Ausgabe 
9.5.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 108.

Zweites Blatt

Abonnement@ prets: in Gießen, abgehelt monatli 50 fs., in's Haus gebracht 60 Big, bur die oft bejeger viertel­0 fährli M. 1.50. Gratisbetlager: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberbefftie Beitfærift für Landwirtschaft, Ob- und Bartenban, sowie die Stekener Seifenblasen( wöhnlich). Das Blatt erscheint an allen Berktagen nehmittags.

Samstag den 9. Mai 1903.

Gießener

12. Jahrgang

Jusertionspret 8s Die einfaltige Betttzelle für Gießen wi ganz Oberheffen, die Kreise Wezlar unb Marburg 10 Pfa Senft 15 Big.; Neklamen die Bettystle 30 refp. 40 g.

Bofizeitungsliste No. 800.

Rebation und Expedition: teßen Remenweg Sereforehandle Re, 868.

Neuelle Nachrichten

( Sießener Tageblath

Nnabhängige Tageszeitung

( Sießener Beitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Gewaltige Unterschlagungen hatte sich der Buch­halter Frizz Sebastian zu schulden kommen lassen, der von der Berliner Straftammer zu vier Jahr Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust vururteilt wurde. Er hatte seine Vertrauensstellung bei dem Dekonomierat Späth in Briz benutzt, um nach und nach nicht weniger als 389,351 Mart sich anzueignen und die Unterschlagungen durch falsche Buchungen zu verdecken. Der Angeklagte wurde, als er seine Unterschleife entdeckt sah, flüchtig, kehrte dann aber freiwillig nach Berlin zurück, um sich der Behörde zu stellen. Ein Teil des Schadens ist durch Grundstücke und Aktien gedeckt, die der Angeklagte für die unterschlagene Summe erworben hatte.

§ Ein Soldat als Mörder zum Tode ver urteilt. Das Kriegsgericht zu Hannover verurteilte den Füsilier Jakubowski vom Füsilierregiment Nr. 74 wegen Mordes zum Tode. Jakubowski war nach seiner An­gabe von seinem Truppenteil desertiert und hatte sich nach Hannover begeben. Das Geld sei ihm bald knapp geworden, und er habe sich zunächst mit der Absicht ge= tragen, Selbstmord zu verüben, sei davon aber abgekɔm­men und habe in der Eilenriede, dem bekannten herr­lichen Park bei Hannover, mehrere Male übernachtet. Auf seinen Frrfahrten kam er dann zu der einsam gele­genen Lister Mühle, in der sich die Wirtschafterin zur Zeit allein befand. Er hat sich zunächst Essen und Trin­fen vorseßen lassen, und als dann die Wirtſchafterin Bezahlung verlangte, hat er sie mit seinem Seitenge­wehr niedergeschlagen. Nach der Tat hat er die Kleider gewechselt und ist geflüchtet. Der Gerichtshof nahm an, daß er die Tat mit voller Ueberlegung verübt hat, und daß infolgedessen nicht Totschlag, sondern Mord vorliegt.

** Nach zweiundzwanzig Jahren Zuchthaus begnadigt wurde der Schuhmacher Julius Bowiß aus Berlin. Bo­wig war im Jahre 1881 wegen Gattenmordes zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslänglichem Zuchthaus be­gnadigt worden und hat jett 22 Jahre in den Zuchthäusern zu Sonnenburg und später in Rawitsch zugebracht. Wegen guter Führung wird er jetzt begnadigt und sofort in Freiheit gesetzt worden.

(-) Automatisch eingefangen wurde ein Brüsseler Bankdieb. Einer der Einnehmer der Nationalbank kehrte ins Bankgebäude zurück und legte eine Mappe mit Papie­ren im Werte von 210,000 Mt. am Schalter nieder. Im selben Moment stieß ihn ein elegant gekleideter Herr über den Haufen, nahm die Mappe und lief dem Ausgange zu. Auf das Geschrei des Kassiers hin geriet die ganze Bankhalle in Aufregung, und alle Türen schlossen sich im ganzen Gebäude automatisch. So wurde der Dieb, ein englischer Buchmacher Namens Brown, sofort erwischt.

Litterarisches.

