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Nr. 3.

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Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Montag, den 5. Januar 1903.

Gießener

12. Jayrgang.

Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Mezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Vfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Steht uns ein neues Wahlrecht

L

bevor?

CB. Wenn auch das Urteil des Kaisers über das gegenwärtige deutsche Reichstagswahlrecht schon ein Dusend Jahre zurückliegt, so erregt es doch in poli­tischen Kreisen kaum minderes Aussehen, als wenn es gestern oder vorgestern geäußert worden wäre. Man ist eben überzeugt, daß die Anschauungen des Kaisers in dieser Frage sich seit dem Beginn der neunziger Jahre feinesfalls geändert haben, und man schäßt diese Tat­fache nach ihrer politischen Bedeutung um so höher ein, als, wie neulich mitgeteilt wurde, ähnliche Anschau­ungen wie die des Kaisers auch bei anderen Bundes­fürsten vorherrschen. Es ist kein Zweifel, daß schon seit längerer Zeit bei der überwiegenden Mehrheit der ver­bündeten Regierungen die Neigung besteht, sich auf eine Aenderung des Reichstagswahlrechts einzulassen, falls fie nach der Ansicht der Regierungen eine Verbesserung des gegenwärtigen Wahlrechts bedeutet. Man weiß, daß die Mehrheit des Bundesrats die alte Forderung des Reichstags, Reichstagsdiäten einzuführen, neuerdings nicht mehr kurzerhand zurückweist; man ist vielmehr ge­willt, die Diäten zu gewähren. Aber mait will sie nicht ohne Gegenleistung gewähren, und diese Gegenleistung soll in einer Abänderung des Wahlrechts bestehen. Zwar wird die Reichsregierung diese Aenderung nicht selbst an­regen; es wird vielmehr dafür gesorgt werden, daß diese Anregung zugleich mit dem neuerlichen Antrage, die Diäten einzuführen, aus der Mitte der Volksver­tretung gestellt wird. Ob eine solche Aenderung des Wahlrechts Aussicht auf Genehmigung seitens der Reichstagsmehrheit hat, ist in fraglich, das Zentrum insbesondere wird schwer dafür zu haben sein. Anderer­seits liegen aber auch Momente vor, die den Widerstand des Zentrums gegen eine Abänderung des Wahlrechts besiegen könnten. Zunächst kommen da die parlamenta­rischen Vorgänge im letzten Stadium der Zolltarisdebatte in betracht; das Verhalten der sünfzig Sozialdemokraten hat in den Kreisen der nicht mit ihnen liierten bürger­lichen Parteien die Besorgnis erweckt, daß der Ton im deutschen Reichstage noch auf ein niedrigeres Niveau ge­drückt, daß der Gang der Arbeiten noch mehr verlang­samt und gehemmt werden würde, wenn es den Sozial­demokraten gelänge, die Zahl ihrer Mandate noch er­heblich zu vermehren. Und man sagt sich, daß dies bei dem gegenwärtigen Wahlrecht nicht unwahrscheinlich ist. Schon das könnte den Widerstand des Zentrums gegen die Wahl­rechtsänderung schwächen. Nun kommt hinzu, daß das Anwachsen der Sozialdemokratie und ihr damit zwei­fellos wachsender Terrorismus gegenüber den anderen Parteien sehr leicht nämlich wenn er die parlamen­tarische Arbeit vollends lahmlegt zur Vernichtung des Parlamentarismus überhaupt führen könnte. Denn keine deutsche Regierung wird auf die Dauer Lust ha­ben, mit einem Parlament zu arbeiten oder überhaupt ein Parlament zu beachten, das zu positiver Arbeit un­fähig ist.

