Ausgabe 
16.7.1902 Erstes Blatt
 
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witterte Mauerwerk zu festigen und diese Arbeiten vor vier Monaten eingestellt wurden. Am 9. Juli zeigten sich die ersten Sprünge, die sich stündlich erweiterten. Einsturz erfolgte nach den Berichten von Der Augenzeugen in der Weise, daß der Thurm ungefähr von der Mitte abwärts sich erweiterte und die obere Hälfte in sich aufnahm. Das Getöse war so groß, daß selbst in den entferntesten Stadtteilen, wo man gar nicht wußte, was geschehen war, Panik entstand. * 44 Millionen Mart vernichtet. Der Pa­pierfabrit Staffel zu Wizenhausen wurden vorige Woche von der Reichsdruckerei in Berlin zwei große Wagenladungen alte Postwertzeichen zur Vernichtung übergeben. Der Ge­samtwert derselben beziffert sich auf 44 Millionen Mart. Die Vernichtung geschieht unter strengster Aussicht.

fich wie alljährlich zur Erholung an den Chiem- See| treten mag, jedenfalls hat England feine Chamberlain| ist, daß seit Jahren daran gearbeitet wurde, das ver­sche Premierministerschaft. zu begeben. Wien, 15. Juli. Gestern traf in Krakau zur Grün- Lord Salisbury steht seit mehr als 7 Jahren an waldfeier an der Spize einer tschechischen Abordnung der Spiße des Ministeriums. Als am 24. Juni 1895 das liberale Cabinett Rosebery in Folge seiner parlamentarischen der Reichstagsabgeordnete Klofac ein, den das am Bahnhof versammelte Publikum lärmend empfing. Niederlage in der Frage der Armeereform seine Demission Alofac richtete namens seiner Partet auch an das Lem- einreichen mußte, wurde Lord Salisbury mit der Bildung berger Grünwaldfeier- Komitee ein Schreiben, indem er des Cabinetts betraut, an dessen Spize er schon zweimal mit Hinweis auf die Marienburger Kaiserrede die von Juni 1885 bis Januar 1886 und von August 1886 slavische Solidarität gegenüber der gemeinsamen Ab- bis 1892 als Nachfolger Gladstone's gestanden hatte. wehr des Pangermanismus als notwendig bezeichnete. Lord Salisbury, geb. am 3. Febr. 1830, blickt auf eine Frankreich. Das am 14. Juli, als dem Jahrestage lange staatsmännische Laufbahn zurück. 1866 wurde er des Bastillensturmes wiederum gefeierte Nationalfest ist unter Derby zum ersten Male, 1874 unter Disraeli zum überall ohne Zwischenfälle verlaufen, auch in der zweiten Mal Staatssekretär für Indien. Haupstadt Paris selbst. 3war veranstalteten die Mitglieder der Patriotenliga wieder die gewohnte Kundgebung vor den Statuen der Stadt Straßburg und der Jungfrau von Orleans, doch kam es hierbei zu feinerlei Ruhestörungen.

Massenhisschläge in Paris.

Nach dem Polizeibericht kamen am Montag infolge der

Hize bei der Truppenparade in den Ambulanzen 150 Soldaten, 20 Schußleute und 300 Privatleute zur Be: handlung. Ein Sergeant des Feuerwehr- Regiments, das an der Parade teilnahm, ist gestorben. Ferner erlitt außer dem Militärgouverneur auch General Berzin, Kabinettchef des Kriegsministers einen Sonnenstich. Von den Kürassieren, die den Wagen Loubets geleiteten, stürzten 18 in der Avenue Merigny, zwei im Hofe des Elyffée vom Pferde. Da muß man sich doch fragen, ist es notwendig, bei großer Hiße Parade abzuhalten.

König Eduard von England

ist jest wieder soweit hergestellt, daß er am Dienstag von der Biktoria Station nach Portsmouth sich fahren lassen tonnte. Die Abfahrt war sehr geheim gehalten. Nur aufmerksame Beobachter merkt en, daß Arbeiter den Bahnsteig an der Stelle zu glätten begannen, wo der König zum Salonwagen gerollt werden sollte. Der Bahnsteig war dann furz vor Eintreffen des hohen Kranken durch eine hohe Wand von rotem Plüsch unsichtbar gemacht, die quer über den Bahnsteig gezogen war und ihn ganz absperrte.

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Der englische Ministerwechsel.

