Nr. 44.
Erstes Blatt.
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Samstag, den 21. Februar 1903.
Gießener
12. Jab gang.
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Boftzeitungsliste No. 8269.
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Seifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Des Kaifers Religion.
Unser Berliner CB.- Mitarbeiter schreibt uns: Unter den Sensationslederbiju, mit denen gewisse Berliner Blätte in den letzten Wochen ihren Lesern aufwarteten, war nicht der geringste die mit großem Aufwand dialektischer Künste dem Publitum mundrecht gemachte Behauptung, der Kaiser habe sich vom christlichen Positivismus ab- und dem Rationalismus in der Auffassung der christlichen Glaubenslehren zugewandt. Je nach ihrem Parteistandpunkt beklagten oder bewillkommneten die Blätter diesen angeblichen Umschwung in des Kaisers celigiösen Anschauungen.
Ernsthafte Leute haben von diesem ganzen Preßgerede nur obenhin Notiz genommen. War es doch unbefangenen Beobachtern flar: Der angeblich den Sinnesumischwung bes Herrschers beweisende nähere Verkehr des Kaisers mit dem ,, modernen" Theologen Harnack, die Anwesenheit bes Staisers bei den vielbesprochenen Vorträgen des Berliner Assyriologen Professor Delitzsch über Babel und Bibel" diese Beweise der geistigen Regsamkeit unseres Monarchen brauchten um so weniger Symptome für eine Aenderung in den religiösen Anschauungen des Kaisers zu bedeuten, als sein Verkehr mit diesen kritisch gestimmten Männern der Wissenschaft ohne Einfluß blieb auf die Herzlichkeit, die der Herrscher auch fernerhin im Umgang mit den Vertretern der prattischen Theologie in der Reichshauptstadt, mit der Geistlichkeit, an den Tag legte.
Jezt hat der Kaiser selbst das Wort ergriffen, um darzutun, daß all die sombinationen bezüglich seiner religiösen Anschauung, die aus seiner Sympathie für die vissenschaftliche Arbeit Harnacks und Delißsch' geschöpft vurden, eitel Phantastereien sind. Und er hat die Gelegenheit wahrgenommen, vor den ganzen Volke sein eigenstes Religionsbekenntnis abzulegen.
Kaiser Wilhelm hat dieses Bekenntnis abgelegt in iner Kritik der Vorträge Delißsch'. Dieser ausgezeichnete Berliner Assyriologe vertritt auf Grund der von ihm und anderen Forschern entzifferten babylonischen KeilschriftTontäfelchen, auf Grund der Ausgrabungen in Mesopotamien und anderer archäologischer Funde die Anschauung, daß die Sitten- und Glaubenslehre des alten Testaments nichts Ursprüngliches, daß sie vielmehr ein Abklatsch der celigiösen Vorstellungen der Babylonier gewesen seien. Dieser Standpunkt bedingt, daß Delißsch die Lehre von Der Offenbarung Gottes im alten Bunde und in logischer Folge auch das christliche Dogma von der Gottesoffenbavung im neuen Testament bestreitet.
Gegen diese Sconsequenzen aus wissenschaftlichen Hypothesen, die noch unbewiesen sind, wendet sich der Kaiser in einem ausführlichen Briefe, den er einem Vorstandsmitglied der Deutschen Orientgesellschaft, Admiral Hollmann, geschrieben hat.( In dieser Gesellschaft hatte Delitzsch die erwähnten Vorträge gehalten.) Der Brief trägt die Nachschrift: Sie können von diesen Zeilen den ausführlichsten Gebrauch machen, es kann sie lesen, ver will." Demgemäß ist das Schreiben der Deffentlichfeit zugänglich gemacht worden.
