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zuschreiten. Sie erklärte, falls bis Dienstag mittag niat mindestens sechs Aerzte von der Kasse angestellt seien, werde sie selbst die genügende Anzahl Aerzte ernennen. Der Kasse war es unmöglich, die geforderten sechs Herren aufzutreiben, und so ernannte die Regierung, in der Vor­aussicht, daß andere Aerzte für das Amt sich nicht würden finden lassen, die streikenden Mediziner aufs neue zu Kassenärzten. Die früheren Aerzte übernehmen also wie zuvor die Behandlung der Krankenkassen; die geforderte Honorarerhöhung tritt vom 1. Juli ab ein. Vom Balkan

liegen neue Nachrichten von Belang nicht vor. Fast möchte man sagen ,, Gottlob!", denn alles neue, was aus dem Wetterwinkel Europas kommt, pflegt nichts gutes zu sein. Der für den Mittwoch vom mazedonischen Komitee angekündigte große Anschlag scheint nicht zur Ausfüh­rung gekommen zu sein, und in diplomatischen Kreisen schöpft man wieder einige Hoffnung, daß ernstere Ver­wicklungen sich hintan halten lassen werden. In diesem Sinne hat sich Graf Goluchowski und auch der türkische Großvezier Ferid Pascha am Mittwoch ausgesprochen. Hoffentlich behalten sie recht! Nach türkischen Angaben hat der gestern gemeldete Uebertritt armenischer Auf­ständischer nicht über die persische, sondern über die russische Grenze stattgefunden. Dies wird jedoch von rus­scher Seite bestritten, da die russische Grenze derart be­wacht werde, daß ein solcher Uebertritt unmöglich sei. Marokkanisches.

() In Tetuan, der von 10000 Anhängern Buhamaras hart bedrängten Stadt, wird die Lage von Tag zu Tag kritischer. Am Dienstag ruhte der Kampf, die Ge­fallenen, deren Zahl Dreihundert übersteigen soll, wur­den begraben. Abgeschnittene Köpfe wurden an den Mauern angebracht. Munition und Lebensmittel reichen nur noch für wenige Tage. Der in der Stadt befindliche Kommandant der Sultanstruppen, Arafa, floh. Einstwei­len hält sich die Stadt noch, da sie Ersatz vom Sultan erhofft. Abdul Aziz ist denn auch dabei, ungefähr 3000 Mann Kavallerie- und Infanterieverstärkungen nach Te­tuan abzusenden. Diese können aber erst in 10 Tagen dort eintreffen, und bis dahin dürfte die Stadt gefallen sein. Auch bei Ceuta ist die Lage kritisch. Die Grenz­wache flüchtete nach Tanger; der spanische General Ber­nal trifft daher Vorbereitungen, dei Grenzlinie selbst zu verteidigen. Englische, französische und spanische Kriegsschiffe sind nach Maroff unterwegs.

Kurze politische Nachrichten.

In Amerika argwöhnt man, England handle in der Mandschureifrage in Uebereinstimmung mit Frankreich und Rußland. Man glaubt, England habe mit den beiden Mächten eine geheime Allianz geschlossen und das Bündnis mit Japan gekündigt.(?)

* Der Kaiser von Japan hat das Parlament mit einer Thronrede eröffnet, in der er Maßregeln zu einer we­fentlichen Vervollkommnung der nationalen Verteidigung ankündigte. Also: neue Schiffe, neue Soldaten!

Hof und Gesellschaft.

*** Der Kaiser holte gestern, nachdem er abends both noch plöglich die eigentlich für gestern angesetzte Parade über das 15. Armeekorps abgenommen hatte, Sen Ausflug nach Schlettstadt und der Hohkönigsburg nach. Vormittags nahm er das Frühstück beim komman­Forenden General ein, abends fand ein Diner beim Staatssekretär v. Koller statt.

*** Generalfeldmarschall Graf Waldersee nahm bei Stuttgart die Parade über die 26. Division ab. Die Truppen standen unter dem Kommands des Herzogs Albrecht von Württemberg. Die Truppenschau beref glänzend.

Aus dem Gerichtssaal.

