Ausgabe 
19.7.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 165.

Zweites Blatt.

Samstag, den 19. Juli 1902.

Abonnem entspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 150.

Gratis beilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen, wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr, 362.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Die Deutsch- Amerikanische Petroleum- Gesell­schaft und die Norddeutsche Allg. Ztg."

Es verdient die Aufmerksamkeit auch unserer Kreise, daß sich das offiziöse Organ des preußischen Staatsministeriume, die Nordd. Allgem. 8eitung.", bemüßigt sieht, für die Be­strebungen der D.-A. P.-G. gewissermaßen eine Lanze zu brechen. Wir lassen die Ausführungen des Blattes hier folgen:

"

Seit einigen Monaten ist in den Zeitungen wieder ein heftiger Kampf gegen die Standard Oil Comp, bezw. die Deutsch- Amerikanische Betroleum- Gesellschaft entbrannt weil lettere in verschiedenen Gegenden Deutschlands ver­sucht, den Verkauf des Petroleums aus Straßenwagen, wie solcher in Rheinland und Westfalen an vielen Orten schen seit fast einem Jahrzehnt besteht, neu einzuführen. Die Zwischenhändler erblicken in diesem Vorgehen einen Versuch, den Petroleumhandel zu monopolisieren, während die D.-A. P.-G. durch ihre Vertreter erklären läßt, daß die Ausdehnung dieses Systems zur Erhaltung ihres durch die Konfurrenz start bedrohten Absages erforderlich si. Lettere suchen den Absatz ihres Deles vielfach dadurch zu fördern, daß sie amerikanisches Del mit minderwertigem Del vermischen und dieses Mischöl ohne es als solches zu bezeichnen, als Prima Petroleum in den Handel bringe. Hiergegen fönne die Gesellschaft sich nur durch Einführung des Berkaufes aus Straßenwagen schüßen. Für den Außenstehenden ist es schwer, das wirkliche Motiv flar festzustellen, die Zahlen der Zollstatistik aber sprechen sehr zu Gunsten der Behauptungen der Deutsch- Amerikanischen Betroleum- Gesellschaft. Nach dieser Statistik betrug der Import von Petroleum aus den Verein. Staaten von Amerifa z. B. 1901 nur 819,144 To., gegen 873,211 To. 1897, während gleichzeitig der Import aus Desterreich­Ungarn, Rußland und Rumänien von 71,791 To. 1897 auf 160,909 To. in 1901 geftiegen ist. Danach sind die Amerikaner offenbar in eine Verteidigungsposition gedrängt worden, und ihre Stellung wird noch schwieriger werden, wenn das fürzlich gegründete österreichisch- ungarische Betro­leumexport- Syndikat in Aktion getreten ist. Daß die D.-A. P.-G. nun mit Nachdruck versucht, den Markt für sich zu retten und dem weiteren Vordringen der Konkur­renz einen Damm entgegenzusehen, ist erklärlich, und vom rein faufmännischen Standpunkte aus so lange nicht zu beanstanden, als die ergriffenen Maßregeln selbst nicht gemißbilligt werden müssen. In dieser Beziehung wird nun gegen die D.-A. P.-G. geltend gemacht: a) sie ver­pflichtete die Detaillisten, bei denen sie die aus Straßen­Eine Kinder Ausstellung in Whitechapel. In London kommen die seltsamsten Dinge vor. Seit neuester Zeit hält man im Ostende der Riesen­stadt, besonders in dem berüchtigten Whitechapel, sogar Kinder- Ausstellungen ab, Baby- Ausstellungen mit Preis­verteilung! Nicht, als ob Kinder in diesem östlichen Teile der Stadt eine Rarität wären, die man auf einer Ausstellung bewundern lassen könnte. Nein, in White­chapel giebt es mehr Kinder als irgendwo anders auf der Welt. Trotzdem- oder vielleicht gerade deshalb - ist die Jdee, Kinder dem neugierigen Publikum zu zeigen und dem dicksten und schwersten unter ihnen einen Preis zuzuerkennen, etwa in der Art, wie man auf landwirtschaftlichen Ausstellungen die wohlbeleibtesten unter den verschiedenen Tierchen auszeichnet, selbst für London etwas Neues, und das Publikum hat sich noch nicht so recht daran gewöhnt.

