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Nr. 239.
Zweites Blatt.
Dienstag, den 14. Oftober 1902.
Avvenement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ins Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mt. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Gießener
11. Jahrgang.
Infectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Drud und Verlag der Gießener Verlagsdrucker i, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei,( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Gloffen zur kommenden
Tagung des Reichstags.
Angesichts des am Dienstag erfolgenden Wieder- Zusammentritts des deutschen Reichstages schreibt uns unser parlamentarischer Berichterstatter:
,, Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die ,, Unstimmigkeit", wie der Schaßsekretär Freiherr von Thielmann sagen würde, d. h. der Gegensatz der Meinungen in der zweiten Lesung des Plenums über die Zolltarifvorlage ebenso groß sein wird, wie in der Beratung der Zolltariskommission. Die Mehrheitsparteien, das Zentrum und die beiden konservativen Parteien mit Einschluß der Antisemiten, sowie die Mehrzahl der Elsässer und Polen, werden mit Entschiedenheit für eine Erhöhung der Tarife eintreten und auch von der Regierung, wie seither, verlangen, daß sie ihnen in irgend einem Punkte entgegentommt. Dem Zentrum wäre es am liebsten, wenn die Position für Gerste erhöht würde, weil die bayrische Bevölkerung, die einen starken Bruchteil der Partei ausmacht, darauf den größten Wert legt. Aber selbst die bayrische Regierung ist gegen eine Erhöhung, um nicht die Brauindustrie zu schädigen und den Widerstand der Bierkonsumenten herauszufordern. Und diese sind bekanntlich in Bayern eine Macht; Bier ist, wenn man bei einem flüssigen Nahrungsmittel so sagen darf, das Brot der Bayern, nach deren Ansicht ja überhaupt der liebe Herrgott bei der Weltschöpfung eine Geschmacksverirrung begangen hat. Denn wenn der Urbayer mit schmaßendem Behagen den Humpen an die Lippen führt, murmelt er mit zugefniffenen Augen wie im Gebet: ,, Es ist ein Fehler im Schöpfungsplan, daß man das Essen nicht trinken fann." Da in Bayern die Bauern immerhin in der Minderzahl sind und die besondere Spezies der Gerstenbauern erst recht, so kann man es leicht begreifen, daß die Mehrheit der bayrischen Bevölkerung gegen eine Zollerhöhung auf Gerste ist. Aber das Zentrum hat anscheinend seine besten Trümpfe noch nicht ausgespielt. Auf leisen Sohlen schleicht inzwischen das Gerücht durch die deutschen Gaue, es sei eine Erhöhung der Brausteuer geplant, die naturgemäß noch mehr als ein Gerstenzoll den Bierpreis erhöhen würde. Auf die Wirkung dieser Nachricht bauen die Reichstagspolitiker ihren Plan; vom bayrischen Landtag aus soll auf die bayrische Regierung und durch diese auf die Reichsregierung ein Druck ausgeübt werden. Die preußischen Konservativen haben im Gegensatz zum Zentrum wenig Interesse für eine Gerstenzollsteigerung, weil in Preußen verfältnismäßig wenig B augerste gebaut wird. Das Hauptproduktionsgebiet, der ergiebige Boden von Südschlesien, ist durch die Rübenzuckerindustrie dem Gersten- Bau fast verloren gegangen. Es besteht sonach bei der Reichstagsmehrheit über die Grundlage der Verständigung durchaus keine Einigkeit und es ist sehr leicht denkbar, daß die Regierung unter diesen Umständen ein Verharren auf der Vorlage der Möglichkeit, durch ein Zugeständnis die Einzelwünsche der verschiedenen Parteien zu entfesseln und dadurch die Zolltarifvorlage zu gefährden, vorzieht. In der zweiten Lesung werden deshalb die Gegensäge, wie der Kunstausdruck lautet, noch einmal mächtig aufeinanderplagen. Das Echo davon wird dann in der Presse zu hören sein.
Trotzdem aber ist man in parlamentarischen Kreisen der Ansicht, daß zwischen der zweiten und dritten Lesung die Parlamentäre vorreiten und bei den einzelnen Parteien, wie auch bei der Regierung Vorschläge für eine Verständigung vorlegen werden. Und diese wird vielleicht auch zu Stande kommen, wenn auch einstweilen die Konservativen die gleiche strenge Miene zeigen, wie das Zentrum. In der Stunde der Entscheidung werden dann die ganz konsequenten Vertreter der Erhöhungsforderungen, wenn es ohne Schaden für die Abstimmung geschehen kann, ein Fähnlein bilden, das mit den grundsäßlichen Gegnern geht, die Mehrzahl aber wird die kleinere Zollerhöhung um der unerreichbaren höheren willen nicht verwerfen.