§ Beamtenbeleidigung. Die Straftammer in Dortmund verurteilte den Rechtsanwalt Clemens Wulff aus Berlin wegen Beleidigung des Assistenten Schröder, der die Ge­spräche, die Rechtsanwalt Wulff mit seinem Bruder, dem Bantier Wulff, im Gefängnis hatte, überwachte, zu 600 Mark Geldstrafe. Der Staatsanwalt beantragte wegen Be­stechung drei Monate Gefängnis.

§ Ein wahrer Unmensch ist der Bergmann Wilhelm Batalos aus Raurel, den das Dortmunder Schwur­gericht wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen zu 10 Jah ren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilte. Patalos hatte seine eigenen drei Töchter zur Blutschande gezwungen, indem er ihnen drohte, sie zu ermorden, wenn sie ihm nicht zu Willen sein würden.

Kleine Gerichts- Chronik. Wegen fortgesetter Wein­fälschungen wurde der Weingutsbesizer Dr. Schlamp- Nier­stein von der Mainzer Strafkammer zu 1500 mt. Geld­strafe, eventuell 300 Tagen Gefängnis verurteilt.

Das Kriegsgericht der 4. Division in Inowrazlaw verurteilte den Oberleutnant v. Thymen vom 140. Infan­terieregiments wegen Sittlichkeitsbergehens zu sechs Wo­chen und einen Tag Festung."

- Der Millionenprozeß der Gräfin Lonyah gegen ihren Vater, den König von Belgien, wird Ende Mai statt­finden. Die Brüsseler Rechtsanwälte Janson und Ninauve haben bereits die Mage überreicht, welche die Heraus­gabe von 17 Millionen Mark fordert.

- Der Pariser Graf von Coutades, der vor zwei Mo­naten den Geliebten seiner Frau, Dr. Bouchet, auf der Straße niederschoß und schwer verwundete, wurde von der Jury freigesprochen. Frau von Coutades, hat auf Schei­bung geklagt und beabsichtigt, ihren Liebhaber nach dessen Wiederherstellung zu heiarten.

Nab und fern.

(,) 80 freiwillige Krankenpflegerinnen des Vater­ländischen Frauenvereins bestanden vor dem Generalarzt Dr. Schaper in der Berliner Kaiser- Wilhelm- Akademie ihre Schlußprüfung. Die Damen hatten ihre praktische Aus­bildung zu freiwilligen Kriegskrankenpflegerinnen im fgl. Garnisonlazarett und in den Berliner Unfallstationen vom Roten Kreuz erhalten, deren Vertreter Generalarzt Dr. Schjerning und Direktor Max Schlesinger dem Festakte bei­wohnten. Den Vorsiz führte Prinzessin Elisabeth zu Ho­henlohe.

Zu dem Attentat auf die Umbria" in Newyorl wird gemeldet, daß die Höllenmaschine aus einem Fa­milienpensionat auf Bestellung von einem Rollkutscher abgeholt worden ist. Der Kutscher saß während der Fahrt auf der unheimlichen Kiste ohne jede Ahnung von ihrem Inhalt. Die Angaben des Kutschers führten auf die Spur eines gewissen Rousseau, der in der betreffenden Pension gewohnt hatte, aber jetzt verschwunden ist. Man fand in einem Koffer, der ihm gehörte, Teile eines Uhrwerts, und seine Handschrift soll ganz derjenigen des Warnungs­schreibens gleichen, das die Newyorker Polizei bekanntlich erhielt.

(:) Eine steirische Stadt in Flammen. Tie unter­steirische Stadt Windischgräß steht in Gefahr, völlig ein Raub der Flammen zu werden. Durch ein nächtlicherweile ausgebrochenes Feuer, das bei einem starken Sturm in rasender Eile um sich griff, wurden bisher 80 Gebäude ein­geäschert. 100 Familien sind obdachlos. Der Jammer und das Elend sind unbeschreiblich. Zehn Feuerwehren ar­beiten rastlos. Der Statthalter ist anwesend.- Ein ähnlich trauriges Geschick traf die kanadische Stadt Otta­wa. Durch einen von ruchloser Hand angelegten Brand wurden 200 Familien obdachlos, der Brandstifter wurde verhaftet.

