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Nr. 109

Mbonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., Seus gebracht 60 fg., bure bie oft bezogen viertel­fährlich Bt. 1.60.

Gratisbeulagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberbeffifee Beits rift für Landwirtschaft, Obft- n Gartenbau, sowie die Bickener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags

Montag den 11. Mai 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Jusertionsprei si Die einfpaltige Petitzeile für Steen wh ganz Oberheffen, bie Kreise Beglar und Marburg 10 fenft 16 Bfg.: Reklamen die Betttestle 30 resp. 4

Boftzettungsliste Ste. 1960.

Rebaltion und Expedition: Stesen Rexenweg Bernsprechenfish Rs. 203.

Nenelle Nachrichlen

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszettung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Neue Schreckenskunde aus Mazedonien,

Eine entseßenerregende Nachricht kommt aus Sofia: In Köprülü( Mazedonien) soll vor acht Tagen die dortige Moschee mit mehr als 200 Mohamedanern, die darin ver­sammelt waren, mit Dynamitbomben in die Luft ge­prengt und die Mohamedaner unter den Trümmern ver schüttet worden seien. Der Attentäter Namens Popow habe sich dann erschossen; bei ihm habe man einen Zettel des Inhalts gefunden, er sei ein mazedonischer ,, Todes­ritter", er habe gelobt, sich nach dem Attentat zu töten. In Wien, wo man sich über die Vorgänge in Mazedonier für gut unterrichtet hält, mißt man der Nachricht feinen Glauben bei, und in der Tat ist es nicht wahrscheinlich, daß die Kunde von einer solchen Freveltat eine ganze Woche gebraucht haben sollte, um bis nach Sofia zu drin. gen. Unmöglich ist natürlich die Sache nicht.

Sicher ist jedenfalls, daß die Vorgänge in Monasti

ften Gustab noch ernster gewesen sind, als man nach den bisherigen -12

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in die Moschee geworfenen Bomben wurden nach neuerer Feststellungen 11 Personen getötet und 19 verwundet. Schlimme Nachrichten kommen auch wieder aus Saloniki Dort scheinen sich die Schreckensszenen wiederholt zu ha ben. Einzelheiten fehlen noch, auch ist nicht mit Sicher heit festgestellt, ob die fremden Kriegsschiffe im Hafen Truppen gelandet haben. Wie verlautet, ist das gesche

hen.

Neuerdings sind auch in Uesküb ernste Unruhen aus­gebrochen. Dort sind bulgarische Verschwörer aus Sofic eingetroffen. Die Konsuln erhielten Drohbriefe; infolge­dessen wurden die Konsulate scharf bewacht.

Die bulgarische Regierung hat in Wien, Paris und Petersburg mündlich erklären lassen, daß sie die Verant­wortung für die Attentate in Saloniki ablehne, und hat auch auf das grausame Verhalten der Türken nach den Attentaten hingewiesen. Tie türkischen Truppen in Salo: nüti werden beschuldigt, unter den Angehörigen der Atten­täter von Saloniki ein großes Gemegel angerichtet zu haben. Selbst wenn das der Fall sein sollte, weiß man boch nicht, wie gerade Bulgarien dazu kommt, sich dar­über zu entrüsten, wo es doch feststeht, daß tatsächlich die bulgarische Regierung moralisch die Mitschuld an den Untaten von Saloniki trägt.

