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Nr. 70.

Abonnementeprets: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50.

Gratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Dienstag, den 24. März 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Jnsertionspeel& Die einspaltige Petitzeile für Gießen wi ganz Oberbeffen, die Kreise Weslar und Marburg 10 Pig fonft 15 Pfg.; Reflamen die Petitjeile 30 resp. 40 fo

Boftzeitungslifte No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Nenenweg 98 Fernsprechanschluß Rr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Rücktritt des Präfidenten Caftro.

( Von unserem ständigen CB.- Mitarbeiter.)

Eine überraschende Nachricht übermittelte der Draht am Montag Morgen: Der venezolanische Präsident Castro hat demissioniert. Castro hätte ganz gewiß sein Amt nicht niedergelegt, wenn ihn nicht die Unhaltbarkeit der Ver­hältnisse dazu gezwungen hätte. Jedenfalls dürften die finanziellen Verlegenheiten weit mehr zu diesem immerhin überraschenden Entschluß beigetragen haben, als der Etand der Revolution. Denn in dieser Hinsicht ist die augenblidliche Lage in Venezuela nicht ungünstig für ben gewalttätigen Mann, der während der kritischsten Tage noch soviel Gleichmut zu bewahren wußte, daß er noch Festlichkeiten und Tanzvergnügungen abhielt. Aber die Notwendigkeit, nunmehr die europäischen Forderungen begleichen zu müssen, hat den geriebenen Fuchs in eine unentrinnbare Sackgasse hineingetrieben. Zahlt er, dann fehlen ihm die seither fließenden Quellen zur Aufrecht­erhaltung seiner Macht; zahlt er nicht, dann werden, wie wir erfahren, die als Garantie haftenden Zollämter bis zur Deckung des letzten Bolivars besetzt. Präsident Castro ist also ein Opfer seines Uebermutes geworden.

Gestützt auf die Freundschaft" des amerikanischen Gesandten in Venezuela glaubte er, die europäischen Ansprüche mit Hohn und Spott zurückweisen und uns mit Rechtsbrüchen der unerhörtesten Art belästigen zu dürfen. Nordamerika seinerseits aber unterstüßte diese querföpfige Politit mit großem Vergnügen, weil es da burch Gelegenheit gewann, sich in der südlichen Halb­insel festzusetzen und zum erstenmale die Monroedoktrin, das heißt den Grundsaß, daß keine europäische Macht sich in amerikanische Verhältnisse einmischen dürfe, anzu­wenden. Eo war Castro, indem er scheinbar seine eigenen Interessen vertrat, doch in Wirklichkeit nichts anderes als das geschobene Werkzeug der allamerikanischen Politik.

In Venezuela aber hat man, da die dortigen Gentle­men eine unüberwindliche Scheu gegen die Zahlung ihrer Schulden haben, so lange der Riesenschatten Nordamerikas hinter dem Präsidenten stand, nicht durchweg gewagt, offene Stellung gegen ihn zu nehmen. Denn er verfügte immerhin noch über eine große Zahl Truppen, über die Geldmittel und über die Gefängnisse des Staates. Und schüchtern war ja unser Herr Castro nicht. Wer sich nicht fügte, wurde in aller Stille in irgend einer der Staats­anstalten mit schwedischen Gardinen eingeheimst. Aber nachdem die europäischen Mächte, insbesondere Deutsch­land, mit ihren Forderungen durchgedrungen waren, wurde Castros Stellung unhaltbar. Gegen die Kanonen der deutschen Kriegsschiffe hatte er sich in der entscheiden­den Stunde ebenso schwach erwiesen, wie gegen die geistige Ueberlegenheit der deutschen Diplomatie.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Wen­geng der Dinge für uns zunächst weiter keine tatsächliche Bedeutung hat, wenn nicht ein Mann an die Spizze des Staates tritt, der entweder gewissenhafter oder flüger ist, als Castro. Voraussichtlich wird jetzt General Matos, der Führer der Aufstandsbewegung in Friedenszeiten Bankier, in das Regierungspalais einziehen. Matos ist ein reicher Mann, der s. 3. bei der Münzprägung viel Geld verdient hat und soviel Millionen beizt, daß er den Aufstand auf eigene Kosten führen könnte. Auch er wird, wie die anderen, den Posten als Staatschef in der Absicht übernehmen, sich zu bereichern. Aber da er von Hause aus Geschäftsmann ist, so wird er wissen, daß er am ungestörtesten in den Bahnen seiner Vorgänger wandeln kann, je weniger er eine Einmischung des Aus­

benhaus, 5 Zimmerlandes riskiert. Castro, der daran zu Grunde ging, dürste

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ihm stets ein warnendes Beispiel sein. So dürfen wir benn schließlich doch geordneteren Verhältnissen in Vene­zuela entgegensehen. Aus diesem Grunde begrüßen wir

