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Nr. 294.
Zweites Blatt.
Avv.nement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., 8 Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mr. 1.50.
Gratisbeilagen Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberheinische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obft und Bartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Mittwoch, den 17. Dezember 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
Jufectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfgsonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen and Um ung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh Bürgermeisterei Gießen und a derer Behörden von Oberhessen.
Die Politik.
Die neuen Getreidezölle.
$ Die einzige Aenderung, welche in der dritten Lesung bes Bolltarifs an den Beschlüssen des Reichstags in zweiter Lesung vorgenommen wurde, bestand in der Wiederherstellung der Regierungsvorlage zu§ 2 des Zolltarifgesetzes ( Mindestzölle) mit Ausnahme des Zollsazes für Gerste ( 4 Mt. für Malzgerste statt 3 Mt. für Gerste überhaupt). Jr Wegfall gekommen sind die in zweiter Lesung gemäß den Beschlüssen der Kommission eingefügten Mindestzölle für Pferde, Vieh und Fleisch. Durch diesen endgiltigen Beschluß des Reichstags sind also folgende Mindestzölle festgesezt: für den Doppelzentner Roggen 5 Mk., Weizen 5,50 Mt., Braugerste 4 Met., Futtergerste 3 Mt., Hafer 5 Mt. Das bedeutet folgende Erhöhung gegen den bisher geltenden Vertragszoll: Für Stoggen 1,50 Mr., Weizen 2 Mt., Braugerste 2 Mt., Futtergerste 1 Mt., Hafer 2,20 Mr. Unier diese Mindestzölle darf die Regierung beim Abschluß von Handelsverträgen nicht heruntergehen. Allerdings könnte die Regierung ja auch Handelsvertragsentwürfe mit niedrigeren Säßen dem Reichstage zur Genehmigung vorlegen. Sie wird das aber nicht tun, da ein solches Verfahren zwecklos wäre: Der Reichstag, der jetzige wie der fünftige, wird keinesfalls in eine Ermäßigung der Mindestzölle willigen. Uebrigens wird die Regierung gar nicht in die Verlegenheit kommen, niedrigere Säze beim Reichstage beantragen zu müssen: Graf Bülow hat ja erklärt, daß er sich bereits vergewissert habe, mit den obigen Mindestzöllen Handelsverträge zu stande bringen zu können. Man fann also mit Sicherheit darauf rechnen, baß die obigen Säße tatsächlich die künftigen Handelsertragszölle für Getreide darstellen.
Der Bundesrat wird voraussichtlich schon am Jonnerstag dem Zolltaris die verfassungsmäßige Zustim= mung geben. Dem Kaiser wird ein umfangreicher Immediatbericht über den Zolltarif vorgelegt werden, wie dies bei allen wichtigen Vorlagen zu geschehen pflegt.
Der Kaiserliche Dank für den Zolltarif. Der Kaiser hat die Staatsmänner, die um das Zustandekommen des Zolltarifs sich besonders verdient gemacht haben, mit besonderen Ehrungen bedacht. Am Tage der Annahme des Zolltariss, am Sonntag war der bon 45 Mt. a Reichskanzler mit seiner Gemahlin zum Staiserpaar nach Potsdam zum Frühstück geladen. Dabei überreichte der Kaiser dem Grafen v. Bülow die Kette des HohenzollernOrdens. In Hoffreisen erzählt man, wie verlautet, der Kaiser habe am Sonntag dem Grafen Bülow
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ihm schon zu teil gewordenen Gnadenbezeigungen abourir. u. Jourister gelehnt.- Dem Grajen Posadowsky verlich der Kaiser osenträger, Port bie Kette zum Großkreuz des Roten Adlerordens, dem Samajhen. eschirr r die Hälfte des
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Staatssekretär Frhr. v. Thielmann den Roten AdlerOrden 1. Kl. und dem Staatssekretär Frhrn. v. Richt
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Auch der König von Sachsen ließ es sich trotz jeiner Unpäßlichkeit nicht nehmen, den Reichskanzler zur Annahme des Tarifs als zu einem großen Erfolge herzlichst zu beglückwünschen. zu gleicher Zeit hat der Ranzler aus Wien eine Anerkennung seiner äußeren Bolitik erhalten: Kaiser Franz Josef hat dem Kanzler in Anerkennung seiner Verdienste um die Erneuerung des Dreibundes sein Bildnis verliehen.