nabe. Zwar wird hier die Befürchtung am Plaze sein, daß möglicherweise gerade diese kurze Blüte einen um so größeren Rückschlag bringen muß, weil der Erwerb von Roheisen mit Deutlichkeit dartue, daß Amerika in der Herstellung der Eisenwaren so sehr die Führung habe, daß es mit seinen reichen Schäßen nicht mehr die Roh­stoffe für seine Fabrikation aufbringen könne. Allein man übersieht, daß das in Köln verkaufte Gußeisen und das Eiegerländer Spiegeleisen bereits ein verar­beitetes Qualitätsmaterial ist, das in dieser Güte nur in Deutschland hergestellt wird, wie denn auch unsere Maschinen und Lokomotiven wegen ihrer Kohlen spa­renden Anlage in der ganzen Welt gesucht sind. Hier macht sich die knappheit an dem kraftspendenden Mate­rial dahin geltend, daß die Intelligenz und Technik für eine möglichst ökonomische Verwendung des teuersten Betriebsstoffes mobil gemacht werden. Die amerika­nische Lokomotive ist billiger als die unsrige und doch haben die Berechnungen ergeben, daß eine deutsche Ma­schine sich im Laufe von 10 Jahren durch die Ersparnis an Heizstoff amortisiert. Das werden uns die Amerika­ner so leicht nicht nachmachen. Die leichte Erreichbar­keit der Bodenschätze und die relativ geringe Bevölke­rung verleiten zum Schleudern und unökonomischen Wirischaften, während bei uns die Notwendigkeit, mit wenigem Haus zu halten, und die Volksdichtigkeit zu einer intensiven Ausnutzung der vorhandenen Kräfte zwingen. So sind die Eheschließungen nicht nur ein Symp­tom der verstärkten wirtschaftlichen Kraft unseres Vol­kes, sondern auch eine Zukunftsgarantie für unsere Stel­lung auf dem Markte. Von der Anschauung, daß die arith­metische Progression des Bevölkerungs- und des Nahrungs­zuwachses nicht in einem geregelten Verhältnis stehen, ist man auf Grund der naturgeschichtlichen Analogien in der Wissenschaft längst zurückgekommen und verfehmt deshalb eine künstliche Hemmung der Bevölkerungszu­nahme. Die Hemmungsbestrebungen entspringen lediglich prsönlichen Gründen, die uns Zola in seinem sozialen Roman, Fruchtbarkeit" so anschaulich schildert. Der na­tionale Egoismus aber muß darauf bedacht sein, möglichst die Bedingungen für eine fortschreitende Bolksvermehrung zu schaffen. Jedenfalls aber hat der Volkswirtschaftler allen Grund, sich über eine Zunahme der Eheschließun­gen zu freuen, weil diese barometrisch den wachsenden Wohlstand des Volkes und die Existenzsicherheit kennzeich­nen. Aus diesem Grunde ist es auch von höchstem In­teresse, in den Zentren des wirtschaftlichen Lebens die Ehe­statistik zu verfolgen, und so gewinnt die Heiratsfreudig­feit von Jungberlin eine über die Grenzen der Reichs­hauptstadt hinausgehende Bedeutung.

Zu den Unruhen in Monastir und der allgemeinen Lage in Mazedonien wird aus Konstantinopel noch wei­ter berichtet: Eine türkische Meldung besagt, daß ein Angriffsversuch gegen das Munitionsmagazin in Monastir stattgefunden habe. Gegenwärtig herrscht Ruhe; die Stadt ist militärisch besetzt; Handel und Verkehr sind unter­brochen. Der Vali hat dem Konsularkorps Zusicherungen betreffend den Schuß der Fremdenkolonien gegeben. Auf Wunsch des serbischen Konsuls wurden auch die serbi­schen Schulanstalten militärisch besetzt. Nach türkischen Angaben sind in den Bandenkämpfen bei Capary und Orv­zari in der Nähe von Monastir 15 Bulgaren getötet und 74 gefangen worden, die türkischen Verluste sind gering. Die Pforte erhielt von maßgebenden diplomati­schen Stellen freundschaftliche Ratschläge, die energischen Maßregeln gegen die mazedonischen Komitees, gegen das Bandenunwesen, sowie gegen die Urheber der jüngsten Ty­namitanschläge und deren Mitschuldige nicht auf Unbe­teiligte auszudehnen, unnötig harte Maßregeln und Aus­schreitungen seitens der Sicherheitsorgane und Truppen zu vermeiden, sowie alles, was die Erbitterung der irrege­führten, exaltierten Elemente steigern und Beschuldigungen gegen die Pforte zeitigen könnte, im eigenen Interesse streng zu verhüten. Ferner gingen der Pforte seitens einiger diplomatischer Stellen freundschaftliche Ratschläge betreffend die Vorsorge für jene Vijalets und Städte zu, in welchen die Komitees angeblich gleiche Anschläge planen, wie in Monastir.

Wirtschaftslage und Ehefchliessungen. ( Von unserem ständigen CB.- Mitarbeiter.)

Das Berliner Statistische Amt" verbreitete dieser Tage die Nachricht, daß im ersten Viertel des neuen Jah­res die beim Ablaufen des alten bereits beobachtete Etei­gerung der Eheschließungen fortgedauert habe, während das Jahr 1902 einen Rückgang der Eheschließungen ge­gen 1901 und dieses einen Rückgang gegen 1900 auf­vies. Die Neigung, einen eigenen Familienstand zu gründen, veränderte sich also in dem vorliegenden Falle Berlin mag hier lediglich als typisches Beispiel gelten - je nach der Wirtschaftslage. Im Jahre 1900 setzte die Krisis ein und heute ist diese allmählich überwunden, denn nach den allerneuesten Meldungen ist von Ameriki aus eine starke Nachfrage nach Roheisen. Am Freitag wurden beispielsweise in Köln 800 000 Zentner verkauft und die Verhandlungen betreffend Ankaufs von 2700 000 Beniner Siegerländer Spiegeleisen sind dem Abschluß

Diz Politik.

