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Nr. 29.
Erstes Blatt.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährlich Mr. 1.50.
Bratisbeilagen: Oberhefftsche Familienzeitung( täglich) Oberhefftsche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Mittwoch, den 4. Februar 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.
Boftzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr, 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Eigener Bericht.
Diäten und Jesuitenfrage. Im Hause wird bemerkt, daß Brinz Heinrich von Brausen in der Hofloge der Eizung beiwohnt, wahrscheinlich, um den Reichskanzler sprechen zu hören, denn Sensationen größerer Bedeutung waren nicht zu erwarten, weil bei der Fortseßung der Etatsberatung der Etat des Reichstags auf der Tagesordnung stand. Zwar bildet die Aenderung der Geschäftsordnung einen Stein des Anstoßes für die linke Seite des Hauses, aber die hierüber tatsächlich gepflogenen Erörterungen sind doch zu sehr eigene Angelegenheiten der Abgeordneten, als daß sie in weiteren Streisen interessieren könnten. Zudem fehlte Graf Ballestrem, gegen den sich augenblicklich der Groll der Linken richtet angeblich wegen einer dringenden Reise; in Abgeordnetenkreisen aber verlautet, er wolle unliebsamen Erörterungen entgehen. Infolgedessen mußte Graf Stolberg die Honneurs des Hauses machen und für Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen. Vor Eintritt in die Tagesordnung teilte er mit, daß der Kaiser dém Reichstag neue Marinetabellen überreicht habe; ferner feierte er den verstorbenen Staatsminister v. Delbrück als einen der lezzien Zeugen aus Deutschlands großer Zeit. Nach wenig wesentlichen Auslassungen einiger Abgg. begann die Verhandlung ernst zu werden, als der Abg. Dr. Spahn bei dem Reichstanzler anfragte, welche Stellung denn der Bundesrat zu den Reichstagsbeschlüssen betr. Einführung von Diäten und betr. Aufhebung des Jesuitengesetzes einnehme. Es strafften sich die Glieder und es reckten sich die Ohren, als der Reichskanzler Graf Bülow sich zur Antwort erhob. Auch Prinz Heinrich rückte näher an die Rampe. Kommen die Diäten, tommen sie nicht? Mit dieser Frage zählen sich schon seit langem die Reichsboten die Westenknöpfe ab. Nun, sie kommen nicht; der Reichskanzler teilte mit, daß er persönlich den für die Einührung von Tagegeldern sprechenden Gründen sich nicht verschließe, aber er könne eine Erfüllung des Wunsches nicht zusagen, weil man im Bundesrat Bedenken habe, den Artikel 32 der Verfassung zu ändern, was ohne eine Verquickung mit anderen Aenderungen nicht angängig sei, und diese anderen Aenderungen würden doch keine Mehrheit finden. Bezüglich des Jesuitengesetzes teilte er mit, daß der Pa ragraph 1 bestehen bleibt, daß aber Paragraph 2 aufgehoben wird. Es dürfen sonach in Zukunft teine Jesuitenflöster hier errichtet werden, aber die Ordensmitglieder deutscher Nationalität können sich im Reiche frei bewegsbuchhandlungen; nur die Ausländer bleiben ausgeschlossen. Dr. Spahn
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dankie dafür im Namen des katholischen Voltes, was den Sozialdemokraten v. Vollmar zu der boshaften Bemerkung veranlaßte, der Bundesrat habe des Zentrums fühnste Wünsche erfüllt, denn dieses erhalte sein: geliebten Jesuiten und könne doch noch auf dem Jesuiten gesetz herumtrommeln. Nachdem sich Bassermann fü Diäten ausgesprochen hatte, wies Fürst Bismarck an der Hand von Aeußerungen nach, daß sein Vater nur für Tiäien in Verbindung mit anderen organischen Verfassungsänderungen zu haben war. Ter Abg. Dr. Barth sicht in dem Rest des Jesuitengesezes lediglich eine Art jejuitengegnerische Demonstration.