1, Ecke Norbanla ben Rücktritt des Präsidenten Castro um so freudiger, ohn. m. Bad, Logs als dadurch auch der Gerechtigkeit genüge geschieht.

.3 Tr. Ede Stephan Be an ruhige Leute pe - später zu vermiete vermieten, 2 bis

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In Amerika wird der Rücktritt Castros im allgemeinen nicht recht ernst genommen; man will darin einen neuen Schachzug des geriebenen Diktators sehen, um ein Ver­trauensvotum des venezolanischen Kongresses zu erhalten. Offizielle Washingtoner Kreise dagegen befürchten, Castro plane, durch diesen Koup die Arrangements mit den frem­den Mächten zu vereiteln. Der Gesandte Bowen ist von dem Rüdtritt Castros angeblich vollständig überrascht.

an

ohne Wohnun Er hörte kürzlich, daß Castro beabsichtige, seinen jüngeren li oder alsbald Bruder zum Vizepräsidenten zu machen. Deshalb wird

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bermutet, Castros Bruder werde Präsident werden und den Präsidentenstuhl für Castro warm halten, bis dieser von der geplanten Reise nach Europa und Nordamerika zurückgekehrt ist. In Newyort lebende Venezolaner be­haupten, Castro habe seit der Blockade Barmittel nach dem Auslande geschafft.

Bezeichnend für Herrn Castros Unverfrorenheit ist die Tatsache, daß die bei der Eröffnung des venezolanischen

Kongresses verlesene Botschaft, in welcher der Präsident seinen Rücktritt anzeigte, Ausfälle gegen Deutschland ent­hielt. Die Intervention der verbündeten Mächte, heißt es darin, sei erfolgt, weil diese keinem unparteiischen Gerichtshof ihre Forderungen unterbreiten könnten. Sie hätten sich gegen Castro mit Matos verschworen; als Beweis wird ein angeblicher Brief des Kommandanten des deutschen Schulschiffs Stösch" angeführt.

Eine Depesche des Newyork- Herald" aus Port of Spain meldet, der englische Kreuzer ,, Pallas" habe das venezolanische Kriegsschiff ,, Restaurador" unter der Be­schuldigung der Seeräuberei weggenommen.

Die Politik.

Die Sicherung des Wahlgeheimnisses.

Der vielbesprochene Geseßentwurf, betreffend die Sicherung des Wahlgeheimnisses( das sogenannte Klosett­gesez) ist nunmehr dem Reichstage zugegangen und wird also jedenfalls noch in der laufenden Tagung zur Ver­abschiedung kommen. Das Vorhandensein eines besɔnde­ren Isolierraumes wird für die zur Sicherung der Ge­heimhaltung der Abstimmung beabsichtigte Abschließung des Wählers in der Vorlage nicht gefordert, wodurch die Bezeichnung als Klosettgeset" allerdings hinfällig wird. Wie man danach die Abschließung des Wählers bewirken will, ist nicht ganz klar.

Frhr. v. Heereman+.

