Ausgabe 
25.4.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 96

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Zweites Blatt.

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Bratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitun( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obft- und Bartenbau, sowie die Gießener Seffenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nagmittuge

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Samstag, den 25. April 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

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Boffzeitungsliste No. 2809.

Redaktion und Expedition: Gießen Rexenweg 90. Berusprechenfin A, 308.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Schwimmende Eisberge.

Politische Wochenschau.]

CB. Die meteorologische Wissenschaft hat festgestellt, daß das verheerende Unwetter vom legten Sonntag, der völlig unzeitgemäße Schneefall, die Wegverwehungen und die Sperrung des Eisenbahnverkehrs, darauf zurückzuführen sind, daß der Nordpol den verschiedenen Meeren Gastbe­suche zugeschickt hat. Nachdem eine ganze Anzahl Nord­polarforscher versucht hat, die Visitenkarte ,, auf dem Spigentnopf der Erde" abzugeben, hat der Eisgeist, der bort oben haust, sich veranlaßt gesehen, die Aufmerksamkeit zu erwidern, er hat hierdurch selbst denjenigen, die den Blaz auf der heimischen Ofenbank nicht verlassen, gezeigt, daß von ihm nichts zu holen ist. Denn die Eisberge, die vom Norden her in unsere Meere als Probe des Nordpols heruntergekommen sind, haben genügt, um die ganze Wettertabelle in Unordnung zu bringen und di Wetterpropheten zu blamieren. Die schwimmenden Eis­berge" vom legten Sonntag werden mit der Zeit bildlich den Begriff unvorhergesehener und unliebsamer Ereignisse darzustellen haben und auch im politischen Leben wird man deshalb solche schwimmenden Eisberge" beobachten fönnen.

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Der erste, der hierzu in der Lage ist, dürfte der Reichskanzler Graf Bülow sein, dem bei seiner Heimkehr von seiner Südlandsfahrt von den Jesuitengegnern eine qualifizierte Aufmerksamkeit, ähnlich wie diejenige des Eisgeistes am Nordpol, erwiesen wurde. In evangelischen Kreisen wird nämlich der Widerstand gegen die geplante Aufhebung des§ 2 des Jesuitengesezes mit der Behaup­tung organisiert, daß die Zulassung der Jesuiten den Wunsch des Kaisers nach einer Vereinigung der evange lischen Landeskirchen durchkreuze, und es wird nach den Mitteilungen der Blätter eine große Kundgebung dieser Art vorbereitet.

Auch die Stellungnahme der badischen Regierung, die sich gegen die Aufhebung des§ 2 ausgesprochen hat, dürfte von dem Grafen Bülow als ein schwimmender Eis­berg angesehen werden, denn dadurch ist das Schicksal der Abstimmung zu Ungunsten der preußischen Regierung ent­schieden.

Auch in den einzelnen Parteien zeigen sich Ueber­raschungen, die von den Führern als Eisberge angesehen werden. So haben namentlich die Konservativen in ein­zelnen Wahlkreisen darunter zu leiden, daß infolge der Organisation der Landwirte das eigentlich politische Pro­gramm der Partei in den Hintergrund gedrängt wurde. Infolgedessen hat der langjährige konservative Abg. Graf Roon keine Kandidatur mehr erhalten und der Abg. von Oldenburg- Januschau hat sich direkt von der konservativen Bartei losgesagt. Dafür aber hat der im Namen der Kon­servativen in Ostpreußen kandidierende Rechtsanwalt Stroh die unbedingte Notwendigkeit einer Rückbildung des politischen Programms betont, weil die allzu scharfe Betonung der wirtschaftlichen Forderungen leicht dazu führen könne, daß die alten Parteiorganisationen gesprengt werden. Aehnliche Bestrebungen nach einer Auffrischung der rein politischen Programmpunkte begegnen wir bei den Nationalliberalen sowohl, als auch bei dem Zentrum, bei dem sich ebenfalls die wirtschaftlichen Interessenber­bände manchmal in der Form schwimmender Gisberge" jeigen. Ueberall hat man angesichts der Neuwahlen das Be reben, nunmehr, nachdem das neue Zolltarifgeset an­genommen ist, den wirtschaftlichen Interessenstreit zu be­endigen und die alten Parteien wieder auf der Grundlage der 70er Jahre zu erneuern. Eines aber fehlt den Bar­teien, um diesen Rückbildungsprozeß durchzuführen: die zugkräftige Parole. Eine solche ist von seiten der Re­gierung nicht zu erwarten, da diese in den Gärungs­und Klärungsprozeß, der sich unverkennbar vollzieht, nicht eingreifen will.

