Ausgabe 
25.8.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 196.

Zweites Blatt.

Montag, den 25. August 1902.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 1.50.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

at 11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernſprechauschluß Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Politische Nachrichten.

Denkmal für das hessische Landgrafenhaus, Der Kaiser befahl die Ausführung eines Denkmals zur Erinnerung an das 1866 erloschene Land­grafenhaus von Hessen, welches die städtischen Störperschaften seiner Zeit wegen der Größe abgelehnt hatten, auf seine eigenen Kosten und teilte dieses dem Oberbürgermeister von Homburg v. d. H. und dem Landrat persönlich mit.

Das Reichspostamt hat nun gesprochen. Wie es der Tägl. Rundschau" auf das von ihr verbreitete Gerücht über die Karrieren- Sperre für die nicht- juristi schen höheren Postbeamten mitteilt, hat der Staats­sekretär des Reichspostamts sich weder in Potsdam noch in Düsseldorf über die Beförderungsaus­sichten der Beamten der höheren Laufbahn und über die Art der späteren Besetzung der höheren Dienststellen in der angegebenen Weise geäußert, und das Gerücht erweist sich daher als völlig grundlos. Das ist im Interesse der Beamten wie der Postverwaltung mit Freuden zu begrüßen.

- Der Erzbischof von Stablewski wird, wenn der Kaiser in Posen ist, sich von den Festlichkeiten, Empfängen 2c. fernhalten. Als Grund wird uns sein Gesundheitszustand bezeichnet. Zwar sei der Erzbischof von seinem Sommeraufenthalt gefräftigt und sehr frisch zurückgekehrt, doch hätten ihm die Aerzte geraten, sich nicht neuen Erregungen und Anstrengungen auszusetzen.

Die Bekämpfung des Lehrermangels. Die preußische Unterrichtsverwaltung wendet ihre Aufmerkſam­feit der Heranbildung eines ausreichenden Lehrernach­wuchses zu, um dem in einzelnen Provinzen chronischen Mangel an seminaristisch geschulten Lehrkräften zu be­gegnen. Infolge dessen dürften auch im kommenden Staatshaushaltsetat Geldmittel für neu zu errichtende Lehrerseminare gefordert werden. Die Verhandlungen find bereits im Gange, indeß noch nicht zum Abschluß gelangt.

Die Errichtung von Lehrer Seminarien allein thut es nicht. Der Mangel an Lehrern ist in Breußen begründet durch den Mangel der Lehrer, d. h. durch den Mangel, den die Lehrer vielfach bei ihren unzu­reichenden Gehältern leiden. Es kommt hinzu, daß die starke Abhängigkeit der Lehrer von den kirchlichen

In eigener Sache Richter.

Roman von L. Haidheim. ( Nachdruck verboten.)

( Fortsetzung.)

Das Majorat hatte man ihm nicht vorenthalten können. Was der Verstorbene, zu Ungunsten seines ältesten, in Bezug darauf vor langen, langen Jahren gethan, stand weder unter dem Verjährungsrecht, noch hatte es Gültigkeit für den Lebenden. Der aus Asiens Wüsten zurückgeeilte vermeintliche Anwärter fand, so energisch er auch seinerseits im Prozeßwege gegen Graf Ernst Nepomut vorging, wenig Hoffnung bei den berühmtesten Advokaten. Der" Afrikaner" feinerseits lachte in seiner hämischen Art und trieb es sogar so weit, jeden Vergleichsvorschlag zurück­zuweisen.

Während Burkard in Baden- Baden die Heilquellen benutte, war Graf Joseph nach Wien zurückgegangen, um dort an Ort und Stelle für die Anerkennung seiner Verdienste zu sorgen und fich von den Damen seiner Bekanntschaft feiern zu lassen.

