Nr. 142. Erstes Blatt.
bonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., a's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertels fährlich Mr. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Soft- und Bartonban, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmittags.
Samstag, den 20. Juni 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertion@ pret 8: Die einfpaltige Betitzelle für Oteßen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wehlar und Marburg 10 fs. fonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 fa.
Boftzeltungsliste No. 3969.
Redaktion und Expedition: Gießen Negenweg 98. Fernsprechanschluk A, 308.
Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weßlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Die Lage in Serbien.
CB. Das serbische Offizierkorps ist von dem Verlangen Rußlands, die Königsmörder sollten bestraft werden, naturgemäß recht wenig erbaut, und es verlautet ſchon jezt: Falls König Peter dem Verlangen des Zaren nachgäbe, würden Unruhen im Heere ausbrechen. Die Verschwörer selbst glauben offenbar, daß diese Drohung_genügen werde, den König von einer Bestrafung abzubringen. So erklärte einer der Leiter der Verschwörung, Oberst Mischitsch, er besſorge nicht, daß der König es wagen würde, die schuldigen Offiziere vor Gericht zu stellen. Wenn aber wider Erwarten der König das doch tun sollte, ohne Rücksicht auf die Stimmung der Armee, und wenn dabei er, Mischitsch, verurteilt werden sollte, so werde er im Dienste des Vaterlandes sterben. Wird König Peter sich durch solchen bombastischen Phrasenschwulst und solche Drohungen in der Ahndung des Königsmordes irre machen lassen? Tut er's, dann ist er selbst ein Spielball des Offizierkorps. Tragas Geschwister.
Weitere Nachrichten aus Belgrad besagen: Die verheiratete Schwester der Königin Draga, Frau Petrowitsch, ist nebst den beiden anderen Schwestern endlich aus der Haft entlassen. Alle drei sind in Begleitung des Sohnes der Frau Petrowitsch, der Leutnant war und beurlaubt worden ist, nach Wien abgereist. Sie erzählten, daß nach der Ermordung ihrer Brüder ein Offizier mit einem Schlüssel zur Kasse kam und alles vorhandene Geld herausnahm. Erst auf die Vorstellungen der Frau Petrowitsch, daß sie kein Geld zum Abreisen hätten, ließ er ein Drittel des Geldes zurück.
Ueber die Behandlung der Geschwister Dragas durch die serbischen Behörden meldet ein Bericht, der am Tage vor ihrer Freilassung aus Belgrad abging Während alle bisher internierten und als verdächtig geltenden Personen sich seit heute in vollster Freiheit befinden, stehen die Schwestern der Königin Draga noch unter militärischer Bewachung. An einer Ecke des Hauses steht ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett; vor dem Tore gleichfalls ein Soldat, ebenso hinter dem Tor. Alle Läden sind geschlossen. Alle drei Schweſtern
liegen frank zu Bette und werden von einem Offizier bewacht, der sich in einem Salon der Wohnung ständig aufhält. Es ist ihnen verwehrt, überhaupt jemanden zu empfangen. Sie haben keinen Kreuzer Geld im Hause. Die Verpflegung wird ihnen auf Kosten der Regierung aus dem Restaurant gebracht.
Es ist wahr, daß der serbische Staat das Vermögen des Königspaares konfisziert, aber diese Verfügung kann sich nur auf die in Serbien selbst deponierten oder im Konak vorgefundenen Gelder und auf den Schmuck beziehen. Die ausländischen Banken verweigern die Herausgabe der bortigen Depots. Die belgische Bank, wo Draga 600 000 Francs Depot hatte, bezahlt diesen Betrag nach Abwicklung der üblichen Formalitäten an die drei Schwestern Dragas als deren einzige Erbinnen. Ihre Zukunft dürfte also gesichert sein, zumal Draga auch bei einer Londoner Firma ein größeres Depot hinterlegt hat.
Königin Dragas letzte Lektüre.
Am Tage vor ihrer Ermordung ließ sich Königin Draga aus einer Belgrader Leihbibliothek, wo sie schon als einfache Frau Maschin und später auch als Königin abonniert war, ein französisches Buch:„ Die Geliebten Ludwigs XV." holen. Das Buch mit dem ominösen Titel war ihre lette Lektüre. Auf dem Nachttisch im Schlafzimmer des Königspaares fand man ferner zwei französische Romane, deren Titel angesichts der Ereignisse der Mordnacht ganz merkwürdig berühren. Der eine Roman nennt sich ,, Gertruds Heirat", der andere ,, Gin Verrat."
