Ausgabe 
14.8.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 187.

Zweites Blatt.

Donnerstag, den 14. August 1902.

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Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

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11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Weßlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Ervedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Politische Nachrichten.

Nacht.änge zu den Revaler Kaifertagen. Der Lokal- Anzeiger veröffentlicht in einem Petersburger Telegramm Besprechungen mit einigen hochgestellten russischen Persönlichkeiten, welche die Revaler Tage in unmittelbarer Nähe des Kaisers mitmachten. Alle sind ohnungen nebſt Bab, entzückt von der Liebenswürdigkeit und der Leutseligkeit des Kaisers, die sich auf Schritt und Tritt dokumen­ticte. Ueberhaupt war der Verkehr zwischen dem Zaren und dem Kaiser Wilhelm ein außerordentlich herzlicher. Die Entrevue trug einen vollkommen intimen Charakter, da nachweislich die Vereinbarung getroffen worden war, sich gegenseitig aller offiziellen Reden zu enthalten. Ebenso herzlich wie die Monarchen bewegten sich auch die beiden ersten Staatsmänner, Graf Bülow und Graf Lambsdorff. Man darf mit Recht die Consequenzen dieses herzlichen Besuches als weitgehend betrachten. Zunächst schwindet in Petersburger maßgebenden Kreisen das Gespenst eines Zolfcieges, das bereits in der Ferne drohte.

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-

Die Kaiserin hat ihre Reisedispositionen nach Mainz wohl infolge des ungünstigen Wetters- geändert. Die Kaiserin wird sich nicht an der Rheinfahrt des Raisers nad Mainz beteiligen.

- Im Großherzogtum Baden ist wegen der Frage der Zulassung von Männerflöstern die Lage eine gespannte. Namentlich durch den Protest der drei badischen Hochschulen ist die Strömung gegen die Regierung so angeschwellt worden, daß man in erufthait zu nehmenden politischen Streisen mit der Möglichkeit des Rücktritts des Ministers b. Dusch rechnet.

при

München. Kammerpräsident v. Orterer foll demnächst als Rektor des Luitpoldgymnasiums nach München bersetzt werden.

- Die Landung deutscher Marine- Truppen ist in Puerto Cabello beabsichtigt, und daß seiner amerikanische Truppen an Land gehen sollen jedoch lediglich zum Schuße ameritanischer Interessen. Erforderlich ist auch die Anwesenheit eines deutschen Kriegssch ffes bor Haiti, wo der Rebellen- Admiral Killik die Haupt, äjen für blokirt er­tläit hat. Die venezolanische Hasenstadt Barzelona wurde von den Rebellen genommen und geplundert. Eines der beiden amerikanischen Kriegsschiffe ist aus Ersuchea des Konsuls von Puerto Cabello dochin unterwegs.

Die Bon" bestätigt oagegen, daß in maßgebenden

In eigener Suche Richter.

Noman von L. Hardheim. Nachdruck verboten.)

( Fortjeßung.)

Kein Wort fiel darüber. Kolonig bat seine reizende Braut ihm von jest an jeden Gedanken ihres Herzens ganz allein zu widmen; unter zärtlichen Scherzen versicherte er er sei auch so berwahrloft und Lischa müsse ihn sehr unter ihre Obhut nehmen.

Der Abend wurde ein sehr heiterer für die Frohbergs und Frau von Wazlam gab sich die größte Mühe ihren Stolz auf Marias Verlobung aufrecht zu halten.- Koloniz war viel zu fein und tattvoll, auch nur mit dem Schatten eines Blides sein Erstaunen über Marias Wahl zu verraten, im Gegenteil, sie alle thaten als sei nichts selbstverständlicher, aber je weiter der Abend vorrückte, um so verstimmter fühlte die stolze Frau sich und umsomehr Mühe mußte sie sich geben ihre geheimen Gefühle nicht zu verraten.

wurde.

