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n.
Mr. 83.
Zweites Blatt.
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Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obft- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Mittwoch, den 8. April 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Jusertionsprei si Die einspaltige Petitzeile für Gießen wi gang Oberbeffen, die Kreise Weylar und Marburg 10 Bfg fenft 15 Pfg.; Reklamen die Petitgeile 30 resp. 40 is
Boftzeitungslifte No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Nenenweg 98. Fernsprechanschink Mr, 368.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und
Aus Kurhessen.
( Nachbrud verboten) Partitularismus ist gewiß nicht schön, sowie er über leinigkeiten die großen Interessen zu vergessen droht. Unser deutsches Vaterland, zusammengeschweißt aus so vielen Stäätden, deren Zahl und Verhalten gegeneinander Jahrhunderte ten Spott der ganzen zivilisierten Welt herausgefordert hatte, steht jetzt einig und mächtig da. Die Geschichte der einzelnen deutschen Staaten geht auf in der Geschichte des großen, geeinten Vaterlandes. Aber gerade dieser Umstand, gerade die ins Kleinliche übergehende Geschichte der deutschen Einzelstaaten, sollte zu deren eifrigem Studium anregen. Denn was vermag jeden Vorurteilslosen und objektiv Urjung. teilenden besser an die unendlich traurigen Zustände zu er innern, da der Deutsche gegen den Deutschen aufstand, Zeiten, zwischen Hofman da noch frembe Herrscher geglaubt mit dem deutschen Michel Sornahme von Baumspringen zu können, wie es ihnen beliebt? Die Ge
Gießen.
züge.
fchichte des engeren Vaterlandes führt Jeden, der nicht 1. Mts. Bartikularist ist, zur Geschichte des großen deutschen Vater rwerts- und Fahrlandes und in diesem Sinne begrüßen wir auch das Wert, das vor einigen Monaten anfäßlich des 100 Geburtstages des letzten Rurfürsten von Hessen Kassel Friedrich Wilhelm I 1) rschienen ist. Es ist die Geschichte jenes unglücklichen Fürsten, dessen Lebensschicksale das reine Drama darstellen. Raum 4 Jahre war er alt, da brach durch das Machtgebot 000 Mapoleons, des alten Kurhessens Herrlichkeit zusammen, an heine Stelle trat das Königreich Westfalen. Friedrich Wilhelm trat dann, nachdem der Sturz Napoleons auch dem trzem Leben dieses Reiches ein Ende gefeßt und Férome die lustige Residenz Kassel verlassen hatte, die ganze Stala währender Beiten mit durch machen müssen. Die Jahre 1830 und folgende, wo die revolutionäre Bewegung, die in dem Frankfurter Attentat gipfelte, in Oberhessen und Kassel inen Hauptsiz hatte; die Revolution 1848, der abermalige und diesmal endgültige Zusammenbruch seines Reiches; es find nur die wichtigsten Epochen in dem reich bewegten Beben des Monarchen. Daß gerade die Lebensschicksale dieses Fürsten den Geschichtsschreiber anregen mukten, ist nur natürlich und man fann sagen, daß Grebe seine Aufgabe aufs Beste durchgeführt hat. Er wendet sich nicht an den Historifer, sondern an den Laten. Gerade diesen kann bas fleißige, flottgeschriebene Buch wärmstens empfohlen
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Das soeben besprochene Werk ist rein historischen Inhalts. Der historische Roman" von Moritz von Raisenberg der Junker Werner von Brunshausen" 2) dageger, will die Geschichte in jener Form darbieten, welche WahrSeit und Dichtung vereinigt in der Form des Romans. Der Unter Als solchen betrachtet, taugt das Werk nichts. titel historischer Roman" führt irre. Es ist kein Roman es ist die Geschichte eines jungen Kasselaner Edelmannes, ber mit den Soldaten zieht, die der Landgraf Friedrich Wilhelm II. nach Amerika zur Unterstüßung der englischen Truppen im Kampfe gegen die amerikanischen„ Rebellen" ge= sandt hatte. Wir verfolgen den jungen Edelmann auf seinem ganzen Zuge durch Amerika, wir gewinnen, wenn auch nur ganz kleine, Einblicke in die Verhältnisse der englischen Armee aber wir gewinnen nicht den großen Eindruck den ein Roman auf uns machen soll. Und das liegt zunächst darin, daß der Verfasser alles, man meint oft wie mit Ab
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sicht, unterlassen hat, seine Charaktere zu begründen, ihnen die psychologische Erläuterung beizugeben, die der Roman nun einmal haben muß. Andererseits ist auch der Styl teilweise so trocken, chronikenhaft, daß die Lektüre sehr erschwert wird.
