Ausgabe 
10.10.1903 Zweites Blatt
 
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** Gefrierenlassen lebender Fische. Amerikanische Blätter haben berichtet, daß man in Tacoma angefangen hat, Fische fünstlich einfrieren zu lassen, sie in diesem Zustande nach oft­amerikanischen Märkten zu bringen und dort durch langsames Auftauen wieder ins Leben zurückzurufen. Zu diesen ame­rikanischen Mitteilungen macht W. Riegler in der ersten Nummer der neu gegründeten Desterreichischen Fischerei­Beitung folgende bestätigende Angaben aus der eigenen Er­fahrung. Es sind mir, schreibt er, in meiner Knabenzeit so häufig Goldfische in Bottichen und anderen Behältern eingefroren, daß ich eine ganze Reihe unfreiwilliger Ver­suchsreihen zu machen Gelegenheit hatte. In manchen Fällen maren die Fische, auch wenn sie nur eine Nacht im Kerneis eingefroren waren, nicht ins Leben zurückzurufen. Oft aber habe ich darüber gestaunt, daß sie wochenlang festgefroren im Einsblock staken und bei langsamem Auftauen wieder zu Leben kamen. Auffallend dabei war es, daß viele der Geretteten", ich glaube, die meisten, dauernde Rückgrat­verkrümmungen davontrugen. Alle Fische, die ich durch rasches Auftauen oder durch gewaltsame, wenn auch noch so vorsichtige Bertrümmerung des Eises retten zu können meinte, erwachten nicht wieder oder gingen zugrunde, selbst wenn sie Zeichen von Leben gezeigt hatten. Durch diese Tat­sache angeregt, habe ich später so manche Ellriße mit Schnee umballt und in dieser Packung bei Winterfälte liegen lassen. Ich habe darüber staunen müssen, daß diese zarten Fischchen die Schneeeinpackung oft mehrere Tage ohne allen Schaden an ihrer Gesundheit vertrugen, und, ins Wasser gebracht, zuweilen so davonschwammen, als ob sie es auch nicht eine Minute entbehrt hätten. Die Schneeumhüllung, die reichliche Luft durchläßt, scheint dem Fische bedeutend weniger gefähr­lich zu sein, als das starre Eis, das sich, ihn hermetisch ein­schließend, um seinen Körper legt. Heute, wo sich schon überall Eisfabriken befinden, die Schnee gerade so gut wie Blockeis erzeugen können, ist diese Frage eines ernstern Stu­diums wert.

[ Unfreiwilliger Landesverrat.] Dem deutschen­fresserischen Pariser Gaulois", einem Blatt, das in patrio­tischer Entrüstung und dröhnenden Tiraden sich nicht genug tun kann, wenn es Verräter des Vaterlandes entdeckt zu haben wähnt und solche Entdeckungen macht es in jeder zweiten Nummer hat nun selber Verrat an Frankreich geübt und in eine schändliche Verstümmelung des Landes eingewilligt. Es zählt in der Einleitung eines Artikels über das Züricher Weinmuseum neun eidgenössische Städte auf, die sich bemühen, durch irgend eine Merkwürdigkeit die Fremden anzulocken, und stellt an die Spitze der Liste- Evian und Chamonix! Die Gemeinderäte der beiden Orte sollten sich zusammentun und dem Gaulois" eine Landkarte von Frankreich stiften, damit das Blatt wenigstens in der Heimatkunde sich umtun kann und fünftig zwei gut gesinnte französische Orte nicht mehr jenseits der Grenze sucht.

[ Gefährliche Postkolli.] Ein seltsames Museum wer­den auf der Welt- Ausstellung St. Louis 1904 die Gegen­stände bilden, welche aus den Vorräten der Abteilung für unbestellbare Postsachen stammen und von den nordamerika­nischen Staatsposten zu einer lehrreichen Sammlung zu­sammengestellt sind. Es handelt sich nicht nur um Post­sendungen verschiedenster Art, die mit ungenügenden Adressen versehen waren, sondern auch um Gegenstände, welche ge­fährlich für den Transport, ungeeignet zur Beförderung oder wegen Zollhinterziehung konfisziert sind. Dazu kommen die Gegenstände, die aus ungenügend verschlossenen Briefen und Pateten herausgefallen sind. In präpariertem Zu­stande sind z. B. drei Klapperschlangen zu sehen, die ein Absender lebend in eine Konservenbüchse packte und der Post übergab. Unterwegs gelang es den Klapperschlangen, sich zu befreien, und nur mit Mühe konnten die Tiere getötet wer­den, bevor sie großes Unheil anrichteten.

Vergebung von Bauarbeiten.