Später erhob sich des alten Fürsten Bismarcks intimster Feind Eugen Richter, der dem Sohne des ersten Kanzlers nachsagte, er habe nichts vergessen, aber auch nichts hinzugelernt. Es sei durchaus unrichtig, daß die Preisgabe aller Kriegserrungenschaften durch die Aufhebung der Diätenlosigkeit hätte bedingt werden können. Im übrigen wendet er sich gegen die Ausführungen des Reichskanzlers Grafen Bülow. Als lezter Redner er griff der nationalliberale Abg. Dr. Hasse das Wort, um furz zu protestieren, daß Abg. Spahn den Dant für die Aufhebung des Paragraphen 2 des Jesuitengetagte sich das Haus auf Mittwoch 1 Uhr.
Geflügelhofetzes auf den ganzen Reichstag ausdehne. Darauf ver
M. Becker, Weidenau- Sle 1. Bezugsquelle Legehühner et
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Bariete.
Vorstellung.
Das Kriegsgefpenft.
CB. jährlich, wenn der rauhe Föhn seine wilden Weisen singt und ein letztes Schauern durch die zum Leben neu erwachende Natur geht, machen sich auch in dem Nachrichtenteile der Zeitungen wilde Gewalten bemertbar. Ehe noch die erste Lawine zu Tale rollt und die Gießbäche, die von den Höhen stürzen, sich durch die sanft rieselnden Schneeabwässer verbreiten, rieseln schon unaufhörlich den Readktionen jene Nachrichten zu, die einen unter wilden Kriegswettern sich einführenden Völterfrühling im europäischen Orient antündigen. Denn lange genug, so heißt es dann, hat auf den christlichen Völkerschaften des Orients die erstarrende Schneedecke der absolutistischen türkischen Oberherrschaft gelegen. Wenn man sich diese Reformbestrebungen im Orient, die bald bet den Macedoniern, bald und zwar recht oft
bei den Armeniern auftauchen, ansieht, möchte man sich
fast darüber wundern, warum denn der türkische Groß herr nicht die scheinbar gerechten Forderungen erfüllt, indem er diesen Ländern eine beschränkte Selbständig keit und die Gleichberechtigung der christlichen Bevölke rung mit der mohammedanischen bei der Aemterbesetzung gewährt. Indes man muß die Dinge im Zusammenhange betrachten. Die mohammedanische Bevölkerung, die in dem Sultan auch zugleich ihr geistliches Oberhaupt er blickt, ist allein dem Großherrn treu. Würde die hohe Pforte den öffentlichen Einfluß an den anderen Bevölk: rungsanteil ausliefern, dann würde hierdurch jene Eifer sucht der Staaten untereinander rege werden, die heut schon in der Erwartung der Möglichkeit einer Liqui dation in der türkischen Oberherrschaft zum Kriege rüsten.
In allen derartigen Fragen spielen weniger die For derungen der Sittlichkeit und Menschlichkeit, als vielmeh der Staatsnotwendigkeit eine führende Rolle. Und für den türkischen Oberherrn ist eine möglichste Belassung de heutigen Zustandes unbedingtes Er ordernis zur Behaup tung des heutigen Besißstandes. Aus freien Stücken als. wird die Regierung in Konstantinopel feine Zugeständniss machen und so bleibt der einheimischen Bevölkerung in Balkan nichts anderes übrig, als die Waffengewalt.
Es wäre töricht, die Möglichkeit oder die Wahrschein lichkeit blutiger Unruhen im Orient, insbesondere in Ma cedonien zu leugnen. Selbst das ist nicht ausgeschlossen daß die Aufrührer im Süden durch Griechenland eine Unterstüßung erhalten, denn wenn der Türke aus dem Balkan hinausgeworfen wird, ist Streta, wenn nicht di Schußmächte eingreifen, der griechischen Gewalt schon hall unterworfen, weil dem Königreiche von Norden her keine Gefahr mehr drohen kann. Der Schuß Kretas aber ist den Mächten nicht Selbstzweck; sie erstreben nichts anderes als den Anfang der Liquidation im türtischen Besisstande an irgend einem Punkte zu verhüten. Ist diese aber im Fluß, dann ist Griechenland seinem Ziele näher. Bei der Verteilung des Erbes würde ihm streta zu a len, und man kann es daher begreisen, daß es durch sein Eingreifen den Gang der Dinge beschleunigen wi.l.
