0000000 Nr. 77. Zweites Blatt.
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Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Boft bezogen vierteljährlich Mr. 1.50,
Gratisbellagen: Oberbeffische Familienzeitun,( täglich) Cberheffische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmittags.
Mittwoch, den 1. April 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Zusercionsprei d: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wi ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg fenft 15 Vfg.: Reklamen die Petitjeile 30 resp. 40 fe
Boftzeitungslifte No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Nenenweg 90 Ferusprechenschink Ar, 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszettung
( Gießener Beifung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Hus dem Gerichtsfaal.
§ 8weimal freigesprochen. Der Husarenunteroffizier Degen in Kassel, der, wie erinnerlich, beschuldigt war, jeine Braut in die Fulda gestoßen zu haben, ist jetzt zum meitenmal vom Kriegsgericht freigesprochen. Bekanntlich hatte sich Degen schon einmal wegen dieses Mordver juchs zu verantworten gehabt, war aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Die Aussagen seiher Geliebten, auf denen die Anklage basierte, wurden Dom Gericht für unglaubwürdig erklärt. Der Vertreter Der Anklage hatte sechs Jahre Zuchthaus beantragt.
§ Der Freispruch im Primusprozeß. Die beiden Führer des Dampfers der Hamburg- Amerifa- Linie ,, Hana", die nach der Anklage der Altonaer Etaatsanwalt. chaft die furchtbare Katastrophe des Vergnügungsdam pfers ,, Primus" herbeigeführt haben sollten, sind nach achtlägigen Berhandlungen freigesprochen worden. Damit ist tin eigenartiger Konflikt gelöst worden. Beide angeklagte Eeeleute waren schon vom Hamburger Seeamte freige sprochen, troßdem von der preußischen Staatsanwalt schaft unter Anflage gestellt worden. Der Staatsanwalt erklärte jetzt, daß er sich von der Grundlosigkeit der Anflage überzeugt habe, und beantragte selbst die Frei prechung.
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Kleine Gerichts- Chronit. Der neapolitanische Unterjuchungsrichter Consenza verwies den mehrerer Eitt
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neapolitanische Tribunal.
Gegen einen der in dem Nardenkötterschen Prozeß fompromittierten Apotheker ist Anllage wegen Verge hen gegen die Apothekerordnung erhoben worden.
Vermischtes.
[ In der Verwirrung.] Von der letzten Anwesenheit Raiser Wilhelms in Bremen wird eine tragikomische Anetbote von einer peinlichen Entgleisung berichtet, die dem Vertreter eines transatlantischen Staates bei der Begrüßung des Monarchen passierte. Der Herr war vor furzem vom Kaiser mit einem Orden beehrt worden. Unwillkürlich suchte das kaiserliche Auge das letzte Zeichen seiner Gunst unter den vielen anderen Ehrenzeichen, ohne es jedoch erblicken zu können. Bei einem furzen Gespräche fragte der Kaiser selbst nach dem Orden. ,, Majestät," tammelte schrecklich verlegen der Angeredete ,,, den trag' ich nur bei besonders feierlichen Anlässen." Was der Kaiser geantwortet hat, ist nicht bekannt geworden.
£[ Eine Bierrevolution.] Zu Polepp bei Leitmeriz hat man vor kurzem die Biersteuer eingeführt, worauf die Wirte die Bierpreise erhöhten. Damit aber war ein großer Teil der Bewohner nicht zufrieden und beschloß, sämtliche Wirte des Dorfes, welche erhöhte Bierpreise verlangten, zu boykottieren. Eie gingen in die Nachbarorte, wo das Bier billiger zu haben war. Jeden Sonntag zogen die Bewohner nach auswärts. Am vergangenen Sonntag wurde wieder eine Bierreise unternommen. Die Zahl der Teilnehmer betrug etwa 300 Personen, so daß die Wirte das Nachsehen hatten. Der eine Wirt konnte es jedoch nicht mehr überwinden und schickte den Biertrinkern eiligst einen Boten nach mit der Meldung, daß er das Bier nach dem früheren Preise wieder verabfolgen lassen wolle. Um sich zu überzeugen, kehrten sämtliche Teilnehmer zurüc zu dem Wirte, der auch bereitwilligst das Bier zu früheren Preisen verschänkt. Jetzt herrscht wieder gutes Einvernehmen zwischen Wirt und Gästen.