Können schon diese beiden realpolitischen Erwägun­gen die Abneigung einzelner Parteien gegen eine Wahl­rechtänderung vermindern, so kann sie völlig be­siegt werden, wenn der von der Regierung gewünschte und von irgend einer parlamentarischen Seite angeregte Aenderungsmodus den eigentlichen Charakter des Wahl­rechts als eines allgemeinen, allen Staatsbürgern zustehenden Rechts unangetastet läßt. Das sagt sich auch die Regierung, und so sind denn auch die Aenderungs­pläne, die in Bundesratskreisen Anklang finden, derart, daß sie den allgemeinen Charakter des Wahlrechts unberührt lassen. Auch das Wahlgeheimnis soll nicht angetastet werden, ebensowenig der direkte Wahlmo­dus. Nur insofern, als das heutige Wahlrecht ein glei­ches ist, möchte man eine Aenderung herbeigeführt sehen. Welcher Art diese Aenderung sein soll, darüber sind im Bundesrat die Meinungen geteilt. Ein Teil der ver­bündeten Regierungen ist für das belgische Plural­system. Dabei gibt der Wähler nicht eine Stimme ab, sondern mehrere, und zwar richtet sich die Zahl der ihm zufallenden Stimmen nach verschiedenen Umständen: Der verheiratete Wähler hat mehr Stimmen als der unverheiratete in sonst gleichen Lebensumständen; der Vater mehrerer Kinder mehr als derjenige, der weniger oder keine Kinder hat, der höher besteuerte mehr als der geringer besteuerte; schließlich ist auch der Bildungs­grad von Einfluß auf die Zahl der Stimmen, die jedem Wähler zustehen. Das Verfahren ist, wie man sicht, etwas umständlich; aber es hat den Vorzug, daß es den ur­teilsfähigeren, den dem Staat mehr beistehenden und als Hausvätern an dem Staatswohl mehr interessierten Wählern einen größeren politischen Einfluß sichert als den jugendlichen Wählern, die eine geringere Kenntnis vom Leben und ein ungereiftes Urteil über die politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse ihres Landes und Volkes befizen. Kein Zweifel: das Pluralsystem würde die bür­gerlichen Parteien erheblich stärken und der Sozialdemo fratie, deren Anhänger teils junge Sprudeltöpfe sind, beträchtlichen Abbruch tun.

Gerade deshalb aber könnte vielleicht der eine oder andere einflußreiche Politiker aus Gerechtigkeitsgefühl einer solchen Aenderung des Wahlrechts widerstreben. Solche Politiker gedenkt man dadurch zu gewinnen, daß man das Proportionalsystem einführt. Nach diesem werden alle bei einer Wahl im ganzen Reiche für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen ein­zeln addiert, und nach dem Verhältnis der Summen dieser Stimmen zu einander wird dann die Zahl der Mandate festgestellt, die den einzelnen Parteien zufallen.

Ob diese in Bundesratskreisen schwebenden Erwä­gungen sich in festere Anträg aus dem Hause ver­wandeln werden, ist einstweilen noch fraglich. Geschicht es, so ist die Wahrscheinlichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß eine Aenderung des Reichstagswahlrechts in diesem Sinne sich vollzieht. Man mag das beklagen oder bejubeln. Jedenfalls ist es angezeigt, schon heute auf diese Möglichkeiten in der Ceffentlich..it hinzuweisen.

Die Politik.

Parlamentarische Anfräumungsarbeiten.

Aus parlamentarischen Kreisen schreibt man uns: Der Rest der Reichstagssession dürfte nicht mehr im Zeichen großer Aufgaben stehen. U. a. wird die seit Monaten dem Bundesrat fertig vorliegende Börsengeset Novelle diesem Reichstage nicht mehr zugehen. Ebensowenig dürfte die Regierung auf der Verabschiedung der Vorlage, betr. die kaufmännischen Schiedsgerichte, bestehen. Dagegen ist als sicher anzunehmen, daß dieser Reichstag einen Handels­vertrag noch zu erwarten hat. Eigentlich dürfen nur noch das von der Kommission fertig gestellte Kinderschutzgesetz und der Entwurf über das Verbot der Verwendung des Weißphosphors in Zündholzfabrifen auf Erledigung Hoffen. Auch die kommende Landtagssession wird keine besonderen lleberraschungen bieten, falls nicht Interpella­tionen aus den beiden Häusern des Landtags solche bringen sollten. An Vorlagen werden die üblichen Verwaltungs­und Reagenhaftsberichte, die alljährlichen Rechnungs­sachen, der Etat und die Entwürfe über die Verstaatlichung der 6 Privateisenbahnen kommen, die bereits vor Jahres­frist angekündigt worden sind. Die Kanalvorlage wird in dieser Tagung nicht vorgelegt werden, vermutlich dürfte aber in die Thronrede wie im Vorjahre ein Passus auf­genommen werden, der das Thema variiert: Gebaut wird er doch!

Eine sonderbare Konferenz.

