Ausgabe 
1.8.1903 Zweites Blatt
 
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[ Der mensurfrohe Professor.] Beim Stiftungsfeste eines Korps, dessen Philister er ist, hielt der Geschichts­prosessor an der Münchener technischen Hochschule Graf Du­moulin Ecart folgende Rede: In dem Augenblicke, in dem es feine Studenten mehr gibt, die den Speer( Schläger) schwin gen, verzichte ich auf das Lehramt." Weiter sagte er: Wahr­haftig, eine Schmarré ist oft mehr wert, als eine alte Scharteke. Manch geschwänztes Kolleg ist besser angewendet, als ein geschwänzter Fechtboden."- Diese Lehre werden sich die flotten Musensöhne nur zu gern zu Herzen nehmen.

[ Der Ortsgendarm als Theaterkapelle.] In einem kleinen thüringischen Marktstecken gastiert zur Zeit eine herumziehende Theatertruppe, deren Komiker zu seiner Benefizvorstellung für das p. t. Publikum eine ganz besondere Lochspeise erdacht hat. Der Theaterzettel teilt mit: Aus Gefälligteit für den Benefizianten wird der Herr Orts. gendarm in den Zwischenatten einige Vorträge auf der Zich. Harmonita in Uniform zum besten geben!" Wer könnte solcher Lockung widerstehen!

[ Eine originelle Lehrerwahl] hat in Arzier, einem fleinen schweizerischen Dorf, stattgefunden. Früher war es wohl Brauch, daß eine Kommission eine strengere Prüfung der Kandidaten vornahm, jetzt ist man davon abgekommen, man hält das Lehrpatent für einen genügenden Fähigkeits. ausweis. Da aber, wenn nur ein Lehrer zu wählen ist und viele sich um den Posten bewerben, eine Auswahl getroffen werden muß, verfielen die Gemeindebehörden von Arzier auf einen eigenartigen Ausweg. Die Herren Kandidaten wurden auf einen Samstagabend zu einem Essen geladen. Sie sammelten sich um eine wohlgedeckte, mit Getränken stärkerer Sorten reichdotierte Tafel, und die Prüfung begann. Die Herren Eyaminanden gaben sich ihr mit so viel Eifer und Behagen hin wie die Herren Graminatoren. Die Kandi­daten wetteiferten in liebenswürdigen Darbietungen, dekla­mierten, trugen Lieder vor und hielten Reden, und als jeder solcherweise Proben seiner Begabung und seiner Fähigkeiten abgelegt hatte, und als die Herren Gemeinderäte und Kom­missionsmitglieder hinreichend erleuchtet waren, ward zur Wahl geschritten. Sie fiel auf Herrn Dutoit, einen der jüngsten Bewerber. Voller guter Laune gab der Gemeinde­präsident den tafelnden Kandidaten Kenntnis von der Wahl, darauf wurde jedem der Nichtgewählten als Reiseentschädi­gung ein blankes neues Goldstück in die Hand gedrückt und - das Fest ward fortgesetzt...

[ Ein freundlicher Warner.] Die Lauschaer Zeitung" enthielt kürzlich folgende Anzeige: Ich warne hiemit jeden, der Lust zum Heiraten hat, sich eine solche Schwiegermutter anzuschaffen, wie ich eine habe, da kann man Geld los wer­den."( Folgt Unterschrift.) Die Schwiegermutter muß übrigens noch gar nicht einmal so schlimm sein. Wo nähme sonst ihr Schwiegersohn den Mut her, sie öffentlich anzu­greifen?

[ Eine praktische Schülerfahrt] machen gegenwärtig Schüler von der Realschule zu Basel. Sie durchwandern, 150 Mann start, während 14 Tage den Jura. Sie führen zwei Wagen mit sich, einen für das Gepäck und den anderen für Proviant und Küche. Alles ist auf militärischem Fuß eingerichtet. Die junge Mannschaft schläft auf Stroh, und als Essen wird geboten: morgens Schokolade oder Kaffee mit Brot, mittaas: Subve, Fleisch und Gemüſe. Kein alfo­

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holisches Getränk. Die Kosten der Reise sind auf 36 Frrs. für jeden Teilnehmer berechnet.

[ Die Röntgenstrahlen im Dienst der Schuhmacherei.] Auf der Dresdener Städteausstellung ist von der Fachklasse für Schuhmacher der städtischen Fortbildungsschule zu Sottbus eine eigenartige Sammlung von Röntgenphoto­graphien ausgestellt. Da sieht man zunächst die normale Rage aller einzelnen Fußknochen am bloßen Fuße, kann bercits deren durch einen dünnen Strumpf bewirkte leichte Zusammenpressung deutlich wahrnehmen, sieht das Fort­schreiten des Druckes bei einem normal passenden Stiefel und endlich die völlig veränderte unnatürliche Lage aller Zehen in zu engem Schuhwert. Das Ganze spricht eine sehr beredte Sprache, aber ob dadurch gegen die menschliche Eitel­feit mit Erfolg anzufämpfen sein wird?

