Ausgabe 
15.11.1902 Zweites Blatt
 
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1.

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Nr. 267.

Zweites Blatt.

Samstag, den 15. November 1902.

Avv. nement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Big, ins Haus gebracht 60 Pfa., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 1.50.

Gratisbeilagen Obe hessische Familienzeitung( täglich) Oberheinische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obit nud Gartenbau, sowie die Gießener Zeifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an ellen Werktagen nachmittags.

11. Jahrgang.

Jujectionsvreis: Die einfvaltige Petitieile für Gießen wie ganz berbessen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Big. fonft 15 Pfg.; Reklamen die Vetitzeile 30 refp. 40 Via

Gießener ESATE

Postzeitungsliste No. 3032.

Rebaftion und Erpedition: Gießen. Neuenweg 28. Ferns, rechanschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.

Jugendliche Trinfer.

Giessener Cagesneuigkeiten. Gestern Nachmittag sahen wir eine größe Anzahl Schulkinder, Knaben und Mädchen, die stets an dem Güterbahnhofe sich sehr zahlreich rum­tre.ben, um hier verstreute Kohlenreste aufzulesen, johlend und lärmend in einem augenscheinlich ange­trunkenen Zustand herumziehen. Die Polizei soll von Weiter er dem Vorfall benachrichtigt worden sein. fahren wir, daß diese Hoffnungsvollen ihren Durst aus ein m Brantweinfasse gestillt haben sollen, welches von ihnen in der Nähe der Bahn entdeckt wurde. Ob hier ein Zusammenhang mit einem auf der Bahn seit mehreren Tagen vermißten derartigen Versandtgute bestebt, ist vorläufig noch unaufgeklärt.

** Haben Sie feine Kohlen zu bestellen. Radelt da vor einigen Tagen im scharfen Tempo von dem Wallthor her fommend über den Kirchenplag ein fleines Männchen. Der Schußmanneposten am Marktplatz winkt dem Rabler, den wir mit dem geflügelten Wort, der kleine Cohn" bezeichnen wollen, und gehorsam springt dieser vor dem Beam'en vom Rad, an diesen die höfliche Frage richtend: Wollen Sie Kohlen bestellen?" Der über die Frage lächelnde Schuhmann verneint dieselbe, bemerkt aber dem ,, tleinen Con", daß er in Zukunft auf dem Stahlroß ebenso Langsam in der Stadt fahren solle wie se ne Konkurrenten und wie andere vernünftige Menschen. Der kleine Cohn fährt darauf, schlau lächelnd, langsam über den Marktplatz und freut sich darüber, mit welcher Gewandtheit und Schlag: Baar 3.75 m fertigkeit er sich aus der Affaire gezogen. Steckbrieflich verfolgt werden: Feilenhauer Karl Fingerhut aus Böhlerheide wegen Diebstahls von der Staatsanwaltschaft Gießen; Knecht Hermann Kopplin aus Straduhn wegen Betrugs vom Amtsanwalt zu Friedberg; Rekrut Wilhelm Stopp aus Münster bei Friedberg wegen Fahnenflucht vom Bezirkskommando Friedberg; Kellner Friedrich Albert Johs. Ferdinand Sommer aus Rostock wegen Diebstahls von der Staats­anwaltschaft Gießen.

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Im 1. 12. 1907, vormitt Uhr, wird im diesseitigen ftszimmer, Rajerne I, ber

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7 bie Zeit vom 1. Januar Juni 1903 berbungen. Die Lieferungsbedingungen Geschäftszimmer aus; diefe nen auch gegen Zahlung bfitoften bezogen werden. Schriftliche und verfiegelte ote find im Geschäftegim Beginn des Termine mit fchrift Angebot auf Liefer Fleisch und Wurstwar feben, abzugeben. Garnisonderwaltung.

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* Haftpflicht der Eltern für die Thaten ihrer Kinder. Zu der Haftpflichtfrage für den Fall, daß Kinder durch Spielen mit Schießgeweyren Unheil anrichten, hat das Reichsgericht nachfolgenden Rechtssag aufgestellt. ,, Wenn ein Vater das Spielen seiner Kinder und deren Ge­nossen, mit Schießgewehren duldet und nach seinem Bildungsgrad im Stande ist, die Gefährlichkeit des Schießens für die im angrenzenden Grundstück sich auf­haltenden Personen zu erkennen, so genügt er seiner

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Dr. Mumschs Patient.

