Ausgabe 
15.7.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 161. thin Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50. фил Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Dienstag, den 15. Juli 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Jusertionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie, ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Ferusprechanschluk Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

942913

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei,( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießer

Ein verschwundener deutscher Kleinstaat.

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Die Herzogin Friederike von Anhalt- Bernburg- ihr Tod wurde dem Leser schon mitgeteilt war die bei weitem älteste unter den Fürstinnen der souveränen Familien Euro­pas. Wie eine Gestalt aus längst vergangenen und ver= geffenen Tagen ragte die Neunzigjährige in unsere Zeit hinein, und ihr Tod weckt die Erinnerung an den inzwischen längst von der Weltfarte verschwundenen Kleinstaat, dessen lezte Herrscherin sie war, und dessen Namen sie als lezte getragen hat. Ihr Gatte, der Herzog Alexander Karl, für den sie 8 Jahre lang die Verwaltung des Bernburger Ländchens leitete, war dessen achter Fürst. Zwei und ein halbes Jahr hundert lang hat die Linie Anhalt- Bernburg bestanden. Am Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ward das bis dahin einen einheitlichen Staat bildende Anhalt von vier Brüdern in vier Teile gespalten: Dessau, Bernburg, Zerbst und Köthen. Kaum ein deutsches Fürstenhaus konnte sich an Kinderreich­tum dem der Astanier vergleichen, und doch führte in ver hältnismäßig so furzem Zeitlaufe das Aussterben aller drei jüngeren Zweige das gesamte Land wieder in der Hand Des ältesten zusammen. Allerdings blüht noch jetzt die zahl­reiche Nachkommenschaft eines Bernburger Prinzen, die in Preußen lebenden Grafen von Westarp, aber diese, auf die weiter unten zurückgekommen werden wird, haben sich des Rechtes auf die Thronfolge begeben.

Von dem hessischen angesehen, weist wohl die Geschichte feines anderen deutschen Fürstenstammes soviel romantische Capitel auf, wie die des anhaltinischen. Deren bekanntestes lebt bis heute im Gedächtnisse des Volkes fort und hat Dichter und Maler oft zu fünstlerischer Darstellung angeregt, dasjenige nämlich, dessen Helden der alte Dessauer und seine Luise, des Apothekers Föhse Tochter, sind. Weniger befannt dürfte aber eine früher vielfach geglaubte Ueber­Lieferung sein, durch welche diese der Nachwelt im Lichte der Verklärung erscheinende Liebesgeschichte ein wesentlich anderes Aussehen erhält. Nach ihr hätten sich die Dinge in Wirk­lichfeit sozusagen umgekehrt verhalten. Leopold von Dessau sei ein untergeschobenes Kind gewesen und zwar ein Sohn eben des Apothekers Föhse, ausgetauscht gegen eine kleine Brinzessin, deren Geburt ihren Eltern eine um so größere Enttäuschung bereitet hätte, als ihr bereits vier Schwestern boraufgegangen wären. Dabei sei gleich anfangs in Aus­sicht genommen worden, die beiden verwechselten Kinder später miteinander zu vermählen, um die Prinzessin auf diese Weise aus dem Apothekerhause ins Fürstenschloß zurückzu­führen. Die crasse unwahrscheinlichkeit dieser Fabel liegt auf der Hand, und doch haben ihr sogar ernste Chronisten Glauben geschenkt.

Der Bernburger Linie fehlte es ebensowenig an Liebesheiraten zwischen Fürst und Bürgerstochten wie der von Dessau. Wie des alten Dessauers ältester Sohn fich ohne Wissen des Vaters die Bauerstochter Sophie

Angebots- Vermerk Herre antrauen ließ und die Ehe, der schon neun Kinder

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entsprossen waren( die später erloschenen Grafen von Anhalt) erst auf dem Tootenbette gestand, so verband

