Ausgabe 
9.8.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 183.

Zweites Blatt.

Samstag, den 9. August 1902.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 150.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Ervedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Rudolf von Bennigsen f.

Mit dem Tod Rudolf v. Bennigsen ist wieder einer von den Männern dahingegangen, deren Namen mit dem neuge gründeten Deutschen Reich unlöslich verbunden sind. Rudolf von Bennigsen, schreibt die Frff. 8tg.": der Führer der nationalen Einheitsbewegung zu einer Zeit, wo diese in Preußen noch recht scheel angesehen wurde, der national­liberale Parteiführer und glänzende Parlamentarier, der nach­malige Oberpräsident von Hannover ist nicht mehr. Ueber raschend kommt die Kunde von seinem Ableben; denn trotz seines hohen Alters- er stand im 79. Lebensjahre war er noch sehr rüstig, und es ist nichts davon befannt geworden, daß sein Befinden in der letzten Zeit gelitten hätte. Aber die schweren Schicksalsschläge in der Familie, die ihn in den legten Jahren betroffen haben, scheinen seine Kräfte geschwächt und das Ende beschleunigt zu haben. So ist er seinem Lands­manne und Freunde Miquel, den er im vorigen Jahre mit zu Grabe trug, bald gefolgt; die beiden Diosfuren, wie man sie nannte, sind schnell nacheinander dem Weltgetriebe ent­

rückt worden.

Mit Bennigsen hat das Deutsche Reich einen Mann von edelstem Streben und glänzendster Begabung verloren, der, wenn senem Können immer auch eine rücksichtslose That­traft entsprochen hätte, auf die Gestaltung der praktischen Politik noch weit stärker hätte cinwirken können, als es ge­schehen ist. Er war ein Mann von uneigennüßigster Ge­sinnung, der nie auf seinen persönlichen Vorteil und auch nicht auf die Befriedigung seines Ehrgeizes sah, und der auch da, wo er falschen Opportunismus zum Schaden der liberalen Entwickelung trieb, stets von den besten Absichten geleitet war, bis an sein Ende von ehrlicher, liberaler Gesinnung. Was er als Politiker in Hannover und in den fast drei Dezennien seiner parlamentarischen Thätigkeit im Reiche ge­wirft hat, das gehört der Geschichte an. Nachstehend geben wir in allgemeinen Umrissen eine Darstellung seines Lebens­

bildes.

Bennigsen war am 10. Juli 1842 in Lüneburg als Sohn des Generalmajors Karl v. Bennigsen geboren. Er studierte die Rechte und wurde 1854 Richter in Göttingen. Schon zeitig nahm er an den politischen Kämpfen teil, und als ihm der hannoversche Justiz­minister 1855 und 1856 den Urlaub zur Ausübung eines Abgeordnetenmandates verweigerte, gab er unbedenklich seine amtliche Stellung auf und ließ sich 1856 in die Kammer wählen. Hier stand er bald an der Spitze der Opposition und nahm zusammen mit Miquel den leb­haftesten Anteil an den Verfassungsfämpfen. Frühzeitig trat er auch als Vorfämpfer der nationalen Einheits­idee auf, die für sein weiteres politisches Verhalten die Richtschnur gewesen ist. Unter seiner Leitung tagte am 14. August 1859 in Eisenach die Versammlung, welche eine Vereinigung der Konstitutionellen und Demokraten zu einer einzigen nationalen Partei als Forderung auf­stellte, und als dann Mitte September desselben Jahres iu Frankfurt a. M. der Deutsche Nationalverein ge­gründet wurde, wurde er zum Präsidenten des geschäfts­leitenden Ausschusses gewählt, in welcher Stellung er eine rege Thätigkeit entfaltete. Er war 1863-1866 Führer der Kammermehrheit und hat sich in seiner politisch einflußreichen Stellung bemüht, auf die Neu­tralität Hannovers im Striege von 1866 hinzuwirken, da er sich überzeugt hatte, daß es sonst mit der Selbst ständigkeit des welfischen Königreichs ein Ende haben werde. Seine Bemühungen waren aber umsonst, und was er vorausgesehen hatte, trat ein: Hannover wurde zur preußischen Provinz. Bennigsen hat sich sofort der Neuordnung der Verhältnisse angepaßt; aber es muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß er auch hier es ablehnte, persönlich daraus Nutzen zu ziehen. Es ist bor noch nicht langer Zeit bekannt geworden, daß ihm von Bismarck noch vor der Annexion der leitende Ver­waltungsposten in Hannover angeboten war. Bennigsen aber hat, loyal, wie er jederzeit gewesen ist, jedes Gin­gehen auf derartige Absichten abgelehnt und ist nie vom gesetzlichen Boden abgewichen.