:::[ Ein moderner Riese] hat sich dieser Tage der Berliner Anthropologischen Gesellschaft vorgestellt. Es ist ein ießt 22 Jahre alter, aus Witebst stammender Herr namens Martelot, der nicht weniger als 2,39 Meter hoch ist, somit zu den größten der bisher bekannt gewordenen Leute zählt. Martelot entstammt einer Familie, deren andere Mitglie der normal sind, und war auch bis zu seinem 4. Lebensjahr ganz normal; mit 15 Jahren hatte er die Größe von 1,57 Meter erreicht. Während seines schnellen Wachstuins hat er sehr viel geschlafen, oft 24 Stunden hintereinander; auffallenderweise war sein Appetit gering. Er befindet sich in Berlin wegen eines Fußleidens in ärztlicher Behandlung und acdenkt, sich demnächst zu verheiraten.
£ Jad der Ausschliser entdeckt? Hervorragende Lɔnboner Kriminalisten glauben in Chapman alias Losowski, der wegen Vergiftung dreier Frauen vergangene Woche zum Tode verurteilt wurde, den lang gesuchten berüchtigten Jack the Ripper gefunden zu haben. Wie erwiesen ist, begannen die mysteriösen Frauenmorde in London unmittelbar nach Klosowskis Ankunft in England im Jahre 1888, und als Klosowski zwei Jahre später auf furze Zeit nach Amerika ging, tauchte auch Jad the Ripper in Newyork auf. Weitere Gründe für diese Theorie der Polizei sind, daß Klosowski während seines ersten Aufenthaltes in London in der Vorstadt Whitechapel wohnte, wo bekanntlich die meisten dieser Morde verübi wurden, und schon damals wurde die Vermutung ausge sprochen, der Mörder müsse medizinische Kenntnisse be lessen haben, wie sie Klosowski tatsächlich erworben hat
Schließlich handelte es sich damals wie bei den jüngsten Verbrechen um Lustmorde. Klosowskis Hinrichtung findet am 7. April statt. Die Polizei hofft, daß er bis dahin die Whitechapeler Morde eingestehen wird.
Sich selbst gerichtet hat der bisherige englische Ober befehlshaber auf Ceylon, General Macdonald. Er erscho sich in einem Pariser Hotel. Der General sollte, wie gemeldet, vor ein Kriegsgericht gestellt werden, weil er gefangene Buren mißhandelt und außerdem schwere Sitt lichteitsverbrechen begangen haben soll. Schuldbewußt. sein und Furcht vor schwerer Strafe haben den General in den Tod getrieben. Macdonald war ein befähigter Führer, der sich in vielen Kolonialkriegen auch durch persönliche Bravour ausgezeichnet hat.
)( Der Pariser Antiquitätenschwindel. Ter Odessaer Boldschmied Rachumowski, welcher bisher jeden Anteil In der vielbesprochenen Tiara des Saitaphernes leugnete, gesteht jetzt die Autorschaft zu und erbietet sich, den wahr. heitsbeweis dafür in Paris anzutreten.
‡ Nachricht von einer Polarexpedition. Das Entsatzfahrzeug für das antarktische Forschungsschiff ,, Discovery" st nach Littleton( Neuseeland) zurückgekehrt. Es traf die Discovery" am 23. Januar in der Mac Murdo Bai ( Viktorialand) an. Mit Ausnahme einer Person, welche gestorben ist, wurde auf den Schiff alles wohlauf ge funden. Der Führer der Discovery", Scott, ist mit zwei Begleitern 94 Meilen weit südwärts vorgedrungen, hat bei 80 Grad 17 Minuten südlicher Breite und 163 Grad westlicher Länge Land erreicht und auf diese Weise den Rekord für die südliche Polarregion aufgestellt.
£ Eine furchtbare Explosionskatastrophe wird aus Hoyerswerda i. S. gemeldet. Dort flog auf der Grube Saronia ein Kessel in die Luft, wobei mehrere Arbeiter getötet wurde. In einem Augenblick standen die ganzen Lagerschuppen und Verwaltungsgebäude in hellen Flammen. Die gesamten Feuerwehren der Nachbarschaft mußten den Kampf mit dem rasenden Element ausnehmen.