Im Gegensatz zu diesem Bude ist Wilhelm Bennecke's humoristischer Roman Revisor Morgelhahn") flott und anregend geschrieben. In die humoristische gefärbte Schilderung des Lebens des Revisors Morgelhabns zur Zeit der revoTutionären Bewegung im Jahre 1830, versteht es der Verfasser anziehende Bilder aus dem damaligen Leben Einzelne in Kassel, wo der Roman spielt, einzuflechten. Stellen, so das unglückselige Eingreifen der Garde du Corps find mit dramatischem Schwunge geschildert. Die ganzen, schon an und für sich fumoristisch wirkenden Verhältnissen der damaligen Zeit, find noch mit einer gediegenen Bortion Humor gewürzt alles geeignet, um ein Buch hervorzubringen, um zum Sorgenbrecher für eine müßige Stunde zu dienen. Allen denen, die eine nicht gerade an der Ober: fläche klebende Unterhaltungsleftüre suchen, kann das Buch bestens empfohlen werden.
Die Leutnantserinnerungen eines alten Rurhessen") von B. S. Coester enthalten eine Reihe kurzer Erzählungen, die teilweise nur äußerlich mit den Verhältnissen des furhessischen Militärs zusammenhängen. Es find" halbvergessene Geschichten aus den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts", die freilich zum größten Teil aus außerhalb Cassels und Hanaus passiert sein könnten. Die Ausstattung des Buches ist gut, ja splendid und ihr entspricht der größte Teil des Inbalts. Es sind ja harmlose, sich in den engen Kreisen des Offizierkorps einer kleinen Armee begrenzende Geschichten, aber sie treten so ohne alle Prätension auf, daß man der Verfasserin nicht gram sein kann und ihr Buch gerne bis zu Ende lieft. Volles uneingeschränktes Lob fann man dem vorlegten der Romane, da ich hier, ohne auf Chronologie Wert zu legen, besprechen will, zukommen lassen. Es ist wieder ein ganzer Jensen, der vor ung liegt. Seimat" 5) ist der Titel des Romans. Er spielt in Gelnhausen zur Zeit der französischen Revolution und dann weiter liegen dem Tage, da Wrede mit seinen Bayern den vergeblichen Versuch machte, Napoleon nach der Schlacht bei Leipzig den Rückzug über den Rhein abzuschneiden. Die fleinstädtischen Verhältnisse sind föftlich geschildert, hierin ist Jensen ja Meister. Nicht minder glücklich ist das Bild der stolzen französischen Edelleute gelungen, die der Revolutions sturm aus ihrer Heimat vertrieben, und die nun in Gelnhausen ein gaftlich Heim gefunden. Von einer dieser Emigrantenfamilien stammt der Held des Romanes ab. Maurice de Brunnelles heißt er. Sein Franzosen- Deutschtum bildet den Konflikt seines Lebens. Als die Eltern des fleinen Maurice gestorben, kommt dieser zu Deutschen in Erziehung. Doch der Gedanke ich bin Franzose" überwiegt, und als nun Napelon, der neue französische Kaiser, sich zum Auge gegen alle die rückte, die ihre Freiheit zu behalten wünschten, da schließt sich auch Maurice ihm an, bis er durch die Worte eines Mußmitkämpfers, eines Württembergers, zum Bewußtsein kommt, daß auch ein Mann wie Napoleon seine Macht mißbrauchen und zu Zwecken verwenden kann, die strack dem entgegenlaufen, was man unter der„ zivilisative française" versteht. Da schließt er sich den Schill'schen Husaren an, entgeht nur durch Zufall der Gefangennahme
anderer Behörden von Oberhessen.