Nach einer Petersburger Meldung legte der russische Hof für das serbische Königspaar Trauer auf 24 Tage an.
Die Politik.
Vom deutsch- evangelischen Kirchenausschuß, dessen Gründung den Zusammenschluß der meisten evangelischen Landeskirchen Deutschlands darstellt, wird jett näheres bekannt. Danach hat sich der Zusammenschluß nicht so glatt vollzogen, als es nach den bisherigen Melbungen den Anschein hatte. Aus den Berhandlungen, über die bisher allseitiges Stillschweigen beobachtet wurde, wird jezt bekannt: Der Ausschuß besteht aus 15 Mitgliedern, von denen Preußen allein außer dem Vorsißenben noch vier stellt, je zwei für die alten und die neuen preußischen Provinzen. Bayern, Sachsen und Württemberg haben je einen Vertreter im Ausschuß, in die übrigen sieben teilen sich die Mittel- und Kleinstaaten. Sie ind zu diesem Zweck in Gruppen eingeteilt, so ernennen 3. B. die Reichslande und Baden einen gemeinsamen Vertreter, ebenso die thüringischen Staaten u. s. iv. Zu lebhaften Auseinandersetzungen kam es bei der Wahl des
Stges des Ausschusses. Die Absicht, Berlin zum ſtändigen Size und den Präsidenten des preußischen evangelischen Oberkirchenrats zum ständigen Vorsitzenden des Ausschusses zu machen, stieß auf entschiedenen Widerspruch bei Bayern und einigen kleinen Staaten. Infolgedessen wurde schließlich beschlossen, der Wohnort des jedesmaligen Vorsizenden des Ausschusses solle als Siz des Ausschusses zelten. Für die nächsten fünf Jahre wurde Berlin als Vorort bestimmt.
Gegen die Fremdwörtersucht,
der unsere Behörden neuerdings mit erfreulichem Nachbruck zu Leibe gehen, richtet sich eine Verordnung des Staatssekretärs des Reichsmarineamts an sämtliche unterstellten Marineteile. Alle Marinebehörden sollen cine Liste der Fremdwörter aufstellen, die bisher in der Macine gebräuchlich sind und sich erseßen lassen. Das Verzeichnis ist bis zum 15. September an den Staatssekretär einzureichen. Im Reichsmarineamt werden unter Zuziehung von Fachgelehrten deutsche Wörter für die Fremdlinge festgesetzt. Die Verdeutschung soll erst dann völlig durchgeführt werden, wenn die vorhandenen Formulare - nennen wirs deutsch: Vordrucke= aufgebraucht ſind. Ein Balkankrieg in Sicht?
= Nach den neuesten Meldungen gewinnt es doch wieder den Anschein, als braute sich auf dem Balkan ein friegerisches Unwetter zusammen. Bulgarien rüstet fieberhaft, und es hat zur Erklärung dieser Rüstungen nur sehr fadenscheinige Gründe vorgebracht. Es scheint, als wenn Rußland hinter Bulgarien steht und einen bulgarisch- türkischen Krieg inszenieren will. Der Zweck dessen ist noch nicht abzusehen; selbstverständlich erwartet Rußland, daß dabei etwas für die russischen Interessen herausspringt.
Sehr besprochen wird in diplomatischen Kreisen eine Aeußerung des russischen Botschafters in Konstantinope! zu dem bulgarischen Sondergesandten Natschewitsch, die bisher nicht dementiert worden ist. Sie lautet:
,, Als Slave muß ich sagen, daß alle Ihre Bemühungen, mit der Türkei Frieden zu schließen, fruchtlos bleiben werden. Das einzige Mittel, um Bulgarien im gegenwärtigen Augenblick zu retten, ist die schnellste Vorbereitung auf den Krieg."
Das heißt zwar noch nicht, daß Bulgarien den Krieg erklären soll, wohl aber, daß es mit seinen Rüstungen eine Drohung gegen die Türkei ausüben solle. Und aus solchen Drohungen pflegt sich ein Krieg mit unheimlicher Schnelligkeit zu entwickeln. Die Kämpfe zwischen türkischen Truppen und bulgarischen Banden dauern inzwischen fort. Zu allem Ueberfluß erwächst der Türkei noch eine andere Sorge: Die türkischen Behörden haben in Khar put eine neue revolutionäre armenische Bewegung entdeckt. Es haben zahlreiche Verhaftungen stattgefunden, und es sind auch Waffen und Dynamit beschlagnahmt worden. Ob unter diesen Umständen die Türkei zu kriegerischen Verwicklungen mit Bulgarien geneigt ist, scheint sehr fraglich. Um so größer ist aber die Verlockung für die Bulgaren, ihrerseits der Türkei etwas am Zeuge zu flicken. In der Gefangenschaft der Marokkaner.
