1902.
Auch eine Bescherung!
Weihnachtshumoreste von Paul Bliß. ( Nachdruck verboten.)
Um Christabend um fünf Uhr ist Herr Anton Rüstig in den 8ng gestiegen, der ihn in wenigen Stunden seiner Heimat zu führen soll.
Daheim! Wie es ihm warm wird bei dem Gedanken an feine Familie, feine niedliche kleine Frau und seine drei blondhaarigen Mädchen. Daheim, wo ihn die Freude und das Glid erwartet, und die gemütliche Häuslichkeit, die ihm sein Weibchen bereitet, prächtig! Und vergnügt reibt er die Hände.
Ist er doch auch lange genug fortgewesen von seinen Lieben, ja, volle acht Monate!
Fast scheint es ihm selbst, als fönne es noch garnicht so lange her sein, aber er rechnet und rechnet, wieder und wieder, und richtig, es bleiben acht Monate.
Wahrhaftig! Es ist doch eine Blage, so in der Welt sich berumtreiben zu müssen! Hätte jemand ihm das früher provhezeit, er würde ihn einfach ausgelacht haben.
Aber so geht es, wenn man gar fo früh hineinspringt in bas eheliche Glück. Wohl flingt recht hübsch ein Sprichwort, daß es noch feiner berente, jung gefreit zu haben; aber wenn es jedermann wirklich ehrlich mit sich meint, sollte ihm da nicht boch manchmal ein leichter Zweifel an der Richtigkeit dieses Auss spruchs gekommen sein? Sicherlich, denkt Herr Anton Rüstig, sicherlich! Und auch ihm geht es ja so; nicht, daß er bedauert, früh geheiratet zu haben; bewahre, aber er hätte immer noch ein paar Jahre warten und dann freier und sorgenloser das Leben genieten können, so aber-
Ja, du lieber Gott, das schaut alles gar so verführerisch und schön aus, so verlockend und vielversprechend: ein eigenes Heim, eine niedliche kleine Frau und dann: wie?- Nun ia, man muß doch auch gleich mit der Zukunft rechnen, Familie mird doch sicher nicht ausbleiben. Gewiß nicht! Nur hatte er bescheidener gerechnet. Eins fam im ersten Jahre, ein derbes, fräftiges Mädchen, zwar hätte er einen Jungen lieber gehabt, aber na-; dann im nächsten Jahre wieder ein Mädchen, eigent lich wieder eine Enttäuschung, aber das kleine dralle Wurm blickte so lüstern und bergnügt ins Leben, daß der scheinbar glückliche Vater nun wirklich glücklich wurde. Und dann im dritten Jahr - wahrhaftig wieder ein Mädchen; das war doch wirklich beinahe au arg! Drei Mädchen, Allmächtiger! und später dreimal die Sorge, fie an den Mann zu bringen, o, das ist nicht so leicht! und fast unwillig wandte er sich ab, wenn man ihm wieder mit bem zur frühen Che ratenden Sprichwort tam. Drei Mädchen in brei Jahren, Tausend! damals war es Herrn Anton Rüstig doch ein wenig warm geworden, wenn das so fortgeht! Und was für Mich fosten die Haushaltung jetzt schon erforderte, soviel Lonnte sein verhältnismäßig geringer Verdienst als Buchhalter unmöglich ausgleichen. Da mußte Abhilfe geschaffen werden, schleunige Abhilfe. Und mit fieberhafter Tätigkeit hatte er sich bann um eine andere Stelle beworben, bis er diese endlich in einem scheinbar einträglichen Reisevosten fand. 3war mußte er fich fast dreiviertel des Jahres draußen im Reiche herumtreiben, Frau und Kinder der Obhut seiner Schwiegermutter überlassen, aber es war doch nicht gut anders einzurichten, er hatte als Bater von drei hoffnungsvollen Töchtern die Verpflichtung, für die von Jahr zu Jahr sich steigernden Erziehungsansprüche zu sorgen, mußte an drei, wenn auch nur bürgerlich einfache Auss stattungen denken, o Himmel! o Himmel! wie ihm der Kopf brummite. Also zugegriffen. Und darauf hatte er die Reisestelle ( Auch eine Bescherung 1. Nr. 8.) angenommen.