Der Bund der Lani wir e wider die Mehrheit. |: Eine Kriegserklärung des Bundes der Landwirte
richränke. Bertices an die Mehrheitsparteien des Reichstages erläßt der enBettwellen, komme gere Vorstand des Bundes. In einem in der ,, Deutschen in schön r Anewab Tageszeitung" veröffentlichten Rundschreiben an die Wahl, Spiegel, Garderobe reisvorsitzenden sowie an die Vertrauensmänner des
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Bundes wird nach einer scharfen Verurteilung der Taktik der Reichstagsmehrheit mit allem Nachdruck erklärt: Der Bund der Landwirte muß auf ein weiteres Zusam geordneten verzichten, welche seine Ziele durch Annahme des Antrages Kardorff preisgeben." Jm Reichstage verlautete am Sonnabend, diese Erklärung der Bundesleitung werde namentlich in konservativen Kreisen zu einer Trennung vom Bunde Anlaß geben: Wie es hieß, wollten diejenigen Mitglieder der konservativen Partei, die zugleich Mitglieder des Bundes der Landwirte sind, ihren Austritt aus dem Bunde zu erklären. Inzwischen ist es aber anscheinend zu einer Beilegung des Zwistes gefommen. In einer mehrstündigen Fraktionssizung der Tonservativen Partei, die am Montag stattfand, soll beschlossen worden sein, der Erklärung des Bundesvorstandes fein zu großes Gewicht beizulegen und abzuwarten, ob jich später eine Auseinandersetzung mit dem Bunde notwendig machen sollte, was man nicht erwartet.
Neue Brüsseler Attentatsgerüchte.
In Brüssel war am Sonntag Abend das Gerücht verBahnhof nach Schloß Laeken fuhr, sei dicht bei der Einbreitet: Als der König von Paris zurückkehrend vom
900000660ahrt aus dem Gebüsch ein Schuß gefallen. Der Minister
präsident sowie alle zustangen Behörden erklären, daß nach sofort angestellter sorg, ältiger Untersuchung sich durchaus nichts gefunden habe, was das Gerücht, bei dem es sich um einen schlechten Scherz handeln dürfte, bestätigen könnte.
Kurze politische Nachrichten.
* Dem Vernehmen nach hat die Familie Krupp an die Staatsanwaltschaft das Ersuchen gerichtet, das Verfahren gegen den ,, Vorwärts" wegen Beleidigung des verstorbenen Hauptes der Familie einzustellen, da Frau Krupp leidend und den Aufregungen des Prozesses keineswegs gewachsen ist. Die Staatsanwaltschaft wird dem Ersuchen voraussichtlich Folge leisten.
* Der ehemalige Legationsrat bei der deutschen Botschaft in London, Frhr. v. Eckardtstein, wurde im Wahlkreise Hersfeld- Rotenburg- Huenfeld für die nächste Reichstagswahl als gemeinsamer Kandidat der Konservativen und der Nationalliberalen aufgestellt. Freiherr v. Eckardtstein wurde bekanntlich vor einiger Zeit als Gründer einer neuen ,, Kaiserpartei" genannt.
Im Reiche des Dalai Lama.
Sven Hedin über seine Tibetexpedition. ( Nachbruck verboten.]
Ein Vertreter des Bureau Reuter hatte eine Unterredung mit dem berühmten schwedischen Forscher Sven Hedin, den er in Queensborough bei seiner Rückkehr von seiner Expedition in Zentralasien traf. Diese dauerte drei Jahre und drei Tage; 2 Jahre und 6 Monate war Sven Hedin vollständig von dem Verkehr mit der übrigen Welt abgeschlossen. Während dieser Periode hat er mindestens 6000 englische Meilen unbekannten Landes erforscht. Es war eine schwierige, mühevolle Wanderung; trotzdem erfreut Sven Hedin sich einer guten Gesundheit. Während der Expedition hat er, als mongolischer Pilger verkleidet, zweimal den Versuch gemacht, Chassa zu erreichen, den tibetanischen Haupthandelsort und den Siß des sagenumwobenen Dalai Lama, des Priesterkönigs, der über Tibet herrscht. Aber er gelangte nur bis zu einem Punkte, der noch einen Tagemarsch von dem geheimnisvollen Orte entfernt ist, und wurde dann gezwungen, umzukehren. Die wissenschaftlichen Resultate der Expedition sind sehr bedeutend. Sven Hedin hat zahlreiches Material von hohem Werte heimgebracht und nicht weniger als 3000 Lichtbilder aufgenommen. Das wissenschaftliche Material wird ein Werk von fünf Bänden und einen zweibändigen Atlas bilden.