$ Den freiwilligen Hungertod ist in Odessa die junge reiche Gräfin Potocki gestorben. In Odessa tras vor eini­gen Wochen, von Kairɔ kommend, Graf Potocki, ein Sproß der bekannten polnischen Magnatenfamilie, ein. Der Graf, der viele Millionen besitzt und in Rußland mehr als hundert Güter sein eigen nennt, ist hoffnungs­los krank und suchte in Kairo vergebens Heilung. Die junge Gräfin nun grämte sich ob der unheilbaren Krank­heit ihres Gatten so sehr, daß sie Hungers zu sterben be­schloß. Obwohl die Verwandten alles mögliche taten, um sie von ihrem wahnsinnigen Vorhaben abzubrin gen, nahm sie tatsächlich vierzehn Tage lang weder Speise noch Trank zu sich und starb vor einigen Tagen infolge großer Entkräftung.

Ein furchtbares Familiendrama hat sich in dem Heinen Orte Les Vignes bei der französischen Stadt Mende abgespielt. Die Frau eines Bauern ließ, nachdem sie eine junge Ziege im Beisein ihrer beiden Kinder geschlachtet hatte, diese allein zurück. Während ihrer Abwesenheit ergriff das ältere, ein 7jähriger Bube, das noch vom Blute der Ziege rot gefärbte Messer und stach mit diesem seinen kaum 2jährigen in der Wiege schlum­mernden Bruder nieder. Er verstümmelte darauf den Leichnam in entsetzlicher Weise. Als die Frau zurückkehrte, geriet sie über das furchtbare Echauspiel in so wahn­sinnige Wut, daß sie den jugendlichen Mörder beim Halse faßte und erwürgte. Sie suchte sich dann selbst den Tod geben, wurde aber von herbeieilenden Nach­barn daran gehindert.

Bunte Chronik. Die Beseitigung der ersten Wagen­Klasse aus den Personenzügen hat der preußische Eisen­bahnminister Budde angeordnet. Diese neue Reform soll bereits bis zum Herbst dieses Jahres beendet und im Laufe des Sommers die allmähliche Ausschaltung der er­sten Wagenklasse durchgeführt werden.

In Posen ist wiederum eine Falschmünzerbande feſtge. nommen worden, die sich mit der Herstellung und dem Bertriebe von Zweimarkſtücken mit der Jahreszahl 1892 und dem Münzzeichen A befaßte.

-Im städtischen Krankenhause zu Dortmund überfiel in der vergangenen Nacht ein Kranker einen Wärter und ermordete ihn.

- Zwei gefährliche Hochstapler, die in der Maske von Offizieren und Studenten auftraten, wurden in Berlin verhaftet. Es sind ein ehemaliger Student Karl Güttler und ein gewisser Karl Schnock.

- Bei einem Einbruch in ein Goldwarengeschäft in Ber­lin fielen den Dieben Schmucksachen und Uhren im Werte von 60,000 Mark in die Hände. Bisher fehlte jede Spur von den Spizbuben.

-In Trier wurde die vermögende Witwe Lurk in dem von ihr allein bewohnten Hause mit durchschnittenem Halse im Bett tot aufgefunden. Der Raubmörder hatte alle Kiſten und Schränke durchwühlt.

Auf der Werft der Aktiengesellschaft ,, Weser" lief ein für den ,, Norddeutschen Lloyd" erbauter 3500 großer, für den Verkehr nach Neu- Guinea bestimm­ter Reichspostdampfer vom Stapel. Im Auftrage des Prin­zen Heinrich taufte ihn Konsul Achelis auf den Namen ..Prinz Sigismund".

Unter dem Verdacht, den gemeldeten Luſtmordver­such an einem kleinen Mädchen in Rirdorf begangen zu haben, wurde der obdachlose ,, Arbeiter" Wilhelm Schulz in Stegliz verhaftet.

In Sprottau wurde die Ehefrau des ermordet im Brunnen aufgefundenen Stellenbesizers Göldner zu Sprottischdorf wegen dringenden Verdachtes der Täter­schaft verhaftet.

Vermischtes.