Es war ihm noch immer ein Teil ienes Geldes geblieben, um sich auch jest amüsieren zu können, so gut seine doch immerhin noch erschütterte Gesundheit es zuließ und wenn er jemals Gewissens­bisse gehabt, jetzt dachte er garnicht mehr daran, fürchtete auch die Entdeckung nicht und lachte zu dem Aerger des" Afrikaners". Alle die tiefen Eindrücke, welche der Krieg ihm gemacht, waren schon wieder verwischt;- das Leben lachte ihm bereits wieder. Er hatte im Grunde doch durch alle die Erlebnisse des letzten Jahres seine ganze Lebensweisheit nur bestätigt gefunden: Man muß es genießen, niemand kann wissen, was der kommende Tag bringt. Planlos, wie er früher gelebt, mischte er sich sofort wieder unter die Leute, die sich nur amüsieren wollten und kokettierte mit seiner abgeschossenen Hand, wie wohl keiner der Braven dieses Strieges.­

Frau von Frohberg war, sobald fie von dem Leben und Aufenthalt ihres Sohnes Nachricht erhalten, nach Klaino gereist, Lischa bei einer verheirateten Schwester des Grafen Koloniz Lassend und tief beunruhigt durch die ihr von Seiten des Guts­inspektors gesandte Nachricht von dem Wiederauftauchen dieses Bruders, der es über dreißig Jahre nicht für nötig gehalten, den Seinen von sich Nachricht zu geben.

Was fie dann erfahren und wie er selbst ihr gegenüber trat, war für die vornehme, feinfühlende Frau so verlegend

Organen, das Arbeiten unter nicht- fachmännischen Auf­sichtspersonen, wie es die geistlichen Schulinspektoren sind, von den unabhängigeren Elementen des Volkes schwer empfunden wird. So giebt es der vom Lehrer­beruf zurückschreckenden Momente mehr als der an­ziehenden Ehe hierin nicht ein gründlicher Wandel eintritt, wird der Lehrermangel nicht beseitigt sein, unter dem das preußische Volk empfindlich leidet.

Eine in den höchsten Tönen gehaltene Verherrlichung der britischen Flotte und der britischen Armee durch den Militär- Attache der deutschen Botschaft, Herrn Cörper, hat bei dem zu Ehren der Offiziere des Schulschiffs Stein" in Dower veranstalteten Festmahl stattgefunden. Redner sagte nach einem Bericht, dessen Bestätigung Der abzuwarten bleibt:

Die britische Flotte sei in wunderbarem Zustand und bester Ordnung.( Bravo!) Die deutschen Offiziere seien voll Bewunderung für die britische Flotte, die britischen Offiziere und die britischen Blaujacken, und keiner bewundere sie mehr, als S. M. der Kaiser und Prinz Heinrich von Preußen. Er habe viele Transporte Southampton, London und andere Häfen für Südafrika verlassen sehen, und höchst imponiert habe ihm der Enthusiasmus der Leute, die an Bord gingen, als ob sie von London nach Southend reisten. Dieser Enthusiasmus be fundete sich nicht nur beim Beginn des Krieges, wo jedermann glaubte, er wäre schnell zu Ende, nein, auch nach den Nachrichten von Verlusten und Krant­heit. Jeder Deutsche, der den Krieg wirklich studiert und seine Meinung nicht nach den schlechtinformierten Zeitungsberichten gebildet habe, wisse, daß der britische Soldat ein tapferer und höchst humaner Kämpfer sei, der allen Gefahren troze. Vor einigen Tagen habe er die kolonialen und indischen Truppen gesehen, und er könne seine Ansicht nur zusammenfassen in dem Worte glänzend". Er set sicher, daß Lord Roberts und Mr. Brodrick ein föniglicher Empfang in Deutschland bereitet werde, und daß sie heimkehren würden, ohne irgend welche Mißstimmung gegen England bemerkt zu haben, Er hoffe, daß England und Deutschland stets so gute Freunde wie augenblicklich bleiben würden.