Und nun sollte er wieder nach Haufe tommen. Seine Tour war beendet, diese erste Tour, die ihm manchmal wie eine Ewigkeit vorgekommen war, nun ging es nach Hause zu ihr, der lieben fleinen Frau, und zu den drei blond haarigen und rotwangigen Mädchen; ach, so glücklich ist er, so unaussprechlich
Bestellungen auf
alicklich! O, das wird eine Frenbe geben, und eine leberraschung. Ja! Ja! Er lächelt nach seinem vollgestopften Reisesack hinüber und denkt an all die fleinen Aufmerksamkeiten und Geschenke, die er so sorgsam da drinnen geborgen hat. Und was man wohl für ihn aufbauen wird?- Seit Jahren hat er sich nicht so auf das Christfest gefreut, fast fommt er sich wieder wie ein fleiner Knabe bor, wie damals vor vielen, vielen Jahren, als man ihm die große Festung und den berrlichen Kaufladen beschert hatte, ach!
Er holte tief Atem, die Luft wird immer unerträglicher in dem überheizten Couvee! Und sie? Was sie wohl für ihn haben mag, seine schelmische fleine Frau? Wie andeutungs- und geheimnisvoll fie schon in allen ihren Briefen that, und wieder lächelt er still. Und nun gar in dem legten Schreiben, das vom Tage vorher datierte, worin sie ihm die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches versprach. Was konnte sie denn nur meinen? Warum so geheimnisvoll? Er sinnt und sinnt, alles mögliche erwägt er, aber nein, er kommt zu keinem Resultat. O, dieser kleine Nacker! Wie sie es verstand, ihn auf die Folter zu spannen.
Und mit Windeseile saust der 3ng dahin durch die weiten Schneefelder. Vorüber an alten gekrövften Weiden, auf deren Inorrigen Kronen sich hoher Schnee gesammelt hat, vorüber an Schlaufen träumenden Pappeln, an traulich winfenden Tannen und Fichten, weiter, immer weiter. Jezt kommt ein Dorf in Sicht. Ein großes, wie es scheint, von wohihabenden Bauern bewohntes Dorf mit hübschen freundlichen Häusern und einer ziemlich sauber gehaltenen breiten Straße. Hier hält der Zug eine Weile, und täuscht ihn nicht alles, leuchtet dort schon ein brennender Christbaum. Wahrhaftig, es ist einer! In dem Herrenhause beschert man dem Gesinde. Eine große, mit reichem buntem Behang und vielen hellstrahlenden Lichtern geschmückte Tanne wirit weithin ihren Schimmer, und um denselben sammeln sich nun die Leute mit glücklichen Gesichtern, er sieht es ganz dentlich, denn der Zug hält mehrere Minuten an dieser Bahnstelle; die Großen und die kleinen, sie alle kommen und blicken froh bewegt auf zu dem prächtigen Weihnachtsbaum. Dann nahmen sie ihre Teller mit den vielen Aepfeln und Nüssen und den riesigen Pfefferkuchen oder auch den braung backenen Christstollen, um sich unter nochmaliger Verbeugung von ihrer Herrschaft zu verabschieden.-
Ein furzer schriller Pfiff der Lokomotive und weiter geht es. Von nenem eintönige Schnecflächen, zugefrorene Gräben und Flüsse, dicht beschneite Bäume, frächzend auffliegende Raben, hin und wieder auch ein hungriges Wild, das den nah geleg nen, schüßenden Wald zu erreichen bestrebt ist, und weiter, immer weiter.
Doch plöslich beginnt sein Auge zu glänzen, er wischt die angelaufenen Fensterscheiben ab und schaut binans in die Abends dämmerung. Ja, das sind schon die Heimatlichen Fluren, die Stätten seiner Jugenderlebnisse, dort der fleine von Weiden umstandene See, und da, die alten schon halb verfalleren Schanzen und weiter drüben die kleine Anhöhe mit der berühmten Ruine, sie alle, die Schaupläße seiner jugendlichen Tollheiten, und hier zur Slechten, die Promenade zum Sce, die prachtige Kastanienallee, damals von seinen Altersgenossen die„ Seufzerallee" genannt, dort, wo er zum ersten Mal seine Frau gesehen hat; ach und bie Grinnerung an alle die in dieier lauschigen, schattigen Allee so glücklich veriräumten Sommernächte. Ja, er hat doch eine schöne Jugend gehabt.
Nun fährt der Zug nach und nach langsamer; ein Pfiff, bann hält er. ( Auch eine Beicherung 2. Nr. 8.)
Herr Anton Nüstig ist zu Hause. Aber noch ganz von den Erinnerungen seiner glücklichen Jugendzeit umfangen, hat er es garnicht gemerkt, bis erst der Schaffner laut den Namen der Station ruft.
Nun aber rafft er sich auf, greift nach seinem Geväck und sieht banu zum Fenster hinaus, cinen seiner Lieben zu eripihen. Aber wie? Niemand zu sein m Empfang da? Ja, ist es denn möglich? Er steigt aus, sicht sich noch einmal um, wahrhaftig, fein Mensch.