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heimlich mit der Tochter eines Kanzleirates, Wilhelmine Charlotte Nüßler, die als Jungfer bei einer adlichen Dame im Dienste stand und schon drei Jahre vorher durch ihn Mutter eines Sohnes geworden war. Um fie gegen den Widerspruch seines Vaters und seines Bruders vom Kaiser anerkennen zu lassen, nahm der Erbprinz die Verwendung des Fürsten Leopold von Dessau in Anspruch, der viel am Wiener Hofe galt und endlich auch erreichte, daß die Demoiselle Nüßler auf Vorstellung und wegen der Verdienste Fürst Leopolds von Dessau um das Reich" zur" Reichsgräfin von Ballenstedt" erhoben wurde. Ihre beiden Söhne er­hielten später sogar den Reichsfürstenstand, starben aber, ohne Erben zu hinterlassen. Von einem Bruder Karl Friedrichs, Lebrecht, leitete der Nebenast Bernburg­Schaumburg- Hoym" seine Abkunft her. In ihm waren solche sogenannten Mesalliancen die häufigsten Erschein ungen. Lebrecht selbst vermählte sich nach dem Tote seiner ersten Gemahlin, einer Prinzessin von Nassau­Schaumburg, mit dem schönen Fräulein von Weede, die der Kaiser zur Gräfin machte, und, abermals Witwer geworden, mit Sophie von Ingersleben. Für dieſe fonnte er am Wiener Hofe eine Standeserhöhung nicht durchsetzen, fie wurde offiziell nicht einmal als seine Gattin, sondern nur als Eheconsortin" oder Ge­heiratete" bezeichnet.

Lebrechts Sohn Victor Amadeus führte eine Bräfin Hendel, sein Enfel Franz Adolf ein Fräulein bwn Haslingen heim, die beide den Ebenbürtigkeits­

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Vorschriften des Hauses Anhalt nicht genügen konnten, und wieder Franz Adolfs Sohn, Franz wählte eine bürgerliche Dame, die Tochter eines preußischen Re­gierungsrates Namens Westarp in Brieg zur Lebens­gefährtin. Diese letzte Heirat hatte allerlei verwickelte Rechtsstreitigkeiten und Auseinandersetzungen zur Folge. Zunächst nötigten die übrigen Mitglieder des Bern­burger Hauses den Prinzen zu einem 1796 ge= schlossenen Vergleiche, durch welchen er selbst seine Ehe für unebenbürtig erklärte und für seine Kinder auf fürstlichen Rang und alle Nachfolge verzichtete. Dieser Verzicht ward mit dem Hinweis auf eine haus­gesetzliche Bestimmung begründet; da die letztere aber nie die kaiserliche Bestätigung erfahren hatte und der Vergleich von 1796 ihrer gleichfalls bedurft hätte, sahen die Wittwe und die Söhne des inzwischen verstorbenen Prinzen Franz ihn später nicht mehr als verbindlich an, um somehr als die erstere vom König von Preußen nachträglich den Rang einer geborenen Gräfin von Westarp" erhalten hatte. Trotzdem sahen sich ihre Söhne zu einem nochmaligen endgiltigen Aufgeben ihrer Ansprüche veranlaßt. Dafür erhielten sie aus der Bernburger Staatskasse eine Jahresrente von 6000 Thalern ausgesetzt und von Preußen für sich und 6000 Thalern ausgesetzt und von Preußen für sich und ihre Descendenz den gräflichen Namen von Westarp bestätigt.

Der Zusammenbruch des heiligen römischen Reiches deutscher Nation brachte auch für Bernburg, das dem Rhein­bunde beitrat, eiue Erhöhung den Herzogstitel. Der Fürst, dem dieser zu teil wurde, ist gewiß manchem Leser dieser Beilen seinem Namen nach bekannt, er hieß Aleris und war der Begründer des lieblichen bei Harzgerode ge= legenen Alexisbades. Die Gemahlin dieses Herzogs war eine hessische Prinzessin, die Tochter des ersten Kurfürsten von Raffel. Vom Vater hatte sie die Heftigkeit und den Eigensinn, und durch diese Eigenschaften, hauptsächlich aber durch ihre maßlose Eifersucht machte sie dem Gatten das Leben so schwer, daß er sich schließlich von ihr scheiden ließ. Schon ein Jahr darauf schloß er, dem Beispiele so vieler seiner Vorfahren folgend, eine morganatische Ehe mit der Tochter eines seiner höchsten Beamten, des Geheimrats von Sonnenberg, und als diese schon nach einem Jahre starb, wurde ihre Schwester als Frau von Hohm" seine dritte Gemahlin. Die Lebensschicksale seiner ersten Gattin nahmen noch einen bewegten Verlauf. Ihre Excentricitäten, die ohne Zweifel geistig nicht normaler Vecanlassung entsprangen, ver­anlaßten ihren Bruder, den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen, sie durch einen seiner Generale gewaltsam aus Bonn, wo sie sich in die Behandlung eines Magnetiseurs begeben hatte, entführen zu lassen. Sie wurde nach Hanau gebracht und in strenger Bewachung bis an ihr Ende ge­halten.