Eine wahre Erleichterung fam ihr, als der Wagen gemeldet Ganz in die Ecke gedrückt, jeden Lichtstrahl meidend, grübelte sie dann in quälender Unruhe. Hatte sie recht gethan ihre Einwilligung sogleich zu geben? sich bei der Oberhofmeisterin auf übermorgen anzumelden? Wäre es nicht doch am Ende ver­nünftiger gewesen, Maria ihre Chancen" noch eine Weile zu geben? Vor der Phantasie der geängsteten Frau stand immer das traulich erhellte Zimmer, das sie eben verlassen, Lischas holdes bräutliches Lächeln, ihre glückstrahlende Miene und dann Graf Koloniz jung, fünfundzwanzig Jahr! stattlich, elegant, reich und ein ganzer Mann!

der

Sie war so beirrt von ihren inneren Zweifeln, daß fie nach einer schlaflosen Nacht Joseph Ebern, der eben reisefertig zu ihr fam, fich zum legten Mal mit ihr zum Frühstück zu sezen, zum­Vertrauten ihrer Unruhe machte.

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Wie fönnen Sie die beiden Cousinen vergleichen, gnädige Tante?" gab er ihr mit der ihr im Grunde so verhaßten spöttischen Sicherheit zu hören. Ihre Maria wird von innerstem Lebens­trieb geführt sich ihre Lebensbedingungen zu schaffen. Sie ist nicht die Natur, die hungernd und darbend am Wege stehen, oder gar liegen bleibt. Sorgen Sie nicht; Lischa Frohberg würde untergehen, Ihre Maria niemals."

Ihr blieb unflar, ob Joseph damit Maria ein Kompliment sagen wollte, oder Lischa; aber sie hörte heraus, wonach ihr Herz verlangte, Maria würde ihren Weg machen und flug und energisch nehmen was sie brauchte. Sie fühlte sich Joseph Ebern

Stellen von einer beabsichtigten Landung deutscher Truppen in Puerto Cabello nichts bekannt ist. Auch von einer ge­meinsamen Aktion deutscher und amerikanischer Marine­Streitkräfte fönne schon deshalb nicht die Rede sein, weil beide zur Zeit dort freuzenden Kanonenboote nur ein geringes Landungs- Korps ausschiffen könnten.

In Dänemark hat jetzt der Justiz- und isländische Minister Alberti dem Althing zu Reykjavik eine Vor­lage zur Veränderung des isländischen Grundgesetzes eingereicht, worin es u. A. heißt: Der König übt mit den im Grundgeseze beſtimmten Einschränkungen die höchste Gewalt aus in allen be­sonderen Angelegenheiten Islands, und er übt sie aus durch einen Minister für Island. Dieser darf feinen anderen Ministerposten bekleiden, muß isländisch sprechen und schreiben können und in Reykjavik ansässig

sein.

Rom, 13. Aug. Noch in diesem Jahre soll ein rus­sisches Geschwader unter dem Kommando des Großfürsten Alexei Alexandrewißsch einen Besuch in einem iitalieni­schen Hafen machen, wo ihn ein italienisches Geschwader unter dem Kommando des Herzogs von Genua begrüßen wird.

London, 13. Aug. Die Morning Post" meldet aus Johannesburg: Nicht amtlich verlautet, daß Botha und Delarey zu Mitgliedern des neuen gefeßgebenden Rates ernannt werden sollen.

Petersburg, 13. Aug. Finanzminister Witte ist nach Odessa abgereist. Durch Zirkular wurde den russischen Blättern verboten, dessen Erwähnung zu thun, wodurch die verschiedensten Gerüchte entstanden sind. Es hieß, Witte sei intognito in Reval gewesen, um mit Bülow zu fonferieren, was indessen nicht zutrifft.

Aus Hessen und nachbargebieten.

** Atsfeld. Unser Gewerbeschulhausneubau ist jetzt so­weit vorgeschritten, daß die Schule mit Beginn des Winter­semesters in denselben übersiedeln kann. Die Räumlichkeiten, die derselben alsdann zur Verfügung stehen, entsprechen in jeder Hinsicht cen weitgehendst n Anforderungen, und es darf wohl erwartet werden, daß nunmehr erst recht die Ent­wickelung der Anstalt in der seitherigen Weise fortschreitet.

** Wetzlar, 12. Aug. In den Gemarkungen Her­mannstein, Naunheim und Waldgirmes wurden in den mannstein, Naunheim und Waldgirmes wurden in den

sogar dankbar und sagte ihm mehr Freundliches in dieser Früh­stücksstunde, wie er seit Wochen von ihr gehört.