[ Dienstmädchen einst und jetzt.] Die Dienstmädcher in der guten alten Zeit pflegen gewöhnlich von älterer Hausfrauen als Muster aufgestellt werden. Unsere Gene ration von Dienstboten mag nun allerdings sehr schlecht sein, aber sie ist auch nicht schlimmer als ihre Vorgän gerinnen, wenn man die veränderten Zeitverhältnisse in Betracht zieht. Jede Hausfrau heutzutage würde sich be­danken, wenn sie eine solche ,, Perle" ihr eigen nennen sollte, wie sie im, Koburger wöchentlichen Anzeiger von 1796 geschildert wird. Dort findet sich folgende Warnung: Nachdem die bisher als Magd in meinen Diensten ge­standene Helena Müllerin aus Bedheim nach öftern mit Güte übersehenen groben Beleidigungen und ausgestreu­ten Lästerungen in der abgewichenen Nacht heimlich ihre Sachen hinweggeschafft hat und darauf des Morgens aus meinem Dienst entwichen ist, so mache ich solches hiermit bekannt, um für diese Undankbare, Ungesittete und Ent­wichene jedermann zu warnen. Koburg, den 19. Dezem ber 1796. C. H. L. W. Spiller v. Mitterberg." sieht also, auch damals gab es schlechte Dienstboten, wie es heut auch noch gute gibt. Wird doch aus Mährisch­Schildberg berichtet, daß dort die 96jährige Dienstmagd Anna Schambera ein eigenartiges Jubiläum beging: sie steht seit 80 Jahren treu und redlich im Dienste der Fa­milie König. Die Mutter ihres heutigen Dienstgebers,

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Frau Koja Konig, iſt 73 Jahre alt, und deren Sohn Franz König hat sie als kleines Kind auf dem Arm getragen. Seinen einen Sohn hat sie bei einem großen Brande mit eigener Lebensgefahr gerettet. Glücklich die Hausfrau, die ein solches Juwel findet!

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[ Eine Schönheitskonkurrenz für Männers wird am 23. Mai in Wien abgehalten werden. Das Preis. ichteramt haben mehrere bekannte Künstler, Schriftstel ler und Mediziner übernommen. Dieser Umstand ist eigent lich noch befremdender als die ,, Männerschau" selbst; denn für diese wären die berufensten Richter doch eigentlich Frauen gewesen.

[ Liebig und der Spiritismus.] Zu den Erinnerun­gen an Justus Liebig, dessen hundertster Geburtstag soc­ben begangen wurde, erzählt Dr. O. v. Völderndorff, der als junger Münchener Student im Hause des berühmten Chemikers verkehrte: Einmal traf ich Liebig sehr empört. ., Denken Sie sich, soeben habe ich einen Besuch von der Gräfin X. gehabt, die mich ganz ungeniert gebeten hat, ich möchte doch einen Vortrag über die geheimnisvollen Kräfte halten, welche dem Tischrücken, Geisterklopfen und ähnlichem( es war dieser Sport gerade damals im Be­ginn) zugrunde liegen". Ich habe ihr gesagt: 1. von ,, kräf ten" könne gar keine Rede sein, sondern nur von, Schwa­chen". 2. Geheimnisvoll seien sie noch viel weniger, und 3. die Wissenschaft habe damit gar nichts zu tun, vielleicht könne Herr Solbrig Aufschluß erteilen. Als darauf die Frau Gräfin etwas erstaunt äußerte: ,, Das ist ja der Direktor des Jrrenhauses," erwiderte ich: ,, Allerdings, dahin gehören auch diese Beschäftigungen."

)-([ Ein Radikalmittel] behufs Erlangung fürzerer Arbeitszeit wenden die Pariser Barbier- und Haarkünst­lergehilfen jetzt an, die schon seit längerer Zeit für die Einführung des 8 Uhr- Ladenschlusses an Wochentagen und des 5 Uhr- Schlusses an Sonn- und Feiertagen fämpfen. Die Gehilfen wenden sich direkt an das Publikum und suchen es für sich zu gewinnen. Das Mittel, das sie dabei zur Anwendung bringen, hat zwar den Reiz der Originalität, ob es aber helfen wird, ist eine andere Frage, denn es ist ein Droh- und Schreckmittel. Die Gehilfen las­sen nämlich Zettel folgenden Inhalts verteilen und an­kleben: ,, Gruß denen, die uns hören wollen! Wer sich in Barbierläden rasieren läßt, die an den Sonntagen nach 5 und an den Wochentagen nach 8 Uhr geöffnet sind, wird von dem Rasiermesser geschnitten und von den Zäh­nen der Haarschneidemaschine ganz jämmerlich behandelt werden!" Als ein Journalist zu einem zettelverteilenden Gehilfen spöttisch sagte: So etwas läßt man wohl druk ten, aber man tut es nicht," antwortete dieser: Glau­ben Sie das nicht, mein Herr! Ich habe letzten Sonn­tag einen Herrn, der sich nach fünf Uhr rasieren ließ, ganz gehörig geschunden. Ich bin zwar entlassen wor den, aber das ist gleichgiltig! Ich finde eine andere Stell: und mache es dort ebenso."