Arthur Balfour.

Giessener Cagesneuigkeiten.

** Das Regierungsblatt Nr. 38, ausgegeben am 14. Juli enthält: Gesez, Errichtung einer hessischen Hypothekenbank betreffend.

des Justiz Nr. 19 enthält ein Ausschreiben an die ** Das Amtsblatt des Ministeriums Amtsgerichte, betr. die Veröffentlichungen aus dem Ge nossenschaftsregister. Nr. 20 hat zum Inhalt ein Nr. 20 hat zum Inhalt ein Ausschreiben an die Amtsgerichte, betreffend die Ein­trag der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit in das Handelsregister.

** Unsere Rudergesellschaft hat auf der am Sonntag zu Ems stattgefundenen Kaiserregatta im Akademischen Viererrennen sich den Preis geholt. Ihr Gegner war die Heidelberger Nudergesellschaft.

** Stenographisches Wettschreiben. Bei dem gelegentlich des 23. Stenographentages des Ver­bandes der Gabelsberger Stenographen des Main Rheingaues und von Hessen und Nassau am 1. Juni in Weglar abgehaltenen Preiswettschreiben entfielen nach Gießen 4 Preise. In der Abteilung von 80 Silben pro Minute erhielt Oswald Ulbricht( Gesellschaft) den 1. und Aler Karnbach und Frizz Kalbfleisch( Verein) je einen 3. Preis, während in der Abteilung 100 Silben Emil Rau( Gesellschaft) den dritten Preis errang. Stift Heil!

* Hannover, 14. Juli. Die Landes- Versicherungs­anstalt Hannover hat einen Bauernhof in der Lüneburger Haide auf dreißig Jahre gepachtet, um erholungsbedürftigen Versicherten eine Pflegestätte zu bieten. Der Hof umfaßt bewirtschaftet werden ohne Rücksicht darauf, ob Krante vor­300 Morgen Ackerland und 2400 Morgen Forst. Er kann handen sind oder nicht, es ist aber immer hinreichend Arbeit vorhanden, daß 50 bis 60 Pfleglinge beschäftigt werden fönnen. In Aussicht genommen ist ihre Beschäftigung mit Gemüsebau, insbesondere Spargelfultur, sowie mit dem An­bau von Früchten für Konservenfabriken. Sollte der Ver­such mißglücken, so ist in Aussicht genommen, an der Stelle eine Lungenheilstätte zu errichten.

** Die unkündbare Anstellung der Post­unterbeamten hat fortan nach einer Verfügung des Staatssekretärs des Reichspostamis- unabhängig von dem Zeitpunkt der ersten etatsmäßigen Anstellung bei tadelfreier Führung für alle Unterbeamtenklassen gleichmäßig nach einer Gesamtdienstzeit von 15 Jahren stattzufinden. Bei Berechnung der Gesamtdienstzeit ist neben der Dienstzeit als etatsmäßig angestellter Unter­beamter jede für die etatsmäßige Anstellung an rechnungsfähige Zivildienstzeit und die ganze nach Vollendung des 18. Lebensjahres im Heere, in der Marine, in der Gendarmerie oder Schußmannschaft abgeleistete Dienstzeit zu berücksichtigen; mindestens die letzten fünf Jahre müssen jedoch in der Stellung als vollbeschäftigte Post- oder Telegraphenunterbeamte zurückgelegt sein.

s. Halle, 14. Juli. Vor einigen Tagen wurde hier der Restaurateur Libau verhaftet. Er zwang seit Monaten seine beiden jetzt 12 und 13 jährigen Töchter zu sträflichem Umgang mit ihm; die armen Kinder, von denen sich eins in anderen Umständen befindet, konnten schließlich die Schande nicht länger ertragen und offenbarten sich den Nachbarinnen, die dann die Verhaftung des entmenschten Vaters veranlaßten.

** Gine nachahmenswerte Einrichtung hat der Rektor einer schlesischen Schule getroffen. In Anbe­tracht des Umstandes, daß in den meisten Kreisen der Bevölterung eine geradezu überraschende Untenntnis und Unbeholfenheit im Lesen von Fahrplänen und Kursbüchern herrscht, hat der Rektor sich an die Eisen­bahndirektion mit der Bitte gewandt ihm eine Anzahl alter Fahrpläne für seine Knabenschule zu überlassen. Dieser Wunsch ist erfüllt worden, und künftig werden die Schüler im Lesen von Fahrplänen und im Zusammen­stellen von Zugverbindungen unterwiesen werden. Nachahmenswert!