[ Gin amerikanisierter Chinese.] Herr Wu- Ting- Tang, der frühere Gesandte Chinas in Washington, der im vorigen Jahre abberufen wurde, um, wie man damals allgemein glaubte, einen weit wichtigeren Posten im Dienste seiner Regierung zu erhalten, scheint infolge seiner Amerikani­sierung" vollständig in Ungnade gefallen zu sein. In einem an das Ver. Staaten- Ministerium der auswärtigen An­gelegenheiten gerichteten Bericht teilt Herr Conger, Amerikas Gesandter in Peking, mit, daß Wu jüngst zum zweiten Ge­hilfen im Korps der Untersekretäre ernannt wurde. Das ist natürlich eine Beförderung nach unten", und um das Mitleid abzuschwächen, das Wus amerikanische Freunde bei dieser Nachricht empfinden müssen, fügt Conger rasch er­klärend hinzu: Die Stellung hat allerdings verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Amt eines Tintenflecksers; aber der chinesische Minister der auswärtigen Angelegenheiten kann bei passender Gelegenheit von Wus Erfahrungen in Aus­landssachen großen Nußen erzielen."- Wer weiß aber, wann diese Gelegenheit kommt!

A[ Leo XIII. und Kardinal Jacobini.] Ein römisches Blatt teilt eine hübsche Anekdote mit, wie der verstorbene Papst dem bei ihm in hohem Ansehen stehenden Kardinal Jacobini auf seine Weise eine Lehre erteilte. Jacobini hatie eine schwache Seite, und das waren seine Perrücken, mit denen er die völlige Kahlheit seines Kopfes verdeckte. Die erste dieser rotblonden Kunstwerfe trug der Kardinal am Anfange eines jeden Monats; dann folgte später die zweite, deren Haar einige Centimeter länger war, und am Ende des Monats hatte der Kardinal mit der dritten Perrücke einen so üppigen Haarwuchs erlangt, daß es notwendig schien, den Friseur rufen zu lassen. Am folgenden Tage wurde dann mit dem neuen Monate wieder die erste Perrücke in Gebrauch genommen, so daß es den Anschein hatte, als ob sich Se. Eminenz hätte das Haar schneiden lassen. So ging es viele Jahre hindurch. Dem feinen Beobachter Leo XIII. war das gerade nicht angenehm, er konnte aber dem sonst sehr tüchtigen Würdenträger gegenüber wegen dieser kleinen Sünde feine Bemerkung machen. Allein es bot sich eines Tages doch hierzu günstige Gelegenheit. Als nämlich Jaco­bini sich am Schlusse einer Audienz vom Papste verabschiedete. nachdem er ihn wegen seines frischen, jugendlichen Aussehens beglückwünscht hatte, sprach Papst Leo XIII. mit feinen Lächeln, indem er ihm die Hand zum Kusse überließ: Emi­nenz, es ist Zeit, grau zu werden!"

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Aus dem Gerichtsfaal.

§. Der Zusammenstoß des Kreuzers Freya" mit dem Tender Brummer" am 15. November 1902 trug gestern vor dem Oberkriegsgericht in Kiel dem Kapitän 3. S. Ja cobsen drei Tage Kammerarrest ein. Jacobsen war in erster Instanz freigesprochen worden, das Reichsmilitärgericht hatte das Urteil aber wieder ausgehoben.

§ Wegen Soldatenmis handlungen in 366 Fällen wurde der Unteroffizier Dunkel vom Infanterieregiment Nr. 17 in Mörchingen zu Jahren Gefängnis und Degradation verurteilt. Zur Anklage standen, wie erinnerlich, nicht meniger als 568 Fälle. Im Zusammenhang mit dieser Affäre erhielt Leutnant Stahl eine Woche Stubenarrest, weil er dienstliche Meldungen unterlassen hatte. Leut­nant Schrader vom 27. Infanterieregiment in Halberstadt wurde wegen Mißhandlung und wiederholter Nichtbefol­gung von Dienstvorschriften, wodurch das Leben Unter­gebener gefährdet war, zu zwei Monaten Festung, ein Unteroffizier desselben Regiments wegen Mißhandlung Untergebener zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. In Braunschweig wurde der Sergeant Warnecke wegen Miß­handling Untergebener und Meineids zu 5 Jahren Ge­fängnis und Entfernung aus dem Heere verurteilt.

§ Ein netter Arzt muß der Dr. Braun aus dem hessischen Orte Herbstein sein. Er wurde wegen grober Fahrlässig­feit bei einer Entbindung zu 300 Mart Geldstrafe und 80 Mark Buße an die Verletzte verurteilt. Ein Begutachter erklärte, zu seinem Bedauern müsse er sagen, daß ihm ein Landarzt wie der Angeklagte, der das einfache AVC der geburtshilflichen Kunst, über welches jede Hebamme verfüge, nicht kenne und auch nicht anwende, in seiner langjährigen Praxis noch nicht vorgekommen sei.

§ Massendiebstähle in österreichischen Schnellzügen bilden den Gegenstand eines Riesenprozesses, der demnächst in Krakau zur Verhandlung kommen wird. Nicht weniger als 14 Eisenbahnkondukteure sind des Diebstahls von Ju­welen und Wertpapieren angeklagt. 220 Beugen aus Desterreich, Deutschland und Rußland sind dazu geladen. Gegen die Verwaltung der Bahn schweben zahlreiche Civil­prozesse seitens der Geschädigten.

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Verstorbene gepflanzt hat.

Nr. 178

Famil

Samstag den 1. Auguſt

1905.