(!) Wien, 3. Januar. Heute sand hier die Ver­ständigungs- Konferenz zwischen Deutschen und Tschechen statt. Ein Teil der deutschen Delegierten wollte jedoch nicht mittun, weil ja die Verständigung doch nur auf Kosten des Deutschtums vollzogen werden soll. Aus diesem Grunde haben die deutschen Telegirten aus Mähren vor Beginn der Verhandlung erklärt, sie seien zwar erschienen, um zu zeigen, daß sie einer Verständigung geneigt seien, sie hätten jedoch nicht die Absicht, durch Teilnahme an den Beratungen zur Erwürgung des Deutschtums beizutragen. Nach Abgabe dieser Erklärung verließen sie einhellig die Konferenz.

Der Wolf als Prediger.

In Ladysmith wurde am Freitag zu Ehren Cham­berlains ein Bankett veranstaltet. Dabei hielt Joë eine Rede. Er betonte die Notwendigkeit der Einigkeit auf so­zialem Gebiete, die ebenso wichtig sei, wie die Einigkeit auf politischem Gebiete. Tann warnte er davor, das Boy­fottieren in Südafrika einzuführen, sprach die Hoffnung aus, daß die Holländer ebenso wie die Engländer bereit sein würden, das Vergangene zu vergessen, und forderte zur Geduld auf hinsichtlich der Erfüllung aller Entschä­digungs- Forderungen. Herr Chamberlain hat gut reden, Worte sind billig. Er selbst hat dafür gesorgt, daß seine Mahnungen fruchtlos bleiben müssen.

Die Rebellion in Marokko.

* Die Lage des Sultans von Marolto soll nach den neuesten Meldungen, die sich allerdings nur auf Gerüchte stüßen hossnungslos sein. Nach einer Meldung ist der Thronprätendent Bu Hamura sogar schon in Jez, die letzte Zufluchtsstätte des Sultans, eingedrungen. Ob das Tatsache ist, oder nicht, richtig dürfte jedenfalls sein, daß der Sultan auf Rettung nicht mehr hossen kann. Auch die mehr als 10 000 Juden in Fez, die von der Re­gierung des Sultans große Ungerechtigkeiten und Gran­samteiten zu erdulden hatten, sollen geneigt sein, den Prätendenten zu unterstützen.

Kurze politische Nachrichten.

* Berlin, 3. Juni.( Hofbericht.) Heute Morgen sprach der Kaiser nach einem Spaziergang durch den Tier­garten beim Reichskanzler vor und hörte dann im Schlösse den Vortrag des Cheis des Marinekabinetts Vize- Ad­mirals Freiherrn von Senden- Bibran. Vor der Mittags­tafel empfing der Kaiser den Oberstleutnant Freiherrn von Ende, beauftragt mit der Führung des Füsilier- Regi­ments Königin, um von ihm die Orden seines verstorbenen Schwagers Krupp entgegenzunehmen.

* Das Allgemeinbesinden des önigs von Sach­sen hat sich zwar einigermaßen gebessert, doch wird sein Zustand amtlich als sehr ernst bezeichnet.

* Der Kaiser hat den Wunsch ausgesprochen, daß die bei dem letzten großen Brandunglück in Ma­rienburg eingeäscherten Laubengiebel wieder in der al­ten Art aufgebaut werden möchten, und sich gleichzeitig bereit erklärt, eventuell einen entsprechenden Beitrag zu den nicht unbedeutenden Baukosten aus seiner Pri­vatschatulle zu gewähren.

* Eine in ihrer Art seltene Auszeichnung hat der Prinz- Regent von Bayern dem Ministerpräsidenten Grafen von Crailsheim zu teil werden lassen. Er hat dessen Tochter, der Gräfin Marie Crailsheim, sür ihre Person, obwohl sie unverheiratet ist, den Rang als Staats­rats- und Reichsrats- Gattin verliehen. Die in führt seit dem Tode ihrer 1891 verstorbenen Mutter, welche eine geborene Frein von Lindenfels war, ihrem Vater den Haushalt.

* Staatssekretär v. Köller in Straßburg i. E. iſt zum surator der Universität Straßburg ernannt worden. * Die Pläne und Kostenberechnungen für die Kana­lisierung des Mains von Hanau bis Aschaffenburg und für die Herstellung einer größeren Umschlagsanlage unterhalb Aschaffenburgs sind jetzt fertiggestellt. Danach ist ein Gesamtkostenaufwand von 24 Millionen Mart erforderlich.