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der ihn erwartet. Ja, was heißt benn bas? Oder follte vielleicht die Kälte? Aber es ist fa garnicht so gefährlich falt; er begreift es nicht. Endlich nimmt er einen Wagen und fährt allein nach Hause.
Er ist so in der Aufregung, daß er auf nichts achtet, was um ihn her vorgeht, nicht einmal das erbärmliche Pflaster, das ihn auf dem schlecht gepolsterten Siz immer hin und her schüttelt, fann feine Aufmerkjanikeit für die Dauer fesseln, et denft nur an sie, seine Frau, seine liebe, kleine Frau. Was ist borgefallen, daß sie nicht gekommen ist, ihn abzuholen?
Und endlich ist er zu Hause. Im Fluge die Treppen hinauf, vocht er nun an die Thür. Aber umsonst, man öffnet nicht. Erregter werdend, klopft er stärker und anhaltender, reißt sogar an dem Klingelzug. Da kommt jemand, langsam und leise, faſt schleichend, er hört es; aber wessen Schritte? die ihrigen sind es nicht. Nun wird geöffnet, ganz behutsam und vorsichtig o Schred! seine Schwiegermutter!- Gerade fein gutes Omen, denft er, begrüßt sie aber so freundlich wie nur möglich, dann fragt er nach seiner Frau.
Und die Schwiegermutter staunt ihn an, von oben bis unten, und giebt ihm durch Geiten zu verstehen: St, ruhig, ruhig, jede Aufregung vermeiden.
Er aber wird immer erregter, fragt nun von neuem und will„ Mamachen" auf die Seite drängen.
Doch die alte Frau blickt ihn wieder sprachlos an. Dann plöblich lächelt sie heimlich- ach so, er weiß ja noch garnichts davon. ( Auch eine Bescherung 3. Nr. 8.) Nun ist es aber um seine Ruhe geschehen; er wird laut, brängt sich vor, gewinnt die Thür zum Schlafzimmer, reißt diese auf, will weiter eilen- da plöglich steht er wie gebannt, starr und sprachlos. blickt erst nach rechts, dann nach links und dann dort, in dem schneeweißen Bett, seine Frau, seine liebe, fleine Frau, bleich und blaß, aber unendlich glückselig und zufrieden. Sie lächelt ihn an und er ist beruhigt. Aber hier? Was ist denn das? Die Wiege? Die Kinderwiege? Unb darin?- Allmächtiger! Zwei neue Gesichter! Oh! Oh!
Das also war die leberraschung, die sie für ihn batte! Und dann ist er niedergesunken an dem Bett seiner schwachen, blassen Frau, dann hat er ihre zarte blasse Hand ergriffen, viele heiße Küsse darauf gedrückt.
Und was er denft? Du lieber Gott, er benkt garnichta, oder richtiger, viel zu viel, benn alle die neuen Sorgen, die sich dem glücklichen jungen Vater jetzt wieder aufdrängen, lassen ihn noch keinen flaren Gedanten fassen. Und nun gleich zwei auf einmal - wahrhaftig auch eine Bescherung! Am Ende gar wieder Mädchen, aber nein, die ſtill lächelnde Mutter flüstert ihm ganz leise zu, die Erfüllung seines lange gehegten Wunsches: " Bu en, zwei stramme Buben!"
„ Wirklich! Buben, zwei stramme Buben?!" Und er nimmt die beiden kleinen strampelnden und schreienden Weltbürger aut dem Bettchen auf, hebt sie jubelnd in die Höhe und drückt sie dann, einen nach dem andern, an die Brust und herzt und füßt bie fleinen zappelnden Wesen, denn er ist glücklich, überglücklich! Und dann faßt er die Hand seines lieben Weibes von neuem, finft an ihrem Bett nieder auf seine Kniee und aus seinen glüd strahlenden Blicken ist es zu lesen, daß er sich start genug füblt, seinen Kindern ein Vater, ein braver Vater zu werden.
„ Mamachen" aber hat in der guten Stube inzwischen den Christvanm angezündet, und die beiden Flügel der Thür weit ccöffnet, daß der helle Kerzenglanz in das trauliche Zimmer hineinleuchtet und eine frohe Festfreude auf alle Gesichter Und nun feierte man dieje föstliche Bescherung!
Gratulationskarten
nehmen wir schon jetzt entgegen.
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und dem Stier, orner wohlweislich behalten hatten, mit leichter Mühe
unterjocht.
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So rächte ſich ſein allzu in die verachtete Stellung hinab, die er
Der Esel entartete immer mehr und sank
ter den Tieren jeßt einnimmt.
Feitan,
essische
12
Dezember
Familienzei
Tägliche Unterb
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