 8) 9080 Stimmen. Schmidt ( Fr. Bp.) gewählt.

Bensheim( bish. Nl) Haas( N) mit 4000 Stimmen Mehrheit gewählt.

Hessen- Nassau.

** Im Wahlkreis Wetlar- Altenkirchen erhielt Bürgermeister a. D. Krämer 14 330 und Breidebach( Ctr.

6553 Stimmen. Der Bezirk Rodheim Krofdorf hat faft einstimmig für Krämer gestimmt.

. Soweit die Orte zu unserem Verbreitungsbezirk gehören, geben wir nachstehend die Wahlresultate aus dem Wahlkreis W plar- Altenkirchen.

Weglar

Allendorf a. d. Lahn Dutenhofen Oberkleen Niederkleen Dorlar

Aßlar Ehringshausen Azbach

122­

Kraemer 1272

Breidebach 203

90

12

164

58

82

114

Rodheim a. d. Bieber

161

Oberndorf

142

161

158

44

143

Klein Rechtenbach

42

Lüzellinden

130

Odenhausen

50

57

83

178

19

78

68

135

23

28

40

125

58

113

4

Launsbach Salzböden

Wißmar Gleiberg

Kinzenbach

Frankenbach

Krofdorf

Vezzberg

Erda Krumbach Fellinghausen- Bieber Königsberg Hermannstein Marburg( bish. A.) von Gerlach( Ns) gewählt. Hersfeld Rotenburg Hünfeld( bish.) Wer­ner*( A) gewählt.

Hanau( bish. S) Dr. Lucas( N) erhielt 17,504, Hoch( S) 16,297 Stimmen. Lucas gewählt.

Kassel Melsungen( bish. Nt.) Lattmann( a) mit 780 Stimmen Mehrheit gegen den Sozialisten gewählt.

Eschwege Schmalkalden( bish. Rp) ist die Wahl von Seyboth( Fr Vp) gesichert.

Höchst Homburg( bish. 8) Itschert( 3) mit 16 416 gegen Brühne( S) mit 15 916 Stimmen gewählt. Wiesbaden( bish. Fr Vp) Bartling( N) mit ca. 2000 Stimmen Mehrheit gewählt.

Bartling erhielt annähernd 16,700, Lehmann( S) an­nähernd 14,400 Stimmen. Der Freifinn war bei der Ab­stimmung gespalten. In der Stadt Wiesbaden stiegen die Stimmen für Bartling von 3646 auf 7756, für Lehmann von 5583 auf 7282.

Preußen.

Frankfurt a. M. wurde Schmidt( S.) mit geringer Majorität gewählt.

Berlin I( bish. Fr Vp) Kämpf( Fr Vp) gewählt. Potsdam( bisher A) Pauli*( A) gewählt. Köln( Stadt)( bish. 8) Trimborn( 8) gewählt. Waldeck( bish a) Potthoff( Fr Ver) gewählt. Schaumburg- Lippe( bish. Fr Vp.) Deppe( wild) Dortmund. Bömelburg( S) gewählt. Limburg( bish. 8). Vorläufiges Resultatat: Buch­sieb( 1) siegte mit einer Stimmenmehrheit zwischen 2000 bis 3000 über Cahensly( 8).

gewählt.

Hofgeismar Rinteln( bish. A.) v. Reventlow ( A) gewählt.

Marienberg( Westerwald)( bish. N1) Burckhardt ( chriftl.- foz.) 9285, Hofmann*( N) 7041 Stimmen.

Duisburg( bis. N1) Beumer*( N) gewählt. Essen a. R.( bish. 8) Stößel*( 3) gewählt. Kreuznach( bish. Ni) Paasche*( N) gewählt. Mühlheim a. Rh.( bish. 8) de Witt( 8) gewählt. Essen( bisher 8) Stößel*( 8) gewählt. Düsseldorf( bisher 8) Amtsgerichtsrat Kirsch*( 8)

gewählt.

( 8)

Vp)

Hagen( bish. Fr Vp) Richter*( Fr Vp) gewählt. Bielefeld( bish. 3) Schuhmann( S) 13,922, Humann 15,044 Stimmen.

Altena Iserlohn( bish. Fr Vp) Lenzmann*( Fr gewählt.

Hamm- Soest( bish. N) Westermann( N) gewählt. Bochum( bish. Ni) Hué( S) gewählt. Minden( bish. Ni) Franken*( N) gewählt. Halberstadt( bish. N) Rimpau( N) gewählt. Göttingen( bish. W) Göz v. Olenhausen( W) ge­

Nordhausen. Wiemer( Fr Vp) gewählt. Wanzleben( bisher Nl) Schmidt*( N) gewählt. Torgau( bish. Fr Vp) Bruschent() gewählt. Varel Jever( bish. Fr Vp) Träger*( Fr Vp) ge­wählt.

Oldenburg. In Oldenburg I( bish. Fr. Vp) ist die Wahl von Bargmann*( Fr_Vp)_gesichert, ebenso in Oldenburg II( bish. Fr Vp) die Wahl von Träger*( Fr Vp) mit großer Mehrheit.

Landsberg Soldin( bisher Fr Ver) wurde Bö­ning( R) gewählt.