Noman von Dr. Halifar und T. L. Meade. Autorisierte Bearbeitung von C. Weßner. ( Nachdruck verboten.)

Er hat schon wieder vergessen, was er durchgemacht", dachte Dr. Rumsey." Seltsam höchst seltsam! Ich begreife das nicht! In meinem Leben ist mir fein solcher Fall vorgekommen! Man hat ja schon viele phychologische Rätsel fennen gelernt aber das hier das geht über meine Begriffe!"

Dr. Rumsey fam ziemlich schnell mit einem Tablet zurück, auf welchem faltes Fleisch, Brot und Butter, sowie eine Flasche Champagner standen.

Da wir die Nacht doch anders verbringen als gewöhnlich, müssen wir schon etwas genießen", sagte er." Ich wenigstens esse etwas. Wollen Sie mir dabei Gesellschaft leisten?"

" Ach ja, ich habe Hunger", erwiderte Audrey. Ich esse ganz gern eine Kleinigkeit mit."

Dr. Rumsey fütterte ihn wie ein kleines Kind. Der Baron trant zmei Gläser Champagner. Der Wein zauberte eine feine Röte in fein Antlig und belebte auch ein wenig die glanzlosen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen.

" Jezt sehen Sie schon besser aus", sagte der Arzt. Und nun gehen Sie wieder ins Bett, nicht wahr? Der soeben genossene Champagner wird Ihnen gut thun. Es iſt ießt vier Uhr, Sie können also noch ein paar Stunden dem Schlaf widmen." Während Rumsey das sagte, tam Leben in Audreys Augen. " Ich erinnere mich an etwas", sagte er bedächtig. " Und was ist das?"

" Ich sah etwas in diesem Zimmer vor kurzer Zeit- die Erinnerung flutet langsam in mein Hirn zurück. Ich suche sie festzuhalten. Sagen Sie, Doktor, haben Sie schon gehört, daß es in Ihrem Hause umgeht?"

Dr. Rumsey lachte.

" Nicht das ich wüßte", meinte er.

" Nun, ob es hier umgeht oder nicht- jedenfalls sah ich etwas." Bei diesen Worten erhob sich Audrey langsam und zeigte auf das Fenster.

Ich schlief ganz feft auf einmal erwachte ich und fah bort am Fenster einen großen, hellen Lichtfreis und in demselben ein Bild, Ich sehe es iegt wieber vor meinem Auge erstehen wie in einem Nebel- es peinigt mich ich möchte es deutlicher feben. Nein, ich gehe nicht wicher in das Bett!"

Aufsichtspflicht nicht; cs ist nicht erforderlich, daß er sich den Eintritt gerade aller derjenigen Thatsachen ver­gegenwärtigen konnte, die in Verbindung mit dem von ihm geduldetem Schießen den Unfall herbeigeführt haben.

und schon 50 Jahre alt. Die Kreuzwegstürmer werden demnächst auch auf einer Berliner und einer Hamburger Bühne erscheinen. In der gleichen Nummer fallen eine Anzahl interessanter Momentbilder auf, die vor dem Reichstagsgebände aufgenommen sind und ** Sprachliches. Tabakspacete von Herrn K. Gräff verschiedene bekannte Abgeordnete auf dem Wege zum in Bingen a. Rh. tragen folgende Aufschrift: Manu- Zoll- Parlament" zeigen. Singer schreitet einher und facture de Charles Gräff, à. Bingen. Déposè." Wozu, Vollmar geht mit seiner Frau die Stufen hinauf; der fragt man sich da, haben wir denn unsere deutsche Vicepräsident Graf Stolberg- Wernigerode kommt Sprache? Gewiß gerade so schön, und für uns Deutsche schnellen Schrittes herbei, während der forpulente Herr noch angenehmer klingen die Worte:" Tabakhandlung Dr. Oertel fich 3eit läßt. Der Unterhaltungsteil von Karl Gräff, Bingen. Gescßlich geschützt." Hoffen enthält die erste Fortsetzung des fesselnden Studenten­wir, diese Worte an besagter Stelle bald zu lesen. Für romans Rhenania sei's Panier" von Arthur das Absaßgebiet in Frankreich kann sich Herr Gräff ja Zapp. Alle Postanstalten, auch die Briefträger, nehmen die Aufschriften in französischer Sprache drucken lassen. Abonnementsbestellungen für November und Dezember zum Preise von 90 Pfennig entgegen. Der Anfang des Romans wird allen neu hinzutretenden Abonnenten auf Wunsch im Streifband gratis nachgeliefert.

