Ausgabe 
19.12.1903 Zweites Blatt
 
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Der König der Belgier auf Erbschaftsauszahlung ver­flagt. Wie aus guter Quelle verlautet. haben die Pariser und Londoner Gläubiger der Prinzessin Luise von Koburg einen Prozeß gegen den König Leopold der Belgier ange­strengi behuss Bezahlung der ihnen von der Prinzessin_ge= schuldeten sechs Millionen Kronen aus dem Nachlaßvermögen der Königin Henriette. Man glaubt in eingeweihten Kreisen, daß der König einen Vergleich mit den Gläubigern anstreben wird, um nicht von Gerichts wegen zur Herausgabe des gan­zen auf die Prinzessin entfallenden Erbteils gezwungen zu werden.

Gine umfangreiche Erpressungsaffäre, in die Offiziere des Gardekürassierregiments, Träger angesehener Namer, verwickelt sind, beschäftigt, wie eine Berliner Korrespondenz meidet, seit einigen Tagen Polizei und Untersuchungsrichter. Angeschuldigt ist eine Dame der Lebewelt, die sich an den Oberst des gedachten Regiments mit einem Schreiben ge­wendet hat, in dem sie pekuniäre Ansprüche an verschiedene Offiziere des Regiments zu haben behauptet. Daraufhin ist ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet worden.

Guadengesuch des Oberlehrers Ries. Zum Oldenburger Ministerbeleidigungsprozeß wird neuerdings berichtet, daß der Gymnasial- Oberlehrer Dr. Ries, welcher bekanntlich zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden ist, ein Gnaden­gesuch an den Großherzog gerichtet hat zwecks Umwandlung der Freiheitsstrafe in eine entsprechende Geldstrafe. Das

Gesuch ist von einer größeren Anzahl angesehener Bürger Oldenburgs, darunter mehreren Juristen, unterstützt worden. Die Entscheidung des Landesherrn dürfte schon in der näch­ſten Zeit zu erwarten sein. Der zweite Verurteilte, der Redakteur Biermann vom Oldenburger Residenzboten" ist inzwischen zum Strafantritt in Vechta eingetroffen.- Wie im übrigen in der oldenburgischen Residenz verlautet, be­absichtigt der Justizminister Rubstrat II mit dem 1. Ja­mar f. Js. in den Ruhestand zu treten. Diese Meldung ist jedoch mit Vorsicht aufzunehmen. Kürzlich wurden dem genannten Minister, wie bereits gemeldet, die Fenster­scheiben in seinem Schlafzimmer eingeworfen. Die infolge dessen angeordnete strenge Untersuchung hat bisher zur Er­mittelung des oder der Täter nicht geführt.

Aus Spielerei erhängt hat sich ein zehnjähriger Knabe in der Neustadt- Bremen auf dem Hausboden. Seine einige Jahre ältere Schwester fand ihn, nachdem er einige Minuten vorher auf den Boden gegangen war, dort an einer Wage hängend. Auf ihr Geschrei eilte die Mutter herbei, welche den Knaben gleich aus der Schlinge nahm. Der herbeigerufene Arzt stellte Wiederbelebungsversuche an, die jedoch erfolglos waren. Vermutlich hat der Knabe versucht, sich auf der dort an einem Balken befestigten Wage zu wiegen und zu dem Zweck den Kopf in die Schlinge eines von ihm an der Wage befestigten Bindfadens gesteckt.

Der Mord an der Berliner Prostituierten Luise Günther, die in der Nacht zum 15. April 1898 in der Hasenhaide einem Luſtmörder zum Opfer fiel, scheint nun doch noch seine Sühne finden zu sollen. In wenigen Tagen wird auf deutschem Boden der Vergolder Otto Hugo Drews aus Berlin eintreffen, der in Iquique verhaftet und auf Requi sition der Berliner Behörden ausgeliefert worden ist. Wäh rend man anfänglich, wie erinnerlich, der angeblichen Schuld des Drews sehr skeptisch gegenüber stand, haben sich jetzt die Indizien gegen ihn verdichtet. Es ist festgestellt, daß Drews in der fraglichen Nacht die Luise Günther eine Strecke Weges begleitet hat. In nächster Zeit wird auch der Mord an der Prostituierten Grabowski die Berliner Ge richte beschäftigen. Die Voruntersuchung gegen den der Tat verdächtigen Ehemann der Ermordeten, den Schlächter­gehilfen Theodor Grabowski, hat hinreichend belastendes Ma­terial zur Erhebung der Anflage ergeben.