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Ihren beiden Kindern vererbte sie die krankhafte Dis­position ihres Gemütes: die Tochter, an den Prinzen Friedrich von Preußen vermählt, verfiel später geistiger Um­nachtung, und das gleiche Schicksal wurde ihrem Sohne zu teil, dem Leßten des Stammes, dessen Wittwe die jetzt zu Grabe getragene Herzogin Friederike war. Schon als die damalige Prinzessin Friederite von Holstein- Glücksburg sich dem jungen, eben zur Regierung gelangten Herzoge Alexander Carl ver­mählte, zeigte er bedenkliche Störungen des Denkvermögens, die übrigens oft nicht eines heiteren Anstriches entbehrten. So war seine erste That nach seiner Thronbesteigung, So war seine erste That nach seiner Thronbesteigung, die Schildwache vor seinem Balais in Ballenstedt zum Haupt­erproben wollen, aber die Probe mißlang, denn seine Um­mann zu ernennen. Er hatte damit nur seine Herrschermacht gebung veranlaßte schleunigst, daß die Schildwache, gegen angemessene Geldentschädigung, freiwillig auf das außer gewöhnliche Avancement verzichtete. Bedenklicher war schon seine Liebhaberei, in Alexisbad die Kurgäste vom Fenster aus mit Wasser zu besprißen. Seltsamerweise bewahrte sich der unglückliche Fürst, auch als er nachher völlig verblödete, eine leidenschaftliche Neigung zur Musif. Ja, er komponierte sogar selbst und tannte teine größere Freude, als wenn seine Kompositionen im Hofkonzert aufgeführt wurden. Es war gewiß nicht freie Wahl und Neigung, welche Friederike von Holstein bestimmte, die Seine zu werden. Eher wohl die Holstein bestimmte, die Seine zu werden. Eher wohl die Rücksicht auf die finderreichen Eltern, die nur mühsam, bei ſehr knappen Mitteln, nach außen hin den Schein fürstlichen auftretens zu wahren vermochten. Und war der souveräne Herr eines der anmutigsten deutschen Landstriche, gutbürgerlich gesprochen, nicht noch eine gute Partie", vergeblich die wandtschaft? Prinzessin ihn mit anderen Ehen in ihrer nächsten Ver­

Noch ehe sie an Stelle Alexander Carls zur Regentin des Herzogtums ernannt wurde, hatte die Herzogin Friederike

thatsächlich längst die Zügel der Verwaltung aus den Händen des franken Gatten in die eigenen genommen. Sie hat diese Macht nie mißbraucht, und manche segensreiche Einrichtung der Wohlthätigkeit besteht noch heute als ein Denkmal ihrer Fürsorge. Und als 1863 mit dem Tode des Herzogs, Bern­burg an Dessau fiel und damit ihrer Regierung ein Ende bereitet wurde, war es ihr vergönnt, noch fast vier Jahr­zehnte lang als einfache Schloßherrin von Ballenstedt unter ihren ehemaligen Landestindern, von allen geliebt und ge­achtet, einen friedlichen Lebensabend zu genießen.

Politische Nachrichten.