1866 begründete er mit Miquel und Anderen die nationalliberale Partet, deren anerkannter Führer er sofort wurde. Er wurde dann auch sogleich in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, dem er bis 1883 angehört, 1873 bis 1879 als Präsident. Ebenso wurde er dann Mitglied des Konstituierenden, des Norddeutschen und des Deutschen Reichstags, in dem er mit einigen Unterbrechungen bis zum Jahre 1898 parlamentarisch thätig gewesen ist, zuerst für den 19. und später für den 18. Hannoverschen Wahlkreis. Bei

den Neuwahlen von 1898 ließ er sich wegen seines hohen Alters und vielleicht noch mehr wegen der un­befriedigenden politischen Verhältnisse nicht mehr auf stellen. Da er zu Anfang dieses Jahres auch von dem Oberpräsidium in Hannover, das er seit 1888 innehatte, zurückgetreten war, hat er seit dieser Zeit in völliger Zurückgezogenheit vom politischen Leben auf seinem Gut Bennigsen gelebt.

Bennigsen hat als Führer der nationalliberalen Partei im preußischen Abgeordnetenhause und im Reichstabe sowie durch seine ganze Persönlichkeit mit die hervorragendste politische Rolle gespielt. Er war dabei einer der glänzendsten Redner, der durch die Formvollendung der Reden und die stets bewahrte Ruhe immer eine große Wirkung erzielte.

Weihnachten 1877 hatte ihn Bismark aufgefordert, als Vizekanzler in die Regierung einzutreten. Er war dazu bereit, verlangte aber den Miteintritt von Stauffenberg und Forckenbeck, und als Bismarck darauf nicht einging, zerschlug sich der ganze Plan. Im Juni 1883 legte er wegen Meinungsverschiedenheiten seine Reichstags- Mandate neder. Durch das politische Zurücktreten Bennigsens bekam Miquel freie Hand und bewirkte im nächsten Jahre die Rechts­schwenkung der nationalliberalen Partei durch das Heidel­berger Programm. Erst 1887 trat Bennigsen wieder in den Reichstag ein und blieb in ihm mit einer kurzen Unter­brechung, die durch seine Ernennung zum Oberpräsidenten von Hannover und die dadurch notwendig gewordene Neu­wahl bedingt war, bis zum Jahre 1898. Zum letzten Male hat Bennigsen am 11. September v. J. in Frankfurt am Grabe Miquels öffentlich gesprochen. Seine Gattin ist ihm vor kurzem im Tode vorausgegangen. Zwei seiner Söhne sind im Zweikampf gefallen.

Das deutsche Volt wird dem dahingeschiedenen Streiter für die deutsche Einheit seine Dankbarkeit bewahren. Er war nicht blos ein Handlanger, sondern hat das Fundament selbstthätig mit geschaffen, auf dem der deutsche Bau fest und sicher ruht. Ein echter Deutscher, ein untadeliger Charakter, ein Mann von ehrlichem, liberalen Empfinden, geachtet von Freund und Gegner.

Zur Besteuerung der Orden.

