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Nr. 108
Erstes Blatt.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., In's Saus gebracht 60 Bfg., durch die oft bezogen viertelfährlich Mr. 1.50.
Gratisbetlagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhefftiche Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag.
Samstag den 9. Mai 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertionsprei 8: Die einfpaltige Petitzelle für Gießen wi ganz Oberbeffen, die reise Weylar und Marburg 10 fs fenft 15 Bfg.; Reklamen die Bettelle 30 resp. 40
Bofzeitungsliste No. 2200.
Redaktion und Expedition: Stegen Menenweg Fernsprechenfchinh Me, 303.
Nenelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt
Unabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Mechanismus.
[ Politische Wochenschau.
CB. Die Wahlprogramme der Parteien sind nunmehr bis auf eine einzige Ausnahme erschienen und sämtlich auf den wirtschaftspolitischen Ton gestimmt. Das erklärt sich sehr leicht aus dem mechanischen Geseße der Trägheit und der Beharrung. Seit Anfang der neunziger Jahre sind die Wähler durch die wirtschaftlichen Interessenorganisationen und das Vordrängen der Zollforderungen neu gruppiert worden, so daß Miquel einmal zum Kaiser das charaktecistische Wort gesprochen hat, die alten Parteien hätten sich überlebt. Es gibt auch im öffentlichen Leben einen Mechanismus der Notwendigkeiten. Die zu neuen Forderungen erzogene Wählerschaft kann nicht wieder, wie eine Truppe Rekruten auf dem Kasernenhose, in einem Augenblick zum Umschwenken auf alte, bereits der Vergessenheit anheimgefallene Programmpunkte zurückgebracht werden. Wo dies versucht worden ist, wie z. B. in Baiern bei den Nationalliberalen, sind den Parteien lediglich Verlegenheiten daraus erwachsen, denn wir sehen dort, wie die Jungnationalliberalen mit den Alten weit auseinandergehen.
Eigentlich sollten die Namensbezeichnungen umgekehrt sein, denn es klingt fast wie ein Hintertreppenwiß, daß bie Jungen sich an das älteste Programm der Nationalliberalen, an die Ziele der 70er Jahre, halten, während die sogenannten Alten ganz moderne Kompromißmenschen und Opportunisten sind, die uns gelegentlich einmal die Erinnerungen an das Gewesene zurückrufen. Aber auch die Tradition hat einen gewissen Mechanismus, und wir sehen gerade an den nationalliberalen Parteizuständen, daß dieser manchmal mit überraschender Schnelligkeit und Energie zu wirken beginnt.
Aehnliche innere Wirren haben die Konservativen bei dem Versuch der Neubelebung des alten politischen Programms gehabt, und bei ihnen hat sich mit Deutlichkeit gezeigt, daß die Wählerschaft nicht gesonnen ist, die wirtschaftspolitischen Forderungen in den Hintergrund zu ſtellen. Dementsprechend wird auch in den konservativen Wahlkreisen vorerst der Bund der Landwirte ein gewichtiges Wort mitsprechen, während er in den westlichen Wahlfreisen offenbar wieder mehr durch die mit großer Energie in die Wege geleitete Rückbildung der Parteien Einbuße zu erleiden scheint. In denjenigen Landesteilen, wo das Zentrum einen mächtigen Einfluß hat, wie z. B. in Baiern und im Rheinland, haben die Umbildungsbestrebungen mehr Erfolg gehabt, weil hier rein mechaniſch bas Vorherrschen einer überwiegend politischen und unter gewissen Voraussetzungen wirtschaftspolitischen Partei auch die Gegenströmungen zu überwiegend politischen macht.
So bereiten sich überall die Kräfte zum Entscheidungstage vor, an dem der Organismus der verschiedenen Weltanschauungen durch den Mechanismus des Wahlaktes seine plastische Verkörperung in dem neuen Reichstage finden soll. Eine Zeitlang schien es, als ob der unverkennbar fortschreitende Pessimismus auf die Wahlsreudigkeit seine Wirkung ausüben solle. Inzwischen aber haben sich doch die Verhältnisse erheblich gebessert. Nach dem Zeugnis des Handelsministers Möller steht unser Wirtschaftsleben start unter dem Zeichen des Aufschwungs. Insbesondere weist die Kohle, die ja im Erwerbsleben gewissermaßen die Rolle des Thermometers spielt, eine Besserung der industriellen Verhältnisse auf. Um so mehr wird aber deshalb auch das Interesse für die Frage der künftigen Handelsverträge gesteigert werden.