Aus Hessen und Nachbargebieten.

** Usingen, 13. Nov. Gewaltige Jäger vor dem Herrn hielten legter Tage im Gemeindewald von Brandoberndorf Treibjagden ab. 40 Schützen bliesen unter Unterstützung von 10 Treibern im Zeitraum von 2 Tagen zusammen 10 Hasen, 1 Fuchs und 1 Schnepfe das Lebenslicht aus. Die " Jaga"-Männer, meist aus Frankfurt a. M., vertrösteten sich auf die heimischen Wildpretläden, wo sie sich in jeder Beziehung hinlänglich versorgen können.

** Bad Ems, 13. Nov. Ungeheuer zahlreich sind in diesem Jahre die Schwarzfittel". Auf der Straße von Nievern hierher wurden dieser Tage Rudel von 15 und mehr Stück gesehen, darunter mächtige Keiler und steinalte Bachen.

** Groß- Gerau, 13. Nov. Bürgermeister Becker da­hier wird demnächst aus seinem Amte scheiden, um sich im Elsaß der Verwaltung eines von ihm erworbenen Gutes zu widmen.

Litterarisches.

** Vom Tischlermeister zum Volks= dichter. Diesen großen Sprung hat bekanntlich der Tischlermeister Josef Wertmann gemacht, dessen Volksstück Die Kreuzwegstürmer" durch seine dramatische Kraft, Schlichtheit und Lebenswahrheit jüngst im Wiener Raimund- Theater einen sensationellen Erfolg errungen hat. Werkmann, dessen sympathische Züge wir in der neuesten Nummer der Berliner illu­strierten Zeitung" vom 2. November sehen, ist ein Onkel der Wiener Hofburgschauspielerin Medelsky

,, Sie haben einen schweren Traum gehabt, Audrey, und erinnern sich seiner jeßt."

" Ich sage Ihnen, es war fein Traum, Doktor! Ich war völlig wach. Halt- fragen Sie fein Wort- mein Gedächtnis wird mit jedem Moment klarer. Also ich war völlig wach- ich stand auf und ging auf das Ding zu- ein Bild war es, es blieb immer auf einer Stelle- dort beim Fenster- zwei Männer standen in dem Lichtkreis-"

Gin Traum war es- Alpdrücken", unterbrach ihn Rumsey. ,, Wahrscheinlich haben Sie gestern etwas recht schwer Verdauliches genoffen."

" Es war kein Traum- auch fein Alpdrücken", widersprach der Baron langsam. Ich sah alles ganz deutlich. Ich sah etwas, was wirklich passiert ist vor mehr als fünf Jahren war es, Doktor da fand ein Mord auf der Ebene statt, welcher in der Nähe meiner Besizung liegt. Zwei junge Männer, die in Orford studierten, wohnten in unserem Dorfe fie kämpften um ein Mädchen, das sie beide gleich liebten. Der eine tötete den anderen. Der Mord wurde im Moment höchster Leidenschaft begangen, infolge Herausforderung, und der Mörder wurde zu Buchthaus verurteilt. Er büßt seine Strafe jest ab. Jit es nicht höchst sonderbar, daß ich ein vollkommenes Bild jener Mordthat erblicke? Es war alles so lebhaft- es hat sich förmlich in mein Hirn gebrannt

"

Audrey hob die Hand und preßte sie gegen die Stirn, während er sprach.

" Mein Puls schlägt jezt hier" er deutete gegen die Schläfe ,, ich brauche nur die Augen zu schließen, und sofort erblicke ich in meiner Einbildung, was ich vor einer halben Stunde in Wirklichkeit geschaut. Warum verfolgt mich das Bild eines Mordes nur so beharrlich und quält mich so grenzenlos?"

" Es hat eben damals einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht und hinterlassen", antwortete Dr. Rumsey. Sie sind jezt sehr so ist Ihr Geist einfach in schwach, Ihre Nerven sind zerrüttet die Vergangenheit zurückgeschweift. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben fann, so betrachten Sie es als nichts anderes als Alpdrücken. Und nun, bitte, gehen Sie wieder ins Bett."

