Ausgabe 
28.8.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 199.

Zweites Blatt.

Donnerstag, den 28. August 1902.

Nov- nement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ins Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

11. Jahrgang.

Jufectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 fg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Ferusprechanschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'ſche Buchdruckerei,( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

Politische Nachrichten.

Berlin, 27. Aug. Die Kaisermanöver im nächsten Jahr sollen in der Provinz Sachsen statt finden und zwar sollen daran das 4. und das 10. Ar­meeforps teilnehmen.

Berlin, 27. Aug. Für die geplante Theaterfahrt deutscher Künstler nach Paris hat Präsident das ihm angetragene Protektorat innerhalb Frankreichs angenommen und den Empfang der Teilnehmer an der Fahrt im Elysee zugesagt.

Loubet

Berlin, 27. August. Aus Paris wird telegraphict: Der ehemalige Staatssekretär von Transvaal, Heiß, machte hier vor seiner Abreise nach Amerika über die in London seitens der Buren geltend zu machenden Ansprüche folgende Mitteilungen: Auf 500 Millio nen Francs belaufen sich unsere Kriegs­schäden. Die englischen 75 Millionen Francs sind lediglich zur Einlösung der bis auf das Fundament zerstörten Farmen bestimmt. Die von den Engländern vollständig ausgeplünderten, ihrer Habe und ihres Viehs beraubten Landleute bleiben völlig unberück sichtigt. Nach Ansicht der Burenführer müßte der Kontraft von Vereeniging einen den traurigen Ver­hältnissen entsprechenden Zusaz erhalten. Die volle Wahrheit über das Zustandekommen jenes Vertrages werde übrigens in fürzester Zeit Kestell in einem Buche bringen, welches in französischer, englischer, deutscher und holländischer Sprache erscheinen wird.

Aus Hessen und Nachbargebieten. ** Mainz, 25. August, Gestern Abend wurde auf der Messe ein Mann verhaftet, der im Gedränge mit einer langen Nadel Frauen und Mädchen stach. Eine Erklärung über seine Handlungsweise fonnte der Verhaftete nicht abgeben.

** Wiesbaden. Unter dem Vorsize des Landeshaupt­manns Sartorius, fand am Samstag die 25. Sigung des Vorstandes der Landwirtschaftskammer statt. Für die Hebung des Weinbaues und zur Veranstaltung von Wingerkursen hat der Winister die Summe von Wet. 500 zur Verfügung gestellt, wenn die Kammer dasselbe thut. Der Vorstand beschließt demgemäß Mt. 500 zur Abhaltung von Winzerfursen zu genehmigen, so daß für diese Einrich tung nunmehr Mt. 1000 zur Verfügung stehen. Die Ver­teilung von Prämien an Gemeinden zur Vertilgung des Heu­und Sauerwurmes mußte mit Rücksicht auf die unzuläng­lichen Wettel abgelehnt werden. Ferner wurden bewilligt dem Nass. Obst- und Gartenbauverein Wif. 600 und dem 8. landw. Bezirksverein Met. 180 zur Deckung der Kosten bei Einführung von Saatgut. Ein Antrag den so