Man denke sich einen großen Saal mit einem er­höhten Podium im Hintergrunde. Davor sitzt das Or chester, bestehend aus einem Kapellmeister, einem Klavier und einer Geige, sowie drei Trompetern. Auf der Bühne befinden sich zwei Dußend Stühle, zwei Dußend Mütter und zwei Dugend Babies, ferner eine riesige Wage, die so eingerichtet ist, daß die zu wiegenden Kinder nur in eine Wiege gelegt zu werden brauchen. Im Vordergrunde steht Mr. Frank, ein überaus freund­licher Herr mit reichen schwarzen Locken, einer riesigen goldenen Uhrkette, die er auch im heißesten Sommer trägt, und einer bewundernswerten Eloquenz. Mr. Frank ist der Besizer der Halle, der Direktor des Ganzen", der Sachverständige und Richter in einer Berson, und obendrein der Favorit des Publikums. Auf jedes Wort, das er sagt- und der Worte sind biele, sehr viele wird aufmerksam gehört und von Beit zu Zeit wird die Rede mit einem zustimmenden hört, hört!" unterbrochen. Mr. Frank verspricht ab­Folute Gerechtigkeit, einen Anzug als ersten Preis, einen

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wagen zu füllenden Standgefäße aufgestellt, ihren ganzen Bedarf ausschließlich von der D.-A. P.- G zu beziehen, b) fie verkaufe auch an Privatkonsumenten von 20 Liter an. Beide Thatsachen würden, wenn sie wahr wären, allerdings die Detaillisten in eine völlige Abhängigkeit zur D.-A. P.-G. bringen, und außerdem eine vollständige Ausschaltung des Petroleumhandels der Detaillisten jeden. falls mit der Zeit zur Folge haben. In einem vorliegen­den Zirkular aus Dresden, worin die D.-A. P.-G. die Vorzüge des Verkaufes aus Straßenwagen darlegt, be­streitet sie aber die obigen Behauptungen entschieden, und betont, daß sie nur an Händler und nicht an Privatkon­sumenten liefere, und daß der Detaillist sich nicht zu ver­pflichten brauche, seinen Bedarf bei der D.-A. P- G. zu decken. Es ist anzunehmen, daß die Gesellschaft diese Be­hauptungen nicht aufzustellen wagte, wenn sie widerlegt werden fönnten; wir haben auch bisher in der Bresse noch feinen Beweis für die Unrichtigkeit der Angaben der D.-A. P.-G. gefunden. Damit fällt aber das wesentlichste Argument im Kompfe gegen den Verkauf des Petroleums aus Straßenwagen jedenfalls so weit die Interessen der Detaillisten in Frage fommen in sich zusammen, und auch die sogenannte zweite Hand, die Grossisten, werden durch dieses System nicht unmittelbar getroffen, da die Destaillisten nach wie vor ihr Petroleum in Fässern oder Bassins von ihnen beziehen können. Ob und inwieweit dies geschieht, wird sich lediglich danach richten, ob die D.-A. P. G. oder die Grossisten den Detaillisten die günstigsten Einkaufsbedingungen stellen, ist also ausschließ­lich eine Frage der Konkurrenzfähigkeit. Bei dieser Lage der Sache erscheint uns der Kampf, der gegen den Ver tauf des Petroleums aus Straßenwagen entbrannt ist, nicht recht verständlich."