† Mr. Harris, der„ Times"-Korrespondent in Tanger, der, wie schon gemeldet, von aufständischen Bergstämmen gefangen genommen wurde, war noch am Tage seiner Gefangennahme aus Tanger ausgeritten, um einen beabsichtigten Angriff einer Regierungstruppe auf den Wohnsitz des Räuberhauptmanns Raisulis zu beobachten. Obwohl die Regierungstruppe 500 Mann stark war, wagte sie den Angriff auf die 50 Mann starke Räuberbande nicht. Die Nachricht von dieser Feigheit der Regierungstruppen war die letzte Meldung, die der„ Times" von ihrem Korrespondenten zuging. Er geriet in einen Hinterhalt und fiel den Räubern in die Hände. Man glaubt jedoch, daß ihm nichts geschehen werde. De englische Gesandte hat von den maurischen Behörden ver langt, daß sie Gewaltmaßregeln gegen die Bande de Raisulis unterlassen, solange der Korrespondent de ,, Times" sich in den Händen der Bande befindet. Kurze politische Nachrichten.
* Der deutsche Arbeitgeberverband für das Baugewerb in Köln hat beschlossen, am 26. Juni alle Bauarbeite: wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen und den Arbeitgebern auszusperren.
* In Wien verlautet, daß der Kaiser den zurückgetretenen ungarischen Ministerpräsidenten Ezell vor neuem mit der Bildung eines Kabinets betrauen will |: Auf Sizilien haben zehntausend Schwefelarbeiter einen Streit begonnen.
Hof und Gesellschaft.
*** Der Kaiser besichtigte gestern auf der Vahren walder Heide die Truppen der Garnison Hannover uni das Militärreitinstitut. Abends fand Diner bei dem tommandierenden General v. Etünzner statt. Der an gekündigte Besuch beim Grafen Waldersee hatte abend? borher programmmäßig stattgefunden. Der Kaiser nahm bei dem Grafen das Diner ein.
Wablcuriofa.
RK. Die Wahlen zum Reichstage sind gewiß eine ernste Sache. Aber auch in ernsten Dingen ist ein bischen humor nicht übel, und die Wahl hat denn auch eine ganze Reihe humorvolle Stückchen zu Tage ge fördert. Ein besonders originelles Wahlcuriosum hat sich in einem Dorfe bei Lauban ereignet. Vor Beginn des Wahlaktes hatte der Wahlvorsteher laut und vernehmlich verfündigt, daß jezt die Wahl ,, ganz geheim und versteckt" sei. Als hierauf ein Wähler aus dem Nebenraum trat, wo der Stimmzettel in den Wahlumschlag zu legen war, kam er mit leeren Händen zurück. Auf die verwunderte Frage des Wahlvorstehers, wo er das Wahltuvert habe, erwiderte der Wähler, daß er es doch verstecken sollte, und da habe er es in das in dem Raume befindliche Bett gesteckt! Nach diesem unfreiwillighumoristischen Wähler sei ein freiwillig humoristischer hier erwähnt: Ein 98 jähriger Greis, Jacob Westen aus Goldenburg, der genau am Wahltage seinen Geburtstag beging, übte in Lüttringhausen sein Wahlrecht aus. Der wackere Greis verabschiedete sich vom Wahlvorſtande in humorvoller Weise mit den Worten:„ Bis en fief Johren!" Uebrigens ist er nicht der älteste Reichstagsvähler: In Ingolstadt ließ sich ein über 100 Jahr alter Privatier Gabriel Neumeier von seinen Angehörigen zur Wahlurne führen, um seinen Wahlzettel abzugeben.
Einige Wahlcuriosa werden auch aus Celle berichtet: So wollte ein Wähler aus der Wahlzelle absolut nicht herausgehen. Als er schließlich aufgefordert wurde, doch herauszukommen, sagte er, er dächte, man käme zu ihm. Ein anderer beschwerte sich, er habe den Umschlag nicht schließen können, soviel er auch geleckt habe, er habe darum eine Oblate genommen. Einer erklärte, er habe drinnen den Kasten( die Urne) nicht finden können. Wieder ein anderer sagte: Ick hew den Breif dor inne up'n Disch leggt, et feim( fam) ja kein Minsche." Ein Bauer ging gleich fort, ohne zu wählen ,,, er wolle sich nicht soppen lassen", sagte er.