Skizzieren wir den Inhalt der kaiserlichen Kundgebung. Der Kaiser erzählt, Delitzsch habe bei seinen Darlegungen ,, den Standpunkt des strengen Historikers und Assyriologen verlassen und sei in recht nebelhafte und gewagte theologisch- religiöse Schlüsse und Hypothejen gecaten". Bezüglich der Person des Heilandes habe Delipsch ganz abweichende Anschauungen geäußert, die dem Standpunkt des Kaisers ,, diametral entgegengesezt" wären. Delitzsch leugne die Gottheit Christi und die göttliche Offenbarung. Um solche Anschauungen zu erörtern, hätte Delitzsch ein wissenschaftliches Werk wählen sollen; in einen Vortrag, der vor einem Laienpublikum gehalten werde, gehörten sie nicht. Bei Delitzsch sei ,, der Theologe mit dem Historiker auf und davongegangen", die Leugnung der Offenbarung vor einem Laienpublikum sei ein schwerer Fehler, denn damit habe Delitzsch ,, manchem Lieblingsvorstellungen oder gar Gebilde umgestBen oder angerempelt, mit denen diese Leute heilige und teure Begriffe verbinden, und ihnen unzweifelhaft das Fundament ihres Glaubens erschüttert, wenn nicht entzogen". Der Kaiser beruft sich auf Goethe, der schon davor gewarnt habe ,,, bei einem großen, allgemeinen Publikum auch nur Terminologiepagoden enizwei zu machen". Delißsch hätte seine theologischen Kombinatio nen nur den Männern der Wissenschaft unterbreiten dürjen, nicht aber sie in einem populären Vortrage oder Buch niederlegen dürfen, zumal da er für sie keine beweiskräftigen Argumente beibringen könnte. Dann fährt der Kaiser fort:
Ich unterscheide zwei verschiedene Arten der Offenbarung, eine fortlaufende, gewissermaßen historische und eine rein religiöse, auf die spätere Erscheinung des Messias vorbereitende Offenbarung.
Bur ersteren ist zu sagen: Es ist für mich keinem, auch nicht dem leisesten Zweifel unterworfen, daß Gott sich immerdar in seinem von ihm geschaffenen Menschengeschlecht andauernd offenbart. Er hat dem Menschen seinen Odem eingeblasen", d. h. ein Stück von sich selbst, eine Seele gegeben. Mit Vaterliebe und Inter
esse verfolgt er die Entwickelung des Menschengeschlechts; um es weiter zu führen und zu fördern ,,, offenbart" er sich bald in diesem oder jenen großen Weisen, oder Priester oder König, sei es bei den Heiden, Juden oder Christen. Hammurabi( der babylonische König und GeJetzgeber, den Delitzsch als den eigentlichen Urheber des jüdischen Gesetzes ansieht) war einer, Moses, Abraham, Homer, Karl der Große, Luther, Shakespeare, Goethe, Stant, Kaiser Wilhelm der Große.- Die hat er ausgesucht und seiner Gnade gewürdigt, für ihre Völker auf dem geistigen wie physischen Gebiet nach seinem Willen Herrliches, Unvergängliches zu leisten. Wie oft hat mein Großvater dieses nicht ausdrücklich betont, er sei ein Instrument nur in des Herrn Hand. Die Werke der großen Geister sind von Gott den Völkern geschenkt, bamit sie an ihnen sich fortbilden, weiterfühlen können durch das Verworrene des noch unerforschten hienieden. Eicherlich können wir bei jedem wahrhaft Großen und Herrlichen, was ein Mensch oder ein Volk tut, die Herrfichkeit der Offenbarung Gottes darinnen mit Dank bewundernd erkennen. Er wirkt unmittelbar auf und unter uns ein!
Die zweite Art der Offenbarung, die mehr religiöse, st die, welche zur Erscheinung des Herrn führt. Von Abraham an wird sie eingeleitet, langsam aber vorausschauend, allweise und allwissend, denn die Menschheit war sonst verloren. Und nun beginnt das staunenswerteste Wirken, Gottes Offenbarung." Der Kaiser schildert dann, wie die Israeliten, die Träger des Monotheismus, sich zersplitterten und von Moses wieder ge eint werden, und fährt fort: Es ist das direkte Eingreijen Gottes, das dieses Volk wiedererstehen läßt. Und so geht es weiter durch die Jahrhunderte, bis der Messias endlich erscheint. Die größte Offenbarung Gottes in der Welt! Denn Er erschien im Sohne selbst; Christus ist Gott; Gott in menschlicher Gestalt.
Schließlich erflärt der Kaiser, auch nach seiner Ueberzeugung feien viele Abschnitte des Alten Testaments rein menschlicher Natur und nicht eine Gottesoffenbarung. So fönne z. B. ,, die Gesetzgebung am Sinai nur symbolisch als von Gott inspiriert angesehen werden, als Moses zu einer Auffrischung vielleicht altbekannter Gesetzes- Pacagraphen( möglicherweise dem Koder Hammuralis entstammend) greifen mußte, um das in seiner Zusammenjegung lockere und wenig widerstandsfähige Gefüg: sein.3 Volkes zusammenzufassen und zu binden. Das würde aber niemals der Tatsache Eintrag tun, daß Gott Moses dazu angeregt und insofern sich dem Volke Israel geoffenbart hat."