wertvollen nassauischen Rotweizen zu einer größeren Ertragsfähigkeit heranzuziehen, wird genehmigt und es werden dafur wit. 400 bewilligt. Im weiteren trifft der Vorstand Bestimmungen über die Verwendung der noch verbleibenden Wittel für Anbauversuche und nimmt sodann die Beschlüsse des Ackerbau- Ausschuſſes zur Kenntnis. Für die Allgemeine heit von größerer Bedeutung ist dabei ein Beschluß des Vor­standes, wonach der Plenarversammlung der Kammer vor= geschlagen werden soll, die Obst- und Weinbaulehrer des Bezirks auf die Rammer zu übernehmen, wenn die vor­handenen Wutel vom Ministerium und Kommunalverbande an die Kammer überwiesen würden. Weiter soll in den nächsten Etat ein Posten für Vogelschutz eingeschäßt werden. Auch sollen die zuständigen Stellen ersucht werden, bei Konsolidationen die Hecken und Sträucher, sofern andere Niftgelegenheit für nußliche Singvögel nicht vorhanden, mehr zu schonen als dies bisher der fall war. Der Erlaß einer Pouzeiverordnung, betr. die Anzeigepflicht für die Infiuenza der Pferde ist vom zuständigen Seuchen­ausschuß wenigstens für das platte Land nicht befürwortet worden. Dagegen soll die Anzeigepflicht in größeren Städten eingeführt werden, und auf alle Fälle sollte dahin gew.rft werden, daß die Sperre nur auf die thatsächlich erkrankten Tiere ausgedehnt würde. Die Farbwerte von Weister Lucius u. Brüning in Höchst hatten der Landwirtschaftskammer mitgeteilt, daß sie ein sicher wirkendes Serum gegen die Maul- und Klauen­jeuche gergestellt hätten. Der Vorstand beschließt, zunächst Erkundigungen einzuziehen, wie lange die Immunitat der Tiere andauert. Die Beschlüsse der Geflügelzucht- Kommission werden genehmigt, und der Vorschlag, beim Minister die An­stellung eines Wanderlehrers für Geflügelzucht zu beantragen, wird angenommen. Die Bewilligung eines dauernden Bu­

schusses von 1500 Mt. für die Betriebskosten einer Ver­suchsmüllerei und Bäckerei in Berlin wird unter dem Hin­weis auf den Mangel eines etatsmäßigen Postens hierfür und mit Rücksicht auf die Höhe der geforderten Beihilfe ab­gelehnt. Das durch jahrlange Bemühungen der Landwirts­fammer endlich erzielte Erscheinen eines Vieh- Kursbuches soll in möglichst weitgehendem Maße befannt gemacht werden. Für das errichtete Raiffeisen- Denkmal wird ein Beitrag von 100 Met. bewilligt. Ein Schreiben des Regierungspräsi­denten, betr. die Abgabe von Wald- und Laubstreu, soll das hin beantwortet werden, daß zufolge des Kurzbleibens der Sommerfrucht die Hergabe von Waldstreu notwendig werden würde, und daß die Torfstreu einen Ersatz für das fehlende Streumaterial deswegen nicht bilden könne, weil sie bei Stieumangel immer zu teuer und außerdem für Rindvieh ſtallungen unbrauchbar sei. Der Erlaß einer Körordnung für Eber wird sehr empfohlen, derjenige einer solchen für Biegenböcke ebenfalls befürwortet, jedoch nur für den Fall, daß eine Verordnung betr. die Haltung von Biegenböcken durch Gemeindenn besteht oder geschaffen wird. Für den Bau eines Stalles im Tiergarten bei Weilburg wird dem Wittelrheinischen Pferdezuchtverein die Summe von 500 Mt. bewilligt. Endlich nimmt der Vorstand Kenntnis von den geschäftlichen Mitteilungen betr. die Ablehnung der Errichtung einer bakteriologischen Anstalt in Geisenheim und betr. die neulich getroffene Maßnahme zur Förderung der Ziegenzucht. * Aus Nassau. In einem seiner Zeit viel besprochenen Ehebruchsprozesse war der damals Hausälteste der vormals reichs unmittelbaren Familie Leiningen- Westerburg ältere Linie, der Graf Friedrich zu einer längeren Frei­heitsstrafe verurteilt worden. Da dieser das Patronat über eine Anzahl Pfarrstellen besaß, kam die Angelegenheit auch in der Bezirkssynode in Wiesbaden zur Sprache, und das Konsistorium hatte in Folge eines angenommenen Antrages den Kultusminster gebeten, dem Grafen Friedrich das Patronatsrecht zu Gunsten des nächſtältesten, herr­schaftsberechtigten Agnaten diejer Familie zu entziehen, eventuell durch Erlaß eines besonderen Kirchen­gesetzes die Ausübung des Patronatsrechts zu regeln. Diese Eingabe ist jetzt vom Ministerium abschlägig beschieden worden. In diesem Bescheid heißt es, daß, wenn auch der Miniſter die Beweggründe zum Vorgehen des Konsistoriums vollständig anerkenne, ein Rechtsgrund für die Entziehung der Ausübung des Patronatsrechtes nicht vorhanden sei und er auch den Erlaß eines besonderen Kirchengesetzes aus An­laß dieses Einzelfalles für unthunlich halte.