Unwetter und Stürme. Aus allen Teilen Oesterreichs laufen Nachrichten über Unwetterschäden ein. Im Quarnero herrscht ein furchtbarer Sirotko mit Hochflut; in Abbazia ist der neue Molo schwer beschädigt und in Lovrana der Hafendamm eingestürzt. In Bosnien, in der Herzegowina und in Dalmatien sind schwere Wasserschäden und Verkehrs­jörungen vorgekommen, ebenso in Mähren. In den Alpenländern traten weiter riesige Schneefälle auf. Um den Verkehr auf der Brennerbahn wieder herzustellen, mußte Militär zur Hilfeleistung herbeigezogen werden. In Trient liegt der Schnee 1,5 Meter hoch. In Aussig sind beim Schlitt Ichuhlaufen auf der Elbe vier Kinder ertrinken. Schwere Stürme brausen noch immer an der algerischen Küste. Die fälligen Schiffe treffen in Oran nur mit großen Verspätungen fälligen Schiffe treffen in Oran mit großen Verspätungen ein. A Therese Humbert erkrankt. Die wegen ihrer Stand­haftigkeit während des Prozesses bewunderte und gepriesen: große Therese ist jetzt, wo sich die Gefängnistore unwider­ruflich hinter ihr geschlossen haben, völlig zusammengebrochen und an Leib und Seele ertranft. Der Direktor der Straf anstalt Rennes hat sie ins Lazarett schicken müssen. Sie leidet an Schlaflosigkeit und hat furchtbare nervöse Krisen durch zumachen, so daß man schon fürchtete, sie würde in Tobsucht verfallen. Ihre Wärterinnen können sich nicht rühmen, von ihr eines Wortes gewürdigt zu werden, dagegen benutzt sie jede Gelegenheit, um dem Direktor, der sie täglich beicht

ihre Leidensgeschichte zu erzählen.

[ Je nachdem.] Von dem Wetterpropheten Mathieu Laensberg, der einst bei der französischen Presse in hohem Ansehen stand, erzählt ein Pariser Blatt folgende niedliche Anekdote: Laensberg hatte die Gewohnheit, die Wetter­prophezeihungen, die er für die Presse zurechtmachte, seiner jungen Nichte in die Feder zu diktieren. Einmal sagte er für den 22. August heftigen Sturm voraus. Die Nichte blickte erstaunt von ihrem Blatte auf und sagte: Das hast du dir sicher nicht richtig überlegt, lieber Onkel, das geht wirklich nicht!" Und warum denn nicht, Fräulein Nichte?"" Weißt du denn nicht, daß ich am 22. August Geburtstag habe?"" Das ist etwas anderes," erwiderte der Prophet, dann schreibe nur: Andauernd schönes Welter!"

[ Unabhängig um jeden Preis.] Wie weit der Un­abhängigkeitssinn eines Schotten manchmal gehen kann, da­von legt folgende fleine Geschichte, die sich vor wenigen Tagen zugetragen haben soll, Zeugnis ab. Bei einem Missionsgottesdienste in Glasgow schloß der Geistliche seine Predigt mit den in flammender Vegeisterung ausgerufenen Worten: Alle guten Leute, die Ihr mit mir in den Himmel wollt, steht auf." Die ganze Versammlung erhob sich, mit Ausnahme eines alten Schotten, der in der ersten Reihe ganz gemütlich sitzen blieb. Der Seelenhirte sah ihn kopf­schüttelnd an und sagte in ermahnendem Tone zu ihm: ,, Nun, mein lieber, lieber Mann, möchtest du nicht auch in den Himmel!", ja," kam laut und deutlich die Antwort zurück, aber nicht mit einer geführten Gesellschaft."

