Ausgabe 
22.8.1903 Zweites Blatt
 
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gewiesenen Liebhabern einiger dieser Wiädchen in Brand ge stedt worden. Die ganze Geschichte erweist sich nun als eine fette Zeitungsente. Der russische Justizminister hat, als et die Nachricht gelesen, sofort bei der Staatsanwaltschaft des Don- Gebietes Erfundigungen einziehen lassen, aber weder dort noch bei den Verwaltungsbehörden war etwas von der entseßlichen Brandkatastrophe bekannt. Gegen das Blatt, daß die Schreckensnachricht zuerst verbreitete, son Anklage erhoben werden.

[ Glücklicher Fund.] In Höchst( Main) erschien bei einem Bahnwärter eine junge Dame mit der Bitte, die Strecke in der Richtung nach Frankfurt absuchen zu dürfen. Sie habe am Abend vorher, als sie während der Bahnfahrt aus dem Fenster sah, ihre Zähne verloren. Der Bahnwärter konnte dem Wunsche der Dame zwar nicht willfahrten, über­nahm aber selbst die nötigen Nachforschungen und hatte auch das Glück", die Perlengarnitur" zu finden.

O[ Ein Schwabenstückchen.] In einem Hotel eines württembergischen Städtchens hart an der bayerischen Grenze logierten dieser Tage zwei Münchener Herren. Nachts ge­rieten mehrere Holzbalken des Zimmerbodens infolge eines nahegelegenen Kamins ins Glühen. Die Zimmerbewohner alarmierten sofort Polizei und Feuerwehr, worauf ein Po­lizist und ein Feuerwehrmann in Zivil erschienen und sich die Sache ansahen. Der Polizist erklärte trocken, nachdem er sah, daß die Balken erst" glimmten: Dös müssat ihr selba macha, da krieget ihr koin Hydranta," während der Feuer­wehrmann meinte: D' Fuirwehr keminet erscht, wenn d' Flamma rausschlaga!" Nun gingen die Gäste mit den Hotelangestellten an die Arbeit und entfernten die glim­menden Balken, was nach mehrstündiger Arbeit auch gelang.

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[ Der vergrabene Schab der Tit- Bits".] Die Lon doner Wochenschrift Lit- Bits" hat ein vortreffliches Mittel gefunden, das Interesse und die Neugier ihrer Leser auch im Hochsommer zu erregen. Das Blatt veröffentlicht seit einiger Zeit einen Schauerroman von einem Mörder, der nach begangenem Verbrechen London verlassen muß und durch besondere Umstände gezwungen ist, das Geld, das er seinem Opfer geraubt hat 10 000 Mart, irgendwo in der Nähe von London( in einem Umkreise von 60 Kilometer) zu ver­graben. Nun entsteht die Frage: Wo ist das Geld versteckt? Die Leser der Lit- Bits" brauchen es nur zu suchen, denn der Verlag des Blattes hat wirklich die 10 000 Mark verstedt, und wer sie findet, darf sie behalten. Natürlich werden in dem Romane dunkle Andeutungen über das Versted gemacht, damit der geehrte Leser und die schöne Leserin wenigstens einen Fingerzeig haben! Der Mörder hat ein Papier ver­loren, das ziemlich genaue" Angaben über den vergrabenen Schatz enthält; es ist das klassische Zettelchen derartiger Romane: 40 Meter nordnordwestlich vom Grenzstein, 37 Meter entfernt von der Stelle, wo sich der Schatten, den die Telegraphenstange um 9 Uhr morgens wirft, mit dem Schatten des ersten Kirschbaumes rechts kreuzt." Nach diesen Angaben ist das Geld denn auch wirklich in der Nähe von Hitchin gefunden worden und zwar von einem Ingenieur namens Samuel Hubbard. Kurz nach ihm kam auch ein zmeiter fluger Leser der Tit- Bits" dem vergrabenen Schak auf die Spur, fand aber nur das leere Loch und schimpfte natürlich weidlich.

