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274. Erstes Blatt.

Wonnementprete: in Gießen, abgeholt monatlich 50- Pfs, Saus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertels fährlich Mr. 1.50,

inttobellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) hereffische Beitschrift für Landwirtschaft, obft- und Mintexban, sowie bie Gießener Setfenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Barttagen na mitage.

Samstag, den 21. November 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Jafertton pret: Die einfaltige Betitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Weblar und Warburg 10 Pfg. fofft 16 Bfg.; Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Bfg.

Bostzeitungsliste No. 3969.

Rebattion und Expedition: Gießen Nenenweg 28. Fernsprechanfchish R, 368.

Neuelle Nachrichten

( Stekener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sichener Zeitung

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

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Bekanntmachung.

Betr. Maßregeln zur Abwehr der Maul- und Klauenseuche. Das mit diesseitiger Bekanntmachung vom 7. Septem­baer laufenden Jahres für den Kreis Gießen angeordnete allgemeine Verbot des Handels mit Klauenvieh im Umher­geordnete Sichen wird vorerst bis zum 1. Januar 1904 verlängert. Gießen, den 18. November 1903.

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Großh. Kreisamt Gießen. J. V.: Dr. Kranzbühler.

Betr. Wie oben.

Gießen, 18. November 1903.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an sämtliche Ortspolizeibehörden des Kreises. Bir beauftragen Sie, die bevorstehende Bekanntmachung un ortsüblicher Weise zu veröffentlichen und den Befolg unsere r Anordnung strengstens zu überwachen.

I V.: Dr. Kranzbühler.

Bekanntmachung.

Betr. Die Ernennung von Vertrauensmännern für die Berufsgenossenschaft der Schornsteinfegermeister des Deutschen Reiches. Seftion X., Frankfurt a. M.

Es wird hiermit zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß Für den 9. Bezirk der Seftion X. der genannten Berufsge­mossenschaft Herr Karl Brüchner in Bußbach als Vertrauens­anann und Herr Waldeck- Tost in Alsfeld als Stellvertreter Für die Zeit vom 1. Oftober 1903 bts 30. September 1905 stellt worden sind.

Gießen, den 17. November 1903.

Großh. Kreisamt Gießen.

J. V.: Dr. Wagner.

Steßen, 17. November 1903.

Bete Die Bestellung eines Beauftragten der Handwerks. fammer.

Das Großherzogl. Kreisamt Gießen

an Großh. Polizeiamt Gießen und die

Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Im Anschluß an unser Ausschreiben vom 24. Oktober 1903 Ben wir Sie davon in Kenntnis, daß der Beauf­tragte der Handwerkstammer, Steuernagel zu Bad- Nauheim, von diesem Amte entbunden wurde.

Die Handwerkskammer hat nunmehr ihren für den üb­rigem Teil des Großherzogtums bestellten Beauftragten, Leon­hard Kehl zu Worms auch mit der Versehung der Dienst­terrichtungen eines Beauftragten in dem seitherigen Bezirke Steuernagels beauftragt.

J. V.: Dr. Wagner. Bekanntmachung.

tc. Den Schuß junger Obstbäume gegen Hasenfraß. Wir machen die Landwirte unseres Kreises darauf auf­merksaun, deß sie ihre jungen Obstbäume in gehöriger Weife gigen Hasenfraß schüßen mögen. Das Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginstern, wie es vielfach üblich ist, ist nicht guiigend, da der Hase die beiden Schußmittel leicht durch­magt; auch nisten sich im Stroh gern Obstbaumschädlinge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Unbinden der Bäume mit Dornen oder das Anbringen eines Dahtg flechts. Bei der großen Bedeutung, welche der Obst­Baum zurzeit hat, liegt es in dringendem Interesse der Land­wirte, ihren Bäumen diesen Schuß angedeihen zu lassen.

Besonders bem rfen wir hierzu noch, daß nach Art. 2 des Gesetz& vom 2. August 1899, den Ersatz des Wild­habens b treffend, der Wildschaden, der an Obstbäumen und Baumschulen angerichtet wird, nicht zu ersetzen ist, wenn die Herrichtung von Schußvorrichtungen unterblieben ist, die unter gewöhnlichen Umständen zur Abwendung des Schadens

aus Teichen.

