Ausgabe 
16.5.1903 Erstes Blatt
 
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misse ein Baron, ein veritabler Baron, der sie alle het caten sollte.

So sagte wenigstens Frau Pauder und die mußte es wissen, denn ihr war ja die geheimnisvolle Gabe der Wahrsagekunst beschieden. Zwar sollte der Baron nicht mehr jung sein, er hatte nach Angabe Frau Pauders schon 65 Jährlein auf dem Buckel- aber er war noch gut konserviert und reich, immens reich, sagte Frau Pau­ber. Da kann man schon über die grauen Haare hinweg­sehen, besonders wenn der Liebhaber noch so feurige Briefe zu schreiben versteht, wie der Herr Baron. Denn Baron v. Sanden oder Courth unterhielt mit allen Prä­tendentinnen auf seine Hand eine eifrige Korrespon­denz. Damit mußten sich die Damen aber genügen las­sen, zu sehen bekamen sie ihn nicht. Manchmal ver­sprach er allerdings zu einer bestimmten Stunde zu erscheinen. Die Holde, die so hoher Ehre gewürdigt werden sollte, zog sich ein hochzeitlich Kleid an, ließ sich fri­sieren und harrte des feinen Freiers, im letzten Moment aber fam statt seiner Frau Pauder mit einem Telegramm, in dem der so sehnlich Erwartete erklärte, seinem lebhaften Bedauern nicht kommen zu können. Aber er würde sicher einmal kommen und dann seine Erwählte heimführen auf das Schloß seiner Väter, sagte Frau Pauder. Da aber noch verschiedene Schwierig­feiten zu überwinden wären, so würde der Baron es sicher als einen Beweis der treuesten Liebe hoch an­rechnen, wenn die betreffende Dame ihm vorläufig zur Abwicklung momentaner Verlegenheiten soviel Geld wie irgend möglich zur Verfügung stellte. Sie würde es sicher nicht bereuen, sagte Frau Pauder. Und auf ihre bollwichtige Erklärung hin griffen Wohlhabende in den Tresor und überreichten der gefälligen Vermittlerin Tausendmarkscheine, Arme opferten die letzten Erspar­nisse, die sie sich in jahrelanger mühseliger Arbeit unter Entbehrungen zurückgelegt. Winkte ihnen doch allen das­selbe lockende Ziel, der Hafen der Ehe an der Seite eines wirklichen Barons.

zu

So traurig das Los dieser weiblichen Heiratsjäger teilweise auch ausgefallen ist mehrere von ihnen sind durch die Pauder direkt an den Bettelstab gebracht, ist es ihr doch gelungen, über 28 000 Mart zu erbeuten

so konnte man sich bei ihrem Anblick doch eines Lä­chelns nicht erwehren, und begriff den spöttischen Ton, in dem die Angeklagte schilderte, wie man ihr das Geld förmlich aufgedrängt habe. Das ist Dummheit, die wirt lich vom Gesetz nicht mehr erlaubt ist und Strafe ver­dient. Und es ist leider nicht abzusehen, wie oft noch berartige Fälle sich wiederholen werden. Denn Perso­nen von dem Schlage der Angeklagten wissen nur zu gut, daß sie unter ihren Geschlechtsgenossinnen immer genug Törinnen finden werden, die ihnen ins Garn gehen, wenn auch nur die entfernteſte Aussicht auf Heirat winkt. Wenn ein 65jähriger Unbekannter, der nur in der Phantasie einer Wahrsagerin existiert, solche Eroberungen an Beiberherzen machen kann und derartig mit Gold aufgewogen wird, was muß dann auf dem Heiratsmarkt ein frischer blühender Mann wert sein? Der ist ja gar nicht zu bezahlen.

Damen­

Hemden Beinkleider Jacken

Nachthemden

Stickerei Röcke

Pique- Röcke

Handschuhe

Strümpfe

Schürzen

Giessener Cagesneuigkeiten.

Gießen, 15. Mai 1903.

*** Zur Reichstagswahlbewegung. Der frühere Pro vinzialsteuer direktor Löhning, dessen Heirat mit einer Feldwebelstochter zu einer politischen Affäre sich aus wuchs, hat in Berlin eine freisinnige Kandidatur über­nommen. Der konservative Bergarbeiter. nel, Kartellkandidat im 19. sächsischen Wahlkreis, war bis zum großen Streit 1889 selbst Sozialdemokrat. Seine Aus­sichten werden als leidlich bezeichnet.