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ung.

Denn man muß der österreichischen, wie auch der russischen Diplomatie zugestehen, daß sie die schwimmenden Eis­berge" der Balkanwirren in ihrer ganzen Gefährlichkelt erkannte. Die Seele der ganzen Bewegung sind die Bul­garen, die lüstern auf Mazedonien sind und sich ein großes Reich zimmern möchten. Durch russischen und österreichi­schen Einfluß sind aber um dieses Aufstandsgebiet herum Neutralitätszonen durch die offenfundige Annäherung von Serbien, Rumänien, der Türkei und Griechenland ge­schaffen worden, so daß der Aufstand wohl Lokalistert bleiben dürfte.

Aehnliche Verhältnisse liegen auch in Desterreich und in Ungarn vor, wo allmählich die politischen Zustände unhaltbar werden. Die Tschechen planen im großen Kund­gebungen ihrer Volksmacht. Sie wollen jede Woche einen Theaterzug von Prag nach Wien einrichten, damit sich die Regierung ein Bild von der Kraft des tschechischen Volkes machen könne. Im Parlament selbst aber reden sie bereits tschechisch und proklamieren die uneingeschränkteste Sou­veränität des Volkes. Sie möchten am liebsten dem Kai­Ser Franz Josef jede persönliche Stellungnahme zu den herrschenden Tagesfragen untersagen und ihm eine le­diglich repräsentative Stellung anweisen. Daß das Haus Habsburg deutschen Ursprungs ist und daß die Gebiete Der Wenzelskrone deutsch: Kulturgebiete sind. daß die Schechen ohne die deutsch: Nachbarschaft nicht besteben lönnten, ist völlig vergessen; das Tschechenvolk fühlt sich souverän und zeigt seine Macht, indem es jede positive Sätigkeit stört. Schwimmende Eisberge für die Stultur, denn hierbei muß jedes organische Leben ersterben. Zum großen Unglück für die habsburgische Monarchie aber sind auch in Ungarn die Verhältnisse so an den Rand ge diehen, daß der Ministerpräsident sogar eine Suspendie rung des Parlamentes in Aussicht genommen hat. Diese inneren Verhältnisse nehmen sich an dem Hintergrunde der Kraftvollen auswärtigen Bolitik um is tragicher aus.

Wenn das die Engländer von dem Somallaufstanb auch sagen könnten! Der schwimmende Eisberg" der neu­erlichen Vernichtung einer Truppe unter Oberst Cobbe bürste ihnen die Augen darüber öffnen, daß ber tolle Mullah, der Wüstenkönig, doch ein gefährlicherer Gegner ist, als man annahm. Da und dort flackern die Aufstände auf und das Riesenreich ist nicht immer imstande, threr rasch Herr zu werden. Schwimmende Eisberge!

Hus dem Gerichtssaal.

§ Ein Kurpfuscher zu 12 Jahren Zuchthaus verur­teilt! Wegen fahrlässiger Tötung eines Patienten" und Verübung zahlreicher Betrügereien wurde der Wun­derdoktor" Heß aus Bischofsrode zu 12 Jahren Zucht­haus verurteilt. In einem Falle hat die höchst verwers­liche Art und Weise, mit der Heß ,, praktizierte", den Tod einer von einem unheilbaren Unterleibsleiden er­frankten Frau zur Folge gehabt. In den meisten Fällen verordnete der Wunderdoktor" als Heilmittel Leibbin­ben, die er sich angeblich von einem Berliner ,, Pro­fessor" verschreiben lasse. Für diese Binden, mit de­nen er Bandwürmer, Rheumatismus, Krämpfe, Frauen­frankheiten usw. ,, kurierte, forderte er 20 mt., war aber schließlich mit 10 Mart und weniger zufrieden. Der Angeklagte räumte die ihm zur Last gelegten Be­trugsfälle ein, will aber aus großer Not gehandelt haben.

§ Eine sonderbare Entscheidung wurde nach dem An­trage der Staatsanwaltschaft vom Kölner Schöffengericht gefällt. Ein Monteur Schulte hatte per Post von einem Herrn 50 Mark zum Ankauf von Tauben erhalten, das Geld aber unterschlagen. Der Angeklagte wurde freige­sprochen, weil er nicht dasselbe Geld, das der Geschädigte eingezahlt habe, sondern anderes von der Post erhalten habe.