Frankfurt a. D.( bisher Rp) Braun( 6) gewählt. Husum( bish. N) Leonhardt( Fr. Vp) gewählt. Dittmarschen( bish. Nl) Hoeck( Fr Ber) gewählt. Schleswig( bish. Fr Vp) Mattsen( N.) gewählt. Flensburg( bish. A) Mahlte( S) gewählt. Hameln( bish. Ni) Wallbrecht( N) gewählt. Osnabrück( bish. W) Frhr. v. Schele( W) gewählt. Geestemünde. Im 18. hannoverschen Wahlkreise ( bish. N) Sattler*( N) gewählt. Im 19. hannoverschen Wahlkreise( bisher B8) Böttger( N) gewählt.

Hildesheim( bish. B) Baumermeister( 8 und B)

gewählt.

Goslar( bish. Nt) Horn( N) gewählt.

Emden Leer( bish. K) Fürst zu Inn- und Any­Hausen*( A) gewählt. Einbeck Northeim( bish. Nt) Jorns*( N) gewählt. Lennep Mettmann( bish. Fr Vp) Meist( S) gewählt.

-

Guben( bisher N1) Prinz Schönaich Carolath*( N) gewählt.

gewählt.

Greifswald- Grimmen( bieher Fr Ver) ist Got hein*( Fr Ver) gewählt. Usedom- Wollin( bish. Fr V) Böhlendorf( S) Stettin( bisher Fr Ver) Herbert( S) gewählt. Königsberg i. P.( bish. S) Haas*( S) gewählt. Memel Heydekrug( bish. tons. Lit) Krause( K) gewählt. Danzig( Stadt)( bish. Fr Ver) Mommsen* gewählt. Breslau Ost( bisher S) Tugauer*( S) gewählt. Sachser.

B

"

Magdeburg( bish. S) Pfannkuch*( S) gewählt. Leipzig( Stadt)( bish. Ni)( Motteller S) gewählt. Mühlhausen i. Thür.( bish. Fr Vp) Eckhoff*( Fr Vp) gewählt.

wählt.

Erfurt( bish. K) Hagemann( Ni) gewählt. Merseburg( bish. Fr Vp) Winkler( K) gewählt. Wittenberg( bish. Fr Ver) Dovel( Fr Ver) gewählt. Koburg( bish. Fr Vp) Paßig( 1) gewählt. Dessau( bish. Fr Ver) Rösicke*( Fr Ver) gewählt. Meiningen( bish. Fr. Vp) Müller( Fr. Vp) ge­Eisenach( bish. Fr. Vp.) Fries( N) gewählt. Bayern.

Speier Ludwigshafen( bish. S) Ehrhardt* ( S) gewählt.

wählt.

Würzburg( bish. 8) Thaler( 8) gewählt.

München I:( bish. lib.) Birk( S) gewählt.

Erlangen( bish. S) Barbeck( Fr Vp) gewählt. Kaiserslautern( bish. B) Sartorius( 8) ge

Baden.

Heidelberg( bish. N) Beck*( N) gewählt

Mannheim( bish.

Dreesbach( S) gewählt.

Karlsruhe( bish. S) Gedk( S) gewählt. Freiburg i. Br.( bish. 8.) Marbe( 8) gewählt. Pforzheim( bish. S) Eichhorn( S) gewählt.

Elsaß- Lothringen.

Straßburg i. E.( Stadt)( bish. Fr Ver) Riff( Fr Ver) gewählt.

gewählt.

Mühlhausen i. E.( bish. Nt.) Schlumberger( N) Straßburg( Land)( bish. E) Blumenthal( DV)

gewählt.

Nach der Wahl

interessiert sich jeder Deutsche für die weitere Gestaltung der politischen Verhältnisse, vor allem dafür, in welche Bahnen unsere Politik durch die neue Zusammensetzung der Reichs­tagssize gelenkt wird. Wer verfolgt jetzt nicht mit umso­größerer Spannung die Stellungnahme und Arbeiten unserer Reichsregierung; wird es doch nicht ausbleiben, daß Regier ung und Parlament in sehr vielen Punkten jetzt diplomatischer verfahren wird und muß, soll das erreicht werden, was der alte Reichstag nicht mehr verabschieden konnte.

-

Besonders wir in Oberbeffen und den benachbarten Kreisen haben alle Ursache nicht ge= dankenlos das deutsche politische Leben an uns vorüber­ziehen zu lassen; hier Landwirtschaft, hier Hand­werker- und Arbeiterstand, dort Industrie, Handel, Kunst und Wissenschaft, alles Erwerbs­zweige, über dessen weiteres Gedeihen unsere neuen Volks­vertreter mit zu entscheiden haben.

Wer da um Anteil an all den politischen und wirtschaft­lichen Tagesfragen nehmen will, wer aber vor allen Dingen unparteiische und unabhängige, nur von einem objektiven Standpunkte aus gegebene Be­richte darüber lesen will, der halte sich die frei von jeder Anmaßung erscheinenden

Gießener Neueste Nachrichten,

die infolge ihrer vorzüglichen Mitarbeiter und ihrer zahl. reichen Korrespondenten

das Wissenwerteste und Interessanteste zuverlässig und schnell in nicht aufgepauschtem sensationellem Stile zu bringen vermögen.

Der Abonnementspreis ist so niedrig bemessen, monatlich 50 Pfennig und 10 Pfennig Bringerlohn, daß es keinem zu schwer fällt, diese kleine Ausgabe aufzubringen.

Bestellungen werden jederzeit angenommen von allen unseren Boten, allen Bostanstalten und Briefträgern wie auch in der Expedition Gießen, Neuenweg 28.

Lokales.

Gießen, den 26. Juni 1903. Wiederum stellen wir fest, daß die Gießener Neuesten Nachrichten" die erste Zeitung im Wahlkreis Gießen Grünberg Nidda war, die

ihren Lefern

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