Das Beste aus den Witblättern. Beim Examen. ,, Und, Herr Kandidat, wie schüßen Sie sich gegen bakterien haltiges Wasser?"- ,, Erstens foche ich es, zweitens filtriere ich es!"- ,, und drittens?"- ,, und drittens: trinke ich Bier!"
-
Starke Veränderung. A.:,,Der junge Baron scheint ein recht harmloser Mensch zu sein!" B.: Jeßt nicht mehr er hat seit gestern ein Automobil!"
Boshaft. Kellner, haben Sie Hasenbraten?”— Ich muß erst nachfragen!"- ,, Also machen Sie einen Kazensprung in die Küche."
Einfach. Madame: ,, Haben Sie mit Ihrer leßten Herrschaft etwa einen Wortwechsel gehabt, daß Sie so schnell den Dienst verlassen?" Dienstmädchen: ,, Nicht ' ne Silbe! Ich hab' sie einfach in die Badestube eingeschlossen, hab' meine Sachen zusammengepackt und bin bann in aller Ruhe und Frieden abgezogen!"
- Verwünschung. V igelstein( im Streite mit seinem wucherischen Gläubiger): Zu Eseu sollste werden und umsonst wuchern müssen!"
Verfehlte Wirkung. Er: Ich muß dich auf. merksam machen, Mathilde, daß drei Viertel meines Ge haltes für deine Schneiderrechnung aufgeht!"- Sie: ,, Aber ich bitte dich, Emil, was machst du denn mit all dem übrigen Geld?"
- Der Weinpantscher. Kommis: ,, Herr Prinzipal, Johann hat schon wieder ein Faß Wein abgehen lassen, ohne Wasser hineinzuschütten!" Weinhändler: ,, Was ist denn nur mit dem Menschen? Früher ist das nie borgekommen da war er viel gewissenhafter!"( Fl. Bl.)
Dankbar. Herr: ,, Hier haben Sie etwas... und dann hätt' ich auch Arbeit."- Bettler: ,, Schön, ich werd' Ihnen einen herschicken."
Zukunftsbild. Studentin: ,, Servus, Vetter, Commst du mit zu unserem Frühschoppen?"- Vetter: ,, Wo denkst du denn hin, ein anständiger junger Mann unter lauter Damen!"
- Gut erzogen. Köchin:„ Ein schlaues Vieh ist doch der Hund von meinem Bräutigam; sowie er den Schritt von der Gnädigen hört, springt er in den- Küchenschrank!"
Deshalb. Afrikareisender: ,, Sie werden sich wohl wundern, daß Sie hier an den von mir erbeuteten Löwenfellen keine Schußbeschädigungen entdecken können?"- Besuch: O, gar nicht, die Viecher sind jedenfalls vorher, sobald sie Ihrer ansichtig wurden aus der Haut gejahren." ( Megg. H. Bl.)
Lokales.
Gedenktafel für den 1. April.
- 1897.
410. Rom geplündert.- 1814. Der französische Senat beschließt die Absehung Napoleons. 1815. Bismard 1871. Kampf vor Paris gegen die Kommune. Die Jugendschriftstellerin Thekla von Gumpert t.
A. Der Berein zur Hebung der Fremdenzufuhr hat in seiner letzten Versammlung beschlossen, die Gießener Dienstmänner im modernen Verkehr mit den Fremden ausbilden zu lassen. Zu diesem Zwecke ist der hier bestens bekannte Frankfurter Tanz- und Anstandslehrer 2. Jrpa I. gewonnen und werden von morgen ab täglich um 8,42 und 3 Uhr am Bahnhof Uebungen abgehalten.
A. Wie wir hören, ist es durch Vorstellungen seitens des hiesigen Denkmalvereins erreicht worden, daß bei den jezigen Sanalbauten, an den Stellen wo für später ein Denkmal vorgesehen ist, die Fundamente hierfür mit den Kanalarbeiten errichtet werden. So hat man in der Bahnhofstraße, Ecke Weftanlage, die Fundamente für ein Denkmal zum Andenken an die Kriege gegen die Kanalisation gefallener Stadtbachratten vorgesehen.