*** An Stelle des zum Kommandeur des Infanterie­Regiments Prinz Moriz von Anhalt Dessau( 5. Bomm.) Nr. 42 ernannten Obersten John von Freyend, seither im Großh. Hess. Inf.( Leibgarde-) Nr. 115 ist Oberstleutnant von Fischer- Treunfels, beim Stabe des Inf. Regt. Nr. 115, als Abgeordneter der Großh Division bei der evangelischen Landessynode bestimmt worden.

** 50. Feldbergfest am 21. Junt. Am Vorabend, am 20. Juni findet beim Wirt Sturm großer Festfommers statt. Mit Eintritt der Dunkelheit von 10-11 Uhr wird der Feldbergtum beleuchtet. Gleiche Beleuchtungen sind aus dem Rheinland durch die Gaue Rheinhessen, Süd- Nassau und die Turnvereine der Städte Mainz und Wiesbaden bis jetzt zugesagt. Geturnt wird Stabhochsprung, Weithochsprung und Steinstoßen. Sonderübung: Dreisprung auf beliebige

Art.

+ Die Ortsgruppe des Bundes deutscher Bo= denreformen wird nächsten Dienstag Abend 1/29 Uhr im oberen Saale des Cafe Ebel einen Vortrag haben. Es spricht Herr Pfarrer Loos in Bußbach über Henry George, der Schöpfer der modernen Bodenreform."

Aus Hessen und nachbargebieten.

** Grünberg. Der Jahrmarkt am letzten Donnerstag hatte infolge des schönen Wetters ein recht lebhaftes Bild. Der Vieh- wie auch der Krämermarkt zeigte eine große Zahl Verkaufsstände und es wurde auch entsprechend umgesetzt. Auf dem Viet markt waren aufgetrieben: 66 Stück Rindvieh und 1134 Schweine, von letzteren wurde pro Stück 42-100 Mark bezahlt.

** Grünberg. Die Wählerlisten zur Reichstagswahl liegen in der Zeit vom 19. bis einschließlich 26. Mat auf der Bürgermeisterei offen.

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Grünberg, 16. Mai. Für die heute, morgen und Montag hier stattfindende Geflügelausstellung sind 16 Ehren­preise gestiftet worden, darunter 1 von der Stadt Grünberg, 2 vom Landw. Provinzialverein Oberhessen und 1 vom Herrn Amtsgerichtsrat Hörle..

Der Turnverein Lollar ladet zu der am 7.

und 8. Juni ds. Js. zu Lollar stattfindenden Gau turn­fahrt ein. Das Fest wird ein umfangreiches.

** Der Turnverein Daubringen feiert am 14. und 15. Juni sein 8 jähriges Stiftungsfest verbunden mit Fahnenwethe. Da die neu angeschaffte Fahne ein Muster der Neuzeit ist und der Festort sich einer angenehmen Lage mit passender Bahnverbindung zu erfreuen hat, so wird es wohl nicht ausgeschlossen sein, daß eine recht große Be. teiligung stattfinden wird.

** Der Turnverein Leihgestern beabsichtigt am 21. Juni d. J. sein 10. Stiftungsfest verbunden mit Fahnen. weihe zu begehen.

Aus dem Gerichtssaal.

Schöffengericht.

Gießen, den 12. Mai 1903. Der frühere Dienstmann Heinrich K. von Gießen hat sich wegen Beleidigung eines Schußmannes und wegen Ruhestörung zu verantworten. Er will von nichts mehr wissen, wird jedoch von den Beugen überführt. Da der An­Gericht, troß der Schwere der Beleidigung, Milde walten geflagte als aufgeregter Mensch bekannt ist, so läßt das und verurteilte den Angeklagten zu 60 und 10 Mt. Geld: strafe. Auch wird dem Beleidigten die Publikationsbefugnis zugesprochen. Der Taglöhner Heinrich S. von Rödgen soll seine Ehefrau mit Todstechen bedroht und körperlich mißhandelt haben. In der heutigen Verhandlung ergiebt es sich jedoch, daß die Gattin gerade nicht liebenswürdig dem Gatten gegenübertritt und öfters Skandal macht, während der lettere als braver und fleißiger Mann geschildert wird. Das Urteil spricht den Angeklagten frei. Der erheblich vorbestrafte Küfer Philipp W. von Großen Linden ist wegen Körperverlegung angeklagt Er leugnet und will der jenige nicht sein, der am Aschermittwoch in Maske einen 70 Jahre alten Bürger roh mißhandelt hat. Die Beweis­aufnahme läßt aber feinen Zweifel, daß der Angeklagte der Täter war und daß es sich offenbar um einen Rachealt handelt. Aus diesen Gründen erkennt das Gericht auf eine Gefängnißstraße von 2 Monaten. Der Schlosser Karl G. von Gießen erhält wegen Diebstahls 10 Tage Ge­fängniß.

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Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckeret. vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1873); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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