Ich fann nicht wirklich nicht- ich habe eine furchtbare Angit

"

" Unsinn! Sie, ein Mann!"

Schelten Sie, schmähen Sie mich, wie Sie wollen, Doftor­ich fann nicht anders! Ich bin halbtot vor Schreck und Angst und finde feine Erklärung für diesen gräßlichen Zustand. Der Hauptpunkt meiner Qual liegt darin, daß ich das Geficht bes Mörders nicht fehen tann,"

Warum sollen Kinder Kathreiner's Matzkaffee

trinken?

Weil namhafte Aerzte nachgewiesen haben, daß Bohnenkaffee den Kindern durchaus nicht zuträg­lich ist, während durch Kathreiner's Malzkaffee mit Milch glänzende Erfolge in dem Gedeihen der Kleinen erzielt wurden! Dieses Getränk wird von den Kindern auch dauernd gern ge= nommen, während reine Milch oft bald wider: steht und in vielen Fällen nicht gut vertragen wird.

Druck und Verlag der( Giesener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783);

für die Redaktion verantwortlich: Albin klein, Gießen.

beim

Jede Unregelmäßigkeit Zustellen der Zeitungen bitten wir sofort direkt uns melden zu wollen. Die Expedition.

Wozu sollten Sie das auch sehen? Sie wissen doch, wer es war."

Das ist es ja eben, Doktor! Wollte Gott, ich wüßte es!" Damit trat Audrey dicht vor den Arzt hin und starrte ihm ins Gesicht. Seine Augen flackerten und glißerten. Unwillkürlich schien er zu fühlen, er habe zuviel gesagt; denn plöglich wich er einen Schritt zurück, führte die Hand abermals an die Stirn und starrte wiederum ins Leere.

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" Sie glauben natürlich, ich schwaße Unsinn", sagte er tonlos. " Ich glaube, daß Sie ein bedauernswertes Opfer Ihrer Wenn Sie zerrütteten Nerven find!" entgegnete Rumsey ernst. nicht wollen, brauchen Sie nicht wieder zu Bett zu gehen. Kleiden Sie sich an und sehen Sie sich zu mir ans Feuer. Wenn ich nicht irre, werden Ihnen auch in diesem Sessel die Augen zufallen. Ich bleibe bei Ihnen."

Wie gut Sie zu mir sind! Ich würde Ihnen ja gern dant­bar sein, aber ich kenne das Gefühl der Dankbarkeit nicht. Ja, ich will mich anziehen."

Rumsey drehte das elektrische Licht vollends auf, urd der Baron zog sich mit zitternden Händen an. Als er zurückkam an das warme Pläßchen am Kamin, sagte er:

Wollen Sie mir ein Stück Vapier und einen Bleistift geben?" Dr. Rumsey reichte ihm das Gewünschte.

" Ich will jezt für Sie aufmalen, was ich erblicke", sagte er. Er zeichnete mit fühnen, sicheren Strichen einen großen, hellen Lichtkreis, in dessen Mitte sich ein fleines, aber scharf sfizziertes Bild befand.

Robert von Audrey hatte in früheren Jahren oft gemalt. Er besaß großes Talent dazu und hatte manches hübsche Bild fertig gebracht. Jest zeichnete er eine Nachtscene- die Scene, welche er dem Arzte vorhin deutlich geschildert. Starr und unbeweglich lag ein Mann am Boden, das Gesicht gen Himmel gerichtet ein anderer beugte sich über ihn eine seltsame Stellung! Er hielt einen Stock in der Hand- seine Gestalt hatte etwas eigen­fümlich Bekanntes- sie war groß und schlank

Audrey ließ plößlich den Stift sinten und starrte mit weit­geöffneten Augen wie betroffen auf bas Wert seiner Hände. Dann nahm er die Sfizze, drehte sie um, legte sie mit der leeren Seite nach oben auf den Tisch und wandte Dottor Rumsey ein ent geistertes, unbeschreiblich bestürzt aussehendes Gesicht zu.

" Es ist nichts geworden", sagte er, ein Gähnen benchelnb. " Ich vermag doch nicht wiederzugeben, was ich gefehen. Ich bin müde ich glaube wirklich, ich schlafe in diesem Stuhle ein Thun Sie e8", verfekte Nunsen.

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