Was seit einigen Tagen erwartet wurde, ist ein­getreten: Abgeordneter v. Heereman, der langjährige Vizepräsident des preußischen Abgeordnetenhauses, ist seinen Leiden erlegen. In ihm verliert das Zentrum einen seiner zur Zeit hervorragendsten Parteigenossen, die preußische Voltsvertretung eines seiner ältesten und angesehenſten Mitglieder. Am 26. Oftober 1832 zu Suven­berg geboren, studierte Freiherr Clemens v. Heereman die Rechte, um zunächst die juristische Laufbahn einzu­schlagen. Später trat er zur Verwaltung über und be­kleidete bis zum Jahre 1875 die Stelle eines Regierungs­rats in Merseburg. Infolge des Kulturkampfs schied er aus dem Staatsdienst, um sich hinfort der Bewirtschaftung seines westfälischen Rittergutes zu widmen. 1870 wurde wurde er für den Wahlkreis Münster- Coesfeld in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, 1871 in den deut­schen Reichstag. Im Abgeordnetenhause hatte er seit 1879 das Amt des zweiten, seit 1882 das Amt des ersten Vize­präsidenten inne. Dem Zentrum seit dessen Bildung im Dezember 1870 angehörend, hat er in beiden Körper­schaften eine bedeutende parlamentarische Tätigkeit ent­faltet. Wegen seiner vornehmen und lauteren Gesinnung stand er bei allen Parteien in hoher Achtung.

Neue Kundgebungen in Budapest.

)-( Die Erregung der Gemüter in der Hauptstadt Un­gars hält noch immer an. Namentlich unter den Stu­denten gärt es beständig. Eine Massenversammlung von Studierenden beschloß, sich mit der von dem Minister­präsidenten Szell in den Abgeordnetenhause erteilten Antwort nicht zufrieden zu geben. Der Abgeordnete Lo­vaszy versprach den gereizten Musensöhnen volle Genug­tuung; die Kossuth- Partei werde nicht ruhen, bis die Wehrvorlage von der Tagesordnung verschwunden sei. Ob die Partei das erreichen wird, erscheint doch recht fraglich.

Die Sozialdemokraten hielten eine Volksversamm­sammlung ab, der nach ungefährer Schäßung 20000 Personen beiwohnten. Die Redner verurteilten jedoch nicht nur die Wehrvorlage auf das schärsste, sondern zogen auch gegen die Unabhängigkeitspartei zu Felde; diese geht den Sozialisten in der Bekämpfung der Wehrvor­lage und des Militärs überhaupt nicht weit genug. Nebenbei beschäftigte man sich mit den Jesuiten und den Klöstern und protestierte gegen die Einwanderung von Mitgliedern der ausgewiesenen französischen Orden.

An den deutschen Reichskanzler Grafen Bülow ha­ben die Studenten der Budapester Universität folgen­des Telegramm gesandt: Empfangen Exzellenz als freudiges Echo Ihrer mächtigen Worte den herzlichen Gruß der Universitätsjugend des ungarischen Vaterlan­des." Außerdem ist unter den Studenten eine Be­wegung im Gange, welche auf die Streichung einer Anzahl von den Ungarn verhaßten Namen, wie Hay­nau, Windischgräz, Schmerling u. a., in dem Ehren­bürgerbuch der Stadt Budapest abzielt.

Kurze politische Nachrichten.

Das Deutsche Reich tritt dem Pariser Verband zum Schuß des gewerblichen Eigentums in der Fas­jung der Brüsseler Zusazafte vom 14. Mai 1900 mit Rechtswirkung vom 1. Mai d. Js. an bei.

* Das Abgeordnetenhaus dürfte noch bis 31. März oder 1. April tagen und mit dem Reichstag zugleich am 21. April wieder zusammentreten.

* Die Behandlung von Redakteuren in preußischen Gefängnissen soll nunmehr durch eine ministerielle Verfügung für das ganze Staatsgebiet

einheitlich geregelt sein. Danach werden den Redakteuren verschiedene Vergünstigungen zuteil, Selbstbeschäftigung mit geistigen Arbeiten nach freier Wahl, Halten einer Tageszeitung u. a.

* Im Herzogtum Braunschweig ist durch einen Erlaß des Prinzregenten Albrecht die Einführung der bedingten Begnadigung erfolgt.

Die furchtbare Revolution in der südamerikanischen Republik Uruguay, welche acht Tage lang den Tele­graphen in Bewegung hielt, ist zu Ende. Blut ist, wie ein Telegramm aus Montevideo mit Genugtuung konsta­tiert, nicht vergossen worden. Die Freude über den ge­mütlichen Ausgang ist in der Hauptstadt Uruguays a- gemein.

Das deutsch- französische Abkommen vom 2. Juli 1902 wegen der Behandlung der Handlungsrei­senden, das in diesen Tagen veröffentlicht wurde, ent spricht im wesentlichen dem bestehenden Zustand. Auch für die französischen Reisenden in Deutschland und um­gekehrt für die deutschen Reisenden in Frankreich sollen hinfort die nach einem bestimmten Muster im Heimats­Land ausgestellten Legitimationen ausreichend sein. Deutscher Reichstag.