* In Schanghai ist am Freitag unter lebhafter Teilnahme der deutschen und der übrigen auswärtigen Niederlassungen sowie der Konsulate und der sämtlichen Behörden nach einer Ansprache des Generalkonsuls stnappe die Einschiffung der leẞten deutschen Truppen erfolgt.

Der russische Kriegsminister Kuropatkin hat mit dem Orientalischen Institut in Wladiwostof ein Abkom­men dahin getroffen, daß dort vierzig russische Offi­ziere Unterricht im Chinesischen, Japanischen, Mongoli­schen, Französischen und Englischen erhalten sollen. Der Unterrichtsfurjus soll vier Jahr dauern; die Teilnehmer erhalten besondere Dienstzulagen während der Unter­richtsdauer.

Die Reise des Kronprinzen.

Der Besuch des Kronprinzen Wilhelm in St. Petersburg, der auf besondere Einladung des Zaren erfolgt, beschäftigt die öffentliche Meinung in hohem Maße. Um so mehr, als er unmittelbar auf die Reise des russischen Ministers des Auswärtigen, des Grafen Lambsdorff, zu den interessanten Völkerschaften des Ballans und nach Bien folgt. Vielfach sieht man in der Einladung, die um dieselbe Zeit wie die Anfündigung der Lambsdorfsschen Reise erfolgte, eine Versicherung Rußlands an Tentsch­land, daß der Besuch des russischen Ministers in Wien teine Minierarbeit gegen Deutschland und den Treibund bedente. Zu einem Teile mag diese Aufforderung das Rechte treffen. Näher liegt freilich noch eine andere Deu­tung, der man in reisen begegnet, die mit dem Hofe Fühlung haben. Danach hat der Besuch des Kronprinzen in Petersburg den Zweck, eine neue verwandtschaftliche Verbindung zwischen den Häusern Hohenzollern und Ro­manow herbeizuführen. Am Zarenhofe legt man, wie ver­sichert wird, besonderen Wert darauf, daß russische Groß­fürstiunen nicht immer nur als Gemahlinnen deutscher Fürsten nach den mitteldeutschen Residenzen übersiedeln, sondern daß auch einmal eine Tochter des Hauses Ro­manow, was bisher nie der Fall gewesen, die serone der preußischen Königin und damit die der deutschen Raiserin auf ihr Haupt seßen darf. Toppelt rege ist dieser Wunsch angesichts der nachbarlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland. Einstweilen wird eine Bestätigung dieser Auffassung ja nicht erfolgen; die An­hüpfung solcher zarier Beziehungen zwischen zwei mäch­tigen Dynastien pflegt stets nach Möglichkeit verschleiert zu werden. Darum hat diese Deutung des tronprinz­lichen Besuches aber doch nicht weniger Wahrscheinlichkeit. Außer dem Besuche in Petersburg wird der Kronprinz im Frühjahr auch eine längere Seereise, insbeson dere eine Mittelmeerfahrt, unternehmen, in deren Ber­lauf er die Höfe von Rom, then und Konstanti­nopel besuchen wird. Der Besuch in Rom wird unab­hängig von dem geplanten Besuche Kaiser Wilhelms in der italienischen Hauptstadt stattfinden. Ob der Aufenthalt des Kronprinzen in Rom vor oder nach dem Besuch des Kaisers erfolgen wird, steht noch nicht feft. Diese Besuche haben natürlich mit irgend welchen Verlobungs­plänen nicht das Geringste zu tun.

Nab und Fern.

A Mord anf offener Straße. In Berlin wurde der Restaurateur Alisch, als er nachts gegen 1 Uhr mit Frau und Töchtern die Waisenbrücke passierte, durch zwei plöz­lich aus nächster Nähe auf ihn abgefeuerte Schüsse ge­tötet. Der Täter ergriff die Flucht, wurde aber von Vas­

wanderte, vom Sesse sich erhebend, ruhelos im Zimmer

Blicken den Comfort und

& tgeberin ihre Bereitwilligkeit zur Teilnahme erklärten. schen die Versicherungen einiger Herren, welche

ihrer

fam entschlüpft

doch ich selbst beherrschend lich er

feinen Verdruß nicht merken. Haben Sie vergessen? war;

?" fuhr er unbefangen fort. Sie

bei ihrem Anblick,

cine Robe von weichem Wollstoff, die in langen anschmie herkommen verlieste. Sie war ganz in Weiß gefleidet, in Lächeln, das sich bei ihrem Na