Ganz auderer Art sind die Kriegsrüstungen in Serbien. Sie dienen, wie die Dinge liegen, lediglich der Verteidigung gegen das etwaige Uebergreifen des Aufstandes auf Ser bien. Denn man beachte das eine: Weder Rußland noch Desterreich wollen einen Orientkrieg. Serbien fann wohl mit seiner Politik zwischen den beiden Kaisermächten pen deln, wenn diese uneinig sind, aber es kann unmöglich eine eigene Angriffspolitik gegen die Türkei betreiben, wenn diese beiden Mächte sie nicht wollen. Es ist ganz zweifellos sicher, daß sowohl auf Serbien, wie auch auf Bulgarien und Rumänien durch die Reise des Grafen Lambsdorff beruhigend eingewirkt worden ist. Troß des geplanten griechischen Hebeleingriffs ist also durch die Verständigung der beiden am Balkan interessierten Großmächte die Gefahr eines europäischen Kriegs nicht wahr scheinlich. Rußland braucht, um gemeinsam mit Frankreich im fernen Osten seinen langsamen Vormarsch gegen die Vorherrschaft Englands durchführen zu können, das Wohlwollen des Sultans. Wollte es sich in das Aben teuer eines Orientkriegs einlassen, so würde es England im Osten freie Hand geben. Immerhin aber können die Unruhen in Macedonien einen größeren Umfang anneh men, die auch Serbien in Schwingungen versehen können, weil die Dynastie Obrenowitsch täglich unbeliebter wird Aber der Kampf wird sich im Balfan austoben und viel leicht durch einige kleinere Zugeständnisse beendigt werden.
Aber wenn das auch nicht der Fall sein sollte, wir wären heute noch weniger daran interessiert, als beim russisch- türkischen Kriege von 1876, denn damals waren Rußland und Desterreich in feindlicher Stellung gegen einander; durch Desterreich aber konnte unsere Beteili gung herbeigeführt werden. Heute liegen die Dinge anders und es bleibt daher bei dem Spruche des Fürsten Bismarck: Für die Interessen im Orient sind uns die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers zu gut.
Mit dem für das Frühjahr drohenden macedonischen Aufstand rechnet auch die Türkei sehr ernstlich. Die türfische Militärnerwaltung rüstet sich eifrig für einen Frühjahrsfeldzug. Die Bahnverwaltungen erhielten Befehl, ausreichendes rollendes Material für gewisse Zwede bereit zu halten. Seit einigen Wochen wird auch Bulgarien von türkischen Spionen überschwemmt, die täglich über alle politischen Bewegungen im Fürstentum, besonders über den Grenzverkehr und die Truppendislokationen berichten. Die Pforte besorgt offenbar cive weitgehende Unterstützung des Aufstandes durch bulgarische Banden.
Die Politik.
Eine neue Dreyfuskampagne in Sicht! )-( In einer Versammlung französischer Wähler teilte fürzlich der Führer der französischen Sozialisten, Jaurès, mit. er babe in Sachen Dreyfus neues Material ge
jammelt und werde demnächst in der Deputiertenkammer Enthüllungen machen, die verschiedene Persönlichkeiten arg bloßstellen würden. Jezt kommt aus Paris die Nachricht, daß die Dreyfuspartei den ganzen Handel wieder ans Licht zerren will. Angeblich ist das ihr zur Verfügung stehende neue Material außerordentlich belangreich. Di neuen Enthüllungen sollen in etwa 14 Tagen erfolgen. Eine Streifkostenrechnung.
Eine Vorstellung davon, was große Streits der Ar beitervereinigungen fosten, bietet die eben erfolgte Abrech nung über den pennsylvanischen stohlenarbeiterstreit. Der Bund der amerikanischen Bergarbeiter zahlte an die strei fenden Kohlenarbeiter nicht weniger als 1 890 200 Dollars, nach deutschem Gelde fast acht Millionen Mart. Interessant ist auch die Tatsache, daß dieser Arbeiterverband, der am 1. Januar 1902 über rund 1097 000 Dollars Kassen bestand besaß, während des Streitjahres, obwohl also die Beiträge der Streifenden ausblieben, nicht weniger als 2 Millionen Dollars einnahm! Davon bestand 1 Million aus Gei Heufen, die dem Verband von Außenstehenden zur Unterstützung des Streifs, den die öffentliche Mei uung Ameritas billigte, zugewendet wurden! Das Bei spiel dieser amerikanischen Bergarbeiter erweist so recht, wie zutreffend jene Fabel von dem Bündel Pfeile ist, die man wohl einzeln zerfniden fann, die aber, zusammengebunden, auch der Stärkste nicht zu zerbrechen vermag.