Djer ne use englische Premierminister Arthur James Balfour ist am 25. Juli 1848 geboren. Er ist der Sohn des 1856 verstorbenen James Maitland Balfour und der Lady Blanche Gascoigne Cecil, einer Schwester Lord Salisburys. Balfour ist unverheitet. Als Lord Salis­bury in den kritischen Jahren von 1878 bis 1880 dem aus­wärtigen Amte vorstand, war Balfour Privats fretär seines Onkels und als solcher nahm er an dem Kongreß in Berlin teil. Der einzige Punkt, in dem Balfour von seinen Kol­legen start abweicht, ist die Währungsfrage. Balfour ist Bime­tallift. Balfour befißt einen scharfen erfinderischen Geist. Er ist frei von fast allen gewöhnlichen Leidenschaften und Vor­urteilen und fähig, den meisten Problemen ein offenes und empfängliches Gemüt entgegenzubringen. Er besitzt aber nicht die Größe seines Onfels, ihm fehlt der weite Ausblick, bie große Sachkenntnis, die langjährige Erfahrung in der Welt außerhalb dieser Inseln. Was aber auch immer ein­

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Heiligenstadt, 14. Juli. Der bekannte Wunder­doktor" Ausmeier in Günterro de ist am 16. Juli 61 Jahre alt, gestorben. Ausmeier, ein Bauer, der die Kurpfuscherei von seinen Vorfahren übernommen, war nicht nur auf dem Eichsfelde, sondern in ganz Deutschland bekannt. Täglich tamen von weither Leute mit allen möglichen Gebresten, die bei ihm Heilung suchten, auch feine Equipagen hielten sehr häufig vor seinem Hause." Dr." Ausmeier" beurteilte" lediglich nach dem Harn seiner Patienten deren Krank heiten, schrieb dann sein Rezept und begnügte sich mit einem mäßigen Douceur. Ausmeier hatte bei seinem follossalen Kundenkreise ein gutes Einkommen, ohne indeß so viel Glücksgüter zu erringen wie sein Kollege Schäfer Ast in Radbruch. Viele Leute schwören" auf Ausmeiers Heilkunst. Ein Sohn des verstorbenen gedenkt, die" Doktorei" fortzusetzen, wenn ihm das Handwerk nicht behördlich gelegt wird.

** Obstmarkt. Nach dem Wochenbericht der Zentral­stelle für Obstverwertung in Frankfurt a. M. vom 7. bis st.lle für Obstverwertung in Frankfurt a. M. vom 7. bis 12. Juli war der Verlauf der letzten Geschäftswoche im allgemeinen befriedigend. Angebot und Nachfrage hielten sich in ziemlich gleicher Höh, nur in Sauerkischen blieb das Angebot zurück Die Ernte in Spätkirchen ist jeßt in vollem Gang; es wurden belangreiche Abschlüsse gemacht. Man erwartet eine knappe Mittelernte. Aptosen und Pfirsiche fanden auch in dieser Woche starken Absatz, während der Absatz in Beerenfrüchten noch zu wünschen übrig läßt. Die Durchschnittspreise betragen: E.dbeeren Mt. 32, Kirschen Mt. 12 bis 20, Stachelbeeren Mt. 12, Johannisbeeren Wt. 111/2, schwarze Wt. 121/2, Aprikosen Mt. 30, Pfirsiche Mt. 35, Frühbirnen Wt. 15 bis 20 per Zentner.

o. Launsbach, 15. Juli. Heute Abend wurde Johannes Hobbach von zwei Hunden, welche sich auf einem Hofe herum bissen, so zur Erde geschmissen, daß er dabei einen dopelten Beinbruch erlitt.

Vermischtes.

* Glauchau, 15. Juli. Der Stattrat Winckler, Inhaber der Papierwaren- Handlung Robert Winckler jr. hat sich gestern nachmittag in seinem Privatkomptoir aus unbekannten Gründen erschossen. Sein Bruder, der der früher Stadtrat in Chemnitz war, hat sich vor 2 Jahren im Stadtwalde von Chemnitz erhängt.

* Antwerpen, 15. Juli. Einem Diamanthändler aus Rotterdam wurde an der belgisch holländischen Grenze seine Handtasche gestohlen, die für über 100,000 Franks Dia­manten enthielt.