Gießen, den 17. November 1903.

Großherzog iches Kreisamt Gießen. J. V.: Dr. Heinrichs.

Bekanntmachung.

Unter dem Schweinebestand des Bäckermeisters Wilhelm Ammend, Bahnhofstraße 62 dahier, ist die Rotlauffeuche ausge­brochen. Behöftsperre ist angeordnet.

Gießen, den 20. November 1903. Großg. Polizeiamt Gießen. Hechler.

Eruptionen und Expansionen.

[ Politische Wochenschau.]

Die übermäßige Ansammlung von Gasen unter bestimm ten Punkten der Erdoberfläche erzeugt vulkanische Erup­tionen. Das Ueberhandnehmen von giftigen oder verdor­benen Stoffen im menschlichen Körper ruft ähnliche Erschei nungen hervor, die wir gemeinhin als Geschwüre zu bezeich nen pflegen. Jedenfalls verbindet sich für uns immer mit dem Begriff der Eruption das Vorhandensein anormaler Materie, welche die Natur gewaltsam abstößt. In vielen Fällen wird ein geschickter Arzt, schon ehe die Eruption ein tritt, seine Vorkehrungen treffen, um sie womöglich abzu lenken. Im Staatsleben, das ja mit dem des Individuums in den mannigfaltigsten Wechselbeziehungen steht, bedient man sich zu solcher Verhinderung innerer, stets höchst unwill kommener Eruptionen des einfachsten Auskunftsmitteis: der Expansion. Man sagt sich mit Recht, daß kräftige Ge­bietserweiterungen und die Zuführung neuen Blutes wie geschaffen sind, um das Bestehende zu sanieren und aus sich heraus zu furieren.

In letzter Zeit ist es Gebrauch geworden, von dem letzten Hilfsmittel der Expansion einen allzustarken Gebrauch zu machen. Die Amerikaner bedienen sich fast ausschließlich dieses Medikamentes und fragen nicht erst lange, was die europäischen Staatsärzte dazu sagen. Die Lostrennung der Republik Panama vom kolumbischen Staatswesen, die Folge einer internen Eruption, gab den Yingos die willkommene Gelegenheit, sich in die Kanalangelegenheit zu mischen, die ihnen so sehr am Herzen lag und liegt, daß man wohl in der Annahme nicht fehl geht, daß die ganze Eruption nur auf künstlichem Wege von Washingtoner Giftmischern vorbereitet wurde. Jedenfalls wird jedermann zu der Ueberzeugung kommen müssen, der die seltsame Kanalafte genauer durch­liest, die Staatssekretär Hay mit der Regierung der neuen Republik abgeschlossen hat und die für lumpige zehn Millionen Dollar der Union die ausschließliche Herrschaft über den Ranal gibt, sowohl in territorialer wie moralischer Beziehung. Genau so liegen die Dinge in San Domingo. Man hat schon lange darauf gewartet, daß hier irgend eine Eruption Anlaß sein mürde für das Eingreifen der Union als Schüßerin der Interessen der Mächte und wahrscheinlich hat man auch solange heimlich geschürt, bis es soweit war. Wenn jetzt die Union das Anerbieten des Präsidenten Gil, der schlankweg die Abtretung der Republik anbot, ablehnt, so ge­schieht das, weil die Insurgenten schon alle Macht an sich jerissen haben, und weil man nicht allzu offenkundig vor­jehen möchte. Der Weg ist jedenfalls bereitet, und lange wird es nicht mehr dauern und San Domingo geht auf , legalem" Wege in den Besitz der Vereinigten Staaten über, die schon heute dabei sind, auch die andere Hälfte der Insel liebreich zu umwerben. Eruptionen und Expansionen. Es iſt nicht ſchwer, ihre Wechselwirkung an diesem Bilde deutlich zu erweisen.