Tertung der Kanalvorlage!

Minister Budde hat sich einen neuen Schlachtplan für den in der nächsten Legislaturperiode des Landtags bevorstehenden Kampf um die Kanalvorlage zurechtge= legt: Er will dem Hunde den Schwanz stückweise ab hauen, d. h. er will die Kanalvorlage in mehrere Teile serlegen und diese einzelnen Teile nach und nach dem Hause zur Beratung und Genehmigung vorlegen. Nach den Aeußerungen, mit denen die Organe der bisherigen Kanalgegner diesen Plan begleiten, scheint es denn auch, als sei er aussichtsreich. Man nimmt an, daß der Mi­nister zunächst die Flußregulierungen in Angriff nehmen wird, um erst nach deren Vollendung dem eigentlichen Canalbau näher zu treten.

Der Druckfehlerteufel und die Krankengesegnovelle. (?) Ein böser Flüchtigkeitsfehler hat sich in die Novell? zum Krankenversicherungsgesetz, die der Reichstag noch am Schluß seiner Tagung verabschiedete, eingeschlichen. Die Veröffentlichung des Gesetzes nach den Beschlüssen des Reichstags, also die endgiltige und auch von der Regie­rung genehmigte Fassung des Geſeßes enthält in Pa­ragraph 21 einen neuen Absatz 2a, der bestimmt, daß neben freier Kur und Verpflegung in einem Kranken­hause, falls der Untergebrachte Angehörige hat, deren Unterhalt aus seinem Arbeitsverdienst bestritten wurde, ein Krankengeld bis zur Höhe des durchschnittlichen Tage­lohns bewilligt werden kann. Diese Bestimmung wider­spricht geradewegs den Grundsäßen unserer Arbeiter­versicherungsgesetzgebung, in denen höchstens die Hälfte des Tagelohns bewilligt wird. Nachträglich stellt sich denn auch heraus, daß jener Absatz 2a, der auf Antrag der Kommission vom Plenum in das Gesetz eingestellt wurde, einen Seyfehler enthält. Der Absatz sollte nach der Kommissionsfassung dahin lauten, daß ein Kranken­geld ,, bis zur Hälfte" des durchschnittlichen Tagelohnes bewilligt werden kann. In der Zusammenstellung der Kommissionsbeschlüsse hat der Druckfehlerteufel aber ,, bis zur Höhe gemacht, und dieser fatale Druckfehler ist dann in die endgültigen Beschlüsse des Reichstages über­gegangen. Da wir z. 3t. keinen Reichstag haben, läßt sich dieser Fehler nicht verbessern. Unter diesen Umständen ist es fraglich, ob die Novelle zum Krankenversicherungs­gesez einstweilen überhaupt zur Veröffentlichung gelan­gen wird. Vielleicht wird man dazu den Zusammentritt des neuen Reichstags abwarten.

De Westmächte gegen Rußland?

(-) Auch die Besetzung von Niutsch vang mit russischen Truppen will man an der Newa nicht wahrhaben. Dieses Dementi reimt sich schlecht auf die amtlichen Nachrichten. die das Washingtoner Kabinett über den Vorgang erhalten hat, Nachrichten, die die Besetzung von Niutschwang durch die Russen voll bestätigen. Wie verlautet, will Amerika diesem neuesten Schritt Rußlands nun doch nicht un­tätig zusehen: Nach Meldungen aus Washington hat Staatssekretär Hay den Präsidenten Roosevelt um seine Genehmigung zu einer gemeinschaftlichen Aktion der Ver­cinigten Staaten mit England und Japan gegen das russische Vorgehen in Niutschwang ersucht. Wenn es zu einer solchen gemeinsamen Aktion kommt, so wird dabei aller Voraussicht nach genau soviel herausschauen, wie bei dem Einspruch der Mächte gegen Rußlands neuerliches Vorgehen in der Mandschurei. Rußland hat diesmal den rechten Moment abgepaßt: die Besetzung Niutſchwangs und anderer strategisch wichtiger Punkte der Mandschurei er­folgte gerade zu der Zeit, als die von Europa kommenden Berstärkungen der russischen Flotte den Golf von Petschili erreicht hatten. Ferner errichtet Rußland große Lager von Proviant und Kriegsvorräten, auch hat es viele Pferde aufgekauft. Auch sonstige Nachrichten weisen auf die Ab­sicht hin, seine Streitkräfte in der Mandschurei zu ver­stärken, statt sie zu vermindern. Die Chinesen sind durch diesen neuesten russischen Streich geradezu verblüfft wor­den; sie sehen es als einen Beweis dafür an, daß das Zarenreich bereit sei, für die Aufrechterhaltung seines Besizes der Mandschurei zu kämpfen. Von einer Absicht Chinas, Rußland bewaffneten Widerstand zu leisten, ver­lautet nirgends etwas. Prinz Tsching hat einen Urlaub erhalten, zweifellos, um sich den Anfragen und Protesten der fremden Gesandten entziehen zu können. Rußland wird also auch diesmal auf der ganzen Linie und ohne Schwertstreich siegen, zumal da man in England offenbar vor einem ernsthaften Konflikt mit Rußland zurückschreckt. Britischer Spleen.