auf den Bahnen, namentlich seitens der Besucher der Frankfurt, 25. August. Der gestrige Verkehr auf den Bahnen, namentlich seitens der Besucher der neu eingeweihten Denkmäler in Homburg und Stron­berg war ganz außergewöhnlich stark. Ganze Völker­wanderungen trafen im Hauptbahnhofe ein. Der letzte Abends von Homburg eintreffende Zug wurde in Folge Ueberlastung auf freier Strecke in zwei Teile geteilt; der vordere Teil wurde nach hier gebracht, während der zweite Teil durch eine Reservemaschine abgeholt werden mußte. Auch der Andrang nach Mannheim, wo gestern der Katholikentag stattfand, war ebenso stark. Die Züge von verschiedenen Richtungen trafen mit stundenlangen Verspätungen ein. Wie ein Bericht­erstatter von Mannheim- Ludwigshafen meldet, find gestern Vormittag mit etwa 20 Ertrazügen dortselbst nahe 25,000 Besucher, darunter viele Vereine und Korporationen mit Fahnen, eingetroffen. Auf der Taunus- und Rheinbahn war der Verkehr nicht minder stark während des ganzen gestrigen Tages.

verurteilte den verheirateten Orthopädisten" Heinrich ** Frankfurt a. M., 26. Aug. Die Straffammer Saffer aus Bamberg wegen Heiratsschwindels zu 1 Jahr Gefängnis. Unter der Vorspiegelung, er sei der Stabsarzt Dr. Heinrich Schröter aus Koblenz, mädchen verlobt und ihm 120 Mt. abgeschwindelt. hatte sich der Betrüger mit einem hiesigen Laden­

** Frankfurt a. M., 26. Aug. Der König von von Potsdam kommend hier ein. Auf dem Opern­Italien trifft nächsten Sonntag nachmittags 3 Uhr platz findet Parade des 13. Husarenregiments( König Humbert) dessen Ehef der König ist, statt. Nachher Hotel Imperial ein Diner. giebt das Offizierkorps des Regiments dem Könige im

** Ein Irrsinniger durch den Rhein geschwommen. Ein junger Mann mit Namen Heinr. Schott aus Wiesbaden, der sich in der Irrenanstalt Eichberg ( Rheingau) befand, entsprang dortselbst, schwamm in der Nacht über den Rhein nach Freiweinheim und fam nur mit einem Hemd bekleidet bis Bodenheim. Ein Landwirt, der am Rhein wohnt, nahm ihn auf.

Nachdem der Kranke durch einen Fährmann notdürftig mit Kleidung versehen worden war, brachte man ihn zur Polizei. Der bedauernswerte junge Mann wollte unter feinen Umständen mehr nach dem Eichberg zurück, aber die Mutter lehnte eine Aufnahme ins Elternhaus in Wiesbaden entschieden ab.

auf dem Truppenübungsplaße bei Hammelburg ent­** Gemünden, 26. Aug. In einer Stallbarade stand in der vergangenen Nacht ein Brand, der großen Schaden anrichtete. Eine Anzahl Pferde wurden getötet.

** Kassel, 26. August. Der Husar Schuchard von der 2. Eskadron des 2. furh. Husaren regiments Nr. 14 dahier stürzte bei einer Attade im Manöver­gelände bei Heiligenstadt so unglücklich, daß er unter das Pferd zu liegen fam. Er starb alsbald an schwerer Lungenquetschung.

** Kassel. Der nächstjährige Verbandstag deutscher Bäcker soll in Stassel stattfinden.

Vermischtes.

