Ausgabe 
18.4.1903 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., 4 Saus gebracht 60 Big., burch bie Boft bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50.

Bratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitun( täglich) ( berbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obh- und Gartenbau, sowie die Gießener Celfenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nagmittage.

Samstag, den 18. April 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionsprei 1 Die einfpaltige Petitzelle für Gießen wi ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfe janit 15 Vfg. Steklamen die Betitgeile 30 refp. 40 is

Boftzeitungsliste No. 800.

Redaktion und Expedition: Gießen Rexenw Fernsprechenschinh R, 368.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sichener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Hus der Reichshauptstadt.

Wandelbilder von Spectator.

"

Benn ich heute nach den Reimereien der letzten Bochen zur frodenen Prosa zurückkehre, so gibt es meh­ne Gründe hierfür. In erster Linie ist es der feuchte erlauf der Feiertags- Woche, der den Schwung und die Begeisterung des Dichters" lahm legt. Pegasus schüt dt eine vom Schnee bedeckten Flügel und trabt nach Saus dieses Wetter seinen weniger zarten Genossen, den Betterfesten Omnibus- und Droschtenpferden, überlassend. Dann auch der Osterlater. Der Stater, der ja so häufig Selbst im Tode noch die Rolle des Hasen zu spielen hat,

of- Bornheim it in vielen Fällen auch als Substitut des Osterhasen

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auf freilich wird es ihm nicht so leicht, dieses Tier zu erfeben, das mit einer nur in der Schonzeit denkbaren Butraulichkeit in den Schaufenstern saß und diese mit Silfe der leistungsfähigen Chokoladenindustrie mit Eiern aller Art anfüllte. Dennoch merkt man es deutlich, daß man jezt nicht mehr im Zeichen des Hasen, sondern in bem des Katers steht.

Wer sich nicht mit den zwei Feiertagen begnügte, von denen hier der erste meist zum Ausschlafen, der andere zum Ausgehen benutzt wird, wer sich von der lieben Gewohnheit des Feierns nicht so schnell losreißen konnte and sich noch einen dritten oder mehr Feiertage zulegte, der spürt es wohl heute noch mit Unbehagen, wie er ich amüsiert hat. Und die neuen weißen Kleider und die hellbraunen Stiefelchen der Damen, die mit Op­timis mus ausgingen und mit Straßenschmuz heimkehr­ten, sie sind ebenfalls traurige Zeugen der festlichen Tage

Das Osterfest, die natürliche Scheidewand zwischen Winter- und Sommer- Saison, zwischen Winter- und Sommer- Vergnügungen, zeigt gewöhnlich ein Gemisch von beiden. Diesmal freilich sorgte der junge Frühling, der sich, wie alle Frühgeborenen, sehr langsam ent­tidelt, dafür, daß sich das Publikum, soweit es sich nicht um Abhärtungsfanatiker handelt oder leichtsinnige Spiegelschränke Influenza- Aspiranten, an die mit Zentralheizung be­r. 68.%. 6 6 135% gabtei Theater, Konzertlokale und Kneipen hielt. We­Säule- Trumeaux nigstens werden die Direktoren und Inhaber der vor­b. 35. 6 6 140 envähnten Wohltätigkeitsanstalten an dem Schneesturm, ber ab und zu die Spaziergänger mit einer respektablen Wa chcomm den Gänsehaut versorgte, ihre Freude gehabt haben. Und Diese Freude ist ihnen schließlich zu gönnen; denn bald Monimit die Zeit, wo die Theater, Konzertsäle und selbst bis 120, fowie die Wirtshäuser unter der Konkurrenz der lockenden Sonne zu leiden haben werden.

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Drchesterdirigenten, Nifisch, Weingartner und Richard Strauß, haben sich von ihren begeisterten Zuhörern und den taschentuchwedelnden Damen verabschiedet. Und wäh rend die hiesigen Theater noch in vollster Arbeit sind, haben die feinen und einige größere Provinzbühnen zahlreiche Mimen hiereher gesandt, die sich in einem Café Unter den Linden täglich zu einer Sommer- Engage­mentsbörse zusammenfinden. Die munteren ,, Palmarum­Brüder" und Schwestern" üben dort eine größere An­ziehungskraft aus, als die besten Theaterstücke de: Saison.

Auch auf den Speisekarten der Restaurants zeigt sich der Einfluß des kommenden Sommers und die Wen­bung wurde jüngst durch einen traurigen Fall markiert, durch eine Austernvergiftung mit tödlichem Ausgange. Die so beliebten Schaltiere zeigten sich so unflug, noch furz vor ihrem Scheiden einem ihrer Verehrer das Leben zu nehmen, und die sprichwörtliche Dummheit ber Auster zeigte sich wieder einmal bei diesem schlechten Abgang, den einige mißratene Kinder ihrem ganzen Ge­schlecht verschafften. Der Austernkonsum wird überhaupt in Berlin in nächster Zeit abnehmen, denn ein großer Förderer der Austernsalons verschwindet hinter eiser­nen Gardinen auf zwei Jahre: Heinrich Pariser, der Wuchererkönig, hat erklärt, sich bei seiner Verurteilung zu beruhigen und keine Revision einzulegen. Da wird mancher Berliner Lebemann in Verlegenheit kommen, stets das nötige große Kleingeld für die- ach so teuren Schaltiere aufzutreiben, vom obligaten Seft ganz ab­gesehen.