Ein amerikanischer Flottenbesuch in Kiel soll nun doch erfolgen, und zwar soll das in Villı Franca am Mittelmeer liegende amerikanische Geschwi der Ende dieses Monats nach Kiel gehen. Der Kom­mandant des Geschwaders, Admiral Cotton, hat bereits entsprechende Befehle erhalten. Offenbar ist diese Maß­nahme auf eine Einwirkung des Präsidenten Roɔsevelt zurückzuführen, der einmal Deutschland nicht verlegen und zum andern auch zeigen will, daß Amerika trog der schlechten Verfassung seines Kriegsgeschwaders doch noch Schiffe besißt, mit denen es sich vor fremden Marinen sehen lassen kann.

(-) Eine merkwürdige Idee hat ein englischer Pfar­rer namens Dr. Barr ausgeheckt. Er gehört offenbar zu jenen Engländern, die in der starken Einwanderung von gut situierten amerikanischen Landwirten nach dem kanadischen Nordwesten eine große Gefahr für Kanada als englische Kolonie wittern und eine baldige Annexion des Landes durch die Vereinigten Staaten fürchten. Des­halb hat er in ganz England 2000 Personen zusammen­getrommelt, mit denen er in Kanada eine eigene Ge­meinde begründen will, in die kein Nichtengländer, vor allen aber kein Yankee aufgenommen werden soll. Er ist mit seinen 2000 Myrmidonen jetzt in Kanada cinge­troffen und nach der Provinz Saskatchewan im Nord­westen der Kolonie abgegangen, wo die Ansiedelung ge­gründet werden soll. Merkwürdige Idee das! Aber im­merhin zeigt dieser Dr. Barr etwas, was leider uns Deutschen oft fehlt: das Bewußtsein von dem Wert der Erhaltung des eigenen Volkstums. Mag es in seinem Handeln auch etwas donquichotisch zum Ausdruck kɔm­men: Seine Beweggründe sind jedenfalls aller Ehren

wert.-

Der ,, heilige Krieg" in Algier,

der kürzlich angekündigt wurde, ist ausgebrochen. Nach einer Meldung aus Algier wurde ein unter militärischer Bedeckung stehender, 500 Kamele starker französischer Lebensmittelzug nächtlicherweile bei Taghit von 600 Rei­tern und 900 Mann Fußtruppen, die zu den Stämmen der Uledscherir, der Benigil und der Beraber gehörten, über­fallen und aufgehoben worden. Von der französischen Bedeckungsmannschaft wurden 30 Mann getötet und 18 verlegt. Die arabischen Angreifer, gegen die die übrige Bedeckungsmannschaft wegen ihrer großen Zahl nicht vorzugehen wagte, lagerten sich mitten auf französischem Gebiet. Die Karawane war nach der französischen Mili­tärstation Igli im Südwesten Algeriens bestimmt. Da die Station mitten in der Wüste liegt und ihre Garni­son ohne die Zufuhr von außen verhungern würde, dürfte Frankreich sofort eine neue Karawane und zugleich eine starke Truppenabteilung zur Bestrafung der An­greifer nach Igli entsenden.

Der Streik in Melbourne.

() Infolge des Streits der Eisenbahner in Melbourne ist der Eisenbahnverkehr vor dort nach dem Innern jest vollständig eingestellt. In anderen Verkehrszentren