290. Ethung.

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Eigener Bericht. Kinderschutz. Etatsberatung.-

Des Reichtagsabgeordneten Freiherrn v. Heereman, der im St. Hedwigskrankenhause verschieden ist, wurde vor Beginn der Siẞung in einem ehrenden Nachruf gedacht. Sodann wurde mitgeteilt, daß ein Entwurf betr. Siche­rung des Wahlgeheimnisses eingegangen ist. Alsdann begann die dritte Lesung des Kinderschutzgesetzes. Auch jetzt wieder wurde von seiten der Linken der Versuch gemacht, dessen Bestimmungen auch auf die Landwirt­schaft auszudehnen. Nach längerer Debatte wird die Re­gierungsvorlage mit einem Antrag des Grafen Bern­storff angenommen. Dieser lautet als Ergänzung zu Pa­ragraph 15: Jm Betriebe von Gast- und Schantwirt­schaften dürfen fremde Kinder unter zwölf Jahren über­haupt nicht und Mädchen nicht bei der Bedienung von Gästen beschäftigt werden. Eigene Kinder unter zwölf Jahren dürfen in solchen Betrieben nur aushilfsweise und mit gelegentlichen Hilfsleistungen beschäftigt wer­den. Im übrigen finden auf die Beschäftigung eigener Kinder die Bestimmungen des Paragraphen 13 Absatz 1 statt. Bei der nunmehr beginnenden dritten Lesung des Etats berührte der Abg. Dr. Spahn nochmals kurz die Fragen des Dreibundes und der Zollverträge und sprach dann den Wunsch aus, daß der Paragraph 2 des Je­suitengesetzes aufgehoben werde. Dann nahm die Ver­handlung einen sehr dramatischen Verlauf an, als der Abg. Bebel sich mit dem Abg. D. Etöcker wegen der sogenannten Meineidsfrage auseinanderseßte, wobei auch Einger eingriff. Die Auseinandersetzung artete schließlich in persönliche Angriffe aus. Jm weiteren Verlaufe wur­den dann von sozialdemokratischer Seite die früher be­reits erhobenen Beschwerden über die Zustände in den Staatsbetrieben und die angebliche Gesinnungsriecherei daselbst wieder vorgebracht. Nach weiterer kurzer Debatte wurde der Militär- und Marineetat angenommen.

49. StBung

Preussischer Landtag.

Haus der Abgeordneten.

Eigener Bericht.

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Dritte Lesung des Etats. Nach einem Nachruf des Präsidenten v. Kröcher für den dahingeschiedenen ersten Vizepräsidenten v. Heereman trat das Haus in die dritte Etatsberatung ein und wieder war es die Ostmarkenpolitit, mit der die Generaldiskussion begann. Es entspann sich hierbei eine längere, scharfe Auseinandersetzung darüber, ob der nationalliberale Ab­geordnete Krause s. 3. in Bezug auf den Fürsten Bis­mard eine gewisse, als unschön erachtete Aeußerung getan habe oder nicht. Der Abg. Krause bestritt dies entschieden und gebrauchte dabei gegen den Abg. Schoof eine Wendung, die ihm einen Ordnungsruf eintrug.

Nach einem kurzen Ausflug auf das beliebte Gebiet der Polenpolitik- diesmal drehte sich die Erörterung um die polnischen Bestrebungen in Ober- Schlesien- wurde die Generaldebatte geschlossen. Die Spezialberatung rief dann wieder eine Menge von örtlichen Wünschen und Be­schwerden hervor.

Das Blumenmedium" vor Gericht. Nachdruck verboten. Hg. Berlin, 28. März. Unter gewaltigem Andrange des Publitums begann heute früh vor der ersten Straffammer des Berliner Land­gerichts II. unter Vorsiz des Landgerichtsdirektors Geh. Justizrat Garg die Verhandlungen in dem sensationellen Betrugsprozeß gegen das ,, Blumenmedium" Anna Rothe. Der Zuschauerraum ist zum größten Teil von einem den gebildeten Ständen angehörenden Bublikum gefüllt.