* Newyork, 15. Juli. Wie hier verlautet, wird König Leopold der Belgier demnächst der Millionärs- Familie Walsch in Newyork einen Besuch abstatten und bei dieser Gelegen­heit incognito eine längece Reise durch die Vereinigten Staaten unternehmen.

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* Na, na? Im Thüringer Jahrbuch" erzählt Je­mand von der Freundschaft und der wachsamen Fürsorge einer Kaze für einen Staar folgende hübsche Ge­schichte: Als mein Vater ein kleiner Knabe war, hatte er einen zahmen Staar, dem man die Flügelfnochen gebrochen hatte und der sich, soweit seine Bewegungsorgane das zu­ließen, nach Gutdünfen im Hause umhertreiben durfte. Er war mit der Kaze großgezogen worden, und zw.schen ihnen war dicke Freundschaft; sie spielten zusammen, fraßen aus einem Napfe und was dergleichen mehr war. Als die Familie meiner Großeltern eines Tages bei offener Zimmer­ihüre das Mittagbrod verzehrte, packte die Katze plößlich den Vogel, und alle Anwesenden glaubten, die Haubthiernatur sei nun doch bei ihr zum Durchbruch gefom nen. Aber nein -die Katze hob den flugunfähigen Staar sorgsam in die Höhe, sprang mit ihm auf den Eßtisch, wo sie ihn nieder­seßte, und stürzte zur Thür hinaus. Gleich darauf hörte man das Geräusch eines heftigen Kampfes vom Hausflur hereinschallen. Es stellte sich heraus, daß eine fremde Kaze eingedrungen war, d.ren Nahen die feinhörige Freundin des Vogels vernommen hatte und die sie, nachdem ihr Liebling von ihr in Sicherheit gebracht worden war, angriff und verjagte.

Berlin, 15. Juli. Reichskanzler Graf Bülow richtete an den Bürgermeister von Venedig ein Tele­gramm aus Norderney, in dem er seine Trauer über den Einsturz der Campanile auf dem Markus­plaze Ausdruck giebt. Die Königin Margherita sandte ebenfalls ein Beileidstelegramm. Der Gemeinderat be= willigte in außerordentlicher Sigung als erste Beihilfe zum Wiederaufbau des Glockenturmes eine halbe Millon Lire Weiter wird zu dem Einsturz gemeldet: Eingestürzt ist der obere Teil des Campauile in der Höhe von 68 Metern. Der Präfekt von Venedig giebt der Vermut ing Raum, der verhängnisvolle Mauerriß, der die unmittelbare Ursache der s.atastrophe war, sei eine Folge des lezen Erdbebens in Dalmatien gewesen. Architekt Boni, der die Grundmauern des Turmes ge= prüft hat, erklärte, daß diese allerdings auf dem noch unversehrten Pfahlroste ruhen, aber so wenig tief seien, daß sie höchstens eiuen Turm oon 30 Mtr. hätten tragen fönnen. Im Volfe hält man die in letzter Zeit um den Turm ausgeführten Pflasterarbeiten sowie die Entfernung der an den Thurm angebaut gewesenen Bottegen als die Ursache des Einsturzes. Thatsache

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dt Darmstadt, 15. Juli.( Straffammer II.) Wegen Milschfälschung wurde dec Milchhändler Johann Hh. Sehnert von Dießenbach und dessen Frau zu je 200 it. Geldstrafe, eventuell je 40 Tagen Gefängnis verurteilt. S. hatte Milch als" Bollmilch", also ein vecfälschtes Nahrungs­mittel unter einer zur Täuschung geeigneten Bezeichnung feilgehalten. Er behauptete, von dieser mangelhaften Be­schaffenheit der Mitch nichts gewußt zu haben und suchte den Verdacht der Täterschaft auf einen seiner Lieferanten zu lenten. Eine Haussuchung förderte recht gewichtiges Be­weismaterial gegen beide Angeilagten zu Tage, indem obwohl die Sehnerts nur einen geringen Teil ihres Geschäftsab­sazes als abgerahmte Milch" bewerkstelligt hatten, sich ein underhältnismäßig großer Rahmvorrat vorfand. Die damals start in Verwirrung geratene Ehefrau S. räumte ein, zwei Tage vorher gebattert zu haben; trotzdem waren etwa 20 Liter Rahm vorhanden, ein Quantum, zu dessen Gewinnung

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