Der mühsamste Teil meiner Expedition, erzählt Sven Hedin, war meine Wanderung durch Tibet. Während meiner zweiten Wanderung von Kharklik nach Lhassa, die acht Monate dauerte, verlor ich, wegen der enormen Höhen, in welcher wir uns befanden, fast die Hälfte meiner Karawane. Wir befanden uns höher, als der Mont Blanc ist, selbst wenn wir Täler durchschritten, und mehrere meiner Begleiter sind gestorben, weil sie dort oben nicht atmen konnten. Von 45 Pferden fielen mir 44, von 39 Kameelen behielt ich 30. Die schwierigste Wanderung war die von Yankibul nach Tihertschen Daria. Die Entfernung beträgt nur 180 engl. Meilen, aber es ist ein großes Sandmeer mit 300-400 Fuß hohen Dünen, und unsere Wanderung dauerte 3 Woch n. Während der Wanderung ist das Quecksilber eingefroren, und das Thermometer fiel auf 33 Grad unter Null. Mit mir waren vier muhaedanische Begleiter, 7 Kameele und ein Pferd, und ich habe nur ein Kameel verloren.
Wir trasen natürlich keine Menschenseele, denn es war wohl das erstemal, daß diese Gegend von einem lebenden Wesen durchschritten wurde. Wir hatten kein Wasser, aber wir hatten Eis mitgenommen. Auf halbem Wege verloren meine Begleiter den Muth, und ich hatte heimlich dasselbe Gefühl, weil unser Eis und unsere Lebensmittel fast erschöpft waren. Glücklicherweise trat zur rechten Zeit ein Schneesturm ein; er seßte uns neuen Gefahren aus, gab uns aber Wasser, und wir konnten das Thal der Wüste Gobi durchqueren, das noch keines Menschen Fuß berührt hatte.
Als wir das erstemal Lhassa zu erreichen suchten, war die Stadt, die hauptsächlich aus Tempeln besteht, mit Pilgern angefüllt, und wir seßten bei unserem Beginnen unser Leben auf's Spiel. Als Mongolen verkleidet, zogen meine zwei Begleiter und ich troßdem ruhig gen Chassa, ohne zu ahnen, daß die Hirten, die wir unterwegs trafen, berittene Boten in die Stadt sandten, um zu melden, daß drei Fremdlinge, die sich von einer großen Rarawane getrennt hätten, nach Lhassa tommen wollten. Wir waren etwas mehr als einen Tagemarsch von der Stadt ent fernt, als wir uns plößlich von einer Anzahl berittener Tibetaner umgeben waren. Alle waren bis an die Zähne bewaffnet, und sie erklärten, daß sie uns niederschlagen würden, wenn wir noch einen Schritt weiter gingen. Wir waren also Gefangene und wurden von 37 Tibetanern Tag und Nacht bewacht. In dieser Lage blieben wir fünf Tage. Die Tibetaner wollten uns nicht die geringste Auskunft über Lhassa geben. Wir fanden, daß die Leute von dem, was in der übrigen Welt geschah, nicht die
geringste Ahnung hatten, und ich gelangte zu der Ueberzeugung, daß Lhassa mehr aus politischen, als aus religiösen Gründen isoliert gehalten wird. Am fünften Tage erschien der Gouverneur von Tibet mit 67 hohen Würdenträgern, alle zu Pferde und reich geschmückt. Sie behaupteten, daß ich ein Engländer sei und fügten hinzu, daß der Dalai Lama den Befehl gegeben habe, mich gut zu behandeln, mich aber sofort zu töten, wenn ich noch einen Schritt weitergehen würde. Dann wurden wir freigelassen und von 5 Offizieren und 20 Mann bis an die Grenze von Naktschu begleitet.