A. Folgen des langen Winterfrostes. Obgleich man um das Liebig"-Denkmal einen gegen die schlechte Witterung schußenden Raften errichtet hatte, fand man bei dessen Entfernung, daß das Denkmal über Winter stark gelitten hat. Da auch die übrigen Denkmäler starf gelitten haben, ist eine Kommission anerkannt tüchtiger Fachleute zusammengetreten, um diesen Uebelständen abzuhelfen. Einige Vorschläge z. B. Anziehen wasserdichter Kleider, Einfetten mit Vaselin oder Krebsfett u. dgl. m. wurden fallen gelassen. Doch fand der Vorschlag eines Nürnberger Professors der Mechanik einstimmigen Beifall. Hiernach sollen die Fundamente der Denkmäler in große Gruften umgebaut und mit elektrischem Hebewert ausgestattet werden. Von diesem Hebewerk gehen nun die elektrischen Drähte nach der Centrale und ist es dem dorten stationierenden Denkmälerversenkungsrat durch den Druck auf einen Knopf möglich, in einem Augenblick sämmtliche Denkmäler verschwinden zu lassen.
A Jn aller Stille hat sich ein für Gießen äußerst besonderes Ereignis vollzogen. Durch die Emsigkeit der GießenMarburger Städtebund- Kommission ist der Bau einer Gießen Marburger elektrischen Kleinbahn gesichert. Da man bei den Gemeindevorständen der von der Bahn berührten Ortschaften bereitwilligstes Entgegenfommen fand, ging der Geländeankauf außer bei zwei Barzellen, bei welchen schon das Enteignungsverfahren eingeleitet ist, flott von statten. Morgen beginnt auf der Frant furterstraße der Schienenanfuhr und können sich Arbeiter dort um 11 Uhr bei dem Gießen- Marburger elektrischen Kleinbahnmaterialien Kontrolleur melden.
A Neueste Müllabfuhr. In Folge der bisherigen nicht mehr der Neuzeit entsprechenden Einrichtung der städt. Müllabfuhr ist man durch die Idee der pneumatischen Müllabfuhr, wie solche schon in größeren Städten wie London, Burdehude, Rixdorf u. s. w. besteht, gekommen. Die dazu nötige Luftleitung soll in die Kanalgräben mitverlegt werden. Die Luftpumpstation soll zwischen Krofdorf und Launsbach zu stehen kommen. Sämmtliche Müll- und Hausabfälle werden nach Fertigstellung der Anlage in die an, oder in den Häusern angebrachte Luftschächte geschüttet und vermittelst einer elektrischen Luftpumpe nach der Luftpumpstation abgesogen. Dort wird die Masse in dem daselbst errichteten Verbrennungsofen verbrannt. Die Asche wird zu Dungzwecken verkauft. Diese Angelegenheit war in der Stadtverordnetensizung vom 29. Februar bereits durch beraten worden und soll in der nächsten Sigung fester Beschluß gefaßt werden. Morgen sind die Zeichnungen und Modelle dieser Anlagen im Museum am Denkmal im unteren Flur ausgestellt.
ung.
Im Himmelreich
nennt die bekannte Schriftstellerin S. Kyn ihren Originalroman, mit deffen Veröffentlichung wir morgen nach Beendigung des laufenden in unserer täglichen Unterhaltungsbeilage beginnen. In die vornehme, traulich- geheimnisvolle Stille eines alten deutschen Patrizierhauses, wie sie in unseren Hansastädten so vielfach als Zeugen einer großen Vergangenheit in die leichtbewegliche Gegenwart hineinragen, führt sie Nach Altväter Sitte trägt es über den schweren Toren seinen Nameu: Im Himmelreich, den ihm dereinst bei seiner Erbauung ein junger Gatte gegeben, der seines Herzens Königin über die gastliche Schwelle geleitete und sich mit ihr zusammen ein neues Eden erträumte. Und jetzt? Hinter den grauen Mauern, die ein irdisches Paradies einschließen sollen, lauern finstere, dämonische Mächte, die das " Himmelreich" in eine Hölle auf Erden verwandelt haben. Aber vor einer lichten Mädchengestalt voll echt weiblicher Bartheit und stolzer Würde, die im Mittelpunkt der Handlung steht, müssen sie nach hartem, spannenden Kampfe weichen, und das alte Patrizierhaus verdient wieder mit Recht seinen traulichen Namen:" Im Himmelreich".