Zum Schluß bekennt sich der Kaiser zu folgender religiöser Ueberzeugung:
a) Ich glaube an Einen, Einigen Gott. b) Wir Menschen brauchen, um ihn zu lehren, eine Form, zumal für unsere Kinder. c) Diese Form ist bisher das alte Testament in seiner jeßigen Ueberlieferung gewesen. Tiese Form wird unter der Forschung und den Inschriften und Grabungen sich entschieden wesentlich ändern. Das schadet nichts, auch daß dadurch viel vom Nimbus des auserwählten Volks verloren geht, schadet nichts. Der Kern nud Inhalt bleibt immer derselbe, Gott und sein Wirken!
Nie war," so beendet der Monarch seine Tarlegungen, Religion ein Ergebnis der Wissenschaft, sondern ein Ausfluß des Herzens und Seins des Menschen aus seinem Verfehr mit Gott."
Dreierlei ergibt sich aus dieser kaiserlichen Kundgebung: Einmal, daß es unzutreffend ist, wenn gewisse Blätter den Kaiser als blinden Anhänger der modernen fritischen Theologie bezeichnen, zum andern, daß der Kaiser die freie wissenschaftliche Forschung auch auf theolo gischem Gebiet durchaus billigt, zum dritten, daß der Monarch, wie er auf allen anderen Geistesgebieten eine starke Eigenart und Individualität be eugt, so auch in jeinen religiösen Anschauungen nicht nach der Schablone geartet ist. Weder die Buchstabengläubig n noch auch die fritischen Rationalisten dürfen den Träger der Krone zu den Ihren zählen. Der Summus Episoyus der Evangelischen in Preußen lebt einer religiösen Ueberzeugung, die bie Mitte hält zwischen strengem Poi irismus und modernem Stepti ismus. Tas religiöse Programm, das der Ki er erst jüngst ausgab, das Wort von der Notwendigkeit der Weiterbildung der Religion", findet in des Kaisers tiesinnerster religiöser Ueberzeugung seinen natürlichen Ursprung. Sicherlich wird das Religionsbekenntnis des Kaisers nicht von allen religiös interessierten Deutschen Wort für Wort unterschrieben werden, Religion ist eben, nach des Kaisers eigenen Worten, Sache der innersten Ueberzeugung, und das Verhältnis jetes m nschen zu seinem Gott richtet sich nach seiner Individuali.ät. Den Widerspruch gegen seine eigene üeberzeugung wird ber Herrscher, der nach des Grafen Bülows Morten Wiberspruch nicht nur verträgt, sondern auch wünscht, gern hin nehmen aus Achtung vor der Freiheit eines Christenmenschen".
263. Sigung.
Deutscher Reichstag.
Eigener Bericht. Landwirtschaftsfragen.-
Die Resolution Blankenhorn um Einstellung von Mitteln zur Bekämpfung der Reblausgefahr wurde nach einer ziemlich lebhaften Debatte, an der sich die Erwählten aus den Weinbaugebieten des Rheines, der Mosel, der Saar und des Neckars beteiligten, angenommen. Alsdann ging der Redefluß wieder über eine Reihe von landwirtschaftlichen Fragen dahin. Der Abg. Herold wünschte nämlich zeitweilige Veröffentlichung der Ernte und Preisstatistiken bei dem Getreide, ein Verlangen, das von den Abgg. Graf Schwerin- Löwiz, Dr. Röside, Frer. v. Wangenheim und Frhr. Heyl zu Herrns. heim unterſtügt wurde, während die Abgg. Dr. Südekum, Gothein und Frese zwar mit dem Prin zip der statistischen Veröffentlichungen einverstanden sind, aber Gegner des Planes, daß die Landwirtschaftsgesell schaft auf Reichskosten diese Veröffentlichung aus, ühren soll; hierfür sei das statistische Amt da. Es handelt sich bei dieser Debatte um die statistische Zeitschrift von Dr. Nuh. land, die unr den Betrag von 50 000 Mart von der Regierung angekauft und zur Veröffentlichung von ſtatiſti. schen Mittheilungen benußt wird. Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte, daß ihm ein solcher Fonds noch nicht zur Verfügung steht, daß aber derartige Veröffent lichungen sich nicht blos über ein Gebiet, sondern über alle Wirtschaftsinteressen erstrecken müssen. Nachdem der Titel ,, Aufwendungen für wissenschaftliche und fachliche Zwecke auf dem Gebiete der Landwirtschaft" angenommen war, ergriff der Zentrumsabg. Cahensiy das Wort. um eine Verbesserung des Auswanderungswesens zu ver langen. Dr. Pachnicke beschwert sich über die Schul verhältnisse und die Lehrergehälter. Abg. Herzfeld ( S03.) wünscht ein Reichsschulgesetz und ein Reichsamt, da mit den traurigen medienburgischen Schulverhältnissen ein Ende gemacht werde.