Darmstadt, 15. Juli. Durch einige Blätter ging das Gerücht, Staatsminister Rothe wolle zurücktreten. Wie ich bestimmt erfahre, entbehrt diese Nachricht jeder Begründung. Unser oberster Staatsbeamter bleibt hoffentlich noch recht lange Jahre am Ruder.

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Russische Studentinnen in Berlin. Ueber die Zulassung von russischen Mädchen und Frauen zum Studium an der Universität Berlin besagt eine Bekanntmachung des Rectors, Professor Kekulé bon Stradonitz am schwarzen Brett, die schon in unserm telegraphischen Theil erwähnt worden ist: Der Herr Unterrichtsminister hat bestimmt, daß die Reifezeugnisse der russischen Mädchengymnasien für den Besuch der Universität in Zukunft nicht mehr als genügend an zusehen sind, auch dann nicht, wenn die mit einem solchen Zeugniß versehenen die Ergänzungsklasse durch­gemacht und den Rang einer Erzieherin erhalten oder die Ergänzungsprüfungen im Lateinischen bestanden haben. Auch die fernere Gewährung von Hospitanten­scheinen an die bereits auf Grund solcher Zeugnisse zu­gelassenen Frauen darf nur in ganz besonderen Fällen erfolgen." Die letzte Bestimmung des ministeriellen Erlasses ist hart und wird nur durch die Form ge mildert, die die Aussicht bietet, daß in wirklichen Be­darfsfällen Ausnahmen gemacht werden können. In den Kreisen der Studirenden aus Rußland wird diese Bestimmung als nicht berechtigt empfunden. russischen Studierenden sind der Anschauung, daß die Inhaberinnen des Reifezeugnisses eines russischen Mäd­chengymnasiums eine Vorbildung haben, die sicher Der­jenigen entspricht, welche durch die Erlangung des Lehrerinzeugnisses in Deutschland verbürgt wird. In diesem Sinne gedenten sie zu petitionicen.

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Der italienische König in Petersburg. König Viktor Emanuel weilt gegenwärtig als Gast am russischen Hof, ein Beweis, daß die Friedensära von allen europäischen Mächten als Grundbedingung für das ganze volkswirtschaftliche Leben angesehen wird. Dreibund wie Zweibund haben sich in diesem Gedanken verstanden und dieser Besuch ist ein weiterer Beweis dafür. Beim Gala­Diner hielt der Zar einen Trintspruch, in welchem er die guten Beziehungen zwischen Rußland und Italien hervorhob und auf das Wohl des Königs und der Königin von Italien trant. König Viktor Emanuel antwortete, ganz Italien sehe in diesem Besuch eine Garantie für den Frieden. Brinetti erhielt die Insignien des Alexander Newsfi- Ordens, welche ihm vom Grafen Lambsdorff überreicht wurden.

In der französischen Deputirtenkammer ist es am Samstag zu argen Tumultszenen gekommen wegen des Erlasses des Ministerpräsidenten, die Congre darüber: gonistenschulen zu schließen: Ein Telegramm meldet

Paris, 12. Juli. In der gestrigen Abendsigung die um 7 Uhr unter dem Vorsig Guillains eröffnet wurde, bringt Aynard eine Interpellation ein betreffend den Erlaß des Ministerpräsidenten über den Schluß der Congregonistenschulen. Ministerpräsident Combes ver­langt, daß diese Interpellation erst nach Erledigung der Tagesordnung beraten werde. Aynard erhebt da­gegen Widerspruch und erklärt, die Interpellation werde, wenn sie hinausgeschoben würde, gegenstandslos werden, da sie dann vor einem fait accompli stünde; 2500 freie Schulen würden dann geschlossen sein. Redner wird während seiner Ausführungen von der Linken heftig durch Schlagen auf die Pultdeckel unter­brochen. Er ist sehr erregt, nennt das Vorgehen der Regierung drakonisch und hält es für ein solches, wie es bei gesitteten Völkern unbekannt sei.( Lebhafte Be­wegung.) Ministerpräsident Combes will sodann unter dem Beifall der Linken das Wort ergreifen, der Lärm wird jedoch so stark, daß Combes nicht zu Wort kommen kann und die Rednertribüne wieder verläßt.

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