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Zweites Blatt.
Bonnement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Btg., ins Haus gebracht 60 Pfa., durch die Poft bezogen vierteljabrlich f. 1.50.
Gratisbeilagen Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberheffische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießeuer Seifenblasen wöchentlich). Das Blat erscheint en ellen Werftagen nachmittags.
Mittwoch, den 21. Januar 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Jasectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz berbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. fonit 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen. Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Nenelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitune)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen and Um ung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und a derer Behörden von Oberhessen.
Ein deutfches Idyll i Urwald.
Wie eine Legende für die reifere Jugend mutet eine Echilderung von einer deutschen Ansiedlung mitten im Urwald an, die soeben H. Nerling in der Newyorker Staatszeitung" veröffentlicht. Er beschreibt das Leben und Treiben in der Kolonie Gotha, die in der Hügelregion ven Florida, in der Nähe der größeren Ortschaft Orlando gelegen ist. Die Kolonie ist von einem Herrn 5. A. Hempel qus Gotha gegründet worden, dem sich mehrere andere Deutsche zugesellt haben. Die ursprüng liche Absicht Hempels war, in der Kolonie eine Freidenfer Ansiedlung zu schaffen, was sich aber nicht durchführen ließ. Erst im Verein mit Frant Siller( Francis von Siller) gelang es ihm, eine größere Anzahl Deutscher, die zuzumeist den gebildeten Ständen angehörten und sich da her ,, deutsche Lateiner" nannten, heranzuziehen. Der Aufschwung Gothas in den achtziger Jahren des eben verflossenen Jahrhunderts ist namentlich Siller zu danken, durch den auch Nehrling bewogen wurde, sich ein Stück Land zu kaufen und es als Heimstätte herrichten zu Laſſen.
Die dritte Epoche in der Gründung Gothas wurde durch Herrn Karl Köhne eingeleitet! Stöhne, ein Ol denburger aus guter Familie, war jahrelang als Kaufmann in Indianapolis tätig und übernahm dann den Kaufladen und das Kosthaus in Gotha. Durch ihn wurde Gotha ein sehr besuchter Winteraufenthalt, und die jetzige Billen- Kolonie ist einzig und allein seiner regen und nausgeseßten Arbeit zu verdanken. Köhne ist heute der Batriarch Gothas, wozu ihn sein ehrwürdiges Aussehen und seine Erfahrung ganz besonders stempelten.
Dem Rufe Sillers folgte Ludwig Hartmann, ein früherer deutscher Ulanen- Offizie:. Er kaufte sich sofort an und ging an das Klären und Roden des Urwaldes. Hartmann gilt als Kenner in der Kultur der Orangenbäume, und er hat deshalb die Pflege einer Anzahl Orangenhaine übernommen. Sehr bald folgte ihm Franz Barthels, ein Landwirt aus Bayern, nach. Dieser hat gar manchen Acer Urwald geklärt und gerodet und tausende von Bäumen ausgesezt. Er besißt heute ein veizendes Heim inmitten herrlicher Orangenbäume und treibt vornehmlich Gemüsebau. Die beiden Brüder Richter, deutsche Pastorensöhne, sind wieder aus Gotha fortgewandert.
Der interessanteste aller ,, Lateiner" ist ohne Zweifel Sarl Keller aus Mannheim. Wenige Stunden von Gotha liegt der Hiwassee- Sec. Dort siedelte sich Keller, der Floridaer Robinson Crousoe", an. Das ursprüngliche Haus stand auf hohen Pfählen. Eine schmale leiterartige Treppe führte hinauf zu dem einzigen Zimmer. Unter dem Hause stand das Maultier. Das Wasser tranf man ans Kalabasjen. Schildkröten aller Art, Fische, Wild und
Süßkartoffeln bildeten die Mahlzeiten. Bald gesellte sich auch der Vetter hinzu, der ,, Mann Freitag", der das Kochen und die Hausreinigung übernahm. Das Zimmer enthielt Möbel, welche fast alle selbst angefertigt waren. Die Wände waren mit Bildern schöner und berühmter Frauen ge schmückt, damit, wie der Vetter sich ausdrückte ,,, die Luscht zum Heirate net vergeht." Keller, aus guter Familie stammend, hat es nicht nötig, ein so primitives Leben im Floridaer Walde zu führen. Er tut es eigentlich nur aus Liebhaberei, weil ihm das Klima, die Einsamkeit, der Wald, die Jagd und die Orangenkultur zusagt. Am Tage wird fleißig gearbeitet, aber am Abend schallen sonderbare, weithin hörbare Töne durch den stillen Kiefernwald, Töne, wie sie vorher nie in diesen Regionen erflangen. Es sind die klassischen Lieder Schuberts, Schumanus, Löwes und anderer Komponisten, die Keller, ein ausgezeichneter Klavierspieler und Bariton, mit ganz be sonderer Vorliebe singt. Und wie wunderbar ergreifend und beimwehartig flingt es, wenn das Lied Ich hafte einst ein schönes Vaterland" durch die einsam stille Nacht hallt. Herrn Keller wird auch nachgesagt, daß er, wenn er dem Pfluge folgt, Homer, Ovid und andere klassiker zitiert.