Fridtjof Nansen, Eskimoleben. Aus dem Norwegischen übersetzt von M. Langfeldt. Fridtjof Nansens Est moleben erscheint hier zum ersten Mal vollständig in deutscher Aus­gabe. Einen langen Winter hindurch hat Nansen, abge schnitten von allem, was wir Kultur und Behaglichkeit nennen, unter den Eskimos der grönländischen Küste zuge­bracht. Er wohnte in ihren Hütten, teilte ihre Arbeit, let te sich ein in ihre wunderseltsame Gedankenwelt und lernte sie von ganzem Herzen lieben. Es scheint uns wie etwas Un­geheuerliches, denken wir an alles das, was wir von den Esfimos gelegentlich erfuhren. Und dennoch, sehen wir hier die Dinge aus der Nähe, lernen wir es wirklich in allen seinen Eigenheiten kennen, dieses Volf, das vom Heer der Menschheit wie ein äußerster Vorposten gegen die Todesstille des ewigen Eises vorgeschoben wurde", dann geht es auch uns wie Fridtjof Nansen: wir müssen es lieben. Welcher Heldenhaftigkeit sind sie fähig, diese nordischen Leute, wenn sie sich in ihren Fellbooten zur Seehundsjagd aufs hohe Meer hinauswagen, und welche unendliche Güte wiederum zeigen sie in ihrer steten, fast unterwürfigen Friedfertigkeit, in der Liebe zu ihren Kindern und Mitmenschen! Welcher Reichtum an Phantasie offenbart sich in ihren Märchen und Sagen und welche heilige Einfalt in der Art ihrer Gottes­berehrung und Auslegung der Religion und Natur!- Wie das Schwanenlied einer alten, uralten Kultur flingt es aus dieser Schilderung heraus. Es gehört zu den Büchern der Menschheit, was uns hier gegeben wird.

Unter dem Titel May Hesse's Volks- Bücherei" beginnt in Mor Hesse's Verlag in Leipzig, dem wir schon die trefflichen Neuen Leipziger Klassiker- Ausgaben verdanken, ein neues Sammel- Unternehmen zu erscheinen, das von vorn­herein des allgemeinsten Interesses sicher ist. Diese Volls­bücherei will die Meisterwerke der schönen Litteratur aller Beiten bringen, hierbei aber besonderes Gewicht auf die Aus­wahl guter Unterhaltungs- Schriften legen. Die Ausstattung der Bändchen ist eine wirklich gediegene: das Format ein mittleres Oftav, die Schrift groß und deutlich lesbar, der Drud scharf und sauber, das Papier fräftig und schön.

Der Parteikampf ist entbrannt ihn zu schüren bleibe den in diesen Beiten oft geradezu fanatischen Barteiorganen überlassen. Den Gehässigkeiten und oft per sönlichen Verunglimpfungen gegenüber ist ein wahrhafter Genuß, ein kleines, im Vorjahre erschienenes Wert eines berühmten Gelehrten zu lesen. Es ist im gewissen Sinne

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Es befinden sich darunter

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Hochpolitisch, denn der Verfasser, der berühmte Geograph Professor Kirchhoff, behandelt die Frage, die eigentlich das A und O der politischen Fragen ist:" Was ist na­tional?" Wenn wir gerade jetzt dieses Heft( erschienen bei Gebauer- Schwetschte Druckerei und Verlag m. b. H., a. S., zur Leftüre empfehlen, so glauben wir manchem Leser einen Dienst zu erweisen.

Franz Grillparzer, Leben und Schaffen. Von Moriz Necker. Mit 7 Bildnissen, einem Briefe und einem Gedichte als Handschriftproben. Le pzig( Mar Hesse's Verlag). Die Schrift ist ein Sonderabdruck aus einer demnächst in Mar Hesse's Neuen Leipziger Klassiker- Ausgaben erscheinenden Bollsausgabe von Grillparzers sämtlichen Werken in 16 Bändeu, deren Haupteinleitung sie bildet. Außer dieser wird die Ausgabe noch 17 Einleitungen zu den einzelnen Werken und Grillparzers, in die bisherigen Ausgaben noch nicht auf­genommenen Tagebuchblätter" enthalten.

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In welcher Weise soll eine vernünftige Mundpflege aus­geübt werden? Ein Wegweiser zur Erhaltung der Zähne und Verhütung von mancherlet Er= trankungen von Dr. A. Kunert, Zahnarzt in Breslau, Verlag von Alfred Langkammer, Leipzig. Das populäre Schrifta en bezweckt eine Auf­klärung des Volkes über das wichtige Kapitel der Mund­hygiene. Es erbringt den Nachweis, daß die Mundpflege, wie sie heute nicht betrieben wird.( Gebrauch von Bürste, Bahnpulver und Mundwässer), völlig unzulänglich ist. Denn es wird durch sie eine ausreichende Entfernung der Speisereste, welche das Hohlwerden der Zähne verursachen, nicht ge­währleistet. Bei den zahn- und mundhygienischen Forder­ungen im findlichen Alter weist Verf. darauf hin, was vor allem seitens der Eltern Alles getan werden kann, damit die Kleinen überhaupt erst einmal recht harte, widerstandsfähige Zähne bekommen. Die Erhaltung des eigenen Gebisses bis i'ns höhere Alter, der Endzweck aller Mundhygiene, ist aber trotz peinlichst und richtig durchgeführter Mundpflege nicht zu erreichen, wenn nicht gute zahnärztliche Hilfe dazukommt.

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