Für den Neubau der Central- Waschanstalt der Kliniken werden auf Grund des Ministerialerlasses vom 16. Juni 1893 folgende Arbeiten öffentlich ausgeschrieben. Los 1. Cement-, Terrazzo- und Asphalt- Arbeiten 420 qm Betonboden Terrazzoboden

100

"

230 Asphaltboden

" 1

Los 2. Fußbodenbelag und Wandverkleidung. 90 qm Thon- Bodenplatten, liefern und verlegen 70, weiße Porzellan- Wandplatten desgl. 2c.

Los 3. Parkettböden.

155 qm Buchenparkettböden in Asphalt. 2084. Schreinerarbeiten, darunter 150 qm Riemenfußböden

130 rauhen, tannenen Fußboden

2 Stück eichene Türen

5

" 1

17

Bitchpine Türen

Innentüren

1 Stockwerftreppe

10 Stück Läden

16 Jalousien 2c.

Los 5. Schlosserarbeiten.

Beschlag der Türen und Läden in Los 4. Los 6. Glaserarbeiten, darunter 60 qm Pitchpinefenster 2c. Los 7. Anstreicherarbeiten, darunter 640 qm Delfarbenanstrich auf Wänden

300

"

1000 Leinfarbenanstrich

"

Holz

[ Berliner Schulgeschichten nach wahren Erlebnissen beröffentlicht eine Lehrerin. Nimm dein Taschentuch!" sagt sie zu einem der Nasenreinigung bedürftigen Jungen. Ich habe keens."" Warum nicht? Du sollst doch immer eins bei dir haben." Mutter sagt, die sind noch zu reene." Was soll denn das heißen, sie sind noch zu rein?" Erst kriejt se meine jroße Schwester, un nach­her frief' ick se, und jetzt sind se noch zu reene for mir." Ein Lehrer will den Kindern den Begriff der Bescheiden­heit klar machen und fragt zu dem Zweck: Wenn deine Mutter hereinkommt mit einem Teller voll Stullen, und du nimmst dir die allerkleinste, was bist du dann?" ,, Dann bin ich scheene dumm!"

[ Das Testament Marie Geistingers,] der eben ver­storbenen Wiener Operettendiva, ist in Klagenfurt geöffnet werden. Der Gesamtnachlaß beträgt 400 000 kronen. Zu Universalerben wurden die Kinder Antonie, Olga, Anna­Liese und Fritz ihres Verwandten Emil Opitz, Hofbuch­händlers in Güstrow, eingesetzt. Das Testament enthält ferner folgende Legate: Dem Verein deutscher Bühnenmit­glieder 20 000 K.; der Gesellschafterin Mathilde Pohlers 12 000., ferner die ganze Wäsche und die Zinsen des Kapitals, welches aus den zum Verkaufe bestimmten Gegen­ständen des Nachlasses gewonnen wird; dem Patenkind Mizzi Skrubra 1000 K.; dem geschiedenen Gatten, Herrn Kormann, ein Jahr lang monatlich 100 K.; dem Hausmeister 3000 K. Die Aussetzung von 1200 Kronen an den früheren Gatten zeigt, daß Marie Geiſtinger sich ihr gutes Herz bis zum Ende ihrer Tage bewahrt hat. Viel hat sie ja aller­dings für ihn nicht übrig, nicht einmal so viel wie für ihren Hausmeister. Sie wird auch wohl gewußt haben, warum. Daß sie ihm die Summe nicht auf einmal, sondern in Monatsraten zukommen läßt, ist sehr vorsichtig. So kann er sie wenigstens nicht auf einmal verschwenden.

[ Der gefährliche Stellenbewerber.] Ein Herr Lee Wright, der sich um eine Stellung im Postamte zu Washing­ton bewarb, erhielt dieser Tage die Mitteilung, daß sein Name aus der Liste der wählbaren Leute gestrichen worden sei. Als Grund der Streichung wurde angegeben, daß Herr Wright die eigenartige Gewohnheit habe, Glas, Nägel, Uhr­ketten und andere Gegenstände, die sich zur Ernährung menschlicher Wesen nicht eignen, mit den Zähnen zu zer­beißen und zu verschlingen. Man fürchtet also jedenfalls, daß Herr Wright auch Briefe, Pakete und eingezahltes Geld berschlingen könnte.

Hus dem Gerichtsfaal.

§ Prozeßz Krösell- Wittenberg. Vor dem Berliner Schöffen­gericht fand die bekannte Beleidigungsklage des Reichstags­abgeordneten Pastor Krösell aus Klorin gegen den Schrift­steller Dr. Mar Wittenberg ihre Erledigung durch die Ver­urteilung des Angeklagten zu einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten. Dr. Wittenberg hatte einen Artikel unter der Ueberschrist Der Kloriner Seelenhirt" veröffentlicht. Darin wurde der Privatkläger, der über die Konizer Mordaffäre mehrere Vorträge in antisemitischem Sinne gehalten hatte, heftig angegriffen und u. a. Schweinepriester", auch ,, ärgster politischer Heßer" genannt und beschuldigt, daß er nicht diejenige Moral besitze, die man von einem evange­lischen Geistlichen verlangen müsse. Er habe, so hieß es, namentlich auch im Pastorhause zu Klorin wiederholt den Besuch einer Frau C. aus Berlin empfangen und zu dieser intime Beziehungen gehabt. Diese lettere Beschuldigung erkannte der Gerichtshof nicht als bestehend an. Dagegen sei festgestellt, daß der Kläger mit seiner Hausdame intimen Verkehr unterhalten habe. Richtig sei, daß Pastor Krösell antisemitische Reden gehalten habe und agitatorisch und heßend tätig gewesen sei. Dies sei unverträglich mit der Stellung eines Geistlichen. Der Beklagte babe das Recht ge­