Ein Moment dürfte außerdem sehr wesentlich für die Mehrheitsparteien ins Gewicht fallen, nämlich die Furcht vor einem Systemwechsel. Bislang waren die Konservativen die Regierungspartei; wenn sie nun die Regierung beim Zolltarif ebenso wie bei der Kanalvorlage im Stiche ließen, so könnte, fürchten sie, schließlich doch eine Annäherung an die Liberalen, wenigstens an die Nationalliberalen, eintreten. Das aber wollen weder die Konserbativen noch das Zentrum, die, wenn auch nicht im Reichstage, so doch im preußischen Abgeordnetenhause im Laufe der letzten Jahre engere Fühlung miteinander genommen haben. Nun schlummert freilich noch ein schwerer Feind der Regierungsvorlage im Hintergrunde, die Obstruktion. Setzt diese mit großer Wucht ein, so kann es leicht kommen, daß die Beratung vor Ablauf des ganzen Gesezgebungsabschnittes nicht zu Ende kommt.
Im allgemeinen werden die Beratungen, wie es bei dem trockenen Stoff der Zolltarifvorlage nicht anderes zu erwarten ist, wenig Interessantes und Fesselndes brinaen. Nur die Fleischteuerungsinterpellation wird viel
leicht ein volles Haus auf den Tribünen- erzielen, und, wie verlautet, will ja auch das Zentrum mit einer Pluskunftsforderung über die Depesche an den Prinzregenten eine Galavorstellung geben. Demnach wird es auch nicht an sogenannten„ großen Tagen" fehlen.
Lokales.
Gedenktafel für den 14. Oktober.
1066. Wilhelm der Eroberer siegt in der Schlacht bei Hastings. Beginn der Normanenherrschaft in England. 1758. Friedrich der Große wird nachts bei Hochkirch von den Desterreichern überfallen und erleidet eine schwere Niederlage. 1806. Preußens Heere werden von Napsleon I. bei Jena und Auerstädt völlig geschlagen.- 1809. Friede zu Wien zwischen Oesterreich und Frankreich.
Vermischtes.
|:[ Der Ochse als Tierquäler.] In den Stallungen des Wirtes Herold zu Buchenbach wurden seit einiger Zeit Rinder des natürlichen Schmucks der Schwänze beraubt. Man stellte alle möglichen Nachforschungen nach dem Täter an, die Volksstimme bezeichnete schon als Schuldigen einen entlassenen Knecht- da kam man durch Zufall dem Zusammenhang auf die Spur. Der Täter war ein junger Ochse, der den Tieren die Schwänze glatt, abzubeißen" verstand.
[ Ein Land ohne Briefmarken.] In allernächster Nähe des deutschen Reiches giebt es ein Ländchen, das, mitten im Zeitalter des Verkehrs, keine Briefmarken hat. Etwa eine Meile von Aachen liegt die ,, Enklave" Neutral Moresnet, gerade zwischen Belgien und Preußen, ohne zu einem dieser Staaten zu gehören, aber auch ohne jebe Selbständigkeit. Die beiden großen Nachbarn bevormunden das Ländchen und stellen ihm Post und Telegraph, Polizei und Gendarmen in ausreichendem Maße zur Verfügung. Nun unternahm es 1866 der Bürgermeister dieses Gebiets, bewegt durch Lokalpatriotismus und in der Meinung, daß sein Land nach dieser Richtung dieselben Rechte habe wie andere, Postwertzeichen herzustellen. Doch, o weh, die Argusaugen der beiden Grenzstaaten Preußen und Belgien wachten über diesem ungerechtigten Selbständigkeitstriebe. Die Marken wurden konfisziert, die Platten vernichtet und vorbei war es mit der Ausübung des angedeuteten Hoheitsrechtes. Es versteht sich von selbst, daß die geringe Anzahl tatsächlich in Verkehr gebrachter Marken für Liebhaber großen Wert haben.