Ob und wann die alten gekündigt werden, darüber läßt sich noch nichts sagen, weil im Auslande selbst die neuen autonomen Tarife noch nicht fertiggestellt sind. In Desterreich beispielsweise nehmen die Beratungen einen sehr langsamen Fortgang. Mit Rußland sind sie allerdings bereits lebhaft im Gange. Das Verhältnis zu einem Staate, und zwar zu England, zwingt förmlich zu einer baldigen diplomatischen Erledigung der Vertragsfragen, denn am 1. Januar 1904 läuft das Provisorium mit England ab. Nach der Kündigung unserer Handelsbeziehungen zu England wurde bekanntlich lange Jahre das Provisorium auf 1 Jahr verlängert, bis im Jahre 1900 die Regierung auf Wunsch des Parlaments ein Freundschaftsverhältnis bis 1904 vereinbarte. Der Ablauf des Termins, sowie auch die Haltung der autonomen englischen Kolonie Kanada bringt die Vertragsfrage rein mechanisch ins Rollen.
Inzwischen zeigen sich im sogenannten„, kleinen" Orient immer deutlicher die rein mechanischen Wirkungen der orientalischen Politik. Man glaubte, den ganzen Balfan für die europäische Kultur gewinnen zu können, inbem man die türkische Oberhoheit über die verschiedenen Staaten lockerte, bezw. aufhob. Bei den Rumänen haben sich ja dank der Tüchtigkeit und der Energie des Königs diese Erwartungen einigermaßen erfüllt. Aber Serbien, das einst Leopold von Baden das Preußenvolt des Orients nannte, ist zerrütteter als je, und in Bulgarien blüht noch eine wilde Räuberromantik, wie sie im kulturellen Westen seit 1000 Jahren nicht mehr besteht. Die Wirren aber sind nichts anderes als die mechanische Folge diplo
matischer Fehler. Als man s. 3t. Serbien und Rumanien vollständig unabhängig machte, hätte man Bulgarien entweder zu einer Satrapie der Türkei machen, oder völlig aus dem Reichsverbande der Türkei freigeben müssen; die Halbheit rächt sich. Daß der Ehrgeiz der Bulgaren den Zwitterstand nicht lange ertragen werde, war vorauszusehen. Ein zweiter Fehler wurde durch eine neue Halbheit gemacht, indem man den Fürsten Ferdinand zum Gouverneur von Oſtrumelien machte. Damit wurde das mazedonische Gebiet dem Einfluß der Türkei entzogen, und die bulgarischen Agitatoren konnten unter dem geheimen Schutz von Sofia dort ihre unterirdische Ärbeit tun. Fürst Ferdinand, der in einer gewitterſchwülen Zeit in seinem Lande weilen sollte, lebt augenblicklich in Paris; er spielt die Rolle Hases, der im Angesichte der durch die bulgarische Politik heraufbeschworenen Kriegsgefahr von allem nichts weiß. Auch eine solche Politit hat ihre mechanischen Konsequenzen, die vielleicht dem ehrgeizigen Zaunkönig von Bulgarien noch einmal recht fühlbar werden können.
Neue Morde in Mazedonien.
CB. Die Hinrichtung der dingfest gemachten Dynamitattentäter von Caloniki- am Donnerstag wurden 13 von ihnen standrechtlich erschossen hat den Fanatismus der bulgarischen Europäer nicht gedämp; t: In Monastir haben sich die Vorfälle von Saloniki wiederholt. In der Nähe von Monastir war es in den letzten Tagen verschiedentlich zu blutigen Zusammenstößen zwiſchen türfischen Truppen und Ausständischen gekommen. Nach harinäckigen Kämpfen mit einer starken Bulgarenbande bei den Dörfern Unter- Oryzari, Caparz und Baniza, vor den Toren von Monastir, steckten die Türken Boniza in Brand. Während draußen der Kampf tobte, begann eine Anzahl Bulgaren, die sich in die Stadt geschlichen hatten, in das mohammedanische Viertel Dynamitbomben zu wersen; namentlich auf die Moscheen wurden mehrere Dynamitattentate verübt. Andere Bulgaren eröffneten ein regelrechtes Schnellfeuer auf die Häuser der Mohammedaner; fünf Moslims wurden dabei erschossen. Die türkische Gendarmerie fackelte nicht lange, sondern nahm ihrerseits die Meuchelmörder unter Feuer. Viele Bulgaren wurden getötet, einige schwer verwundet und viele berhaftet.
