Ausgabe 
2.5.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 102.

Zweites Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatli 50 fg., in's Saus gebracht 60 Bfg., bur bie Beft bezogen viertels jährlich M. 1.50.

Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberhefftsche Beitschrift für Landwirtschaft, Ob- und Bartenban, sowie die Gießener Seifenblasen( wichent). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nemittags.

Samstag, den 2. Mai 1903.

Gießener

12. Jahrgang

Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wh ganz Oberbeffen, die Kreise Weslar und Marburg 10 Pfg fenft 15 Pfg.; Reklamen die Petitselle 30 resp. 40

Postzeitungsliste No. 3809.

Redaktion und Expedition: Gießen Rexenweg D Fernsprechenfin R, 368.

Nenelle Nachrichten

( siehener Tageblatt)

Knabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Hus der Reichshauptstadt.

\- Wandelbilder von Spectator.

Der Mai ist also doch gekommen. Wie ein Wirt, der seinen Gast schon mehrere Male vergebens erwar­tete, beitete sich der April dieses Mal mit großer Zu­rüdhaltung, mit Mißtrauen auf die Ankunft des Som­mers vor, und nun tönnen die üblichen Maihymnen zum blauen Himmel hinansteigen, wenn sich nicht wieder eine Wollenbede dazwischen schiebt, aus der hin und wieder ein fleines Sprißerchen auf die neuen Sommertoiletten flatscht. Durch die letzten Waschungen im April vorsichtig geworden, legt Berlin immer noch zögernd seine Sommergarderobe art. Jawohl, Berlin ist plößlich schüchtern geworden. Natur und Menschen trauen sich troß der zunehmenden Särme nicht recht mit ihrem Sommerkleid heraus. Und doch gibt es schon untrügliche Beweise dafür, daß der Sommer gekommen ist!

Da ist erstens das Buddeln! Mit den ersten Knospen beginnen auch die Berliner Straßen ,, aufzuspringen", zur Freude der eilenden Straßenbahnpassagiere. Besteigst du feßt einen der Elektrischen", die jetzt übrigens, wie bie Modejünglinge, alle eine neue Weste bekommen, die als Federweste bekannte Schußporrichtung, mit der bis­her nur einige bekleidet waren, so merkst du nach furzer Zeit an dem Tempo, das an das Dahinsausen einer Schnede ,, lebhaft"( wenn ich so sagen dars) erinnert, daß man auf gebirgiges Terrain gekommen ist. Oder hast du einmal besonders große Eile, dann passiert es dir sicher, daß du höflichst ersucht wirst, auszusteigen, um eine ganz gefährliche Passage zu Fuß zu nehmen, bis dich wieder auf zibilisierter Straße ein neuer Wagen aufnimmt.

Im Zeichen der Verkehrsstockung bekommt dafür der alte, schwerfällig sich dahinwälzende Omnibus, das Stief­find des Straßenverkehrs, neuen Lebensmut. Und das ist dem armen Kerl zu gönnen, der sich von den Fünf­pfennigstücken sparsamer Passanten und von dem Strecken­abfall der Straßenbahn, die alle guten Verkehrsstrecken an sich reißt, mühsam ernährt. So Rühsam, daß die beiden größten hiesigen Omnibusgesellschaften zu dem beliebten Sträftigungsmittel der Fusion greisen wollen. Nur ha­ben sie die Einigkeit, die stark macht, noch nicht gefunden.

Ein weiteres Sommersymptom sind die Bau- Unfälle. Richt nur die Eröffnung der Bausaison, sondern auch die Eitelkeit mancher Häuser, für den Sommer auch ein neues Gewand, einen frischer instrich, haben zu wollen, brin­gen es mit sich, daß zahlreiche Baugerüste in den Straßen das Leben der darüber und darunter befindlichen Men­schen gefährden. Abergläubische junge Mädchen natür­lich auch ältere gehen im großen Bogen um jedes Ge­rüft herum, weil das Darunterweggehen unbedingt zur Folge hat, daß sie keinen Mann bekommen. Nun weiß ich zwar nicht, wie die Baugerüste zu ihrer ehefeindlichen Tendenz gekommen sein mögen, das eine aber ist sicher, daß gerade den unter ihnen wandelnden Jungfrauen leicht ein Mann zufallen kann, freilich nicht in der ersehnten, erfreulichen Weise. Denn, wenn die ersten Blütenblätter von den Zweigen fallen, fallen auch die ersten Balken und andere kompakte Gegenstände von den Neubauten, und lei­der auch noch manch wackerer Arbeitsmann. Dank den modernen großartigen Bauwerken mit Fahrbahnen und Aufzügen, die den großen Neubauten zumeist als Gerüst dienen und deren Ausstellung fast so teuer ist wie ein klei­ner Neubau, haben sich die Unfälle freilich schon vermin­dert; aber die Häusermassen, die alljährlich in der Stadt und in den Vororten aus dem Boden wachsen, sorgen doch noch reichlich für die Zeitungsrubrik, Bau- Unfälle", für diese unwillkommenen Sommerbotschaften.