An der Unmöglichkeit einer solchen Ausbreitung liegt wohl in der Hauptsache die lange Dauer der ungarischen Krise, der auch der starke Mann, Graf Tisza, nicht gewachsen zu sein scheint. Seine chauvinistischen Ausführungen zum ungarischen Staatsrecht, die geradezu einen Schlag in des österreichischen Ministerpräsidenten Körbers Gesicht bedeuten, mögen ja die ungarischen Heißsporne ein wenig beruhigen, schießen aber dermaßen übers Ziel hinaus, daß eine Ver­schärfung des Konfliktes zwischen den Kabinetter unvermeid­lich ist. Da das österreichische Parlament in der Ausgleichs­frage geschlossen hinter dem Ministerpräsidenten steht, ergibt sich das Pretäre der Lage ganz von selbst. Ob hier der Arzt nicht doch am Ende noch zu der so lange hinausgeschobenen Operation greifen muß?

Aehnlich sicht es in der mazedonischen Frage aus. Die Pforte setzt sich auf die Hinterbeine und läßt Allah einen frommen Mann sein. Dauernde Verhandlungen zwischen den Botschaftern der Ententemächte mit dem Yildiz- Kiosk füy­ren nicht zum Ziele. Es heißt, es würden neue Schritte der Mächte vorbereitet, vermutlich abermals feindlicher Art, aber man sicht nicht ab, was ihr Resultat sein könnte. Er­pansionen sind hier nach Lage der Dinge nicht möglich, die Eruptionen aber wollen fein Ende nehmen, und ratlos stehen die europäischen Aerzte am Leidenslager des berühmten ,, franken Mannes".

Indessen streiten sich die Leute in der französischen De­putiertenkammer über die internationalen Beziehungen und Verschiebungen, welch letztere bekanntlich dazu dienen sollen, zu fühne Expansionsgelüste anderer einzudämmen. Und es wird dabei wieder bedeutungsvoll geredet von Annähe rungen besonderer Art zwischen Frankreich, England und Italien. Nebenher aber wird natürlich aufs neue betont, daß die Allianz mit Rußland der Eckstein der französischen Politik sein müsse. Dieser lettere Punkt ist umsoweniger beiseite zu schieben für unsere getreuen Nachbarn, als soeben in London. während König Victor Emanuel dem britischen Stönige seinen Besuch abstattet, der italienische Minister des Aeußern aufs unzweideutigste befundet hat, daß Italiens Heil allein im Dreibund liege. Man wird also gut tun an der Seine, sich auf Italien nicht zu fest zu verlassen; den britischen Freund aber gönnen wir Herrn Delcassé und seinen Leuten von ganzem Herzen.

Was Deutschlands Clellung zur Frage der Expansion betrifft, so ergibt ein Blick auf die Ereignisse des Tages, daß wir still abwartend, aber gerüstet zur Seite stehen. Wir sind innerlich so frei von Eruptionen, daß die Notwendigkeit der Expansion zur Zeit in der Tat nicht besteht.

Wahlskandale.

Wenn das neue Verfahren bei der Abgeordnetenwahl, das der preußische Minister des Innern zur Vereinfachung und Beschleunigung des Wahlgeschäfts angeordnet hat, im Stande war, die langwierige Wahlhandlung zu verkürzen, so hat doch in vielen Wahlkreisen das Verhalten der Sozial­demokratie den Wahlakt um viele Stunden verzögert. Aber nicht nur das: Mit der Verschleppung des Wahlgeschäfts haben die Genossen an vielen Orten auch große Störungen des Wahlakts verbunden, indem sie eine Reihe Skandal­szenen provozierten.

Am schlimmsten waren diese wüsten Lärmszenen im zwei­ten und vierten Berliner Wahlkreise, in Teltow- Beeskow­Charlottenburg und in Linden, wo Bebel als sozialdemo­kratischer Kandidat aufgestellt war. Ein paar Stichproben mögen zeigen, welcher Art die bisher nie dagewesenen Vor­gänge waren, die die erstmalige Beteiligung der Sozial­demokratie an der preußischen Landtagswahl bezeichnen.