Allerdings wird der Kampf auch nur dann ver­ständlich, wenn man sich auf den Standpunkt der Grossisten stellt. Man muß die ganze Angelegenheit aber vorurteilsfret und lediglich vom Standpunkte des Detaillisten betrachten, wenn man zu einer richtigen Beurteilung kommen will. Wir haben ja zu Anfang in dem gleichen Wahne gelebt, daß die D.-A. P.-G. den ganzen Petroleumhaudel, auch den Detailhandel, bergewaltigen" wolle; nachdem wir aber die häßliche Mache der Grossisten erkannt hatten, war es Ehren­sache für uns, für die Wahrheit einzutreten. Die an Unlauterfeit streifenden Behauptungen der Grossisten werden auch sehr bald ein Ende finden, wie bekannt­lich Lügen allezeit furze Beine haben. Aus Gießen 3. B. schreibt uns ein tollege: Es ist für uns ge­Mantel als zweiten und eine Milchflasche als dritten. Dann teilte er ergebenst" mit, daß es drei Sorten von Babies giebt, 6 Monat alte, 9 Monat alte und 1jährige. Alle diese Babies sollen gewogen werden, und für jede einzelne Gruppe giebt es drei Preise. Um zu beweisen, daß fein Schwindel bei der Sache ist, wird der Anzug unter dem ohrenbetäubenden Lärm des Publikums vor­gezeigt, und wunderbarer Weise ist in der ganzen Halle keine Menschenseele, die sich darüber wundert, was die 6 oder 9 Monate alten Babies eigentlich mit diesem Anzug zu thun haben. Ein paar Halleluja- Takte des Orchesters zeigen an, daß der Speech des Herrn Direktors sein Ende erreicht hat; das Abwiegen beginnt.

Die Mütter stammen aus Mile End, Limehouse, Whitechapel und wie die östlichen Vororte alle heißen, Weg von mehreren Meilen. Sie heißen John, Fraser, eine ist sogar von Streatham Hill gekommen, einen Weg von mehreren Meilen. Sie heißen John, Fraser, Brown, Baker, Sharps, Tidy, Miller u. s. f. Die Damen Johns und Fraser fallen am meisten auf. Sie haben riesige Federn auf ihren Rubenshüten. Mrs. Bown hat seit längerer Zeit feine Seife im Hause ge habt. Die Ladys Baker und Sharps sind rund und fett. Mrs. Miller,- das ist die, die von Streatham Hill gekommen ist, ist vielleicht die Jüngste und Die jenige, die am menschlichsten aussieht. Alle Anderen find typische Eastend- Weiber. Die allgemeine Charak­teriſtik ist Schmug, Vernachlässigung, gläserne Augen und ein hochroter Teint, der gute Bekanntschaft mit der Whiskeyflasche verrät.

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Allen Erwartungen entgegen, gefällt das Abwiegen den Babies ausgezeichnet, fie vergießen feine Thränen. und wer schon lachen kann, lacht sogar. Sobald Mrs. Frank ein hohes Gewicht für ein berhältnismäßig junges Kind bekannt giebt, brüllt das Publikum vor Freude. Manchmal kommt auch eine kleine Confusion vor. Einige Mütter vergessen das Alter ihrer Kinder und

rade kein erbebendes Gefühl, daß wir uns von der Firma, die hier den Protestrummel gegen die D.-A. P.-G. angeregt, auch die Handelskammer in diese Bewegung hineingezogen hat, an der Nase haben führen lassen. Wie Sie aus beiliegendem Rund­schreiben der Firma ersehen, erklärt sie nunmehr ihre Behauptungen gegen die D.= A. die D. A. P.-G. als irrtümlich, und nimmt sie zurück. Wie ich erfahren habe, hat sich die Firma zu diesem Schritte genötigt gesehen, um einer Klage wegen unlauteren Wettbewerbes aus dem Wege zu gehen. Die Zirkulare sollen an alle Kleinhändler versandt worden sein, denen die Firma vorher eine Auf­forderung zum Kampf gegen die D.-A. P.-G. über­sandt hatte."