[ Es zogen drei Bursche wohl über den Rhein..." I Die Thüringer Waldgemeinde Gabelbach leistet sich bekannt­lich den Luxus, einen Gemeindepoeten anzustellen, ein Amt, das nur an Dichter von Rang und Namen verliehen wird. So war Scheffel bis zu seinem Tode der Gemeindepoet von Gabelbach, Rudolf Baumbach wurde sein Nachfolger. Aber auch von unbekannten Poeten wird die Gemeinde Gabelbach gelegentlich mit poetischen Sendungen bedacht. So ging ihr dieler Tage von einem Touristen folgendes Gedicht zu:

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Es zogen drei Burschen wohl aber den Rhein, Bei einer Frau Birti da kehrten sie ein." Frau Wirtin, bringt's kalten Aufschnitt herein, Wo ist denn Emilie, Ihr Töchterlein?"

Mein Ausschnitt ist kalt und scharf der Senf, Emilie studiert Medizin jekt in Genf!" " Frau Wirtin, den Mosel und Rheinwein uns bring', Wo ist denn die Alma, das schnuckrige Ding?" Mein Mosel ist süssig, gar süß ist der Most, Die Alma telephoniert bei der Post!"

Da fragten die Burschen, sehr traurig gefiunt:

P

Wo ist denn das Aennchen, das drittälteste Kind? Das Aennchen amtiert als Buchhalterin, Ist Typewriter- Mamsell auf der Schreibmaschin'!" Da schimpften die Burschen. Nicht fein war es grab' Und traten in Stücke den Bierautomat.

Sie fluchten auf solch ein unwirtlich Dach Und sprachen: Nun geh'n mer nach Gabelbach! Da bringt Marie das Bier noch mit Spaß, Da bringt uns die Nosa die Burst und den Kas. Uud sagt ihr zur Fanny, sie solle ſtudieren, Bauz, bauz, da würde ein Unglüd passieren. An Poesie ist die Welt jetzt so leer!

Auf Gabelbach nur geht es ehrlich noch her!"

[ Eine Eisenbahnfahrt auf Milliarden.] In Deutschland werden die eingezogenen und wertlos gewordenen Banknoten berbrannt. In den Vereinigten Staaten aber, wo man ja in allen Dingen sehr praktisch ist, findet das unbrauchbar gewordene Papiergeld, wie The Paper Mill" berichtet, eine eigenartige Verwertung: man läßt es einstampfen und macht Eisenbahnräder daraus! Das Schazamt in Washington ver­nichtet jährlich durchschnittlich für 50 bis 100 Millionen Dollars Papiergeld, und die eingestampfte Papiernasse wird infolge ihrer trefflichen Eigenschaften von den Papierräder­Fabrikanten sehr gesucht und mit etwa 16 Mart pro 100 Kilo­gramm bezahlt. Die Zahl der Banknoten, die man zur Her­stellung eines Rades braucht, ist natürlich nicht klein, und für poetische Gemüter hat ein solches Eisenbahnrad große Aehnlichkeit mit dem berühmten Glücksrade der Göttin For­tuna. Für die armen Banknoten aber ist diese Verwand­lung in Papiermache ein tiefer Fall nach stolzer Größe. Es wird nicht gesagt, ob die amerikanischen Reisenden eine be­sondere Genugtuung empfinden, wenn sie erfahren, daß sie auf Rädern dahinrollen, die einst ein Milliardärvermögen darstellten.

Das Neueste aus den Witzblättern. Theater- Notiz. Heute gastieri an unserer Bühne Fräu­lein Laura in dem Lustspiel: Eine Tasse Thee". Das Fräu­lein toird in diesem Stück die Titelrolle geben.

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Er kennt sich aus. Wirt:... Hör' auf, sag' ich dir, mit deinem Friedenstiften sonst kommt noch a Stauferei' raus!" Vergeßlich. Sie kommen mir so bekannt vor!... Ich muß. Sie schon einmal irgendwo gesehen haben!" Ja. unter Ihrem Automobil da haben S' mich legten Sonn­tag überfahren!"

Angenehme Mitgift. Menageriebesiger( zum Freier seiner Tochter): Bares Geld, junger Mann, fann ich meiner Tochter leider nicht mitgeben, aber auf ein paar Stachel. schweine, einen Aasgeier und einen Niesensalamander soll es mir nicht ankommen!" ( Fl. Bl.)

Hus dem Gerichtsfaal.

§ Ein Herenprozeß", der einen wahrhaft mittelalterlichen Eindruck machte, gelangte dieser Tage vor dem Gericht in Verona zur Verhandlung. Eine gewisse Veneranda Siboni hatte mit ihren Töchtern Angelina und Maria und mit ihrem Sohne Luiai das Dienstmädchen Annunciata 3angroffi ent­

Städtische Pflichtfeuerwehr.