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scheinen, als ob es gar nicht so übel wäre, wenn durch eine Eingangssteuer der Lurus des ausländischen Ordensumtriebes zum Vorteil des Staatssäckels zur Aber gelassen würde. Wenn Sanitätsräte in Preußen ihren Titel mit 300 Mart Stempelgebühren bezahlen müssen, warum soll man sich ent­von fremden Herrschers rüsten, wenn ein Ritter p. p." Gnaden für seinen Orden einen Boll entrichten soll? Wer's mag, der mag's, und wer's nich mag, der mag's ja woll nich mögen" Liegt ein wirklich ordenswürdiges Verdienst eines Deutschen um einen fremden Staat oder Fürsten vor, so wird dasselbe es wohl auch rechtfertigen, daß dieser an Stelle des Dekorirten den Zoll erlegt, indem er den Orden durch seinen Vertreter im Reiche überreichen oder übersenden läßt. In feinem Falle liegt in dem sozialdemokratischen Antrage an sich ein Anlaß zu heißer Entrüstung, und man wird über ihn ruhig debattiren können, wenn er an anderer als der taftlos gewählten Stelle wieder eingebracht wird.

Politische Nachrichten.

London, 8. Aug. Der König hat eine Botschaft an sein Volf gerichtet, worin er demselben für die Sympathieen danft, die ihm anläßlich seiner schweren Erkrankung, in der er in Todesgefahr schwebte, ausgedrückt wurden. Der König erklärt, die Krönungsfeier gelte für ihn als die wichtigste Ceremonie feines Lebens. Er habe mit Genugthuung fest­gestellt, daß die Bevölkerung, welche durch die Bertagung der Feier geschädigt wurde, dies mit Geduld und guter Laune getragen habe. Die Botschaft schließt, indem der König Gott für seine Wiederherstellung dankt. Verschiedene Blätter für seine Wiederherstellung dankt. machen sich zum Echo des Gerüchts einer bevorstehenden Kabinets- Aenderung, welche noch während der Krönung statt­finden soll. Der Handelsminister soll zum Schaktanzler er­nannt werden und eventuell andere Aenderungen sollen folgen.

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Das Unterhaus nahm heute Nacht den Artikel 7 des stark bekämpften Unterrichtsgesetzes an und zwar mit einer Mehrheit von 122 Stimmen, welche jedoch nur durch die Abwesenheit der Irländer erzielt wurden. Die Annahme des ganzen Geseßes ist damit gesichert. Standesamt- Nachrichten der Stadt Gießen. Aufgebote.

Am 30. Juli: Wilhelm Budde, Sergeant in Darm­stadt mit Wilhelmine Emilie Nebl dahier. Am 2. August: Georg Walter, Unteroffizier dahier mit Luise Rahn in Freienseen. Am 4.: Wilhem Ermentraudt, Sergeant mit Dorothea Lein. Am 7.: Mattheis Janisch, Schmiedemeister in Holzheim mit Elisabethe Dittmann daselbst; Heinich Koch, Fuhrknecht mit Karolina Schult­heis. Ám 8.: Carl Wilhelm Hermann Christian Georg Weidig, Kaufmaun mit Karoline Kraft.

Eheschließungen.

Am 2. August: Roelof Meindert Winterwerp, Schneider mit Friederika Schneider; Wilhelm Gustav Heinzelmann, Monteur in Nürnberg mit Elisabethe Margarethe Gernand dahier; Arthur Paul Gräfe, Kunstschlossermeister mit Louise Auguste Karoline Wigandt; Daniel Mähler, Schloffer mit Luise Karoline Christiane Michel.

Geborene.