Aus Altona wird berichtet, daß ein Wähler, als er sein Kuvert erhalten und den Stimmzettel hineingesteckt hatte, dieses sorgsam verschloß und von oben in den Isolierraum hineinwarf, einem dort befindlichen Wähler gerade auf den Kopf. In München soll ein Wähler sogar auf allen Vieren aus der Wahlzelle gekrochen sein, da er den seitlich angebrachten Schlitz, der das Wegschieben des Vorhanges gestattete, nicht bemerkt und nur den schmalen freien Streifen gegen den Fußboden zu wahrgenommen hatte. Aus der Fülle von poetischen Ergüssen, die der Wahlakt auch diesmal wieder hervorgerufen hat, ist der nachstehende auf einem Wahlzettel aus Bublitz verzeichnete wohl manchem aus der Seele gesprochen:
Was nüßen Wahlen, was Gesetz, Was nüßen Paragraphen,
So lang' der wahre deutsche Geist Und deutsche Männer schlafen?! Es fehlt in dem Parteienkampf
Und dann im Reichtstagsſaale
Der Blick auch für des andern Leid Und für das Ideale.
Wo sind die Männer, die noch deutsch Vom Fuße bis zum Scheitel? Heut sorgen alle nur für sich Und für den eignen Beutel.
Hus dem Gerichtsfaal.
§ Der rumänische Rentenschwindet beschäftigt zur Zeit die Berliner Straffammer. Wie erinnerlich, hatten mehrere rumänische Bankiers bei der Verlosung rumänischer Rente es durch Bestechung hoher Finanzbeamten dahin zu bringen gewußt, daß die in ihrem Besiz befindlichen Stücke ausgelost wurden. Einer dieser Bankiers Namens Behar, der wie die andern verhaftet wurde, benutzte durch den Berliner Rechtsanwalt Liebling und dessen Schwager, einen rumänischen Agenten Covo, seine durch eigene Teilnahme erworbene Kenntnis dieser skandalösen Vorgänge zu einem großen Erpressungsversuch an der Berliner Disfontogesellschaft und dem Bankhause S. Bleichröder, die an den rumänischen Anleihen stark beteiligt sind. Der Angeklagte Liebling behauptet, daß er sich nicht mit der Angelegenheit befaßt haben würde, wenn er gewußt hätte, daß Behar Mitschuldiger an den Schwindeleien sei. Er habe nur den Standpunkt vertreten, daß der Bankier, wenn er die Diskontogesellschaft von dem Betruge in Kenntnis setze, auch einer großen Belohnung wert sei.
§ Im Allensteiner Gattenmordprozeß gegen die B izersfrau Przygoda, die, wie gemeldet, beschuldigt wird, ihre vier ersten Männer sie ist zum fünften Mal verheiratet- vergiftet zu haben, behauptet die Angeklagte, böser Nachrede und Aberglauben zum Opfer gefallen zu sein. Ihre Männer seien sämmtlich an Krankheiten gestorben.
anzunehmen?" Du bist also entschlossen, den Borschlag Reimanns
jchluß gedrängt erwiderte Rudi achielzudend' Noch nicht ganz, aber ich werde ia zu diesem Ent
..nhabent tue, tann feine Feindschaft mir wohl nichts
Ich gebe das zu," sagte cr, aber wenn ich meine
,, Dein Bruder ist 13
,, Was kümmert mich Rudi in beschwichtigeni mone ein. auch geaen, diese Heirat!" warf
fuhr Richard cuf. Schicht unter mundschaft, sie haben nicht Sie geringste Berechtigung, mirück zu ach Bruder und seine Frau," Mein Haus ihrer Vor
zwischen ist mein Reich. mich und mein
treten.
sich die größten Delita Alltagsspeise des Schweinefleisch, mageres
der
Schlangen,
eier, unde, Katzen, hundert verschiedene
Schmetterlingspuppen, ein Dutzend versen
Ziegenfleisch und Fische sind die
fleinen Mannes", aber daneben finden Würmer, des Wassers, der Erde und Froschschenkel, Fisch Vogel
hatte, wurde er wieder der
schrieb ohne Mühe und in Betracht und glaubten, daß seine Werke ihm keine Mühe sie zogen die vorbereitende Arbeit des Dichters nicht in Diese Leichtigkeit des Stils hat mehrere Kritiker getäuscht, nuskripte, die kaum eine ausgestrichene Stelle aufwiesen. liebenswürdigste Mensch und einer sehr kurzen Zeit Ma