Das Zirkular ist allerdings bezeichnend für die Motive, die der Bewegung gegen die Petroleum­Vergewaltigung" zu Grunde liegen. Wir haben aber längst dargethan, daß die Petroleumfrage zwei Set­ten hat, und der klügere Theil der Detaillisten wird sich nicht nach den einseitigen Behauptungeu der Grossisten richten, sondern seinen Vorteil da suchen, wo er ihm wirklich geboten wird, gleichviel bei welcher Gesellschaft. ( Kolonialwaren- Zeitung.)

Vermischtes.the

do

* Es regnet Orden. Aus Konstantinopel wird geschrieben: Beim jüngsten Empfange des amerikanischen Ge­sandten Mr. Leishman durch den Sultan wurde diesem Diplomaten die goldene Liat- Medaille verliehen. Seine Gattin wurde gleichzeitig mit dem Großkocdon des Chefatat­Ordens dekoriert, während Miß Marthe Leishman, die älteste Tochter des Gesandtenpaares, die zweite Klasse desselben Ordens empfing. Miß Nanch aber, der jüngste Sprößling, ein siebenjähriger bildhübscher Blondkopf, mußte sich mit der dritten Klasse des Chefatat- Ordens be gnügen. Auch die neunjährige Tochter des großbrittannischen Botschafters Sir Nicolas D'Conor wurde kürzlich der gleichen faiserlichen Gunst teilhaftig. Dies ist doch noch gar nichts. Wie dieser Tage Wiener Blätter mit freudiger Feierlichkeit zu berichten wußten, hat der Schah von Persien bei seinem Aufenthalt in Karlsbad dem fünfjährigen Buben des Erzherzogs Friedrich gleichfalls eine Auszeichnung angehängt. Man rate, welche? Die persische Tapfer­feitsmedaille!

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thun die Jährlinge unter die neun Monate alten. Andere vergessen in der Aufregung ihren Namen und antworten, wenn andere aufgerufen werden; andere wieder streiten sich mit dem Richter über das genaue Gewicht des Kindes, und wenn ihnen gesagt wird, daß sie sich irren, fangen fie an zu schimpfen. Das ist nicht fair, man soll die Bälger nicht mit den Kleidern wiegen!"

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Aber Mr. Frank läßt sich nicht beirren; ihm gelingt es, die Nuhe immer wieder herzustellen und Del auf das unruhige Wasser zu gießen. Das Abwiegen nimmt seinen Fortgang. Einige Namensverwechselungen tommen noch vor und in dem Doppelwettkampf um das höchste Altersgewicht stellt sich heraus, daß einer Mutter beide erste Preise zukommen, während ihre Die Lettere nächstfolgende Rivalin nichts bekommt. protestiert im reinsten ,, Whitechapel Englisch." Mr. Frank dreht mit der linken Hand ſeinen Schnurrbart und flappert mit dem Geld in der rechten Hosentasche. Das macht die Gesellschaft noch verrückter, und die Kapelle droht schließlich allem Zank und Streit mit einem energischen God save the King" ein Ende zu machen. Eine ängstliche Pause tritt ein, gleich der Schwüle vor dem Gewitter. Mit echt salomonischer Weisheit erklärt dann Mr. Frank, daß man sich geirrt hat. Mrs. Tye's Baby, sei das schwerste Baby im Allgemeinen, es sei aber noch nicht das schwerste für fein Alter, denn Mrs. Brown's Baby sei 9 Monate alt und Mrs. Tye's 9 Monate und 2 Wochen, so dürfte es das richtigste sein, wenn Mrs. The den einen und den anderen Preis Mrs. Brown erhält. So viel Weisheit hat das Publikum offenbar nicht er­wartet und für einen Augenblick iſt es ſtill wie in einer Kirche, dann plöglich braust wie ein Donnerhall der Beifall durch die Halle und ,, good old Frank" hat wieder einmal erkannt, daß in der Weisheit allein Friede regiert. Dann fällt der Vorhang.