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Bahl und Verbreitung der deutschen Schulen im Auslande seien hier durch einige zusammentreffende Angaben gekennzeichnet, die wir den Mitteilungen des Allgemeinen Deutschen Schulvereins" entnehmen. Von den deutschen Schulen in Desterreich Ungarn und in den Vereinigten Staaten ist dabei abgesehen. Auf die europäischen Staaten verteilen sich unsere Auslandsschulen also: Belgien zählt deren 9 in 6 Städten, Holland 4 in 3 Städten, England 12 in 4 Städten, Frankreich 2, Italien 15 in 12 Städten, Spanien 3, Portugal 2, Dänemart 4 in Ropenhagen, Bul garien 1, Rumänien 14 in 9 Städten, die Türkei 9 in Rußland haben gar keine deutschen Schulen. In Asien 5 Städten, Serbien 1, Griechenland 1. Standinavien und kommt nur die asiatische Türkei in Betracht mit 18 deutschen Schulen in 8 Städten, außerdem China mit 2 deutschen Schulen in Hongkong und Shanghai. In Afrika kommt

gypten und Südafrika in Betracht. Dort giebt es 3 deutsche Schulen in Alexandrien und Kairo, hier kann man 19 Schulen in 18 Städten zählen. Nord merita hat außer den hunderten deutschen Schulen in den Vereinigten Staaten deren etwa 50 in Canada; Mexiko hat 1, in den 5 mittelamerikanischen Republiken südlich von Merito giebt es noch keine deutschen Schulen, Columbien und Benezuela haben je 1, Peru 2, Chile etwa 24, in Ecuador, Bolivia und in Britisch Nieder­ländisch- und Französisch- Guyana giebt es keine deutschen Schulen; dagegen hat Brasilien deren etwa 31, Paraguay 3, Uruguay 1 und Argentinien 19. In Australien zählt die Kolonie Südastralien 8 größere und 38 fleinere deutsche Schulen, Neu- Süd- Wales 2, Bittoria 1; in Duecusland wird an ungefähr 45 Stellen deutscher Unterricht erteilt. Auf gleicher Sicherheit machen diese Zahlen keinen Anspruch; sie sſtüßen sich jedoch auf die bisher vorliegenden Berichte über deutsche Schulen im Auslande und sind jedenfalls im Wesentlichen zutreffend.

* Die Röntgenstrahlen poetisch verherrlicht. Die Rönt­genstrahlen haben bereits eine Dichterin gefunden. Gabriele v. Rochow, geborene v. Pachelbl, hat einen Band Gedichte

Erlebt, Erdacht und Mitempfunden" erscheinen laſſen, in dem wir folgende Strophe treffen:

Röntgen conterfeie

Mein Herz mit Deinem X, Das beste drin bleibt übrig, Vom Herzen leider nix!

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Hochschulnachrichten. Frankfurt.[ Medizinische Fortbildungsschule.) Es herrscht hier noch immer unklarheit über die Art der hier neu zu errichtenden medizinischen Anstalt. Durchaus unrichtig ist es, von einer Fakultät zu sprechen. Der Anstalt werden feinerlei Berechtigungen gegeben; sie will nur bereits approbirten jungen Aerzten, die alle Eramina( Staats- und Doktor- Eramen) theoretisch weiter zu bilden, und zwar durch Vorlesungen, hinter sich haben, Gelegenheit geben, sich praktisch und die von hervorragenden Kräften theoretischen und praktischen Medizinern- gehalten werden, sowie durch praktische Kurse und Unterweisungen, zu denen das städtische Krankenhaus die beste Gelegenheit bietet. Am besten würde man demnach die neue Anstalt medizinische Fortbildungsschule oder Fortbildungsschule für Mediziner nennen. Eine gleiche oder auch nur ähnliche Anstalt existirt in Deutschland noch nicht, wahr­scheinlich sogar nicht in ganz Europa. Wohl aber fennt Amerika diese Einrichtungen; verschiedene Großstädte haben daselbst seit längerer Zeit derartige Institute