Zu den besonders freudig begrüßten Ereignissen, die hier den Beginn der schönen Jahreszeit markieren, gehört die Eröffnung der großen Berliner Kunstausstellung. Man darf hieraus nicht etwa schließen, daß der Berliner den ganzen Winter über nach den künstlerischen Genüssen lechzt, Sie ihm die zahllosen Säle des Ausstellungsgebäudes all­jährlich im Sommer bieten. Die Gemälde, Zeichnungen und Stulpturen lassen den größten Teil des Publikums fühl. Nicht Kunst zu fncipen fommt man hierher, sondern Bier, Militärmusik und frische Luft in dem prachtvollen Ausstellungspark. Gewissenhafte Besucher gehen zwar, da sie ja das Eintrittsgeld nun einmal bezahlt haben, durch Die Säle, um dann erleichtert und mit dem stolzen Bewußt­sein, auch etwas für die Kunst getan zu haben, in den Gar­ten zu treten und sich an den oben erwähnten Dingen wahrhaft zu erfreuen. Beim Bier braucht man sich ja nicht mehr zu verstellen, und man läuft auch nicht Ge­fahr, sich mit seiner Kritik zu blamieren.

Wenn die Kunstausstellung erst den Anfang gemacht hat, öffnet die Sonne auch die anderen großen- Bier­gärten mit Militärfonzert, und mit Paufen und Trom­peten hält der Mai seinen Einzug, und man wundert sich nur, woher alle diese Gärten die Militärkapellen her­nchinen.

Kunft und Wissenschaft.

FV. Der Kampf gegen die Schwindsucht. Vom 4. bis 6. Mai tagt zu Paris der internationale Vorstand für den

camp gegen die Luberiuloje, an dem von deutschen und österreichischen Gelehrten die Professoren v. Leyden, Frän­fel, Althoff, Pannwiß und Schrötter teilnehmen. Für die fremden Gäste sind große Feste und Einladungen in die Theater vorgesehen. Am 5. Mai findet in dem Konferenz­lokale, dem großen Saale der medizinischen Fakultät, eine öffentliche Sigung statt, in der der augenblickliche Zu­stand der in den verschiedenen Ländern zur Bekämpfung der Tuberkulose in Anwendung kommenden Mittel flar gelegt werden soll. Für den folgenden Tag ist ein Be­such des Instituts Pasteur und der Antituberkulosepoli­flinit Emile Roux in Lille geplant.

FV. Das Neueste vom Radium. Eine merkwürdige Eigenschaft des Radiums, das in der letzten Zeit so viel von sich reden macht, glaubt ein russischer Offizier ent­beckt zu haben; er schreibt darüber: Wenn man einen Brillanten oder Diamanten dem bromsauren Radium auf 12 Zentimeter nähert, so entwickeln diese Steine ein phos­phorartiges Leuchten, das sich bei weiterer Annäherung bes Radiums immer mehr verstärkt. Bei imitierten Stei­nen dagegen hat das Radium nicht diese Wirkung. Es ist daher leicht, mit Hilfe des Radiums echte Steine von falschen zu unterscheiden.

Vermischtes.

[ Einen neuen Rekord in der drahtlosen Telegraphie] hat der neue deutsche Lloyddampfer ,, Kaiser ,, Wil­helm II." erreicht. Er erreichte auf 210 englische Mei­fen Entfernung eine Verbindung mit dem Dampfer ,, Minneapolis". Das stellt alles, was bisher in der drahtlosen Telegraphie auf See erreicht war, weit in ben Schatten.