Von den sommerlichen Veranstaltungen sind die Ren­nen allen anderen um diverse Pferde-, Rad- oder Nasen­längen voraus. Mehr oder weniger grüne Jünglinge mit ,, Pferdeverstand" hatten schon mehrfach in Straus­berg, Karlshorst und Weißensee Gelegenheit, ihr Taschen­geld in Gestalt von Rennverlusten ihrem ,, sportlichen In­teresse" zum Opfer zu bringen und die Sportzeitungen werden in den Cafés mehr als bisher verlangt. Oder die Kellner, die hier zum großen Teil Gönner des edlen Pferdesports sind, werden um Tips ersucht. Mit Ver­achtung sehen alle diese Sportsmen auf diejenigen her­ab, denen es ein Vergnügen macht, am Kurfürstendamm oder auf anderen Radrennbahnen ein paar berühmte Flieger stehen oder Steher fliegen zu sehen.

Auch die Novität der Saison, die neueingeführten Korsofahrten haben am Mittwoch dieser Woche begonnen und führten zahlreiche elegante Equipagen, von kleinen Korbwagen bis zur großen Mail- coach in die Sieges­allee, so daß der Droschkengaul zweiter Klasse, der zu­fällig unter diese vornehme Gesellschaft geriet, vor Ver­legenheit nicht aufzublicken wagte. Mit Todesverachtung und einem Pelzfragen angetan, führten die Kavaliere und ihre Damen die prachtvollen Gespanne und blau

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und rot gefrorene Nasen und Näschen spazieren. Ste achteten nicht der schweren, dunkelgrauen Wolken, die über diesem Frühlingsfest hingen, und schließlich dichte Schnee­massen auf die Stadt schütteten. Hoffentlich finden diese glänzenden Spazierfahrten bald wieder bei besserer Son­nenbeleuchtung statt; denn Regen und Schnee lockt nie­mand auf die Straßen, ausgenommen die Sprengwagen, die ebenfalls die Sommersaison eröffnet haben, und mun, wie früher, hinter jedem Regenschauer herfahren und die naisen Straßen sprengen.

Vermischtes.

(:)[ Ehre sei Gott in der Höhe.] Vom Menbelpas schreibt der Franks. Stg." ein Leser: Ein nicht unter­zeichneter Vers, den ich hier oben an einer Hütte in der Nähe des Mendelpasses finde, verdiente wohl, aus seiner Bergeseinsamkeit einem größeren Leserkreis gu­gänglich gemacht zu werden; er nennt sich ,, Bergpsalm" und lautet:

Ehre sei Gott in der Höhe!

Er hat die Berge so hoch gestellt, Und tat damit seine Weisheit fund, Damit nicht jeder Lumpenhund,

Mit dem die Täler so reichlich gesegnet, Dem fröhlichen Wand'rer hier oben begegnet. Ehre sei Gott in der Höhe!

[ König Eduards Mieter.] Die Mieter des Königs von England sind glüdliche Leute. Die Mieten, die sie ihm zu zahlen haben, sind mehr originell als drückend. Der Herzog von Marlborough, der ewiger Mieter des Schlosses Woodstock ist, und der Herzog von Wellington, der Mieter der Burg Strathfields- Fjaye, begnügen sich, dem Monarchen alljährlich eine französische Fahne zu schicken, der erstere am 2. August, am Jahrestag von Blenheim, der zweite am 18. Juni, dem Jahrestage von Waterloo. Der Mieter des Schlosses Buckland in der Grafschaft Kent, dessen Vertrag nicht ewig ist, zahlt eine noch leichtere und gefälligere Miete: die erste rote Rose, die in seinen Gärten gepflückt wird. Es ist dies eine poetische Erinnerung an die blutigen Kämpfe der beiden Rosen. Prosaischer ist die Art der Mietszahlung für den Schloßherrn von Booburg, für das König Edu­ard 1300 Eier und 140 Hühner zu Ostern erhielt.

Micine Gerichts- Chron. ver voerieurant Laster bom Infanterieregiment Nr. 77 in Celle wurde vom Kriegsgerichts in Hannover wegen Sittlichkeitsverbrechens an zwei siebenjährigen Mädchen und Fahnenflucht zu 1 Jahr und 1 Monat Zuchthaus, Entfernung aus dem Heere und dreijährigem Ehrverlust verurteilt.

Der Neapeler Apellgerichtshof lehnte entsprechend bem Antrage des Oberstaatsanwalts den Antrag auf Auslieferung des russischen Verschwörers Göz ab.

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