Donnerstag, 27. August, abends Uhr

im Turmhaus am Brand

führt und eine Nacht lang in der grausamsten weise miß­handelt, weil das Mädchen den ältesten Sohn der Veneranda, der sich jetzt im Irrenhause befindet, durch einen Zaubertrant verhert haben sollte. Die Zangrossi wurde von der Siboni und ihren Kindern sogar mit dem Tode bedroht, wenn sie den verherten Jüngling nicht aus dem Herenbann befreite. Das Gericht zeigte für diese Herengeschichte nur geringes Ver­ständnis und verurteilte die Siboni mit ihren Kindern zu je zehn Monaten Gefängnis.

Kunft und Wissenschaft.

OG. Eine merkwürdige Uhr. Die Uhrenfirma Beyer in Zürich hat gegenwärtig eine merkwürdige Uhr als Neuheit auf dem Gebiete der schweizerischen Uhrenindustrie aus­gestellt. Sie hat die Form einer Kugel und bewegt sich un bemerkbar langsam von selbst auf einer schiefen Ebene von etwa 30 Grad Neigung von oben nach unten, ohne ins Rollen zu kommen. In 24 Stunden vollendet die Kugel ihre Lauf­bahn von etwa 40 Cmtr. Länge, um dann ihr Tagewert wieder von vorn zu beginnen; zu diesem Zwecke legt man die Kugel einfach wieder auf ihren alten Platz. Diese Arbeit ersetzt das Aufziehen der Uhr, die keine Federn besitzt und sich lediglich durch die eigene Schwere bewegt. Das Inter­essanteste dabei ist, daß die Zahl zwölf stets oben bleibt. Die Konstruktion der Uhr ist ein Geheimnis; das Kunstwert zeichnet sich durch tadellose Präzision aus und ist besonders für geodätische Arbeiten sehr wertvoll.

XY. Im Automobil über den Polarfreis. Mr. Charles Glidden aus Boston, dessen Absicht, im Automobil möglichst weit nach dem Nordpol vorzudringen, wir seinerzeit meldeten, hat den Nordpolarfreis bei Haparanda überschritten. Mr. Glidden hat bisher 3600 englische Meilen zurückgelegt. Er war am 24. Juli von Hull und am 3. August von Stockholm abgefahren.

LD. Eine Revolution in der Bildhauerkunst soll nach den Daily News" bevorstehen. Nach dem englischer Blatte ist von einem Italiener eine Maschine erfunden worden, die jede Art Skulpturen mit erstaunlicher Feinheit und Genanig­feit reproduziert. Die Maschine wird durch hydraulischen Druck in Bewegung gesetzt. Sie fann gleichzeitig zwei genaue Reproduktionen irgend eines Bildwerkes geben. Die Maschine wird von einem italienischen Arbeiter bedient und führt in einigen Stunden Arbeiten aus, die vorher zwei Mo­nate erfordern. Die Arbeit des Künstlers selbst bleibt natürlich von dieser Erfindung unberührt; sie wird aber das Ergebnis haben, daß genaue Wiedergaben der großen Meister­werke auch Leuten in den bescheidensten Verhältnissen zu­gänglich sein werden. Die Nachricht klingt etwas stark Hochsommerlich.

RD. Friedrich Dieterici. Der bekannte Orientalist Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Friedrich Dieterici, der älteste Dozent der Berliner Universität, der durch) 57 Jahre der philosophischen Fakultät angehört hat, ist gestorben.

RG. Ein neuentdeckter lyrischer Tenor. Am Konservatorium zu Duisburg studiert augenblicklich ein Chausseewärter, der sich zum lyrischen Tenor ausbildet. Direktor Gelling, Leiter des Stadttheaters in Essen, war von verschiedenen Seiten auf den Mann aufmerksam gemacht worden, dessen weiche, Inrische Stimme schon längere Zeit in Kreisen, wo er seine einfachen Lieder vortrug, Aufsehen erregte. Herr Gelling überzeugte sich persönlich, daß der Chausseewärter ein Vermögen in der Kehle habe, und beredete ihn, sich seiner Führung auf dem Wege zu den weltbedeutenden Brettern anzubertrauen, auf denen er voraussichtlich schon in Jahres­frist ein Nachfolger Wachtels und Bötels werden dürfte.

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