[ Die verkannte Kompagniemutter.] Der„ Elsässer" erzählt folgende lustige Manövergeschichte von Oberehnheim. In der benachbarten Gemeinde erschien der Quartiermacher bei einer alleinwohnenden hochbetagten Witwe und bat diese, ihm doch ,, die Stube für die Soldaten" zu zeigen. Die gute Frau zeigte ihm ein zwar einfach ausmöbliertes, aber sehr geräumiges und sauberes Zimmer. Der Sergeant schmunzelte und sagte: ,, Det is ja' ne hübsche Bude, Mutter, ihr friegt ooch' nen Feldwebel und seinen Burschen." ,, A Feldwebel, ja, was isch denn des, a Feldwebel?" fragte die Alte. ,, Ein Feldwebel," sagte der Quartiermacher ,,, ist, was ihr Elsässer ein Feldweibel nennt; also Mutter, ein Feldweibel bekommt ihr mit seinem Burschen." ,, Horiche, liewer Herr," sagte jezt die gute Frau, ,, horiche, i will ich ebs saije; i hab net gern Wiebslitt im Hüs. Bi de Franzose hett m'r als au Markidenterene g'hett: awer sie sinn verhierot g'sin. Eujer Feldwebel mueß netts Muschterle sinn, daß es mit'm a Bursch herumziejet. Horiche, i will des Mensch nit im Hüs han; genn m'r zwei Soldate, hochi oder gemaini,' 3 isch m'r eegal, aber des Wiewel nimm i nitt. Do tät sich jo min Mann im Grab herum treije, wenn ich a so' ne Menschel mit sim Liebschter ins Hüs lon tät." Es dauerte recht Tange, bis der verblüffte Sergeant der guten Frau den Unterschied zwischen einem Feldwebel und einem Feldweibchen flar gemacht hatte. Das drollige Misverständnis rührte eben daher, daß der Sergeant mit seinem norddeutschen Dialekt oen Doppellaut ei im Wort ,, weibel" scharf ausgesprochen hat, während das Elsässer Ohr an das weiche ai, also an ,, waibel" gewöhnt ist.- ,, Waibel", abgekürzt und wohl herrührend von Feldwebel" nennt die Elsässer Mundart heute noch den Polizeidiener auf dem Lande wie den Schußmann in der großen Stadt. Der Kern des Elsässer Volkes ist eben trop der langen Franzosenzeit durch und durch deutsch geblieben.
[ Eine neue Beethoven- Anekdote] wird soeben von einer französischen Musikzeitung mitgeteilt. Beethoven besuchte einmal den Pianisten Himmel, der wegen seines vortrefflichen Spiels berühmt war. Himmel, der, wie die meisten Virtuosen, von Eitelkeit nicht ganz frei war, wollte Beethoven, den er als einen nicht ganz vollwertigen Kollegen anzusehen schien, in Erstaunen ſeßen; majestätisch öffnete er das Klavier und begann, nachdem er einige Accorde angeschlagen hatte, ein großes Stück" eigener Komposition, ohne Pian und Idee, aver
wie es die musikalische Mode der damaligen Zett wollte vollgepfropft mit Scalen, Arpeggios und musikalischer Verzierungen, die sich schlecht und recht, aber mehr schlech als recht, verketteten. Beethoven, der bekanntlich nich der höflichste Mensch war, wurde schließlich ungeduldig und schrie den Pianisten an: Ja, sagen Sie, woller Sie denn nicht endlich anfangen?" Himmel bemüht sich, seine Wut für den Augenblick nicht merken zu lassen aber einige Tage später rächte er sich, indem er Beethoven der sehr leichtgläubig war, die Geschichte einer epoche. machenden Erfindung erzählte: es sollten ,, Laternen für Blinde" erfunden worden sein, und Beethoven, der sich nicht denken konnte, daß man ihm etwas vorreden könnte, erzählte die Wundermär allen seinen Freun den, die sich natürlich sehr darüber amüsierten.
[ Echte falsche Dollars.] Mehr als sonstwo finden sich falsche Dollars in Peking vor. Dank der Erfindungs. gabe der Chinesen braucht man sie aber jetzt nicht mehr fortzuwerfen. Wie nämlich der Zeitschrift ,, Ostasien" ge schrieben wird, hat sich in der chinesischen Hauptstadt eine Versilberungsfabrik aufgetan, die für 10 Cents selbst dem bleiernsten Tollar ein echt silbernes Aussehen giebt, so bas auch der geriebenste Chinese ihn nicht für unecht hält. Der Zuspruch von Europäern und Chinesen soll ein reger sein und die Fabrik gute Geschäfte machen.