Trozdem unternahm ich bald darauf, diesmal mit der ganzen Karawane einen neuen Versuch, nach Lhassa zu gelangen und zwar von einem anderen Punkte aus. Als wir drei Tagemärsche von Lhassa entfernt waren, wurden wir von 50 Reitern aufgehalten, die mit Flinten, Säbeln, Spießen und Lanzen bewaffnet waren. Wir wurden gut behandelt, mußten aber unfehren und wurden zehn Tage lang von allen Reitern begleitet. Ich bin jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß es für einen Europäer, selbst in einer Verkleidung, unmöglich ist, nach Chassa zu gelangen. Sven Hedin hat übrigens fonstatiert, daß, nach gewissen Anzeichen, in der Gegend des LobSees vor ungefähr 1600 Jahren eine große Poststraße vorhanden gewesen sein muß, die von Peking nach Kaschgar führte und wahrscheinlich die längste Straße der Welt war.
Lokales.
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** Das Weihnachtsfest naht und gibt uns schon jetzt einen Vorgeschmack seiner Freuden. Ueberall macht sich in der Familie eine geheimnisvolle Tätigkeit bemertbar. Kommt der Hausherr nach vollbrachtem Tagewert einmal früher als gewöhnlich nach Hause, so fann er bei seinem Eintritt ins Zimmer, in dem die Familie bei traulichem Lampenschein beisammensitzt, mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß die Töchter des Hauses irgend ein ,, Etwas" hastig unter dem Tische verbergen und ihn dann mit möglichst unschuldigen Gesichtern ansehen; oder aber- dies soll auch vorkommen wird überhaupt nicht hineingelassen, bis die Luft völlig rein ist von ,, Stickstoff" und sonstigen Handarbeiten. Aber auch auf der Straße entfaltet sich ein regeres Treiben. Hoch und niedrig sieht man in der Dämmerung mit Packeten in einer Zahl und manchmal von einem Umfange, daß ihre Bewältigung einem fräftigen Hausknecht Ehre machen würde, den heimatlichen Benaten zuwandern. Denn gerade der persönliche Einkauf der Geschenke macht ja ein besonderes Vergnügen, und man kann außerdem dabei die Waren auch gleich auf ihre Beschaffenheit prüfen. Darum empfiehlt es sich auch, seine Weihnachtsbedürfnisse möglichst am hiesigen Blaze zu decken. Bei den heutigen Verkehrsverhältnissen ist ja auch InB of uaga' surg aag ui uuvшlny w und so billig zu liefern, wie die großstädtischen Kaufhäuser. Freilich muß man seine Einfäufe nicht bis auf die letzten Tage verschieben; denn es kann einem hierbei leicht passieren, daß man einen Artikel nur noch in geringerer Qualität bekommt oder aber daß er ganz ausverkauft ist, und bei dem enormen Weihnachtsverkehr wird es oft nicht möglich sein, ihn rechtzeitig nachgeliefert zu bekommen. Ebenso wie auf den Geschäftsinhaber nimmt man damit auch Rücksicht auf die Verkäufer und Verkäuferinnen, die in den letzten Tagen vor dem Jeste sonst gar zu viel zu tun haben. Darum richten wir an unsre Leser die Mahnung: Besorgt rechtzeitig Eure Weihnachtseinkäufe!
V[ Das Annoucentaschentuch.] Eine Parijer Neuheit! Das Annoncen- Taschentuch ist da! Dieses patentamtlich geschüßte Taschentuch ist besät mit Annoncen aller Art und in allen Farben. Es soll an allen öffentlichen Orten, in Hotels, Restaurants, Pensionen, Theatern, auf Bahnhöfen u. s. w. gratis verteilt werden. Seine Originalität, seine ungeheure und unentgeltliche Verbreitung," sagt der Erfinder ,,, bieten sichere Garantie für einen noch nicht dagewesenen Erfolg. Alle werden es mit Vergnügen in die Hand nehmen, der Reiche wie der Arme." Ohne den Erfinder kränken zu wollen, müssen wir doch gestehen, daß wir uns die eleganten jungen Herren nicht gut mit einem aus der Brusttasche hervorschauenden Taschentuchzipfel benfen können, auf welchem das beste Mundwasser oder die allerneueste Suppenwürze angepriesen wäre. Und man stelle sich einmal eine hübsche junge Dame vor, die sich auf einem Balle mit einem Taschentuche Luft zufächelte, auf welchem der allein echte Reispuder des Herrn X. oder das unübertroffene Haarfarbemittel des Herrn Y. empfohlen wäre! Was aber die Armen und Befizlosen betrifft, so werden ste allerdings sehr zufrieden sein, daß sie endlich einmal zu einem Tajchentuche fommen, und sei es selbst ein Taschentuch mit Annoncen und Reklamen.