Die Politik.
Ein Entscheidungskampf in Marokko
joll nach englischen Nachrichten aus Tanger nunmehr zwischen dem durch herangezogene Verstärkungen auf beträcht liche Höhe gebrachten Heere des Kriegsministers Menebhi und den Scharen des Prätendenten stattgefunden haben. Es war ein hartes Ringen, die Rebellen, namentlich die tampfgewohnten Riatakabylen, fochten verzweifelt, doch mußten sie schließlich der Uebermacht weichen. Nach Becichten von Augenzeugen sollen mehr als 3000 Tote die Walstatt bedecken. Der Kriegsminister hat 80 Köpfe von Rebellenführern nach Fez gesandt. Ein in Tanger verbreitetes Gerücht will dagegen wissen, daß der Kriegsminister im Kampfe gefallen sei. Um mit der hergebrachten Praxis, daß alle Nachrichten aus Marotto gleich wieder dementiert werden, ja nicht zu brechen, teilt obengenannte Quelle ferner mit, daß t.03 der EntscheidungsSchlacht" der Prätendent immer noch das offene Feld behauptet. Er hofft jezt auf tatkräftige Unterstützung Durch die Riffkabylen, die aber auch vom Sulten mit allerei Versprechungen bearbeitet werden, um sie auf dessen Seite hinüberzuziehen.
Kurze politische Nachrichten.
* Berlin, 20. Februar.( of bericht.) Der Kaier besuchte heute die Glasmosaitgesellschaft Buhl und Wagner in Nixdorf zwecks Besichtigung der Glasbilder, velche er für die Wartburg bestellt hat. Sie stellen Szeten aus dem Leben der heiligen Elisabeth dar. Der kaiser wird am 3. März auf der Durchreise nach Wil jelmshaven anläßlich der Refrutenvereidigung in Oldenjurg furzen Aufenthalt nehmen, um dem Großher zoglichen Hofe einen Besuch abzustatten. Als bas kaiserpaar fürzlich den Ausstellungspalast am Lehrter Bahnhof besuchte, kam ein Schriftstück abhanden, das jer Monarch dem Leibjäger übergeben hatte. Das Doku hat keine besondere Bedeutung; die politische Poli jei bemüht sich, es wieder zu beschaffen."
11
* Der Kaiser hat dem Chef des deutschen Blockade. geschwaders vor Venezuela telegraphisch seinen Dank für dessen Leistungen unter überaus schwierigen Verhältnissen während der Blockade ausgesprochen.
* Das österreichische Abgeordnetenhaus hat die 2 e hr oorlage, welche eine- wenig bedeutende Erhöhung Des Refrutentontingents für die österreichisch- ungait, che Armee festsett, in dritter Lesung mit großer Mehrheit ans
genommen.
26. Etzung
Preufsifcher Landtag.
Haus der Abgeordneten.
Gewerbliche Einzelfragen.
Cigener Bericht.
Im preußischen Abgeordnetenhause geht man in Er ledigung des Gewerbeetats neuerdings auf eine Reihe von Einzelfragen ein, deren Aufzählung nach der Reis
rtum des Innern! Wer hat heute Dienst?"
So erfüllt She also Eure Pflichten im Minifte
Herr Popoff."
ufen Sie sofort seinen
Schelm ist lers arm berührte: wie haft bu Wladimir
erbebte
beinen und fragte leife,
inden
Nachbar Merandrowitsch Banin." genannt?"
er Ma
felbft wußte. Birtin von ihrer Hausgenossin nur wenig mehr als ich bitten. Ueberrascht war ich aber zu erfahren, daß meine An einem kalten, regnerischen Abend, gerade als es mar, erzählte die ältliche Frau,
jum Abendbrot hereintam. unen ban sie mit
ihren einen im Garten war und rechtzeitig
nicht
wiederfam, war fie fort. Seitem ift fte magy zu Bett gegangen waren, blieb fie im Salon allein Als die seleinen nach den
Coekommen
und
ich"