Weniger wäre meyr gewesen.

gewesen, daß sie es war, welche sich hinter die Aerzte stedte und ihren Sohn durch dieselben nach Baden- Baden schicken ließ.

Am liebsten hätte er sich auch ihr entzogen, aber seine Hülflosigkeit war viel zu groß und er der starke und sonst so selbstsichere Hüne noch so schwach, daß er sich ohne jeden Widerstand nach Baden- Baden bringen und von der Mutter pflegen ließ, ia daß ihm bei seiner inneren Weichheit und Zer­riffenheit manchmal war, als müßte er ſeinen Stopf in ihren Schoß legen und sich ausweinen, wie er das als kleiner Junge einige Male gethan.

Wohin mag Maria gegangen sein? die Aerzte wissen es nicht, sie hat niemand darüber Mitteilung gemacht", sagte sie eines Tages zu ihrem Sohne.

Auch Gürtler weiß nichts?" fragte Burkard, hoch auf­atmend, daß wenigstens Marias Name jezt genannt wurde.

Nein, auch der Hauslehrer wußte garnichts davon und sorgte sich um seine junge Freundin, die ihm so oft in allerlei geistlicher und seelischer Unklarheit um Rat gefragt.­

Bur Mutter nach Mariaheil war sie nicht gegangen, mit der war sie immer mehr zerfallen, seit Frau von Wazlaw im Kloster Zeit gefunden, die ganze unbegreifliche Thorheit der Tochter mit allen ihren Folgen zu erkennen.

Wo war Maria? Mein Gott, wohin war das Mädchen geflohen vor dem Zorn der Mutter und dem Fluch der Armut, den sie doch lieber hatte tragen, als sich verkaufen wollen.

Sie wagten garnicht laut darnach zu fragen, denn wie leicht fonnte auf Maria nach deren abenteuerlicher Flucht aus Karlsbad der Verdacht eines anderen neuen Abenteuers fallen!

Koloniz, der von Lischa die Sorge der Mutter derselben fannte, riet bringend auch seinerseits zum Schweigen.

So blieb Frau von Frohberg nur noch die Möglichkeit von den leitenden Aerzten zu erfahren, wo Fräulein von Wazlaw hingegangen, nachdem sie Klaino verlassen?

Der eine wußte garnichts davon, der andere erinnerte sich, daß ihm gemeldet worden, die freiwillige Pflegerin, die zuletzt in der Orangerie stationiert war, sei ausgetreten aus ihrem Pflege­amt und abgereist. Der junge Assistent, dessen Namen er angab, hatte in Wien seine Studien wieder aufgenommen; wo? würde man iraendwie an der Universität oder den Spitälern erfragen können.

" Mein Gott, Alix, es ist Deine Tochter um die es sich handelt", schrieb die geangstete Frau von Frohberg an Marias Mutter.

Dem Rhein. Sturier" wird aus München depeschiert: Das bayerische Centrum gegen den Kaiser. Wie verlautet haben die Führer des bayerischen Centrums und bayerische Centrums- Abgeordnete beschlossen, nicht nur gegen den Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten eine Interpellation im Reichs­tage einzubringen, sondern auch die Ministerverantwort­lichkeit für solche private Aeußerungen des Monarchen regenten einem Regierungsafte gleichfommen, indem sie zu fordern, welche wie die Depesche an den Prinz­angeblich Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Bundesstaaten involvieren.

- Soldaten als Erntearbeiter. Von ver­dieser Tage an die Truppen die Anweisung ergangen, daß schiedenen fommandirenden Generalen ist nach den N. N." Jahres den Gesuchen der Landwirte um Gestellung von wegen der sehr ungünstigen Witterungsverhältnisse dieses Soldaten zu Erntezwecken in weitestem Maße ent­gegenzufommen sei. Soweit es die dienstlichen Verhältnisse gestatten, sind denn auch zahlreiche Soldaten bereits aufs Land beurlaubt worden. Daß es ohne Schädigung des Dienstes möglich ist, zahlreiche Soldaten zu beurlauben, zeigt aufs neue, wie grundfalsch die Behauptung der Konser­vativen ist, die zweijährige Dienstzeit sei zu kurz.