[ Wilhelm Busch und der Wein.] Der Stammtisch einer Weinstube in Eisenach hatte, wie der ,, Franks. Ztg." geschrieben wird, unserem berühmten Humoristen Busch zu seinem 71. Geburtstag am 15. April eine Flasche Thablis und einen schönen Pokal mit folgender Wid­mung übersandt:

,, Das schlimmste, dieser Eat steht fest, Ist, wenn mans Trinken unterläßt." Darauf ist von Busch aus Wiedensahl nachstehende lau­nige Antwort eingelaufen:

,, Ehedem, getreu und fleißig, Tat er manchen tiefen Zug. Erst, nachdem er zweimal dreißig, Sprach er: Jezo sei's genug! Von den Taten, wohl vol.brungen, Liebt das Alter auszuruh'n, Und nun ist es an den Jungen, Gleichfalls ihre Pflicht zu tun."

)[ Der Selbstmord eines Steinbodes] wird aus der be­rühmten Menagerie des Luftschlosses Schönbrunn bei Wien gemeldet. Prinz Heinrich Liechtenstein hatte dem Garten vor einigen Tagen zwei große Steinböcke vom Berge Einai zum Geschenke gemacht. Die Tiere schienen sich aber nicht wohl zu fühlen, denn sie waren sehr unruhig und machten wiederholt Versuche, aus ihren Käfigen zu entspringen. Plößlich tat nun der eine der beiden Єieinböcke einen hohen Luftsprung gegen das Git­ter, so daß er sich das Genick brach und mit den Hör­nern an den Eisenstäben tot hängen blieb.

[ Englische Könige in Nom.] Der Besuch des Königs von England im Batikan soll nunmehr bestimmt am 29. April stattfinden. Dabei sei auf die interessante Tat­sache aufmerksam gemacht, daß seit 1026 fein englischer König den Papst aufgesucht hat. Damals wohnte König Knut der Krönung des Kaisers Konrad II. bei. König Knut sandte von Rom einen ausführlichen Brief an alle Erzbischöfe, Bischöfe und Gläubigen seines Landes und berichtete über alles, was er in der ewigen Etadt erlebt und gesehen, und wie er von dem Papst empfangen worden sei; schließlich sagt er, er habe ein heiliges Gelübde geleistet, daß er fortan gut regieren und alles wieder gut machen wolle, was er etwa als Herrscher gefehlt habe. Dieses Dokument wird heute noch in den Staatsarchiven sorgsam aufgehoben. Vor Knut besuchte bereits König Ethelwulf Rom; derselbe pilgerte im Jahre 855 mit seinem Sohne Alfred nach Rom, um den Pe terspfennig persönlich dem damaligen Papste Leo IV. darzubringen. Er blieb, wie der Geschichtsschreiber Wil­liam von Malmesbury berichtet, ein volles Jahr dort und richtete die englische Schule wieder ein, die einige Jahre vorher von einer Feuerbrunst eingeäschert wor­den war.

[ Erhöhter ,, Tarif" für Ehebruch.] Große Bestürzung herrscht gegenwärtig unter den zahlreichen Pärchen, die sich vor der 8. Kammer des Pariser Zuchipolizeigerichts wegen Ehebruchs zu verantworten haben. Der Präsident Toutée, der über die Ehebruchsklagen zu entscheiden hat, hat nämlich nicht nur den bisher üblichen Tarif" von 25 Francs per Ghebruch auf 50 erhöht, sondern über­dies einem flatterhaften Gatten, der sich in den Armen seiner Kammerzofe hatte überraschen lassen, zur Zah­lung eines Echadenersazes von 1000 Francs verurteilt. Dieser Tarif" liegt nicht in aller Mittel und dürfte

watcheving zu Monahme des Ehebrucs bei

fragen.

[ Das Paradies der Scheidungsluftigen.] In einem amerikanischen Blatte konnte man jüngst folgende An­zeige lesen: Personen, welche sich scheiden lassen möch ten, finden in Kanton, Süd- Dakota, die größten Be­quemlichkeiten und die denkbar besten Mittel zur Er­leichterung der Scheidung. Diskretion, Schnelligkeit, be­deutende Geldersparnisse. Prächtige Hotels mit allen Be­quemlichkeiten der Neuzeit. Man verpflichtet sich allen, die es wünschen, gegenüber, die Scheidung bestimmt durchzusetzen; Bedingung ist nur, daß die Scheidungs­lustigen sich verpflichten, in Kanton für längere Zeit Aufenthalt zu nehmen. Wer nicht zufrieden ist, erhält sein Geld zurück. Anmeldungen müssen möglichst früh er­jolgen, da die Hotels überfüllt sind."