£[ Ein jüdisches Regiment] ist das Neueste auf militä rischem Gebiete. In Newyork fanden vor kurzem, wie erinnerlich, bei Gelegenheit der Beerdigung des allbeliebten Oberrabbiners Josef Belästigungen des Leichenzuges statt, die von jüdischer Seite Repressalien mit bewaffneter Hand zur Folge hatten. Um solchen Vorkommnissen in Zukunft begegnen zu können, haben sich 250 junge Männer jüdischen Glaubens als Regiment organisiert und zu diesem Zwecke die Inforporationspapiere von einem Richter unterzeichnen lassen. Reiche Glaubensgenossen haben Gewehre und andere Waffen zur Verfügung gestellt, geschulte Soldaten leiten die militärischen Ererzitien des jungen Regiments. Dasselbe gedenkt, die nötigen Schritte zu er greifen, um der Nationalgarde des Staates einverleibt zu werden. Regimenter mit nationaler oder konfessioneller Färbung sollen zwar in den Vereinigten Staaten nicht aufgestellt werden aber in keinem Lande läßt sich ein Gebot leichter umgehen.
K Ein Jrrer zu Tode mißhandelt? Die Direktion der Epileptiker- Anstalt Wuhlgarten bei Berlin hat an die Königliche Staatsanwaltschaft gegen den in ihrer Anstalt an gestellten Wärter Triczinski Anzeige erstattet, worin T. beschuldigt wird, den Pflegling Maler Friz Stegmann derart mißhandelt zu haben, daß die Verlegungen den Tod des St. herbeigeführt haben. Am 2. dieses Monats unternahmen zwei Pfleglinge einen Fluchtversuch, von dem St. angeblich Kenntnis gehabt haben soll. Hierdurch soll ein Streit zwischen ihm und dem Wärter T. entstanden sein, der dahin führte, daß Stegmann in eine IsolierZelle gebracht wurde. In dieser wurde er am nächsten Morgen tot aufegfunden.
A Veruntreuungen von vier Millionen Kronen sind in der Sankt Wenzel- Vorschußkasse zu Prag entdeckt worden. Schon die Veruntreuungen des verstorbenen Buchhalters Ort, die vor etwa drei Monaten im Betrage von 378 070 Kronen entdeckt wurden, erregten einen Sturm auf diese Vorschußkasse, deren Einleger zumeist dem geistlichen Stande angehören. Jeßt wurde der gewesene Präfident des Verwaltungsrates Monsignore Drozd, Mitglied des Prager Domkapitels und päpstlicher Kämmerer, ferner der Direktor Kohoft, Hüber, der Schazmeister der Pfandbeleihabteilung, und der Oberbuchhalter Hartwig wegen Mitschuld verhaftet. Die Veruntreuungen reichen zwanzig Jahre zurück und wurden durch falsche Bilanzen und buchmäßige Verluste mastiert. Nach der vorläufigen Untersuchung ergiebt sich, daß der 65 jährige Geistliche Drozd große Verluste im Börsenspiel hatte. Er soll durch Ver. trag sein Vermögen seiner Wirtschafterin und deren Sohn zugewendet haben. Auch die Wirtschafterin Anna Madi wurde verhaftet; man fand bei ihr zahlreiche Pretiosen, an barem Gelde über 30 000 kronen.
Ein geheimnisvoller Häftling. Im Arreste des Bezirksgerichts Stockerau, so wird aus Wien gemeldet, befindet sich ein Mann in Haft, welcher sich Eduard von Battenberg nennt. Er ist etwa 35 Jahre alt, mittelgroß, hat blaue Augen, blondes Haar, ebensolchen Vollbart und spricht preußischen Dialekt. Er dürfte sich schon seit einiger Zeit herumgetrieben haben und ist entweder irrsinnig oder ein Simulant, welcher aus guten Gründen über sein Vorleben Stillschweigen beobachtet.
) Einer schweren Explosion von Acetylen fielen in Orsova vier Angestellte des dortigen Kasinos zum Opfer. Sie wollten einen Fehler am Gasapparat abstellen, als plößlich mit einem donnerähnlichen Krach sich das ausströmende Gas entzündete. Das ganze Gebäude stürzte zu sammen und begrub sie unter seinen Trümmern. Die Gäste im großen, über der Explosionsstätte befindlichen Saale konnten sich nur mit Not retten.