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zurück. und kehrt, nachdem er in Königsberg Medizin studiert, nach Diese absichtGelnhausen seine Heimat" lich furz gehaltene Inhaltsangabe fann natürlich von dem reichen Inhalt des Werkes keine Kunde geben. Die tiefe psychologische Begründung der Personen in Verbindung mit dem reichen historischen Hintergrund machen den Roman zu der besten einen, der auf furhessischem Boden spielt. Ich A. B. fann ihn aufs wärmste empfehlen.
1) Friedrich Wilhelm I., Kurfürst von Hssen von E. N. Grebe. Kaffel 1902. Verlag von Carl Bieter.( Preis geb. 8 Mr.) 2) Marburg 1899. N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung. 3) Berlin 1902. Verlag von Otto Janke. Marburg, N. G. Elwert'sche Berlagsbuchhandlung.
5) Dresden und Leipzig 1901.- Verlag von Karl Reißner.
Aus Hessen und nachbargebieten.
** Wismar, 3. April. Endlich scheinen die langjährigen Eisenbahnwünsche der Bewohner der Nebenstrede Lollar Belar betreffs rascherer Personenbeförderung, Berücksichtigung gefunden zu haben. Bekanntlich befahren diese Strecke bis dahin nur gemischte Züge und erleiden daher die Passagiere auf den Stationen Abendstern und Kinzenbach faft regelmäßig eine längere Unterbrechung. Bie wir nun zu unserer Freude erfahren haben, dürften die Züge vom 1 April ab auf diesen Stationen nicht mehr länger anhalten, da von jest ab eine besondere Maschine das Rangieren auf diesen Haltestellen besorgt. Ja, vom 1. Mai ab soll sogar die Einrichtung getroffen werden, daß die bisher gemischten Züge vollständig in Personen- und Güterzüge getrennt werden sollen. Hoffentlich werden auch die wiederholten Petitionen von Seiten der Arbeiter und Schüler betreffs einer passenderen Fahrverbindung mit unserer Kreisstadt Wezlar bei hoher Eisenbahnbehörde bald ein offenes Ohr finden.
* Mainz. Wie man aus eingeweihten Kreisen hört, wird Herr Eisenbahndirektions Präsident Breitenbach, der am 30. April die Eisenbahndirektion Röln übernimmt, nur vorübergehend seine neue Stelle belle den, indem derselbe zum Präsidenten der Berliner Eisenbahndirektion bestimmt ist, welch letztere Stelle durch Zurücktritt des Präsidenten Granold noch in diesem Jahr vakant wird.
Litterarisches.
*** Die Reklame treibt immer sonderbarere Blüten. Jezt hat ein Berliner Warenhaus für einen Abend die 2500 Menschen fassenden Kontordia- Säle gemietet, um dort allen, die sich durch einen Kaufzettel als seine Kunden ausweisen, ein Militärkonzert unentgeltlich zu bieten. Leider, fügt die T. N." hinzu, wird den Besuchern weder warmes Abendbrot mit Bier noch ein Frühjahrsanzug gratis geliefert.
**„ Kerlchen als Anstande dame", so lautet der Titel des neuesten, soeben erschienenen 5. Bandes der all. feitig mit größtem Beifall aufgenommenen humoristischen Bibliothek: Provinz- Mädel" von Felicitas Rose.( Verlag von Richard Bong, Berlin W. 57, Preis 1 Mark). Die Heldin, das tapfere fleine Rerlchen", die es versteht, vom Glück selbst wenig begünstigt, das Glück anderer in so reichem Maße zu begründen und Freude und Sonnenschein selbst über die scheinbar troftloseste Umgebung zu verbreiten, wird in diesem neuesten Bande in einer Fülle der interessantesten packendsten Situationen gezeigt.
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