12. Sigung.
Preussischer Landtag.
Baus der Abgeordneten.
Eigener Bericht.
Der Fall Löhning. Gleich zu Beginn der Beratung nahm beim Etat der Indirekten Steuern als erster Redner der Finanz minister Frhr. v. Rheinbaben das Wort, um sich aus führlich über den Fall Löhning auszusprechen. Er be jann mit der Erklärung, er habe sich auf die Breßpo polemik wegen dieser Affaire nicht eingelassen, weil dienst liche Gründe und die Tisziplin ihm verboten, mit Löhning in eine öffentliche Auseinandersetzung einzutreten. Er habe Löhning nahe gelegt, wenn er sein Verhalten für einwandfrei halte, ein Disziplinarverfahren zu beaniragen. Löhning habe ohne weiteres seine Pensionierung nachgesucht und dann ein Exposé an viele Beamten und andere Personen verjandi, das die Sachlage durch aus einseitig schilderte. Der Grund der Dienstentlassung Löhnings sei nicht der, daß er die Tochter eines Feld webels geheiratet habe. Löhning habe nur eine Rüg erhalten, weil er seine Verlobung nicht zur rechten Zeit angezeigt habe. Das Gespräch zwischen Löhning und dem Oberpräsidenten sei durchaus privat und vertraulich gewesen. Die Regierung verlange nicht, daß ihre Beamten stumme Diener seien und fein freies Wort äußern, aber die Beamten müßten unbedingt überall das nationale Bewußtsein stärken.( Beifall rechts.) Die Beamten in Po sen seien aufgefordert worden, sich an den Kommunalwahlen zu beteiligen. Dann habe der Provinzialsteuerdirektor gesagt, er fönne es seinen Beamten nicht ver denken, wenn sie einen Polen wählen, auch die Minderheit müsse vertreten sein. In allen nationalen Fragen hab: sich Löhning sehr passiv verhalten. Bei der Verkennung jeiner Kardinalpflichten mußte Löhning aus dem Amte entfernt werden, es konnte ihm auch kein anderes Ami übertragen werden. Redner habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Abg. Kindler( freis. Vp.) meinte, daß bei der Angelegenheit doch eigentümlich: Umständ mitgespielt hätten. Löhning habe ausdrücklich als Grand seiner Entlassung seine Verlobung mit der Feldwebeltochter angegeben. Auch der Geh. Rat Enfe habe Löhning darauf aufmerksam gemacht, daß der Minister über seine Verlobung erzürnt sei und seine Pensionierung beabsichtige. Löhning habe auch nur auf Drängen des Oberpräsidenten seine Bensionierung beantragt. Löhning habe sich nur geweigert, sich zu einer Wahlbeeinflussung herzugeben.( Sehr richtig! links.) Abg. Graf LimburgStirum( fons.) erklärte, gegen Löhnings Verlobung jei absolut nichts einzuwenden. Wegen seiner politischen Haltung habe Löhning aber entlassen werden müssen. Im gleichen Sinne sprach sich Abg. Frhr. v. 3 edliz( frf.) aus. Abg. Kirsch( Zentrum) erklärte, die Stellung Löhnings zur Bolenpolitik könnte kein Grund zur Entlassung sein. Abg. Dr. Sattler( nt.) meinte, im Osten herrsche großer astengeist und auch der Oberpräsident scheine noch davon befangen zu sein. Es sprach noch der Pole Schröder, dann trat das Haus in eine Erörterung des Beredelungsverkehrs und des Kartellwesens ein, die neue Gesichtspunkte nicht brachte. Die Einnahmen und Ausgaben des Etats der indiretten Steuern wurden hierauf bewilligt, dann vertagte sich das Haus auf Mittwoch.
Ein dem preußischen geordnetenhause zugegangener Gesezentwurf, betr. die Ausführung des Cachengesezes, erweitert die Anzeigepflicht für ansteckende Krant heiten erheblich.