§ Ein Unmensch. In Berlin wurde der Photograph Paul Krüger wegen fortgesetter Sittlichkeitsverbrechen an seiner 14jährigen Stieftochter zu vier Jahren Zucht­haus und fünfjährigem Chrverlust verurteilt. Krüger hatte das Mädchen durch Drohungen gezwungen, sein berbrecherisches Treiben stillschweigend zu dulden. Erst als das Mädchen an einer häßlichen Krankheit frankte und nun dem behandelnden Ärzte beichten mußte, kam die Angelegenheit zur Kenntnis der Behörde.

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halts, daß sie, die Tote, sich die Schüsse selbst beige­bracht habe, um der unausbleiblichen Schande zu ent­gehen. Weißer war als Vorarbeiter in einer Papier­fabrit angestellt und hat Dußende der dort beschäftigten Arbeiterinnen unglücklich gemacht.

§ Ein endloser Prozeß. Die Gemeinden Gallio und Foza an der Südosttiroler Grenze prozessieren schon seit 400 Jahren wegen eines großen Waldes miteinander. Dabei scheint der Prozeß noch lange nicht seinem Ende entgegengehen zu wollen. Unterdessen hat der Forst, in dem kein Baum geschlagen werden darf, das Aussehen eines Urwaldes. Man zeigt noch Stellen, wo vor 200 Jah­ren, als die Erbitterung auf beiden Seiten sehr groß war, die Angehörigen der zwei Gemeinden sich förmliche Gefechte lieferten. Auch jetzt fällt dort zuweilen ein Echuß, der keinem Wilde gilt.

§ Die Kindesmörderin Baronesse von Seckendorff freigesprochen. Das Hanauer Schwurgericht sprach die des Kindesmordes geständige Baronesse v. Seckendorff aus Rüsselsheim frei, da sie sich nach einhelligem Bekun­den der ärztlichen Sachverständigen bei Begehung der Tat in einem Geisteszustande befand, der als nicht nor­mal zu bezeichnen sei. Frl. v. Eeckendorff gab zu, im Hause ihrer Tante Schödde zu Fulda in der Nacht zum 7. Oktober einem Kinde das Leben gegeben zu haben, als dessen Vater sie den Diener ihrer Familie, Karl Lude, bezeichnete, mit dem sie längere Zeit in intimem Verkehr gestanden habe. Als das kind geboren worden sei, sei sie allein in ihrem Mansardenzimmer gewesen. In der Verzweiflung nahm sie das Kind und warf es aus dem dritten Stockwerk hinunter in den Vorgar­ten. Als das Kind auf dem Erdboden aufschlug, hörte sie es noch weinen. Dann schloß sie das Fenster, legte sich wieder nieder und schlief bis 7 Uhr. Am 8. Oktober besuchte sie vormittags die Messe, dann blieb sie zu Hause. Am folgenden Tage ging sie wieder aus. Die Leiche des Kindes wurde am 8. Oktober gefunden, in­dessen nahm man an, daß irgend ein Straßenpissant die Leiche über den Zaun in den Garten geworfen hätte, bis ein anonymer Brief die Staatsanwaltschaft auf die richtige Spur brachte.

Meine Gerichts- Chronit. Der Altonaer Raubmörder Speck hat die von ihm eingelegte Revision gegen sein Todesurteil zurückgezogen. Es scheint, als ob er es mit einem Gnadengesuch versuchen wolle.

§ Ein dreifaches Todesurteil sprach das Freiburger Echwurgericht in dem Prozeß wegen Ermordung des Trödlers Lazarus Burgheimer gegen die Angeflagten, den Hausburschen Weißer und die Megger Ziegler und Hermann. Sie hatten den neunzigjährigen Mann in Gemeinschaft überfallen, ermordet und beraubt. Weißer wurde außerdem noch wegen Totschlags an seiner Ge­liebten, der 23jährigen Fabrikarbeiterin Josefa Kirch­hofer, zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Weißer hatte das Mädchen, das sich von ihm schwanger fühlte, in den Wald gelockt, und durch drei Schüsse in den Hin­terkopf getötet. Dann gab er der Toten ein Gebetbuch in die Hand und plazierte den Revolver, daß da­durch der Anschein eines Selbstmordes erweckt wurde; ebenso leate er neben die Leiche einen Rettel des In­

- In dem Beleidigungsprozeß des Lehrers Weichel zu Koniz gegen den Redakteur des Breslauer jüdischen Volksblattes Dr. Neustadt, der den Kläger mit der Ermordung des Gymnasiasten Winter in Verbindung gebracht hatte, haben sich in zweiter Instanz die Par­teien dahin geeinigt, daß der Beklagte öffentlich Ab­bitte leistet und 1000 Mart Buße zahlt. In erster Justanz war Neustadt zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden.