*[ Statuen berühmter Verstorbener nach lebenden Mo. dellen] zu formen, wird jetzt bei den Pariser Bild­hauern Mode. Vor einiger Zeit wurde berichtet, daß der Schauspieler Albert Lambert und der Stadtrat Paul Escudier für das Musset- Denkmal von Mercie Modell sizen. Das Alfred de Vigny- Denkmal, das der Bild­hauer José de Charmɔh gegenwärtig modelliert, wird aber diesen Rekord noch schlagen, da man darauf nicht weniger als drei echt Pariser Portraits finden wird: das des Bildhauers selbst, der in den Basreliefs des Sockels als schwermütiger Chatterton figurieren wird, und die der Schauspielerinnen Morenɔ und Bady, die als Eloa und Dalila( Gestalten aus de Vigny's Werken) ver­törpert werden sollen. Das ist eine reizende Mode; sie bewirkt, daß die Statuen der berühmten Toten bald die der bekannten Zeitgenossen sein werden. Die letzteren werden die Freude genießen, die öffentlichen Plätze als Bronzen oder als Marmorwerke zu schmücken.

[ Eine Million für ein- Dienstmädchen.] Der Chicagoer Millionär Farson erklärt sich in einer An­nonce bereit, einem Mädchen( nicht zu jung), das gewillt sei, in sein Haus einzutreten und bis zu seinem Ende als Etubenmädchen zu dienen, in seinem Testamente eine Million Dollars auszusetzen und dies ganz ab­gesehen von einem reichlich zugemessenen Löhne und Geschenken. Allerdings müßte die betreffende Donna das Ideal eines Mädchens im Einne Farsons sein; als erforderliche Eigenschaften werden unter anderen an­geführt: das Mädchen muß ,, ideal" servieren, den Gä­sten alle Wünsche an den Augen ablesen können, sie muß nie schmollen, sich aller vulgären Ausdrücke ent­halten, sie müsse flug sein und wissen, daß sie nur eine Dienerin sei. Eie darf nie zu Fremden von Fa milienangelegenheiten sprechen, muß besonders nett an­gezogen sein, eine gute Köchin, treffliche Wärterin sein und sich ihre Kleider- selbst machen. Die Chicagoer Hausfrauen meinen, daß der Millionär nicht in die Lage kommen wird, das Legat auszusetzen. Solche Mädchen gäbe es nicht.

[ Präsident Loubet als Regenmacher.] Herr Loubet gilt jezt bei den Arabern und Kabylen als ein Liebling Mohammeds und von Gott gesandter Prophet. Dieser Ruf, von dem sich der würdige Präsident der Republik gewiß nie hat träumen lassen, ist ihm zu teil gewor­den, weil infolge eines allerdings außergewöhnlichen Zufalls gerade während seines Aufenthaltes in Alge­rien die Dürre, die schon ernsthafte Befürchtungen be­züglich der Ernte aufkommen ließ, plößlich ein Ende nahm, und der Regen reichlich herabzuströmen begann. Die frommen Mohammedaner führten dieses Zusammen­fallen auf Allah zurück und haben Herrn Loubet den Titel der Freunde Allahs, die die Macht haben, den Regen heraufzubeschwören ,,, der Mann mit den grünen Eporen" belgelegt.

[ Gottesdienste auf den dächern] sollen demnächst in London in Mode kommen. Der Anfang soll in einem Hause in der City Road, in der Nähe des ehemaligen berühmten ,, Griechischen Theaters", gemacht werden, einem der ärmsten und meistbevölkertsten Distrikte der Metropole. Der Zugang zum Dache wird durch einen besonderen Zugang bon der Straße aus bewirkt werden fönnen. Es wird mit kleinen Bäumen, Sträuchern und Blumen bepflanzt werden, und es ist ferner in Aus­sicht genommen, von Zeit zu Zeit musikalische Abende zu beranſtalten.

2[ Eine wirkliche ,, Lebens"-Versicherung.] In Newyor! ist ein klub gegründet worden, dessen Zweck darin be­steht, jeder ihm angehörenden Dame bei jeder Geburt eines Kindes eine zwischen 200 und 600 Dollars vari­ierende Summe zu zahler. Die Mitglieder des Klubs ent­richten einen Beitrag von vierteljährlich einem Dollar und ein Eintrittsgeld von fünf Dollars. Außerdem müssen sie eine unter die verschiedenen Mitglieder gleichmäßig berteilte Quote zahlen, so oft einer dem Klub angehöri­gen Dame ein Kind geboren wird. Der ,, Newyork Herald" bemerkt dazu, daß das die wirkliche Lebensversicherung darstelle, während alle anderen Vereinigungen, die bis­her diesen Namen tragen, in Wahrheit eine Versicherung auf den Tod sind.