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Paris, 24. August. Radikale Mitglieder der um dagegen zu protestieren, daß die Gerichte eine zu Kammer beabsichtigen eine Interpellation einzubringen, große Milde walten lassen gegenüber Personen, welche an den Unruhen wegen Schließung der Kongregations­schulen sich beteiligten. Nouannet wird die Inter­pellation begründen.

noch keine Nachricht eingetroffen über die gestern be Paris, 24. August. Im hiesigen Kolonialamt ist richtete neue Explosion auf Martinique. Man weiß noch nicht, welche Folgen die neue Eruption gehabt hat, und ob Menschenleben dabei zu Grunde gegangen sind.

Abend eine große Protest versammlung gegen Paris, 24. Auguft. In Nantes fand gestern die Anwendung des Vereinsgefeßes statt, der ca. 3000 Personen beiwohnten. François Coppée hielt eine Ansprache. Von der Polizei woren umfassende Maß­regeln getroffen, um Gegenfundgebungen der Republi faner zu verhindern.

" Ich hatte eine Tochter, die Baronin von Gorzberg werden follte. Ich habe feine mehr!" schrieb Frau von Wazlaw, fügte aber am Schluß des Briefes hinzu: Ernst Nepomuk hat mich in meinem Gril aufgesucht und zu sich eingeladen. Er ist der einzige Mensch der mich versteht."-

Burkard von Frohberg konnte nicht gesunden vor aller heimlichen Qual.

Seit vierundzwanzig Stunden hatte es fast unaufhörlich geregnet and noch immer hingen die schweren dunklen Wolfen wie in Feßen gerissene graue Schleier bis fast zur Erde herab, als schon die Spätherbstnacht eintrat.

Troßdem brachten die legten Abendzüge in das erste Hotel der kleinen Kreisstadt Hohenburg mehr vornehme Reisende, ale sonst im ganzen Jahr hier logierten, die zum Teil auch im Voraus Quartier bestellt hatten. Ein neu gegründeter patriotischer Verein, dem eine große Zahl von adligen Grundbesizern aus der Gegend angehörte, tagte morgen zum ersten Mal; außerdem traf ein anderes vielbesprochenes Ereignis mit diesem zusammen, das war die Eröffnung des Graf Ebernschen Testaments, die sich nach dem so unerwarteten Wiederauftauchen des Majoratserben zu einer juristischen Streitfrage zu entwickeln schien.

In der unendlichen Aufregung des Strieges hatten auch die nächsten Standesgenossen nicht viel von dem Afrikaner" erfahren, außer den nicht gerade schmeichelhaften Gerüchten, die im Bolt über ihn umliefen.. Heute sollte sich denn, sobald er nur das Hotel betrat, die merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Vater und Sohn sofort ausweisen, durch die unfreundliche und zänkische Art mit welcher der Majoratsherr, den eine stolze vornehme Dame in rauschender Seide begleitete, sich über die falten und un­geheizten Zimmer beschwerte, die man allein noch für ihn zur Verfügung hatte. Die Gäste des Hotels hörten den Streit in ihren Zimmern zuckten die Achseln und waren fast alle der Meinung, daß ihr Kreis nichts gewonnen hätte durch das Wieder­aufleben des unfriedlichen Alten von Strapolno.

Das würde morgen schöne Verhandlungen auf der Gerichts­stube geben! Und wie sollte man sich zu ihm stellen?

Der Graf zog sich mit der Dame in die endlich mürrisch angenommenen Bimmer zurüd, wohin er auch das Abendessen befahl. Er selbst werde im Oberstod mit einer Stammer fürlieb nehmen, diesen Salon und das Schlafzimmer beanspruche Frau von Wazlaw.

( Fortseßung folgt).