Vermischtes.

[ der Held von Langensalza.] Dieser Tage starb in Northeim der frühere Hausverwalter der Universität Göt tingen, Wilhelm Bode, der im Jahre 1866 in der Schlacht bei Langensalza als Standartenträger des Hannoverschen Garde- Kürassier- Regiments das Feldzeichen des Regiments rettete. Mit seinem tötlich verwundeten Pferde stürzt Korporal Bode inmitten der Feindesschaar, bahnte sick jedoch, vom Kürassier Knocke durch mächtige Pallaschhiebi gedeckt, einen Weg ins Freie. Beim Laufen zum Tode erschöpft mehrfach niederfallend, warf er die Standart: dem heransprengenden Kürassier Deppe zu, der sie dem Prinzen Otto zu Sayn- Wittgenstein überbrachte. Die Standarte wurde 1866 nicht mit abgeliefert und dürft sich wohl im Besize der Hannoverschen Königsfamilie in Gmunden befinden. Sie war bereits über 100 Jahre alt und wurde, wie eine Inschrift am Fahnenringe besagt, am 30. August 1762 beim Treffen am Johannisberge in der Wetterau vom Feinde erobert, durch den Ritter Jo hann Heinrich Graß aus Ueze, Amt Meinersen, wieder zurückerobert und zum Regiment zurückgebracht.

XX[ Sie hatuwe zu hawwe.] Ein Leser der Frff. 3tg. ,, erinnert an ein Geschichtchen aus einer hessischen hö­heren Schule, das auch verdient, wieder einmal erzählt zu werden. Ein Schüler brachte einst einen Thutydides in einer anderen als der vorgeschriebenen Ausgabe mit. As der Lehrer ihn darob zur Rede stellte, ent­schuldigte sich der Getadelte mit der Bemerkung, er habe das Buch noch von seinem älteren Bruder. Aber da erwiderte der gestrenge Professor: Sie hawwe net zu hawwe, was Ee hawwe, Sie hawwe zu hawwe, was Se zu hawwe hawwe!"

Das Beste aus den Witblättern. Vom Schmie. ren Theaterzettel. ,, Dieses neue Stück wurde bis­her nur von den größten Bühnen aufgeführt, da der Hauptdarsteller im zweiten Aft eine wirkliche Gänse­leberpastete zu verzehren hat. Die Pastete kann während der Pause im Ankleideraum besichtigt werden."

- Aus der Instruktionsstunde. ,, Sie Bartht, hat Eie schon mal im Leben einer ein siebenmal bernageltes Hornvieh" genannt?" ,, Nein, Herr Leut­nant!" ,, Schade!"

- O diese Kinder! Landgerichtsrätin: ,, Sun, hat es deinem lieben Bapa bei uns gefallen?"-Reschen ( des Assessors Töchterlein): ,, ja sehr! Er hat gesagt, das sei ,,' ne schöne Wirtschaft"!"

Der Pantoffelheld. ,, Kennen Sie denn meine Frau?" Nein, ich habe nicht das Vergnügen!" ,, Woher wissen Sie, daß es ein Vergnügen ist?"

- Verblümt. Braut( eine Photographie zeigend): ,, Dies ist mein Vater; von ihm habe ich das schwarze Haar, den dunklen Teint und die braunen Augen!" Bräutigam( angstvoll): Sonst nichts?"( Fl. Bl.)

Ein Reinfall. Die dicke Echwiegermutter( pu­stend im Zimmer tretend): Kinder, mir scheint, ihr habt diese neue Wohnung mit den schmalen Türen nur ge­mietet, daß ich nicht hineinkann; es ist mir aber doch gelungen; aber ich fürchte, ich kann nicht wieder hin­

aus!"

-

Lakonisch. Frau( vor dem Schaufenster stehen bleibend): Diesen Belz möchte ich haben!"- Mann ( weitergehend): Ja, dann hättest du als Bisam auf die Welt kommen müssen!" ( Megg. BL.)