In Saloniki lebt die Bevölkerung nach wie vor in ständiger Aufregung: Die Entdeckung der neuen, glücklicherweise nicht zur Ausführung gekommenen Dynamitanschläge läßt weitere Untaten seitens der Bulgaren befürchten. Die Behörden nehmen täglich neue Verhaftungen vor. Während die bei dem Attentat auf frischer Tat ertappten dreizehn Mordbuben, wie erwähnt, crschos en worden sind, hat man den Urheber des Dynamit anschlags gegen den französischen Dampfer ,, Guadalquivir" noch nicht bestrafen können; er forderte vor ein französisches Gericht gestellt zu werden, da sein Anschlag sich gegen ein französisches Schiff gerichtet habe. Seltsamerweise ließ sich das türkische Kriegsgericht darauf ein. Die Zahl der bei den Vorgängen in Caloniki getöteten Bulgaren beträgt außer den 13 Hingerichteten- 35.
Es scheint fast, als wolle die Pforte jeßt energischer gegen die Mazedonier vorgehen, nachdem sie es glüdlich zu Wege gebracht hat, daß die Albanesen die türkischen Reformen nicht mehr ablehnen. Gerade die Weigerung der Albanesen, die Durchführung der Reformen zu unterstützen, ließ die Mazedonier so frech auftreten. Jetzt kann die Pforte, ohne sich ihre treuesten Anhänger, die Albanesen, zu Feinden zu machen, gegen die reformseindlichen Bulgaromazedonier vorgehen.
Auch in den Nachbarländern scheint man angesichts dieser Entwickelung den mazedonischen Umtrieben nicht mehr Vorschub leisten zu wollen; aus Griechenland wenigstens wird gemeldet, daß dort die Bewohner mazedonischer Herkunft streng überwacht werden; es sind bereits mehrere Verhaftungen vorgenommen worden. Die Pforte kann jetzt also, wenn sie nur einige Energie entwickelt, bald Herr der Lage sein. Eine Aufmunterung dazu erhält sie durch die Tatsache, daß das Pariser Kabinett eine Flottendivision nach Saloniki entsandt hat. Die Gefahr einer Einmischung der Mächte wird also, wie sehr sich die Kabinette auch dagegen sträuben, immer größer, wenn die Pforte dieser auch für sie höchst unerfreulichen Eventualität nicht durch ein energisches Vorgehen gegen die Ruhestörer zuvorkommt.
Die Politik.
Neues Gefängnißsystem in Preußen?
(!) In Budapest weilt seit einigen Tagen ein Komissar des preußischen Justizministers, um das in Ungarn eingeführte stufenweise Kerkersystem zu studieren. Der Kommissar bereist ganz Ungarn, um die einzelnen Strafanstalten genau zu besichtigen. Ob aus dieser Informationsreise, wie ungarische Blätter es tun, geschlos sen werden kann, Preußen beabsichtige die Einführung
jenes Kertersystems, welches sich bisher in ganz Europa einzig und allein in Ungarn eingebürgert hat, scheint uns höchst zweifelhaft.
Eine Kriegskostenrechnng für England.
22 Das britische Schabamt veröffentlicht jetzt eine Zusammenstellung der Kriegskosten für die Kriege in Südafrika und China. Für den südafrikanischen Krieg belaufen sich die Kosten auf die enorme Summe von 211 Millionen Pfund Sterling oder 4220 Millionen Mark, beinahe 44 Milliarden. Die Wirren in China haben 6 Millionen Pfund Kosten verursacht. Von dieser Summe wurden über 67 Millionen Pfund durch Staatseinkünfte gedeckt, während etwa 150 Millionen Pfund- 3 Milliarden- geborgt werden mußten. Transvaal hat allerdings eine Rückzahlung von 30 Millionen Pfund versprochen. Che diese Rückzahlung aber erfolgt ist, sind wiederum die Zinsen für nahezu drei Jahre auf die ganze Schuld zu zahlen, was eine Ausgabe von etwa 12 Millionen Pfund ergibt. Angesichts dieser kolossalen Summe der Kosten des Südafrikakrieges erscheint die Veranschlagung, die das englische Finanzministerium im Jahre 1899 machte, geradezu komisch. Der Schazkanzler Sir Michael Hicks Beach erklärte damals, daß man nach' einer ,, außerordentlich gründlichen Berechnung" zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß der Krieg in Südafrika einen Kostenauswand von 10 Millionen Pfund veranlassen werde.