Ueber den Zwischenfall mit dem sozialdemokra­tischen Ordensantrag in der vorgestrigen Sißung der Tariffommission ist berichtet worden, daß die thatsächlichen Vorkommnisse heute kein Wort weiterer Mitteilung mehr er­fordern. Daß dieser Antrag gerade bei der Position Kinderspielzeug" eingebracht wurde, ist ein derber Scherz, wurde aber gleich gebührend durch die Kommission und den Grafen Posadowsky zurückgewiesen. Der Antrag hat aber noch eine andere, eine sa chliche Seite, die man nicht so ohne Weiteres wird abweisen dürfen. Wir haben allen Respekt vor Ordensauszeichnungen, die ein wirkliches und ernstes Verdienst zu martiren bestimmt sind, allein die an Inländer über die Grenzen kommenden Ordens auszeichnungen nur um solche fremde Orden handelt es sich ja bei dem Zolltarif. dienen nur in sehr seltenen Fällen diesem Zwecke. Hier handelt es sich zu allermeist um die Belohnung von persönlichen Dienstleistungen an fürstliche Personen, die mehr deren Repräsentationsbedürfnisse als ihrer Sorge um das Wohl ihres Staates und Volkes ge­nügten. Die Offiziere, die eine Ehrenfompagnie vor einem fremden, fürstlichen Gaste zum Gewehrpräsentiren fomman­diren, die Stadtgewaltigen, die dem erlauchten Besuche eine wohlgesetzte Begrüßungsrede halten, die Agenten, die einem fremden Staatsoberhaupte zur Realisirung eines persönlichen Bumpes verhelfen, oder die Palast- oder Hotelbediensteten, die einem solchen Staatshaupte sein Frühſtück ſerviren oder serviren lassen, können wirklich für ihre regelmäßige Dekorirung kein Verdienst um Staat und Gesellschaft geltend machen. Als im Jahre 1867 der Sultan Best besuchte, begrüßte ihn dem Herkommen gemäß dort der Oberbürgermeister, und ebenso dem Herkommen gemäß wurde ihm dafür ein hoher Orden" von dem türkischen Potentaten verliehen. Aber nicht dem Herkommen gemäß lehnte das Pester Stadthaupt die die Auszeichnung mit der Erklärung ab, er sei sich keines Am 1. August: Friederike Reinschmidt, geb. Helm, Verdienstes bewußt, das sie rechtfertigen könne. Und der Mann hatte sicher Recht, wenn auch seine mannhafte und 67 Jahre alt, Ehefrau des Buchbinders Christoph Rein­selbstbewußte Anschauungsweise nicht die ihr gebührende Nachschmidt. Am 2. August: Franz Josef Georg Konrad Rentmeister, 2 Jahre alt, Sohn des Hausdieners Franz folge gefunden hat. Rentmeister; Karl Korell, 57 Jahre alt, Lehrer i. P. Am 3.: Johanna Schmidt, geb. Rolfs, 92 Jahre alt, Rentnerin. Am 4. Georg Heinrich Ludwig Strack, 35 Jahre alt, Eisendreher. Am 7.: Karl Ludwig Wallenfels, 3 Jahre alt, Sohn des Färbereibesizers Johann Christian Wallenfells. Sämmtlich dahier.

Ordensauszeichnungen mit solchem Veranlassungs- Hinter­grunde sind Ergebnisse hösischen Repräsentations- Luxus und ihre Annahme ist ein Ergebnis einer Eitelkeit, die ihre Er­füllung sich erforderlichenfalls auch twas fosten lassen" würde. Durch Nichts wird das Ordenswesen mehr compro­mittirt, als durch diesen Ocdensfluß, und es will uns

Am 27. Juli: Dem Wirt Wilhelm Kräßer ein Sohn, Wilhelm Hermann. Am 28.: Dem Schuh­machermeister Philipp Lepper ein Sohn, Heinrich. Am 29. Dem Briefträger Hermann Jlgner eine Tochter, Amalie. Am 30.: Dem Militäroberarzt Dr. Hugo Köster eine Tochter, Erica Marie. Am 31.: Dem Ge­richtsassessor Jacob Steller ein Sohn, Ernst Hans Jacob; dem Hotelier Zacharias Haubach eine Tochter, Marie Luise Margarethe. Am 2. August: Dem Wert­führer Wilhelm Werner eine Tochter, Marie; dem Taglöhner Konrad Schneider ein Sohn, Friedrich Ernst Wilhelm; dem Taglöhner Heinrich Biz eine Tochter, Marie Katharina Dorethea. Am 3.: Dem Privat­dozenten und Assistenzarzt Dr. Franz Volhard ein Sohn, Am 4.: Locomotivheizer Ludwig Ernst Hermann. Haas ein Sohn, Erich Ludwig Heinrich.

Gestorbene.