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habt, sich gegen diese Reden als Jude zu wehren. Aber d ganze Form des beanstandeten Artikels sei beleidigend un lasse die beleidigende Absicht erkennen. Der Kläger sollt geradezu unmöglich gemacht werden. Glaubte der Beklagti daß Pfarrer Krösell sich vergangen, so konnte er bei desse Vorgesezten Beschwerde erheben, das sei der richtige We gewesen.

§ Der Ersazwähler. Die Königsberger Straffamme hatte sich mit einem Wahlmanöver bei der letzten Reichs. tagsstichwahl zu beschäftigen. Der Arbeiter Michael Rohr aus Königsberg hatte im Auftrage seines abwesenden Schwiegersohnes, des Zimmermanns Albert Linkewitz, für diesen gewählt. Die Straffammer sprach jedoch Rohn von der Anklage des Wahlvergehens und Linkewiß von der An flage der Verleitung zu diesem Vergehen frei, da den An gaben der beiden Beschuldigten, sie wären das Opfer einer falschen Belehrung durch einen unbekannten Herrn geworden, Glauben geschenkt wurde. Der Staatsanwalt hatte je sechs Monate Gefängnis und ein Jahr Ehrverlust beantragt.

Kunft und Wiffenfchaft.

OG. Rigoletto" ohne Tenor. Eine sonderbare Theater aufführung fand jüngst in der italienischen Stadt Dime statt: Man gab Verdis Rigoletto" ohne den Tenor. An 4. Oktober sollte die letzte Vorstellung der in Dsimo gastieren den Schauspieler- Gesellschaft gegeben werden, und das Theater war vollgepfropft. Als aber der Vorhang in di Höhe gehen sollte, teilte der Tenor Ramella dem Direkto mit, daß er nicht singen könne, da er total heiser sei. Det Direktor aber verzweifelte nicht, sondern schickte den Bariton seiner Truppe hinaus, auf daß er dem harrenden Volke ber tündige, daß der Tenor nicht singen könne und daß jeder der unter solchen Umständen der Vorstellung nicht beiwohne wolle, ruhig nach Hause gehen könne. Da aber," so spra der Bariton treuherzig weiter, die Direktion nicht auf eine so großartige Einnahme verzichten kann, so wird Rigoletto" trotzdem aufgeführt werden, unter Weglassung der Tenor rolle." Man pfiff, man zischte ein wenig, aber schließlich beruhigte sich das Publikum, und fast alle blieben da. Da die Aufführung ohne den Tenor geradezu prächtig war braucht kaum gesagt zu werden! Die anderen Künstler gaben nämlich, um das Publikum zu entschädigen, als Einlage Brettllieder zum besten! Uebrigens soll einmal, einem dunklen Gerücht zufolge, in einem holländischen Städtchen " Hamlet" ohne Hamlet gegeben worden sein!

RK Der Foucaultsche Bendelversuch kein Beweis für di Achsendrehung der Erde so behauptet anläßlich einer 31 Wien in der Rotunde" dieser Tage stattgefundenen Wieder holung dieses bekannten Experiments der dortige Professo W. Hofmann. Er behauptet, es sei unstatthaft, die täglid zu beobachtende Bewegung der Sonne( und Gestirne) al eine scheinbare Bewegung" zu erklären. Die beiden An schauungen: Täglich kreisende Bewegung der Sonne un die Erde" und täglich einmalige Achsendrehung der Erde ständen miteinander nicht im Widerspruche, sondern sind nur zwei verschiedene, aber vollständig gleichberechtigte For men der Auffassung einer bestehenden Tatsache. Die wahre Bedeutung des Foucaultschen Pendelversuches ist bis jetzt überhaupt noch nicht erkannt worden. Der Versuch könne niemals eine Entscheidung über die beiden vorher erwähnten Ansichten bringen, weil es einen Unterschied zwischen wirt licher und scheinbarer Bewegung überhaupt nicht gibt Wohl aber gibt er sehr wichtige Aufschlüsse über das bis her nur ganz unvollständig erkannte und teilweise fals definierte Gesetz der Trägheit. Würde die Hofmanns Theorie sich als stichhaltig erweisen, so heißt es wieder ein mal umlernen.

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