Raubmord in einem Newyorker Spital. Großes Auf­sehen erregen in Newyork die Mitteilungen der Newyork World", wonach der vorige Woche im Spital verstorbene bormalige englische Parlamentarier Adolphus Drucker von den Spitalsangestellten narkotisiert, beraubt und ermordet wurde. Druckers Leben war auf hohe Beträge versichert. Es läßt sich eine sensationelle Untersuchung dieser Affaire

erwarten.

- Dem aus dem Humbert- Prozeß bekannten Romain Taurignac wurde in der Gefängniszelle eine Zündholz­schachtel mit Doppelboden abgenommen, die Edelsteine von großem Werte enthielt.

Stilblüte. Die glühende Begeisterung de reisenden wurde beim Anblick der endlos sich aus e im heißen Sonenbrande daliegenden Sandwüst gefühlt.

Naheliegend. Dame( dem Vogelhändler pagei zurückbringend):" Sie haben mich da mit den schön angeführt; er spricht ja gar nicht!"- Voe ( beleidigt): Na, Sie werden ihn halt nicht zu Wor lassen!"

Gemütlich. Pferdeverleiher:" Wann würden zurück zu sein?"- Sonntagsreiter: Um elf b Pferdeverleiher( zum Stallburschen):" Johann, gt dem Herrn das betreffende Pferd!"

Aus dem Gerichtssaal. Richter: Aömm etwas zu Ihrer Entschuldigung anführen?" Zechpreller: Jawohl, ich wär' gar nicht in das betri Lofal gegangen, wenn ich gewußt hätte, daß drau geschlagen steht: Aeußerst aufmerksame Bedienung Vorsichtig. Dramatifer: Von heute ab s nur mehr Einafter, die werden cher zu The gift

Kunft und Wissenschaft.

LR. Die Erhellungssphäre elektrischer Leuchtsem dem jezigen Stand der Technik überraschend groß. Nordspiße von Rügen, auf Arkona, wurden kürzlich mit einem solchen Feuer angestellt, das seinen Schein Ystad an der schwedischen Südküste auf 100 Stilomen fernung warf. Selbst bei diesem bedeutenden Abstan der Schein noch so stark, daß die Beobachter in Ystad in len Nächten ziemlich weit entfernte Gegenstände et und auch die Schiffe auf dem Meer sehen konnten. März 1902 in Betrieb genommene Leuchtturm der Bierge in der Bretagne ist aber noch bei weitem let fähiger. Er sendet sein Licht bei flarem Wetter übe Kilometer weit. Allerdings ist dieser auch der gegen höchste Leuchtturm der Welt, denn seine Höhe betrüg Meter.

OL. Die Nobelpreise im Betrage von je 100 000 erhielten: für Medizin Finsen- Kopenhagen, für Chenie gleichen Teilen) Curie( der Entdecker des Radiums) Becquerel aus Paris, für Physik Professor Arrhenius holm, für Literatur Björnstjerne Björnson und für de tion Friede Bertha v. Suttner. Björnson und Becquer finden sich zur Zeit in Stockholm, Finsen liegt in openb in seiner Wohnung sehr frank darnieder.

DC. Interessante Aufschlüsse über die Tempera hohen Luftschichten erbrachte ein von der schweize meteorologischen Zentralanstalt Tanzierter Registrie der die kolossale Höhe von 19 000 Metern erreichte. bei 13 000 Metern machte sich an den Registrierapp e rasche Temperaturzunahme bemerkbar, und in rimalhöhe von 19 000 Metern betrug die Kälte Grad Celsius unter Null, während-75 bis-808 enwartet wurden. Diese auffällige Wärme" in den b Regionen unserer Atmosphäre soll mit starken Störung der irdischen Lufthülle zusammenhängen, die sich gegen im hohen Norden bemerklich machen und bald auch fi an Ausdehnung gewinnen werden.

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