(!)[ Der Schutzengel".] Seitdem die französische Re­gierung mit den geistlichen Kongregationen im Streit liegt, wird auch der in Paris sehr populäre Pater du Lac, wo er geht und steht, von einem Geheimen" begleitet, der ihn nicht aus den Augen läßt. Pater du Lac hat sich an den Anblick ſeines Schußengels" schon so gewöhnt, daß ihm etwas fehlt, wenn er ihn einmal nicht sieht, und der Schutzenget" entledigt sich seines delikaten Auftrages so diskret als möglich. Manchmal aber wird dem Pater die unerwünschte Begleitung doch recht lästig. Als er vor einigen Tagen in einem Straßenbahnwagen Play nahm, stieg sofort auch der Schußengel" ein und setzte sich bescheiden daneben; naiv, wie Geheimpolizisten nun einmal sind, glaubte er wirklich, daß Pater du Lac von seiner wahren Bedeutung keine Ahnung habe. Ter Pater zeigte sich aber der Situation gewachsen. Als nämlich der Schaffner erschien, um das Fahrgeld zu holen, gab ihm Pater du Lac 60 Centimes mit den laut gesprochenen Worten: Für den Herrn hier auch, der gehört zu_mir." Unter dem Gelächter des Publikums verließ der Schutz­engel" schleunigst den Wagen

[ Ein Komponist als Musikfeind.] Es kommt häuftg vor, daß man das Handwerk, das man ausübt, oder das Geschäft, das man in der Jugend gelernt hat, nicht liebt. Man sollte aber glauben, daß man für die Musik eine bestimmte Vorliebe haben muß, wenn man freiwillig Komponist geworden ist; denn man wird doch nicht so ohne weiteres Komponist, etwa wie man Schuster oder Schneider wird. Es muß daher sehr überraschen, wenn man erfähr, daß Auber, der Komponist der ,, Stummen von Portici" und anderer Opern von Bedeutung, die Musik geradezu haßte. Das ergibt sich klar aus seinen in der Nationalbibliothek zu Paris aufbewahrten Brie fen, die jetzt von Jean Chantavoine in der Revue musicale" veröffentlicht werden. In einem Briefe an seinen Freund, den Baron von Tremont, einen leiden­schaftlichen Musikliebhaber, schreibt Auber: ,, Wenn ich vertragsmäßig 1000 Taler Rente hätte, würde ich mit dem größten Vergnügen mein Klavier zum Fenster hin­auswerfen." Der Baron bemerkt dazu: Er liefert seine Opern ab und überläßt sie dann seinem Schicksal. Die Musik ist für ihn nur ein Mittel zum Leben, das er ge wählt hat, weil es ihm am leichtesten zur Verfügung stand. In seinen Briefen spricht Auber stets nur von dem Gewinn, den seine Opern ihm bringen oder bringen

werden.

)[ Die Thronerbin des Zigeunerherrschers.] In Bo ston starb vor einigen Tagen der Zigeunerfönig James Stanley, der in dem Vororte West Roxburg von seinen Untertanen mit königlichem Pomp beerdigt wurde. Die Leiche wurde in einem eisernen, 800 Pfund schweren Carge begraben. Stanley hat testamentarisch seine Gat tin Isabella als Königin eingeseßt und ihr sein Ver mögen, bestehend aus 100 000 Mart in barem Gelde und einem Hausgrundstück im Werte von 60 000 Mart, hinterlassen. Den größten Teil des Vermögens hat die Königin durch Wahrsagen erworben.

Kurzes Allerlei. In Säckingen fand man bei einer alten Frau, die sehr oft unterſtüßung in Anspruch nahm, bei ihrem Ableben einige Tausendmarkscheine um die knie gebunden.

- Ein Londoner Agent faufte vor einiger Zeit eine Partie Orchideen zum Preise von etwa 2 Mt. das Stüd Da er nicht genug Abnehmer fand, übergab er den Reſt einem Gärtner. Eine der Pflanzen entwickelte Blü ten von reinstem Weiß mit blutrɔten Tupfen; ein eng lischer Blumist erstand sie jetzt für 20000 Mark.

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