Dann trennten sie sich; sie wollte allerlei rüsten für den morgenden großen Tag, Graf Joseph wartete mit Ungeduld auf das Geld, welches Burkard ihm vom Bantier hatte holen lassen und heute früh schicken wollte.

Mit dem ganzen Leichtsinn seiner Natur hatte er heute schon wieder die Erregung des gestrigen Tages vergessen und alle die Demütigungen, welche ihn gestern fast zu Boden schlugen.

Ihn beschäftigten heute ganz andere Gedanken und Ueber­legungen; was sollte er in Wien anfangen mit den paar hundert Gulden, die Burkard für ihn hatte? Wenn er Soldat wurde und sein Leben in die Schanze schlug, wollte er konnte er es nicht auf seine elende Gage hin. Und jezt erst recht nicht, wo er sich Freunde machen, sich rehabilitieren mußte, denn das war tlar diese fatale Agramer Affaire Merkwürdig wie elend flein die Welt ist, daß solche Klatschgeschichten-. und ohne Geld fonnte er als Graf Ebern doch unter feinen Umständen sein! Die ganzen Morgenstunden ging ihm der Gedanke schon im Kopfe herum.- Und am Ende, was nügt alle Tugendfimpelei, wenn man doch keine Ruhe davor hat. Und schließlich, wenn es zum Krieg fam und er fiel-! Wenn er sein junges Leben hingab, um-na- um Lischas willen oder vielmehr, um man ist doch am Ende auch nicht ganz unempfindlich gegen die Anforderungen der Ehre! Ach, was- Ehre! Verpfuscht war sein Leben, die Kugel, die ihn hinſtreckte, war gut angewandt, aber die furze Spanne die konnte man ja doch-. Wenigstens für alle Fälle doch Geld haben! In Bereitschaft sein

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Und unter solchen verworrenen Betrachtungen, deren feine er auszudenken den Mut hatte, war er ins Haus zurückgegangen, hatte ganz sachte den Weg nach seinem Zimmer gesucht und den Jiod dort abgeworfen, um ihn nicht staubig zu machen.

Die Krampe unter der Dachluke war ja wohl verrostet? Endlich brachte er sie zum Drehen; er langte mit dem Arm in jene Edfe. Alle Teufel, was war das? Er wußte mit positiver Ge­wißheit, wohin er jenes bindfadenumschnürte Bündel geworfen. Es war nicht da?- Ihn überlief es glühend heiß.

Vergebens suchte er in dem lichtlosen Raume, griff hier hin, da hin, hob sich auf die Fußipizen nichts nichts

Gine schredliche Angst befiel ihn. Das Geld! das Geld! Er mußte es haben! Wie viel hatte es ihn schon gekostet! Alles das umsonst? Nie und nimmer!

Als guter Turner schwang er sich zu dem Loch empor froch hinein- suchte- tastete- Endlich! Fast hätte er lant

letzten Tagen und werden noch jetzt versicherungsseitig die Abschätzungen über die Höhe des Hagelschadens vor­genommen, welcher durch das Unwetter vom 26. Juli veranlaßt worden ist. Wie uns von befreundeter wohl­unterrichteter Seite mitgeteilt wird, dürften an ver­sicherte Hagelbeschädigte in Hermannstein etwa 17 bis 18,000, in Naunheim ungefähr 23-24,000 Mt., in Waldgirmes wahrscheinlich noch mehr, zur Auszahlung gelangen.

Homburg v. d. H., 12. August. Der Herzog von Cambridge, sowie der Herzog von Devonshire sind beide heute Abend 5 Uhr zur Kur in Homburg eintroffen.

** Homburg v. 6. H., 12. August. Der Herzog von Cambridge, sowie der Herzog von Devonshire, sind heute Abend 5 Uhr zur Kur in Homburg ein­getroffen.

** Mainz, 12, August. Ein an der Ecke der Badergasse wohnender Cigarrenhändler wurde in ber­flossener Nacht im Kirschgarten von zwei Tagelöhnern, mit denen er vorher in einer dortigen Wirtschaft in Streit geraten war, überfallen und durch Messerstiche schwer verletzt. Der Zustand des Gestochenen ist hoff­nungslos.