Im zweiten Berliner Wahlkreise fand die Wahl in einem großen Saale am Moripplat statt, der bei der großen Menge der Wahlmänner bei weitem nicht ausreichte. Bereits um 8 Uhr morgens war der Saal gefüllt von Leuten, die überhaupt keine Wahlmänner waren; sie hatten ganz gegen die Vorschrift, und um die Bassage zum Vorstands tisch zu sperren, Tische und Stühle in den Saal geschleppt und verbarrikadierten förmlich den großen Raum. Als die zur Kontrolle bestimmten Magistratsbeamten erschienen, ver­mochten sie nicht mehr festzustellen, ob sie es hier mit Wahl­männern zu tun hatten oder nicht. Die Mehrheit der Wahl­männer fanden keine Pläge im Saale, und alles Bitten half nichts. Jezt forderte der Wahlkommissar die anwesenden Nichtwahlmänner energisch auf, den Saal zu verlassen, jedoch vergebens. Niemand rührte sich vom Platze. Die Wahl­männer versuchten jetzt mit Gewalt die ungebetenen Gäste von den Plätzen zu drängen. Etwa zehn Minuten lang dauerte der Standal, bis endlich der Wahlkommissar einen Boten nach der nächsten Polizeiwache schickte. In wenigen Minuten traf eine Anzahl Schutzleute ein. Nun begann ein furchtbarer Lärm. Es ertönten Rufe: Wir dulden hier teine Polizei, raus mit den Blauen." Ironische Hochs wur­den ausgebracht, mit den Bierseideln geklopft und mit den Füßen getrampelt. Erst als der sozialdemokratische Abgeord­nete Zubeil seinen Parteigenossen gut zuredete, verließen sie den Saal.

Auch im vierten Berliner Wahlkreise kam es bei Beginn des Wahlaktes zu ähnlichen Auftritten, wie im zweiten Wahlkreis, so daß ebenfalls die Polizei geholt werden mußte. Als dann das Wahlgeschäft begann, wurde der Wahlkommissar durch allerhand Zurufe in der Aus­übung seiner Befugnisse gehindert; während des ganzen Wahlaftes herrschte ungeheurer Lärm.

Obenein suchten die Sozialdemokraten das Wahlgeschäft noch dadurch zu verschleppen, daß sie absichtlich nur sehr langsam dem Aufruf zur Stimmabgabe folgten. In Teltow­Beeskow dauerte der Wahlaft deshalb bis in die späte Nacht!

Einzelstaatliche Budgetforgen.

Von einem Finanzpolitiker gehen uns folgende Ausfüh­rungen zu: Wie das Budget aller deutschen Bundesstaaten, so werden auch die hessischen Finanzen durch die hohen Matri­tularbeiträge der letzten Jahre erheblich belastet. Für Hessen tritt zu dieser Belastung noch der ungünstige Einfluß der Ertragsschwankungen der preußisch- hessischen Eisenbahn­gemeinschaft auf die Finanzgebahrung. Nachdem man in letter Zeit versucht hat, durch Steuererhöhungen und Ein­stellung der vorgesehenen Staatsschuldentilgung die entstan denen Fehlbeträge im Etat aus der Welt zu schaffen, will man jetzt zu einem anderen Hilfsmittel übergehen. Die hessische Regierung hat eine Vorlage betr. die Schaffung eines Ausgleichsfonds ausgearbeitet, der zur Auffüllung des Etats in Notfällen dienen soll. Nach preußischem Muster soll dieser Fonds allmählich aus einem Teile der Eisenbahn­überschüsse und der Ueberschüsse der thüringischen Landeslotte­cie gebildet werden. Selbstverständlich wird es einige Jahre dauern, ehe dieser Fonds eine Höhe erreicht hat, die ihn seinem 3wed gerecht werden läßt. Bis dahin, aber wohl auch noch darüber hinaus wird das hessische Budget nach den Grund­säßen erdenklichster Sparsamteit eingerichtet werden müssen, zumal, da ein neues Gemeindesteuergesez in Sicht ist, das die Steuerkraft der Bevölkerung auch im Interesse der Ge­meinden noch mehr als bisher in Anspruch nehmen will.

Aehnlich wie in Hessen, eher sogar noch schlimmer, sieht es in Baden aus. Dort macht gegenwärtig die Aufstellung des Etats große Schwierigkeiten, vor allem infolge eines Rückganges in den staatlichen Einnahmequellen und der Auf­