Von allen ,, Lateinern" ist Ludolf Wichtendahl, ein deutscher Reservcoffi ier, wohl am lesten vorwärts gef: mmen. Er hat mit dem Weinbau ganz au ge eichnete R saltate erzielt, so daß das landwirtschaftliche Departement in Washington auf seine Weinpflanzungen aufmerksam wurde.
Von den übrigen ,, Lateinern" sind mehrere, wie Herr von Rentzell, Bergener, Runge, der Architekt Maaßen, wieder fortgezogen. Dagegen sind in jüngster Zeit zwei ,, Lateiner" hinzugekommen. Der eine ist Pastor Arno Thieme, der sich am Olivia- See niederließ, um in der herrlichen Luft Floridas von einem schweren Leiden zu gesunden; der andere ist Kapitän Ernst von Wedig, ein Mann vou umfassender Bildung, der 35 Jahre lang alle Meere der Welt befahren. Aus fernen Landen eilte er sofort nach der riegserklärung im Jahre 1870 heim, um auf Frankreichs Erde für die deutsche Einheit zu fämpfen. Seine Reiseberichte sind in einem klassischen Deutsch abgefaßt.
Wenn man von den„ Lateinern" spricht, darf man auch Herrn Meislahn nicht übergehen, obwohl er nicht in Gotha, sondern fünf Meilen nördlich davon wohnt. Seine Spezialität ist der Anbau von Tessinte, einer tropischen Futterpflanze von großem Werte. Er beherrscht den Weltmarkt und schickt den von ihm gezogenen Samen nach allen Weltgegenden, besonders nach den Trɔpen. Die deutsche Regierung bezieht den Samen der Teosinte für ihre Kolonien in Ost- und Westafrika und auf Samoa von ihm. Meislahns Kulturen sind Musterkulturen in jeden Beziehung.
Hus dem Gerichtsfaal.
§ Geständig und doch freigesprochen! In Mes erregt folgender Vorfall großes Aussehen: Vor den Geschwore nen erschien der ŏktroi- Einnehmer Pierrard aus Sablon, der die ihm zur Last gelegten Unterschlagungen ohne weiteres zugab. Der Verteidiger plaidierte deshalb nur auf mildernde Umstände. Die Geschworenen ver neinten in ihrem Wehrspruch die Schuldfrage. Auf Grund des Wahrspruchs beantragte der Verteidiger die Freisprechung, die auch erfolgte. Als im Zuhörerraum hierauf Hurraruse ertönten, hielt der Präsident den Zu hörern und Geschworenen folgende Standrede:„ Ich verstehe nicht, was das Publikum für ein Interesse an diesem Freispruch hat. Wenn jemand der Ansicht ist, daß man ohne Strafe 400 Mf. unterschlagen fann, dann ist dies ein trauriges Zeichen für sein Rechtsgefühl."
§ Ein schöner Berein. Eine heitere Szene spielte sich fürzlich in einem Beleidigungsprozeß vor dem Bezirfs gericht Wieden( Desterreich) ab. Der Geschäftsdiener Scha chinger hatte drei Mitglieder eines Radfahrervereins beschuldigt, die Vereinskasse erbrochen zu haben, die ihn deshalb wegen Beleidigung verklagten. Richter: Sind Sie der leitende Funktionär des Vereins? Angeklagter: Ja, dös bin i. Richter: Sind Sie also Obmann? Angeklagter: Na, der Obmann sigt im Landesgericht, der hat a'cht Monat friegt wegen Schwindeleien.- Richter: Und Sie sind bmannstellvertreter?- Angeklagter: Na, der is voriges Jahr im Jänner ausget. I bin Schriftführer. Richter: Und wer hat die Schlüssel zu der angeblich erbrochenen Vereinskasse gehabt? Angeklagter: Auch ich. Richter: Ja, sind Sie auch Massier?- Angeklagter: Ra, aber der Kassier is nach Aunerita abg'fahren. ( Heiterteit.) Richter: Hat der Kassier die Vereinskasse nach Amerifa mitgenommen?- Angeklagter: Die Kasse hat er dagelassen, aber es war nix mehr brin, wie i nachg'schaut hab'!( Heiterkeit.) Richier: Wer hat denn außer Ihnen noch Funktionen im Verein? Angeklagter: Der einzige Funktionär bin i.-- Richter: Ho Obmann, Stellvertreter, Kassier, Schriftart und Fahrwart in einer Person. Wie viel Mitglieder waren denn?- Angeflagter: 8wa; der Kassier und i.- Richter: Tec Kassier ist doch nach Amerika abgereist. Angeklagter: Dann war i allan. Richter: Hat denn da die politische Behörde den Berein so weiter bestehen lassen?- Angeflagier: Jch war bei der Polizei, die ham aber verlangt, i soll erst a Generalversammlung abhalten; dös kunnt i do nöt. Damit mehr san, hab' i die drei Herren in' n Verein aufg'nommen. Richter: Sonst ist niemand Mitglied? Angeklagter: Na, das is der ganze Verein, der hier steht! Hierauf übergab das Gericht die Sache der Staatsanwaltschaft.
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