** Worms, 12 Aug. Der Bahnwärter Müller war im Begriffe, die Barriere für den Zug herunter­zudrehen, als sein Enkelkind, der etwa 3 Jahre alte Sebastian Gahn, unvermutet aus dem Wärterhaus trat und auf das Geleise sprang. Der Versuch Müllers, den Zug durch Winken zum Halten zu veranlassen, mißlang, das Kind wurde von der Maschine erfaßt und überfahren. Die Verlegungen sind lebens­gefährlich.

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* Langenschwalbach. Ein aus Stedenroth gebürtiger 17jähriger Bursche Namens Braun, welcher zur Zeit an der Scheiderthalstraße beschäftigt ist, überfiel ver­gangene Woche auf der Eisenstraße" zwischen Hahn und Steckenroth die aus Seizenhahn stammende, gegen wärtig in Doßheim wohnhafte Butter- und Eier­händlerin Merz und suchte sie zu vergewaltigen. Trozz ihres unbeholfenen Zustandes die Frau sieht fonnte sie sich ihrer baldigen Niederkunft entgegen des Unholdes erwehren, der auf ihre Hilferufe hin die Flucht ergriff. Braun wurde verhaftet.- Zwei Brüder Namens Kremer aus Breithard, beide als Maurer in Wiesbaden beschäftigt, haben ihrem eigenen Schwager das Auge ausgestochen und ihn so schwer verletzt, daß er hoffnungslos im Krankenhaus in Wiesbaden dar­niederliegt. Auch sie wurden verhaftet.

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aufgeschrien vor Freude; da fühlte er es, es war in eine andere Vertiefung gerutscht, fühlte fich feucht an das Dach war an­scheinend dort nicht ganz dicht.

D, wie froh er war. Er hätte laut lachen mögen. Solchen Unsinn, das Geld, das teuer erkaufte Geld aufzugeben!

In diesem Moment, wo er eben das Versteck zu verlassen fich anschidte, war's ihm, als treffe ihn ein Bliz. Burkards Stimme! Er tam die Treppe herauf, rasch und dem Diener eben zurufend: Ich gehe schon selbst!"

Wie gelähmt vor Entsezen horchte Joseph Ebern. Seine Augen starrten auf die offene Luke. Wenn sein Better ihn ent­deckte! Die Schmach!

Näher tam er; jest Schritte auf dem Gange; vor Josephs Thür hielt er an, flopfte, flopfte noch einmal, öffnete dann die Thür, fah in das Bimmer und stieg langjamer die Treppe wieder hinab. Sehen Sie, ob der Herr Graf im Stalle ist!" befahl er dem Diener.

Als Joseph Ebern einige Minuten später sein Zimmer_be­trat, zitterte er so sehr und war so in Schweiß gebadet, daß er fich völlig frank fühlte.

Aber er verachtete sich selbst um seiner Schwäche willen. Fünf Minuten später waren die vielen Bindfadenschlingen von jenem Bündel zerschnitten und der mißhandelte verdorbene Rod lag wieder zu unterst in einem der Stoffer, nachdem ein gewisses Knistern unter dem Seidenfutter Graf Josephs Ruhe vollends wiederhergestellt. Zum Teufel mit aller Empfindelei! Sie ist's, die aus dem Menschen einen Feigling macht.

Wenn die Arbeit nicht eine so gute Trösterin wäre! Burtard von Frohberg wuchs die Aufgabe, welche der ster: bende Großvater ihm auferlegt, fast über den Stopf, und an ihm bewahrheitete sich auch wieder das Wort, daß der Mensch mit seinen Zweden wächst.

Ein so großes zur Zeit herrenloses Vermögen will gehegt und gepflegt sein und dem Pfleger tritt nach den Buchstaben bes Gesezes das Gericht zur Seite, damit nichts verloren werde von dem betrauten Gut. Auf Heller und Pfennig mußte jeder Teil dez großen Besizes nachgewiesen werden, Juventar aufnehmen und dergleichen forderte die höchste Anjvannung aller Kräfte, und je rätselhafter gleich zu Anfang das Verschwinden der großen Summe erschien, um so energischere Anstrengungen wurden ge­fordert das verschwundene Geld zu entdecken. Graf Joseph von Ebern hatte gerade noch das Vergnügen zu sehen, daß eine neue amtliche Nachfrage deswegen eintraf, als er im Begriff stand. mit seinen zwei großen Koffern zur Bahn zu fahren.

( Fortseßung folgt.)