Eine internationale Flottenparade wird jetzt in England geplant. Nach einer Meldung aus London erhielt das britische Kanalgeschwader den Besehl, an der großen Flottenparade vor dem König in Spithead im Juli teilzunehmen. Ein italienischches, japanisches und auch ein französisches Geschwader werden erwartet. Das Datum der Flottenparade fällt mit dem Besuch des Königs von Italien zusammen, der zwischen dem ersten und fünfzehnten Juli erwartet wird. König Viktor Emanuel wird von einem großen Geschwader auf seiner Reise nach England begleitet sein. An diese Flottenparade schließen sich unmittelbar die Flottenmanöver an, die bis zu sechs Wochen dauern können und an denen alles, was irgend von britischen Schiffen in Dienst gestellt werden kann, teilnimmt. 20 000 Mann der Marine- Reserve sollen zu den Manövern herangezogen werden. Offenbar wollen die Engländer ihren neuen Freunden zeigen, über welch eine imponierende Seemacht sie berfügen.
N. ubesehung der Mandschurei durch Rußland!
Nachdem der listige Coup Rußlands, durch einen Druck auf China die völlige Auslieferung der Mandschurei an das Zarenreich herbeizuführen, durch vorschnelles Bekanntwerden vereitelt worden ist, machen die Russen jezt furzen Prozeß: Sie haben, all ihren feierlichen Erklärun gen zum Troß, die pro forma geräumten mandschurischen Orte wieder besetzt. Nach einer Meldung aus Peking haben sie in Niutschwang eine große Streitmacht einlogiert, außerdem Garnisonen in die Forts an der Mündung des Biaoflusses gelegt und treffen umfangreiche friegerische Vorbereitungen. Bei der russenfeindlichen Stimmung in Japan kann dieser neue Schritt recht bedenkliche Konse quenzen haben.
Militärisches aus Amerika.
(-) Amerika rüstet sich. Die Washingtoner ArmeeVerwaltung hat endgiltig die Wahl des neuen Dienstge wehrs getroffen. Der Lauf desselben ist 24 3ll lang und ganz von Holz eingefaßt. Die Kugel durchschlägi 24 einzöllige Bretter aus Fichtenholz. Das Gewehr ist 4 Zoll fürzer und ein Pfund leichter als das bisherige - Die Volksströmung für die Vergrößerung der ameri kanischen Marine hat in Newyork zur Gründung eines amerikanischen Flottenvereins nach dem Muster des eng lischen und deutschen geführt. Er bezweckt nicht nur Förderung einer Flottenvermehrung, sondern auch Schaf, fung von Seereſerven.
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Kurze politische Nachrichten.
* Als voraussichtlicher kommandierender General de 6. Armeekorps wird Generalleutnant v. Wohrsch in Neisse Kommandeur der 12. Division, genannt.
* Eine weitere Vermehrung des Betriebsmaterials der preußischen Eisenbahnen steht bevor. Bis Ende März 1904 sollen neu beschafft werden: 476 Personenwagen, 62 Ge päckwagen und 3020 Güterwagen.
* Zum 1. Juli wurden der Geheime Oberregierungs rat Schulze- Nickel in Königsberg und der Oberbaurat Höft ebenda zu Eisenbahndirektionspräsidenten in Bromberg bezw. Elberfeld ernannt.
* Dem_Glasgower Maschinenbauerstreik haben sich die Maschinenbauer in Greenock und Paisley angeschlossen. Es haben jezt im ganzen 6000 Mann die Arbeit eingestellt.
Hof und Gesellschaft.
*** Der Kaiser liegt in Donaueschingen eifrig der Pürsche ob. In der Stadt herrscht reges freudiges Leben.- Für den 10. Juni ist ein Besuch des Kai


